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Lieber Freund,

ich muss Dir von einem Missgeschick erzählen, das mir vor ein paar Jahren widerfuhr. Ich stand vor meinen Studenten und las ihnen einen Abschnitt aus Franz Kafkas Roman Der Prozess vor, den ich für besonders reichhaltig hielt, und stellte fest, dass ich dazu nichts zu sagen hatte. Nichts. Ich versuchte mich zu retten, indem ich den Abschnitt ein zweites Mal vorlas – noch immer nichts. In wachsender Panik suchte ich eine andere Stelle, die ich vorgemerkt hatte, und las auch sie vor, und dann noch eine – immer mit demselben Ergebnis.

Das war beunruhigend. Ich hatte mich auf einen bestimmten Weg begeben – den Weg der Analyse und Interpretation, den Weg, den ich kannte oder zu kennen meinte –, nur um wieder und wieder zu meinem Ausgangspunkt, zu Kafkas eigenen Worten, zurückgeführt zu werden. Es war ein wenig, als hätte ich mich in eine Geschichte von Kafka selbst verirrt, etwa Eine kaiserliche Botschaft.

Vielleicht kennst Du sie: Ein Bote eilt los, um eine Nachricht vom sterbenden Kaiser Dir – ja, Dir – zu überbringen, doch obwohl er schnell ist und entschlossen, gelingt es ihm nicht, den Palast zu verlassen, geschweige denn das weite Reich zu durchqueren. Wie so viele Schriften Kafkas ist auch diese Erzählung vom Gefühl durchdrungen, dass jede Anstrengung, voranzukommen, so energisch sie auch sein mag, ins Leere läuft, ein Gefühl, das wir aus schlechten Träumen kennen und das mich vor meinen Studenten beschlich. So sehr ich mich mühte, wollte es mir nicht gelingen, die Botschaft zu überbringen.

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Oft muss ich an diesen Moment denken, nicht ohne Beklemmung, denn Demütigungen verheilen nie ganz. Ein Grund, ihn nochmal zu durchleben, mag darin liegen, dass ich bald spürte, dass diese Szene mehr aufdeckte als nur mein eigenes Versagen. Vielleicht war mein Verstummen kein individuelles Schicksal, sondern wies auf einen allgemeineren Zustand hin: den Zustand der Kritik, die uns in Zeitungen und Büchern begegnet, deren Wurzeln jedoch tiefer und weiter reichen. Ich spürte und hoffte, dass mein Schweigen stummes Zeugnis für eine allgemeine Schwierigkeit ablegte, etwas zu sagen, das dem Prozess – das jedem mir bedeutsamen Werk – gewachsen ist. Nennen wir es die Schwierigkeit der Kritik.

Die meisten Dinge, denen ich begegne, drängen mich nicht dazu, über sie zu sprechen. Wenn ich einen Löffel in der Hand halte, ohne etwas über ihn zu sagen, empfinde ich keinen Mangel, kein Trommeln gegen eine unsichtbare Barriere – und nicht, weil es nichts über ihn zu sagen gäbe. Eine Untersuchung des Löffels muss nicht weniger anspruchsvoll sein als die eines Werks von Franz Kafka. Aber für die Beziehung, die wir – der Löffel und ich – zueinander haben, ist das nicht wesentlich. Seine Geschichte zu erzählen, ihn zu preisen oder seine Mängel aufzuzählen, tue ich für mich selbst oder für andere, nicht aber, weil der Löffel es von mir verlangt. Wenn man überhaupt davon sprechen kann, dass er etwas von mir verlangt, dann, dass ich ihn benutze; also benutze ich ihn. Der Löffel drängt mich nicht, mich mit seiner Bedeutung auseinanderzusetzen. Deshalb verspüre ich in der Regel nicht den Drang, ihn hinzulegen und Dir von ihm zu erzählen.

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