Im Jahr 2024 wurden in Berlin 2877 Menschen von staatlichen Institutionen bestattet, weil ihre Angehörigen nicht rechtzeitig ermittelt werden konnten. Das sind mehr als 7,6 Prozent der Todesfälle. In Tokio starben im selben Zeitraum mehr als 4200 Menschen in ihren Wohnungen und wurden erst nach über acht Tagen entdeckt. Eine Studie aus dem Jahr 2024 schätzt, dass in den Vereinigten Staaten 2 bis 4 Prozent der Menschen nicht nur ohne Beistand sterben, sondern dass ihre Leichname anschließend auch nicht von Angehörigen beansprucht werden. In fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften leben immer mehr Menschen allein. Und immer mehr von ihnen sterben auch allein.
In Berlin finden die meisten staatlich veranlassten Bestattungen auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig in Mitte statt. Nach der Einäscherung werden die nicht abgeholten Verstorbenen in Urnen nebeneinander beigesetzt. Ihre Gräber sind durch Schilder gekennzeichnet, die den Nachnamen, das Beisetzungsdatum sowie eine laufende Nummer tragen.
Einsame Tode kommen in allen sozioökonomischen Gruppen vor, doch lassen sich Muster erkennen. So sind solche Fälle nach Auskunft des für ordnungsbehördliche Bestattungen zuständigen Bestatters in Berlin (Interview vom Mai 2023) unter Migrant:innen aus dem Globalen Süden seltener, die im Vergleich zu älteren Einwohnern oft über stabilere soziale Netzwerke verfügen. Dieser Kontrast legt nahe, dass die Wahrscheinlichkeit eines einsamen Todes eng mit Dichte und Tragfähigkeit sozialer Beziehungen verbunden ist. Tatsächlich scheinen drei Faktoren für den globalen Anstieg einsamer Todesfälle und ihre besondere Häufung in Metropolen entscheidend: die Zunahme von Einpersonenhaushalten, ein allgemeiner Rückgang von Familiengründungen und eine generelle Erosion sozialer Kontakte. Keiner dieser Trends scheint sich so bald wieder umzukehren; die Zahl einsamer Todesfälle wird daher mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter steigen. Damit stellen sich schwierige Fragen: Sollten Gesellschaften versuchen, den einsamen Tod zu verhindern, auch auf die Gefahr hin, Menschen, die allein leben, zu stigmatisieren? Sollten sie ihn normalisieren und dadurch die strukturellen Bedingungen ignorieren, die ihn hervorbringen? Wenn jemand allein stirbt, was schuldet man dann den Toten – und wer schuldet es ihnen?
Tatortreiniger und ihinseiri
Japan und Deutschland erlebten seit den 1950er Jahren ein rasches Wirtschaftswachstum, gefolgt von Stagnation, sinkenden Geburtenraten und kleineren beziehungsweise langsamer entstehenden Familien. Heute besteht sowohl in Tokio als auch in Berlin mehr als die Hälfte aller Haushalte aus nur einer Person. In beiden Ländern ist der einsame Tod zu einem Gegenstand kultureller Faszination geworden und findet sich in Büchern, Filmen, Fernsehen und sozialen Medien wieder. Im Zentrum dieser Imagination steht eine Figur aus der Dienstleistungsökonomie: der postmortale Reiniger, der dem einsamen Tod aus nächster Nähe begegnet. Die Geschichten, die in Deutschland und Japan über diese Arbeit erzählt werden, unterscheiden sich deutlich und verweisen auf mehr als nur unterschiedliche Haltungen zum Tod.
In Deutschland wird der einsame Tod meist durch die Konventionen der Kriminalliteratur gerahmt: Postmortale Reiniger werden in der Regel (bezugnehmend auf das äußerst populäre Tatort-Format) als Tatortreiniger bezeichnet. Populäre Bücher wie Peter Anders’ Was vom Tode übrig bleibt: Ein Tatortreiniger berichtet (2011) versprechen «spannende Kriminalfälle, bewegende Schicksale, Grenzerfahrungen!». Tatsächlich spielt Kriminalität in den meisten Fällen einsamen Sterbens in Deutschland aber kaum eine Rolle. Unter den Fällen, die von der Firma des Tatortreinigers und Autors Marcell Engel (Die 7 Prinzipien des Tatortreinigers, 2021) bearbeitet werden, betreffen nur etwa 10 Prozent Tötungsdelikte und 20 bis 25 Prozent Suizide. Die Mehrheit der Fälle betrifft Menschen, die allein lebten. Bei einer öffentlichen Diskussion im Oktober 2025 reflektierte Engel den Begriff «Tatortreiniger»: «Es hört sich eben so ein bisschen modern an. Es ist Wow. Es gibt der Sache noch eine gewisse Tiefe, die die Gesellschaft sucht, nämlich in Sensation.»
Die mittlerweile zahlreichen japanischen Bestseller zu diesem Thema nähern sich dem Phänomen aus einer ganz anderen Perspektive. An Ihinseiri Expert Saw It!: Helping You Move to Heaven, verfasst von Taichi Yoshida im Jahr 2006, war das erste Buch seiner Art.
Es popularisierte den Begriff Ihinseiri – wörtlich «Ordnung in die Hinterlassenschaften der Verstorbenen bringen» –, der sich seither als Berufsbezeichnung etabliert hat. Wenn ein Tod lange unbemerkt bleibt, ähnelt die Arbeit der Ihinseiri-Praktiker:innen derjenigen der Tatortreiniger: Sie setzen Insektizide gegen Fliegen und Maden ein, reinigen und desinfizieren Körperflüssigkeiten und beseitigen den Geruch der Verwesung. Doch ihre Arbeit geht über die zurückgebliebenen Spuren des Körpers hinaus. Sie ordnen auch die Habseligkeiten der Verstorbenen, sammeln Erinnerungsstücke und entscheiden, welche Gegenstände für Gedenkfeiern und welche fürs Recycling bestimmt sind. Yoshida beschreibt diese Tätigkeit als «Respekt vor dem Leben der Verstorbenen». Wenn er die Wohnungen von allein gestorbenen Menschen betritt, schreibt er, «bleiben die Spuren des Lebens zurück».