Als ich mich während meiner Feldforschung in den späten 2010er Jahren einmal einer Gruppe von Ost-Berliner Alt-Hooligans als «Forscher» vorstellte, machten diese sich gut gelaunt über mich lustig. Mit Sprüchen wie «Wir haben keinen Vaterkomplex» und «Finanziell geht’s uns eigentlich auch ganz gut» zeigten sie sich informiert über die gängigen wissenschaftlichen Erklärungen zu rechter Gewalt und rechtsradikalen Einstellungen und wiesen diese zugleich von sich. Mit ihren launigen Kommentaren spielten sie auf Erklärungen an, denen zufolge Rechte im Osten entweder «autoritäre Charaktere» oder «Modernisierungsverlierer» seien und ihre extreme politische Orientierung, die sich heute in den Zugewinnen der AfD in ostdeutschen Bundesländern abermals zeigt, aus dieser sozialpsychologischen und sozioökonomischen Rückständigkeit folge. In meinem Buch Staatsfeinde schlage ich eine alternative Deutung vor, ich zeige darin, wie die Hooligan- und Skinhead-Kultur der Spät-DDR aus rebellischen, antiautoritär gerichteten Jugendgruppen heraus entstanden ist und wie sich deren staatskritische Haltungen nach der Wiedervereinigung weiter verfestigten. Dieses ehemalige rechte Schlägermilieu bildet zwar nur einen Teil der heutigen AfD-Wählerschaft, an diesem Beispiel treten die blinden Flecken bisheriger Deutungsversuche jedoch besonders deutlich hervor.
Die Deutungsmuster, die hier von meinen Gesprächspartnern verlacht wurden, stammen aus der westdeutschen Rechtsextremismus- und Autoritarismustheorie der 1980er und 1990er Jahre. Sie haben einprägsame Metaphern und Bilder hervorgebracht, wie auf der einen Seite das Hufeisen-, Zwiebel- oder Treppenmodell und auf der anderen Seite die Vorstellung vom einfältigen, emotional vernachlässigten, sich eigentlich nach Zuneigung sehnenden jugendlichen Gewalttäter. Diese Ansätze behandelten rechte Gewalt und rassistische Einstellungen tendenziell als abgeleitete Probleme, die aus gesellschaftlichen, familiären oder auch wirtschaftlichen Fehlentwicklungen resultieren, jedoch vor allem Randgruppen betreffen. Der Spaß an der Gewalt, auf den die Alt-Hooligans mit ihrer ironischen Bemerkung über solche Ableitungstheorien anspielten, geriet damit ebenso aus dem Blick wie der Rassismus der Mehrheitsgesellschaft.
Um zu verstehen, warum eine in Modernisierungs- und Autoritarismustheorie geschulte intellektuelle Klasse dem Aufstieg rechtsradikaler Einstellungen und den Wahlerfolgen der AfD in Ostdeutschland heute rat- und hilflos gegenübersteht, lohnt ein Blick auf diese Entstehungsgeschichte. Neue Publikationen etwa aus dem Herbstprogramm des Suhrkamp-Verlages zeigen, dass die gegenwärtigen Erklärungsversuche des Rechtsrutsches zu großen Teilen Neuaufgüsse dominanter Erklärungsweisen über Ostdeutschland in den 1990er Jahren sind – obwohl diese die Situation schon damals missverstanden.
«Gesichert rechtsextrem»
Seit den 1970er Jahren setzte sich die Bezeichnung «Rechtsextremismus» in Westdeutschland allmählich gegenüber anderen Benennungen wie Neonazismus, Rechtsradikalismus und Neofaschismus durch, ohne diese dabei endgültig zu verdrängen, wie das jüngste Revival der Faschismustheorie belegt. Der Extremismusbegriff wurde im behördlichen Sprachgebrauch geprägt, etwa durch die Jahresberichte des Bundesamts für Verfassungsschutz. Ähnlich wie in der DDR der «Rowdy» wurde diese Begriffsprägung maßgeblich und mit strategischer Absicht von den Sicherheitsbehörden lanciert. Ziel war es in beiden Fällen, politisch unliebsame Gruppen außerhalb der gesellschaftlichen Norm zu verorten.