Harvard University Press oct. 2025 29,95 € 352 pág.
Im Juni 2025 bekam ich, scheinbar aus dem Nichts, ein Buch zugeschickt. Nichts Ungewöhnliches in meiner Branche, doch das hier war eine über 900-seitige Biografie von Joseph Goebbels, Propagandaminister der Nazis, Jahr der Veröffentlichung: 2012. Ich war verwirrt. Wollte mir jemand eine verschlüsselte Nachricht zukommen lassen? Oder war dies ein besonders hinterhältiges Werbegeschenk?
Wie sich herausstellte, wollte eine gewissenhafte Übersetzerin, mit der ich gerade zusammenarbeitete, ein Zitat aus diesem Buch prüfen: Sie hatte den Verlag angeschrieben, der mir den Band kommentarlos zuschickte. Pflichtschuldig arbeitete ich mich durch das Register, um das Zitat zu finden, und las dabei mehr als nur einige Buchseiten. Der Biograf begegnete dem berüchtigten Tagebuchschreiber und Minister auf eine Weise, die ihn weder glorifizierte noch pathologisierte. Er trug die Last des nachgeborenen Interpreten mit bewundernswertem Scharfsinn und erinnerte mich daran, dass Bücher wie dieses (mehr qualvoller Dienst an der Allgemeinheit als leidenschaftliche Forschung) deshalb existieren, weil die Geschichte ein Schauplatz der Anfechtungen ist. Jemand muss sich die Arbeit machen und die Tatsachen dokumentieren, bevor KI das Feld völlig zermatscht. Das bedeutet eben auch, dass man manchmal unappetitliche Tagebücher durchforsten oder relevante Informationen aus, nun ja, Propaganda, herausschälen muss.
Ich gratuliere allen, die das Zeitalter der Desinformation allein der Ankunft von KI anlasten; sie haben es geschafft, die Unmengen westlicher «Berichterstattung» zu afrikanischen Ländern wie Uganda auszublenden. «Länder wie Uganda» meint solche, die der westliche Blick als relativ klein wahrnimmt, irgendwie elend und in endlose Konflikte verstrickt: Länder, die nicht wirklich im Krieg, aber auch nicht wirklich im Frieden zu leben scheinen, und deren Geschichte eine Abfolge von Diktaturen und Militärputschen sei. An irrsinnigen historischen Vergleichen mangelt es nicht. Um Teile der Welt dort unten zu verstehen, schafft man Bezüge zur Geschichte hier bei uns. Man sollte denken, dass unstrittig ist, dass Nazi-Deutschland fast nichts mit dem Uganda des späten 20. Jahrhunderts gemeinsam hat. Trotzdem behaupten insbesondere US-amerikanische Beobachter gerne, die Vertreibung aller asiatischstämmigen Menschen aus Uganda durch Idi Amin im Jahr 1972 sei mit Hitlers Verfolgung und Vernichtung der Juden zu vergleichen.