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Here Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish BundMolly Crabapple
Bloomsbury/Old Worldأبريل ٢٠٢٦
The Radical Jewish Tradition: Revolutionaries, Resistance Fighters and FirebrandsDonny Gluckstein and Janey Stone
Versoمايو ٢٠٢٦

Im Jahr 1937 betrat Henryk Erlich die Bühne eines Warschauer Theaters, um den vierzigsten Jahrestag des Jüdischen Arbeiterbundes zu feiern. Der Bund, eine revolutionäre Partei, die sowohl marxistisch als auch stolz jüdisch war, war im Russischen Reich gegründet worden, wo er Streiks organisiert und bewaffnete Einheiten aufgestellt hatte, die Juden vor Pogromen schützten. Von den Bolschewiken vertrieben, ließen Erlich und andere Bundisten sich im neu unabhängigen Polen nieder und bauten neben einer erfolgreichen politischen Partei eine mächtige kulturelle Bewegung auf, die Bildung in jiddischer Sprache, eine lebendige Presselandschaft und ein Netzwerk von Arbeitereinrichtungen förderte. All dies geschah im Schatten des aufkommenden Faschismus und während polnische Jüdinnen und Juden einer zunehmend antisemitischen Gesetzgebung und eskalierender Gewalt ausgesetzt waren.

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Was Erlich an jenem Abend sagte, widerspricht vielem von dem, was wir über das jüdische Leben am Vorabend des Holocaust zu wissen glauben. Er appellierte an sein Publikum, es möge «aus den Grenzen eures jüdischen Elends herauszutreten» und endlich anerkennen, dass «die Juden nicht die Einzigen sind, die leiden. Die überwältigende Mehrheit im Land, ob Polen, Ukrainer, Juden oder andere, leidet unter der Wirtschaftskrise … und kann ihren täglichen Lebensunterhalt kaum bestreiten.» Erlichs Sorge galt sogar solchen Gruppen, die die Juden in Polen unterdrückten, und seine Empathie reichte «über die Grenzen Polens hinaus» auf die unter faschistischer Herrschaft leidenden Deutschen und Italiener. Mit klarem Blick auf die Verhältnisse in der Heimat warnte er, eine Auswanderung nach Palästina sei keine Lösung: Die Verdrängung der lokalen arabischen Bevölkerung durch Juden würde, wie er später formulierte, eine Kultur der «Reaktion und des Chauvinismus» zutage fördern. «Eure Befreiung liegt nicht in Passivität und Unterwürfigkeit, nicht in leeren Träumen, die auf Sand und englischen Gewehren gebaut sind … sondern in der Gemeinschaft des Kampfes mit der Arbeiterklasse, im Kampf genau hier, wo ihr lebt, wo eure Großväter und Väter gelebt haben.»

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Erlich leugnete das Leiden der Juden nicht, stellte es aber auch nicht als etwas Besonderes dar. Für ihn folgten die Nöte der Juden aus einer umfassenderen klassengesellschaftlichen und politischen Unterdrückung – sie waren etwas, das Juden mit anderen Bevölkerungsgruppen verband und zum gemeinsamen Kampf für eine bessere Zukunft aufrief. Solche Sichtweisen wirken heute irritierend, denn unsere Geschichtsschreibung tendiert dazu, das Leben der europäischen Juden im 20. Jahrhundert auf eine einzige unaufhaltsame Katastrophe zu reduzieren. War Erlich ein seltsamer Sonderling? War er einem naiven Optimismus anheimgefallen, der sich durch den Holocaust als fataler Irrweg erweisen sollte? Die beiden in diesem Frühjahr erschienenen Bücher Here Where We Live Is Our Country: The Story of the Jewish Labor Bund von Molly Crabapple und Donny Glucksteins und Janey Stones The Radical Jewish Tradition: Revolutionaries, Resistance Fighters, and Firebrands plädieren dafür, Erlich weder als Außenseiter noch als Naivling abzutun. Vielmehr situieren sie Erlichs Drang nach Solidarität in einer reichen jüdischen Tradition, die heute weitgehend vergessen ist – und die bisweilen auch aktiv unterdrückt wurde.

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