In den letzten Tagen des Kalten Kriegs arbeiteten die trauma studies – ein damals aufkommender Zweig der Literaturwissenschaft und -theorie – und ihr Umgang mit historischem und persönlichem Leid Hand in Hand mit der populären Traumakultur, wie sie prominent von Oprah Winfrey vertreten wird, um das bürgerliche Subjekt als idealen ethischen Akteur und politische Kraft für das Gute neu zu gestalten. Gesellschaften, die vergangene und gegenwärtige Traumata leugneten, galten als autoritär und mussten reformiert oder übernommen und nach dem Vorbild der liberalen Demokratien umgestaltet werden. Die trauma studies nahmen eine ästhetische Qualität an, die äußerst attraktiv für Liberale war, die zwar das Vertrauen in die Erzählung vom sozialen Fortschritt verloren hatten, sich zugleich aber als Vermittlungsinstanzen individueller Tugenden sahen. Tatsächlich konnte sich die mit dem Trauma identifizierte Wissenschaftlerin als beste Zeugin der Geschichte neu erfinden.

Ein Ansatz der Traumakultur bzw. der trauma studies in Bezug auf Krieg und Wiederaufbau hatte direkte Auswirkungen auf die Neugestaltung des syrischen Staatswesens nach dem Sturz des Assad-Regimes. Den Soziologen Zeina Al Azmeh und Patrick Baert zufolge lässt sich der Mangel an Mut, den die im westeuropäischen Exil lebenden linken syrischen Intellektuellen zeigten, als Folge ihrer Übernahme der «Traumaarbeit» als ein Paradigma beschreiben, durch das sie zu verstehen versuchten, was das syrische Volk unter dem Assad-Regime durchlebte. Gelähmt von Schuldgefühlen, weil es ihnen nicht gelungen war, sich gegen die Kräfte des islamischen Fundamentalismus zu behaupten, die die Anti-Assad-Bewegung in Syrien dominierten, «lenkten diese Intellektuellen ihre Bemühungen rasch auf die Traumaerzählung als Mittel, um Solidarität auszudrücken und Schuldgefühle zu lindern … Diese Rolle der Traumaerzählung, die manchmal von europäischen akademischen Einrichtungen oder NGOs finanziert wurde, forderte die Identifikation mit den leidenden Massen.»⁠1

Durch die Übernahme der Traumakultur und der Traumaerzählung versuchten sie, westliche Unterstützung für den Kampf gegen Assad zu gewinnen. Al Azmeh und Baert argumentieren, dass «die extreme Form der Solidarität von unten und der damit verbundene epistemische Hyper-Egalitarismus im Einklang mit der neuen Rolle der Intellektuellen als Traumaerzähler und ihrem damit verbundenen Bestreben standen, einen Fall Syrien auf der globalen politischen Bühne zu etablieren.» Doch was die Traumakultur im Inland hervorbrachte, war eher ein «diskursives Vakuum» als «ein überzeugender emanzipatorischer Diskurs, der mit der gelebten Realität des Volkes im Einklang stand.» Syrische Intellektuelle waren nicht in der Lage, ein schlüssiges Argument gegen religiösen Extremismus und ausländische Intervention zu formulieren. Laut Al Azmeh und Baert haben sich die Intellektuellen durch ihre Beteiligung am anti-intellektuellen, liberalen Projekt der Traumabearbeitung selbst als Führungskräfte und als Linke neutralisiert, die Syrien zum Sozialismus führen könnten. Während sich das Schicksal der syrischen Linken im Schatten von erzwungenem Exil und staatlicher Gewalt in schrecklichem Ausmaß abspielte, erfolgte die Abkehr von der Verantwortung gegenüber der Vernunft, gegenüber einer objektiv gemeinsam geteilten materiellen Realität und Geschichte, innerhalb der akademischen Linken in der angloamerikanischen Welt unter weitaus weniger gewalttätigen Umständen.

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Akademischer Populismus und Postmodernismus waren politisch ebenso machtlos wie mit dem Trauma identifizierte Intellektuelle. Als Reaktion auf den Aufstieg der Rechten entzogen sich Akademiker und Professoren ihrer Rolle als Intellektuelle und zogen es stattdessen vor, sich mit populären Konsumgewohnheiten zu identifizieren, verstanden als eine Form der Solidarität mit dem «Volk». Die linksliberale Feindseligkeit gegenüber der Geschichte und der «Hoch»-Kultur machte es den Akademikern unmöglich, eine Wissenschaft zu verteidigen, die sich den Anforderungen des Marktes und den von der Wirtschaft diktierten Vorstellungen von Effizienz widersetzte. Zu sehr damit beschäftigt, den westlichen Kanon zu verurteilen und Wissenschaft als Aktivismus zu betreiben, stellten sie überzogene Ansprüche an die geisteswissenschaftliche Forschung, die unmöglich zu erfüllen sind.

Als die trauma studies Trauma-Zeugnisse in einen sakralen Bereich erhob, der sich jeder Analyse oder historischen Einbettung entzog, übernahmen ihre Wissenschaftler den Anti-Intellektualismus als eine Form krypto-religiöser Überidentifikation mit diesen Zeugnissen. Im Bereich der Psychotherapie ist eine solche Überidentifikation mit der Traumaerzählung ebenso gefährlich wie ineffektiv. Trotz Wahlniederlagen und empirischer Misserfolge prägen die Traumakultur und ihr ideales liberales Subjekt weiterhin politische Programme, die die oberflächlichsten Formen der Anerkennungspolitik als soziale Gerechtigkeit propagieren. Die Traumakultur trägt zur Zerstörung der Vergangenheit und zur Vernichtung der Zukunft bei. Führende Vertreter der akademischen Berufsschicht haben die Steuerung und Instrumentalisierung von Leid vorangetrieben, um Irrationalität zu verfestigen und das Gefühlsleben in sozialen Medien und auf politischen Plattformen zu mystifizieren.

Falsche Freunde

Ob es nun darum geht, die eigene Lebenserfahrung in den Mittelpunkt zu stellen oder die eigenen Privilegien anzuerkennen – Liberale der akademischen Berufsschicht lieben es, mit Sprache und intersubjektiven Beziehungen Dinge zu tun, die keine materiellen Auswirkungen auf die Verteilung des Reichtums in der Gesellschaft als Ganzes haben. Der Kapitalismus liebt die Traumakultur. Heutige Trauma-Experten bieten Heilungsmethoden für Traumata und deren langfristige schädliche Auswirkungen als Formen der Selbstoptimierung an. Therapeuten, Psychologen und Psychiater setzen zunehmend auf schnell wirksame Behandlungsmethoden für komplexe PTBS, darunter den Einsatz von Drogen (legalen und illegalen, wie Ketamin, MDMA oder LSD) sowie Verhaltensmodifikationen durch Hypnose oder EMDR, um die Genesungszeit zu verkürzen.

Die Traumakultur fördert den Glauben, dass die Übernahme ihrer Ideen zu Leid und Heilung implizit ein aufgeklärter und fortschrittlicher Akt sei. Um die Öffentlichkeit umzubauen, hat die Traumakultur die amerikanische Seele umgeprägt: Sie konstruierte soziale Sphären als verschiedene Spiegelsäle, in denen unterschiedliche Identitäten reflektiert und «gesehen» werden konnten. Trauma und der Weg zur Heilung verkaufen Bücher – jede Menge Bücher. Bessel van der Kolks The Body Keeps the Score (2014) und Judith Hermans Trauma and Recovery (1992) – zwei der einflussreichsten Bücher über Trauma und Heilung in den USA, bringen den Autoren und ihren Verlagen weiterhin große Gewinne ein. Mary L. Trump hat bis jetzt drei Memoiren über ihren berüchtigten und traumatisierenden Onkel veröffentlicht.⁠1

Die Traumakultur hat ein auf Massenproduktion ausgerichtetes, medienfreundliches Drehbuch hervorgebracht, das von Unternehmern, Influencern, Pharmaunternehmen, Universitäten, Verlagen und gemeinnützigen Organisationen vollständig monetarisiert wurde. Sie nutzen es dazu, um Heilmittel an Menschen zu vermarkten, die unter dem chronischen Stress leiden, in einer rücksichtslos wettbewerbsorientierten, ausbeuterischen, unehrlichen, korrupten und strafenden Welt zu leben. Auf diese Weise trug die Traumakultur dazu bei, die liberale Politik davon abzubringen, die materiellen Interessen der einfachen Menschen aus der Arbeiterklasse zu verteidigen oder für sie zu kämpfen. Sie verband die kulturelle Unzufriedenheit der 1960er Jahre mit dem wirtschaftlichen Unternehmergeist und Opportunismus der 1980er Jahre, nur um diese Synthese schließlich dem heutigen, von den sozialen Medien angeheizten Hype um Selbstoptimierung und persönliche Weiterentwicklung zuzuführen.

Der 2020 erschienene Routledge Companion to Literature and Trauma ist eine 500-seitige Zusammenfassung der ideologischen Schwerpunkte der Traumakultur und zugleich des Mangels an historischer Genauigkeit der trauma studies. Der Band, der sich in erster Linie auf die Arbeiten von Cathy Caruth stützt, berücksichtigt fast jede Art von Leid – mit Ausnahme jenes Leids, das die schleichende Gewalt von wirtschaftlicher Entbehrung und Lohnarbeit hervorbringt. Die Herausgeber erklären, dass sich die Anthologie mit «den persönlichen und kulturellen Aspekten von Trauma befasst und sich mit aktuellen und historischen Phänomenen wie dem Holocaust und anderen Völkermorden … dem 11. September und anderen Katastrophen, der Klimakatastrophe oder dem noch immer unbewältigten Erbe des Kolonialismus auseinandersetzt».

Die Liste selbst ist zusammenhanglos und zusammengewürfelt. Sie präsentiert die literaturwissenschaftlichen trauma studies als adäquates Mittel zur Linderung des zerstörerischen Erbes des Kolonialismus, der Gewalt des 11. September und der schädlichen Auswirkungen des Klimawandels. Der Band versäumt es, eine Katastrophe zu erwähnen, die das Leben fast aller Menschen berührt hat: die globale Wirtschaftskrise von 2008, die Hunderte Millionen Menschen in die Armut und Hunderttausende in die Obdachlosigkeit stürzte.

Das Feld der trauma studies ist antisozialistisch, antimarxistisch und proamerikanisch-imperialistisch; ihr Ausschluss von Klassen- und Wirtschaftsanalyse ist reine Ideologie. Die Traumakultur hat nichts zu den Verletzungen der Klassengesellschaft und zu der Angst zu sagen, die durch prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitsdisziplin hervorgerufen wird. «Bewusstseinsbildung», «Raum schaffen», «Sichtbarkeit einfordern» und «Bezeugen» sind zutiefst unsozial: Diese Aktivitäten reproduzieren die Ideologie politischer Feinde, die es vorziehen würden, wenn die Arbeiterklasse und die einfachen Leute in Affekten, Irrationalität und Infantilisierung gefangen blieben.

Und so ist das Trauma, inmitten eines ansonsten gnadenlosen politischen Klimas, zu einem liberalen Fetisch geworden, der den Weg für entschlossenes politisches Handeln von links versperrt. Die Fähigkeiten, die wir benötigen, um der sozialen, historischen und kulturellen Isolation identitätsbasierter Politik zu entkommen, werden uns nicht von einer Klasse korrupter Fachleute vermittelt werden. Die Traumakultur bringt bedürftige Konsumenten, wütende Bürger und verblendete Revolutionäre hervor. Sie zerstört die Demokratie nicht zufällig, sondern ganz bewusst. Sie gibt uns nicht den Mut, für historisches Wissen zu kämpfen oder für eine Welt, in der die sozialen, politischen und kulturellen Errungenschaften und Kämpfe der Vergangenheit als wertvolles Erbe aller Menschen geschätzt werden. Am schädlichsten ist jedoch, dass sie uns von den Entbehrungen und Kämpfen der Arbeiterklasse der Gegenwart ablenkt.

Lasst uns mutig sein

Im Jahr 2025 veröffentlichte das Ludwig Institute for Shared Economic Prosperity eine Studie, aus der hervorgeht, dass für sechzig Prozent der Amerikaner «eine Mindestlebensqualität unerreichbar ist». Von 2003 bis 2023 mussten Amerikaner aus der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht einen Einkommensrückgang von vier Prozent hinnehmen, während die Kosten für Wohnen, Bildung und Gesundheitsversorgung in die Höhe schossen. Der «Minimum Quality of Life Index» des Ludwig-Instituts bietet eine detaillierte Analyse der wirtschaftlichen und zeitlichen Zwänge, denen die Mehrheit der Amerikaner ausgesetzt ist, wenn es darum geht, die Grundbedürfnisse für sich selbst und ihre Familien zu decken. Die Studie belegt, dass Freizeitaktivitäten, medizinische Grundversorgung, Bildung, Wohnen und Transport für die Mehrheit der Amerikaner zunehmend unerschwinglich werden.

Unsere Gesellschaft ist wirtschaftlich so aufgebaut, dass sie die Verarmung der Vielen und den Wohlstand der Wenigen befördert. Eine Abkehr von der Traumakultur würde die Befreiung von einer sektenähnlichen Verehrung von Überlebenden, Propheten, dummen Ideen und unehrlichen Idolen bedeuten. Wir müssen den gesellschaftlichen Wert des intellektuellen Lebens, der kritischen Theorie, des handwerklichen Könnens, der ästhetischen Erfahrung, der fundierten Argumentation, des einfühlsamen Skeptizismus, des körperlichen Mutes, des wissenschaftlichen Experiments, der Ernsthaftigkeit und der sinnlichen Unmittelbarkeit achten.

Unsere Welt, in all ihrer Pracht und all ihrem Schmerz, wurde von der Arbeiterklasse aufgebaut; um ihre Opfer zu würdigen, ist es unsere Pflicht, der reaktionären Klassenpolitik des Traumakultur-Liberalismus abzuschwören. Lasst uns mutig sein, lasst uns wahrhaftig sein. Lasst uns nichts weniger akzeptieren als Solidarität mit Vernunft und Objektivität – sowohl in unseren subjektivsten, privatesten Erfahrungen als auch in unserer Arbeit, Kultur und Politik. Nur wenn wir uns mit der Schwere psychischer Schäden auseinandersetzen und die Unmöglichkeit akzeptieren, bequeme Diagnosen oder allumfassende Heilmittel zu finden, können wir als Gesellschaft unseren Weg nach vorne finden. Lasst uns die Welt in ihrer Schönheit und ihrem Schmerz ehren. Lasst uns niemals vor einer unerbittlichen Kritik an der zerrütteten Gegenwart zurückschrecken. Lasst uns auf Gerechtigkeit hoffen, aber lasst uns niemals vergessen, auf welche Weise unsere Eliten die politischen und wirtschaftlichen Realitäten unserer gemeinsamen Welt manipuliert und missbraucht haben. Lasst uns dem Leiden als einem Band treu bleiben, die uns mit anderen vereint, sowohl mit den Lebenden als auch mit den Toten.

© Westend Verlag, www.westendverlag.de

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Footnotes:
  1. Zeina Al Azmeh und Patrick Baert, «‹Trauma Work› as Hindrance to Political Praxis During Democratization Movements,» Theory and Society 53, 2024, S. 395–423 (S. 401–3). ↑
  2. Das erste Buch, The Reckoning: Our Nation’s Trauma and Finding a Way to Heal (New York: St. Martin’s Press, 2021), befasste sich direkt mit den Zusammenhängen zwischen dem durch Trump ausgelösten nationalen politischen Trauma der USA und ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Rassismus und der Soziopathie ihres Onkels. ↑
Bio.:
Catherine Liu ist Film- und Medienwissenschaftlerin an der University of California, Irvine und arbeitet zu Klasse, politischer Ökonomie und Kritischer Theorie.
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Transl.:
Caitlin Wolfheimer
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