Wallstein Verlag jul. 2024 24 € 98 pp.
Khan Aljanub set. 2025 10 € 135 pp.
R: Marion Avgeris und Abdalrahman Alqalaq Burgtheater Hildesheim
50 Min. 16 jun. 2025
«In Haifa wird erzählt», schreibt Abdalrahman Alqalaq, «dass Siedler:innen in der ersten Nacht nach ihrer Niederlassung in Wadi al-Salib die Schreie und das Weinen der Vertriebenen gehört haben sollen, die vor 75 Jahren, am 22. April 1948, Opfer der Massaker dieser Stadt geworden waren. Es soll die Erzählung über diese Angst gewesen sein, die einige der von Abwesenden bewohnten Häusern im Viertel vor ihrer Kolonisierung verschont hat. Bis das Gesetz über das Eigentum der Abwesenden, Absentees’ Property Law, von 1950 erlassen wurde. An dieser Stelle möchte ich meine eigene Geschichte hinzufügen: Wer die Schreie der Toten fürchtet, glaubt an ihre Rückkehr und fürchtet diese zugleich.»1
Alqalaqs Gedichte und Prosa spüren den Geschichten von drei Generationen einer palästinensischen Familie nach, die seit acht Jahrzehnten überall im Exil verstreut lebt, ohne Hoffnung auf Rückkehr. Der Vater Samir und die Großmutter Izdihar tauchen darin häufig auf; weder sie noch er haben das Meer in Haifa jemals wiedergesehen. Erst nach einer weiteren Flucht in der Generationenfolge gelangt der bis dahin staatenlose Palästinenser Abdalrahman Alqalaq an ein offizielles Dokument, das eine «Rückkehr» in die Heimatstadt seiner Familie, Haifa, erlaubt. Ausgerechnet ein deutscher Pass ermöglicht ihm die «Heimkehr», ausgerechnet die neu erworbene Staatsbürgerschaft eines Landes, das der zweitgrößte Waffenlieferant Israels ist und an vorderster Front zu einem Völkermord und zur Ungelöstheit der Palästinafrage beiträgt. Ein Land auch, das das Erzählen palästinensischer Geschichten systematisch zu verhindern sucht, weil es Palästina als Volk und Nation nicht anerkennt: «Ich verließ das Flüchtlingslager / überquerte das Meer in Richtung Norden, kehrte mit einem deutschen Pass zurück / und das an meiner Haut klebende Schlauchboot wurde von den Inspektoren mit Ekel entfernt / als wäre es ein alter Kaugummi an meinem Knöchel. Ich sagte, so habe ich meine Vorfahren gefunden.»
Im Band Übergangsritus von 2024 schimmert das Vermächtnis der Großmutter Izdihar zwischen den Zeilen durch. Sie hatte die Geschichte ihrer gewaltsamen Vertreibung nach der Staatsgründung weitgehend verschwiegen. «Warum hast du dem Kind nicht das Tor des Camps vor der Nase zugeschlagen und stattdessen das Tor deines Gedächtnisses hin nach Palästina geöffnet?», hält die erzählende Stimme der Großmutter leise vor. Der literarische Text springt in Erinnerungslücken, ergänzt fehlende Dokumente und imaginiert Erfahrungen, die mit ins Grab genommen wurden. Sporadisch erzeugt er Uneindeutigkeiten zwischen Erinnerung, Fakt und Fiktion, etwa wenn die Suche nach dem Haus der Großmutter einmal zu einem verlassenen umzäunten Bau, ein anderes Mal zu einem Parkplatz führt. Etwas Konkretes, Persönliches wird aufgespürt; eine schillernde Mehrdeutigkeit bringt mehr Schicksale aus dem verbrannten Archiv der Nakba ins Spiel.
Parkplätze statt Menschen
Die Rückkehr nach Haifa nach drei Generationen Vertreibung stülpt das Leben und Schreiben des Reisenden um. Sie wird zum drängenden Sujet und schließlich zum Dreh- und Angelpunkt von Alqalaqs bisher nur auf Arabisch erschienenem Buch The Thieves Beat me to Haifa, das ich eingangs zitiert habe. Spätestens mit dieser neuen Gedicht- und Prosasammlung schält sich ein Glutkern dieses Werks heraus: der eskalierende Aufstand gegen die Permanenz der Flüchtlingslager. Alqalaq schreibt, um den Abbau der Flüchtlingslager voranzutreiben.
Einmal in Haifa angekommen, erlebt der Rückkehrende sich als Verlängerung des Gedächtnisses seiner Großmutter, was auch als physische Erfahrung der Einswerdung mit ihr beschrieben wird. Izdihars brüchige Erzählungen bilden die topografischen Orientierungsmarken, anhand derer der Nachkomme Haifa erkundet. Indem er seine Umgebung mit Körper und Blicken streift, hebt er die Siedlungen und die moderne Stadt, die auf Ruinen und palästinensischen Leichen errichtet wurde, aus den Fugen und rekonstruiert dabei den Ort so, wie er vor der katastrophalen Zäsur am 15. Mai 1948 gewesen sein könnte.
In Haifa ankommen, bedeutet, eine Kartierung aus Erinnerungen und Vorstellungen zu behaupten, die die gewaltsam überschriebenen Straßennamen wieder zum Vorschein bringt und die etablierten Namen und Regelwerke durch Erzählungen und Quellen aus den Archiven der Einheimischen ersetzt. Die imaginierte Stadtplanung trotzt dem gentrifizierten Stadtbild der Gegenwart. Sie weigert sich, den Zeitstrahl aus der Vergangenheit in die Zukunft des Siedlungsbaus hinein zu verlängern.
Vor dem Haus der Großmutter stehend, gibt der Autor-Erzähler, merklich erschüttert, seine Beobachtungen wieder. Seine Beschreibungen sind nüchtern, enthaltsam. Ein Straßenschild, versehen mit dem Buchstaben «P». Öffnungszeiten. Parkgebühren. Das Haus im historischen Palästina, das ins Gedächtnis dreier Generationen eingebrannt ist, wurde von einem Parkplatz «ersetzt». Wo der lyrischen Stimme der Gestank von Blech, Metall und Gummireifen in die Nase steigt, werden die Abwesenheit der Großmutter und die Geschichte palästinensischer Enteignung traumatisch präsent.
Die Zeit in den Camps
Bomben, heißt es, setzen die Zeit aus. Wenn die Überdruckwelle nach einer Explosion eine Uhr nicht vollständig zerstört, bringt sie zumindest ihre Zeiger zum Stillstand. Alqalaq schreibt, er habe nach der Belagerung und Bombardierung von Al-Yarmouk während des syrischen Bürgerkriegs erwartet, dass die Welt stehenbleibt. Sie drehte sich weiter. Das Gleiche gilt für die noch im Nakba-Jahr 1948 errichteten Camps von Khan Younis, Jabalia und Nuseirat in Gaza, die nun durch Bombardierungen, Brände und schließlich noch Überschwemmungen in Schutt, Asche und Matsch gelegt wurden. Die Absurdität in all diesen Camps besteht darin, dass sie nur so lange Bestand haben sollten, bis die Palästinafrage «gelöst» ist. Genau diese deklarierte Vorläufigkeit trägt aber mit dazu bei, dass Palästinenser:innen «von Camp zu Camp, von Tod zu Tod» vertrieben werden.