Lenos Verlag Aug. 2023 18 € 271 S.
Was wäre, wenn wir eines Tages aufwachen und feststellen, dass alle Palästinenser:innen in Israel und Palästina vom Erdboden verschwunden sind? Dieses absurde Gedankenexperiment liegt Ibtisam Azems Roman Das Buch vom Verschwinden zugrunde. 2025 kam das Buch auf die Longlist des International Booker Prize, kurze Zeit nachdem der israelische Premierminister bei seinem Besuch im Weißen Haus den Vorschlag des amerikanischen Präsidenten zur ethnischen Säuberung des Gazastreifens als «erste frische Idee seit Jahren» lobte. Aus heutiger Sicht könnte man meinen, das bereits 2014 auf Arabisch veröffentlichte Werk hätte eine dystopische Zukunft vorweggenommen. In Wirklichkeit ist der Roman weit mehr: halb Zustandsbeschreibung von Massenvertreibung und Massenmord an Palästinenser:innen seit der Nakba, halb Prognose eines Genozids, in Gaza und weiteren Gebieten, der nun tatsächlich stattgefunden hat und weiter stattfindet.
Das Buch vom Verschwinden ist eine literarische Antwort auf Edward Saids The Question of Palestine. Wo Palästinenser:innen pauschal als ständige Bedrohung für Israels Sicherheit dargestellt werden, öffnet Azems literarische Imagination einen Raum, der die Existenz eines jüdischen Staates ganz ohne seinen palästinensischen Schatten denkt. Das Verblüffendste an diesem Buch ist aber nicht seine einfallsreiche Fiktionalität, sondern die Nähe zur politischen Wirklichkeit, zumal für Leser:innen, die mit dem in Rashid Khalidis Worten «hundertjährigen Krieg gegen Palästina» vertraut sind.
Zwei Aussagen, die ein Szenario einer vollständigen ethnischen Säuberung oder eines Genozids durchspielen, haben den Roman inspiriert. Nach der ersten Intifada sagte der ehemalige israelische Premierminister und Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin, er wünsche sich, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass der Gazastreifen im Meer versunken ist. Historisch konkreter verteidigte der israelische Historiker Benny Morris die ethnische Säuberung der ehemals von Palästinenser:innen bewohnten Gebiete durch deren Zwangsumsiedlung. Die Nakba von 1948 sei unvermeidlich gewesen, um einen lebensfähigen jüdischen Staat zu ermöglichen, behauptete Morris schon in seinen frühen Studien. Im Laufe der Zeit fiel diese Einschränkung weg und Morris machte es Ben-Gurion schließlich zum Vorwurf, nicht alle Palästinenser:innen vertrieben zu haben.
Kolonialismus ohne Kolonialisierte
Azems Roman spielt im heutigen Jaffa/Tel Aviv. Dort ringt eine ganze Gesellschaft mit dem Rätsel um die Palästinenser:innen, Vertriebene im eigenen Land, die plötzlich und ohne Vorwarnung aus allen Orten in Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen verschwinden. Sogar die zivilen und militärischen Gefängniszellen stehen leer, doch anstatt Erleichterung zu empfinden, wird die israelische Gesellschaft von einer Massenpanik erfasst.
Die endlos scheinende Debatte, wie man mit den Palästinenser:innen fertigwerden kann, beschäftigt die israelische Regierung seit 1948 und ist Gegenstand umfangreicher Dokumentationen. Auch in Azems Roman bedienen die Medien den Zuschauenden skrupellos mit dem Vokabular der ethnischen Säuberung und berichten erleichtert vom ungeklärten Verschwinden: «Das sind einfach wunderbare Nachrichten, die wir seit dem Morgen hören. An dieser Stelle die herzlichsten Grüsse und meinen vollen Respekt an unsere mutigen Soldaten, die es mit dieser sauberen Operation geschafft haben, uns der fünften Kolonne und all der Terroristen zu entledigen. Endlich ist das Land gesäubert, und wir haben erreicht, was wir seit dem Unabhängigkeitskrieg wollten.» Der fiktive Pressebericht unterscheidet sich kaum von einem echten aus dem Jahr 2023 ff.
Der Geist der Abwesenden macht sich bemerkbar: durch mysteriöses Rascheln, Rasseln und Geflüster in einer Stadt, die von Schatten bewohnt wird. Ein rotes Notizbuch, das der palästinensische Protagonist hinterlässt, dokumentiert das ausradierte kollektive Gedächtnis einer indigenen Bevölkerung. Als «Spinnen» bezeichnet er sich, seine Großmutter und die Überlebenden der Nakba, die mit feinen, dünnen und festen Fäden unermüdlich Netze weiter und wieder weben, wenn diese abzureißen drohen. Hier zeigt sich die Arbeit einer literature of unsettlement in Praktiken des Aufzeichnens, die den Widerstand der Palästinensiner:innen gegen Apartheid, Diskriminierung und Besatzung auch ohne ihre physische Anwesenheit aufrechterhalten.
In seinem 2025 erschienenen Buch The Time Beneath the Concrete: Palestine between Camp and Colony beschreibt Nasser Abourahme, wie sich der Siedlerkolonialismus sowohl die Zeit als auch den Raum einverleibt: «If political Zionism is (…) a project stuck at its foundational moment of conquest, unable to move past the past, it is not simply because its own immanent contradictions have risen to the surface, but because the Palestinian insistence on remaining and not disappearing amounts to a refusal to abide by the closure of time, a refusal of the rendering of the past into settler futurity, a refusal to allow the impasse to be overcome.» Azems Roman spitzt diesen Widerstand zu. Das Erzählen widersetzt sich der realpolitischen Normalisierung einer Besatzungssituation: Das Projekt des Siedlerkolonialismsus wird noch – und gerade – von dem Verschwinden der Palästinenser:innen heimgesucht.
Auch die Vergangenheit muss besiedelt werden
Erzählt wird in kurzen Kapiteln aus den Memoiren von Alaa, einem freischaffenden Kameramann. Alaas Antagonist ist der Journalist Ariel, sein jüdisch-israelischer Nachbar. In Anspielung auf die skurrile Selbstbezogenheit deutscher Erinnerungskultur begegnen sich die beiden Nachbarn zum ersten Mal auf einer Party, die von Natalie veranstaltet wird, einer «blonde[n] Deutsche[n], die es nicht ertrug, blond und deutsch zu sein. Alles drehte sich einzig und allein um die Verbrechen, die ihre Vorfahren begangen hatten. Die Schuldgefühle waren wie ein Schatten, hinter dem sie verschwand. Einmal hatte Ariel zu Alaa gemeint, Natalie spreche dermassen viel über den Holocaust, dass man denken würde, sie sei die Enkelin von Naziopfern und nicht von Naziverbrechern.»
Der Roman beginnt wie die Fortsetzung einer vorausgehenden Geschichte. Ohne lange Hinführung berichtet Alaa, wie seine Mutter sich eilend auf die Suche der verschwundenen Großmutter macht. Alaas «Tata» wollte die letzten Stunden ihres Lebens auf einer einfachen Bank mit Blick auf das Meer verbringen; immerhin blieb es, im Gegensatz zur Stadt, von den Siedlungen, vom Um- und Überbauen unberührt. So wie der Stadtteil Adschami, der «mit Stacheldraht umzäunt und zur geschlossenen Militärzone erklärt» wurde. Tatas Blick auf die unberührte Natur ist ein Sprung aus der Gegenwart, der die Stadt im Zustand vor der Nakba beschwört.
Alaas Aufzeichnungen über seine Version der Vergangenheit verschmelzen mit den Erinnerungen der Großmutter. Sie bringen die Perspektive derjenigen ans Licht, die nach der Gründung Israels nicht vertrieben wurden, und trotz aller Widrigkeiten geblieben sind. Parallel dazu erzählen Kapitel aus der Perspektive Ariels von einer Stadt, in der alles Alte beseitigt und durch ein neues Stadtbild überschrieben wurde. Bei einem Spaziergang durch Tel Aviv erinnert er daran, wie der erste Bürgermeister der Stadt, Meir Dizengoff, einst «große alte Bäume aus der Umgebung ausgraben und hier einpflanzen» ließ, «um den Anschein zu erwecken, sie stünden schon ewig an dieser Straße». Der neu gegründeten Stadt, deren paradoxer Name in Anlehnung an Theodor Herzl «alt» mit «neu» verbindet, wurde mit solchen Maßnahmen eine künstliche Ästhetik eingepflanzt, die vorgaukeln sollte, dass Tel Aviv viel älter ist als der junge Staat Israel. Um die eigene, auf Exklusivität vorprogrammierte Präsenz zu rechtfertigen, musste auch die Vergangenheit des Landes besiedelt werden.
Ihre Architektur lässt Tel Aviv wie eine mediterrane Projektion Nordwesteuropas erscheinen. Hier gibt es Häuser im Bauhausstil, der im faschistischen Europa verboten wurde. «Nach der Flucht aus dem faschistischen Europa hatte diese Architektur in diesem kleinen Land eine Heimat gefunden», denkt Ariel und fragt sich, ob auch die Orte selbst sich erinnern. Die Erwähnung des Namens Yehuda Magidovitch, des Architekten, der aus der Ukraine ins Mandatsgebiet Palästina emigrierte und als maßgeblich für die Durchsetzung des internationalen Stils in Tel Aviv gilt, lässt an Besiedlungsprozesse lange vor dem Jahr 1948 in Palästina denken. Die Nakba hat Wurzeln vor der Staatsgründung.
Das Bedrohungsszenario als Sicherheitsgarantie
Nach dem Verschwinden der Palästinenser:innen fangen die Israelis wild zu spekulieren an. Haben sie einen Streik organisiert, oder planen die einen Terroranschlag? Haben Armee oder Geheimdienste etwas damit zu tun? Als einen der Hauptgründe dafür, dass sie eher alarmiert als erleichtert reagieren, lässt sich die Befürchtung ausmachen, dass es sich um eine autonome Entscheidung handelt, ohne Zustimmung der siedlerkolonial dominierten Umgebung. Dass Palästinenser:innen sich durch selbstbestimmtes Agieren von der Besatzungsmacht emanzipieren, die Grenzen, Checkpoints und Übergänge einrichtet und kontrolliert, löst in der israelischen Gesellschaft eine Massenhysterie aus.
Nicht nur die unentbehrliche, billige Arbeitskraft aus der West Bank kommt dabei komplett abhanden. Auch die stolze israelische Überwachung und der nachgesagt hochentwickelte Geheimdienstapparat haben versagt. Die Instrumente staatlicher Kontrolle und gesellschaftlicher Dominanz – die Medien, die Polizei, das Militär – können nicht einmal ansatzweise erklären, was geschehen sein könnte. Dies zieht der Kolonialmacht, deren Herrschaft per Definition auf Kontrolle basiert, den Boden unter den Füßen weg. Wie konnte es den Palästinenser:innen – allen Palästinenser:innen und selbst den Gefangenen – gelingen, ihren politischen Willen geltend zu machen? Wie konnten sie sich absprechen? Und kann man sie damit durchkommen lassen?
Der zionistische Staatsapparat ist nun, da sein lästiges Gegenüber förmlich in Luft aufgelöst scheint, in eine Sackgasse geraten. Durch die plötzliche Leerstelle tritt die Abhängigkeit der israelischen Gesellschaft von seinem Antagonisten klar zutage. Es zeigt sich, dass Anwesenheit wie Abwesenheit der Palästinenser:innen eine Bedrohung für jedes israelische Regime darstellen. Während man sich mit dem Rätsel um die Verschwundenen auseinandersetzt, teilt das Militär mit: «Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich in den achtundvierzig Stunden nach diesem ersten Massenverschwinden von Arabern entscheidet, wohin sich dieses Land bewegt und welche Schritte es künftig unternehmen wird.»
Den Staat Israel und sein Selbstverständnis erzählt der Roman als unvollendetes Projekt, dessen territoriale Integrität und historische Identität permanent durch arabische Nachbarstaaten und Palästinenser:innen bedroht ist. Die ständige und existenzielle Bedrohung macht den kontinuierlichen Aufbau und die Verbesserung des Staats-, Polizei- und Militärapparats erforderlich, sie verpflichtet gemäß der Selbsterzählung zur Ausweitungen von Siedlungs- und Besatzungspolitik als Sicherheitsgarantie. Somit löst, paradoxerweise oder gerade nicht, die plötzliche Abwesenheit der Palästinenser:innen, die von den israelischen Medien im Roman beharrlich-generisch als «die Araber» bezeichnet werden, welche zufällig innerhalb der Staatsgrenzen leben, Beunruhigung und Irritation aus. Die narrative und ideologische Stabilität eines Gebildes, dessen territoriale Grenzen historisch durch den Prozess der Selbstverteidigung gegen interne und externe – «arabische» – Gegner definiert und erweitert worden sind, gerät aus den Fugen.
Die liberalen Komplizen
Auch der liberale Flügel des Zionismus, verkörpert durch Alaas Nachbar Ariel, bezieht seine ganze Legitimität aus dem kolonisierten Gegenüber. Ariels linksliberale Positionierung gründet auf einer Kritik an der militärischen Besetzung des Gazastreifens und der Westbank. Doch schon als Journalist zeigt er Verständnis für Siedler:innen aus Ofra im nördlichen Westjordanland und ihre Verbundenheit mit einem Ort, den sie gewaltsam und unrechtmäßig kontrollieren. Als Alaa weg ist, betritt er die leerstehende Wohnung seines Nachbarn. Was als Suche nach einer vermissten Person beginnt, entwickelt sich allmählich zu einer Aneignung, danach Beschlagnahmung einiger Habseligkeiten, seines Laptops und letztlich eines gesamten Archivs.
Ariels intuitive Reaktion auf die Entdeckung der Memoiren, die Verluste und Traumata von Alaa und seiner Familie dokumentieren, ist – wie sich zeigen wird – eine durch und durch ausbeuterische. Er gelangt an Alaas Notizbuch, in dem seine Geschichte und die seiner Großmutter festgehalten ist: die Erinnerungen an den Fluchtweg, die gewaltsame Vertreibung, die Nakba, die den Großvater in den Libanon drängte und die Familie auseinanderriss. Schnell begreift Ariel, dass sich das Material als wertvolle Quelle für ein Gedenkprojekt eignet, und überlegt, wie der Inhalt des Heftes Teil eines erfolgsversprechenden Buches werden könnte, das er selbst über das Verschwinden der Palästinenser:innen schreibt.
Am Ende des Romans ist er so weit, die Geschichte der Palästinenser:innen buchstäblich (neu) zu schreiben: Er hat auf seinem Computer eine Datei mit dem Titel Vor dem Verschwinden. Eine Chronik angelegt und beginnt, Passagen aus den Memoiren ins Hebräische zu übersetzen. Alaas Vermächtnis, seine Familiengeschichte und der Schmerz von Generationen werden Teil einer liberalen Erzählung, die mehr der eigenen Gewissenspflege als der Herstellung von Gerechtigkeit dient. Indigene Perspektiven geraten in den Hintergrund oder werden kooptiert.
Daneben erfahren wir, wie diese symbolische Enteignung im sozialen Bereich funktioniert: Die Regierung setzt eine Frist für die eventuelle Rückkehr der verschwundenen Palästinenser:innen. Nach Ablauf dieser Frist soll ihr Eigentum beschlagnahmt und das Besitzrecht auf das israelische Regime übertragen werden. Schon lange vor diesem Zeitpunkt beginnen israelische Privatpersonen damit, sich nach leerstehenden Immobilien zu erkundigen und zu fragen, wann sie diese Häuser möglicherweise in Besitz nehmen könnten. Die Literatur folgt hier einem realen Präzedenzfall, von dem im Zusammenhang mit Abdalrahman Alqalaqs Schreiben bereits die Rede war. Das 1950 verabschiedete «Gesetz über das Eigentum von Abwesenden» war das wichtigste legale Instrument, mit dem Israel sich selbst das Recht einräumte, Land und Eigentum von vertriebenen Palästinenser:innen an sich zu reißen. In der Zwischenzeit hat sich die Enteignung von Palästinenser:innen weiter verschärft. Erstmals seit 1967 will Israel weite Gebiete im Westjordanland, für die Palästinenser:innen keine offiziellen Besitztitel vorweisen können, konfiszieren und als Staatseigentum deklarieren.
Das Siedler:innenparadigma profitiert von einem dominanten kollektiven Gedächtniss, das bewusst gegen die Erinnerungen der indigenen Bevölkerung konstruiert wird. Die Neugestaltung von Landschaften und Denkmälern, das Verdrängen und Ersetzen von Sprachen und Akzenten, das Zerstören und Umkuratieren von Archivmaterial, Staatstreue und Zensur, Hasbara als kulturelle Propaganda und staatlich finanzierte Imagepflege, die politische Fiktion einer ständigen Bedrohung der Sicherheit des «historisch notwendigen Schutzstaates» – all dies schafft und pflegt eine kohärente dominante Erzählung, die palästinensische Stimmen weder hörbar macht noch glaubwürdig erscheinen lässt.
Der liberale Zionismus, wie ihn Ariel vertritt, zeichnet sich im Roman durch völlige Selbstgefälligkeit und das Vertrauen in die vorherrschende Erzählung aus. Während Ariel sich durch Alaas Erinnerungen arbeitet, stellt er sogar in Frage, ob Alaas Beschäftigung mit der Vergangenheit legitim sei: Warum habe er nicht einfach das Leben in einem modernen Staat mit all seiner Freiheit und seinen Privilegien genießen können? Wäre es nicht besser gewesen, Alaa wäre geblieben und hätte mit demokratischen Mitteln für die Verbesserung der Lebensverhältnisse, die Rückbenennung von Straßen gekämpft?
Man kennt diese liberale Form der Übergriffigkeit, mit der Ariel seinem Nachbarn in Abwesenheit das Recht abspricht, die Geschichte seiner Enteignung auf seine Weise zu erzählen.
Was es heißt, palästinensisch in Israel zu sein
Schon Azems erster Roman Sleep Thief. Gharib Haifa handelt von den Dilemmata der dritten Generation von Palästinenser:innen in Israel. Als fremd gewordene Einheimische zwingt man sie zum Einrücken in das Überlieferungsgeschehen der israelischen Mehrheitsgesellschaft, die ihre Geschichte der Vertreibung und Enteignung verzerrt, verharmlost, delegitimiert, zum Schweigen bringt. Das paradoxe Gefühl einer Verwurzelung trotz Entfremdung klingt bereits im Titel dieses Buches an, der den Vornamen des Protagonisten «Gharib» – «Fremder» – neben seine Heimatstadt Haifa stellt. Jedes Mal, wenn jemand seinen Namen ruft, erinnert das an seinen Status: fremd im eigenen Land.
Das Buch vom Verschwinden – Azems zweiter Roman – zeigt Alaa hin- und hergerissen zwischen der Vergangenheit seiner Großmutter und der israelischen Gegenwart, deren Ziel es ist, diese Vergangenheit ein für alle Mal zu überschreiben. Geboren 1967, im Jahr der Naksa («der Rückschlag»), als Sohn einer Mutter, die im Jahr der Nakba («die Katastrophe») zur Welt kam, ist er verstrickt in eine Frage, die sich jeder Generation aufs Neue stellt: was es heißt, (in Israel) Palästinenser zu sein. An seine Tata gerichtet, notiert er: «Dein Jaffa gleicht meinem. Und doch ist das eine nicht wie das andere. Zwei verschiedene Städte, die sich einander anverwandeln. Deine Namen haben sich in meine Stadt eingeschrieben, so dass ich selbst zu einer Art Rückkehrer aus der Geschichte wurde. Müde wandert der Rückkehrer durch sein eigenes Leben wie ein Geist. Ja, als Geist lebe ich in deiner Stadt. Und auch du bist ein Geist, der in meiner Stadt lebt. Und beide Städte nennen wir Jaffa.» Eine Stadt, die Alaa in dem aus palästinensischer Sicht intakten Zustand von vor 1948 gar nicht kannte.
Einmal erinnert sich Ariel daran, wie er bei einem Besuch in Alaas Wohnung Straßenschilder vorgefunden hat, die dieser mit nach Hause gebracht hatte. «Den Rothschild-Boulevard hatte er in Hischâm-Scharâbi-Strasse umbenannt. Alaa liebte Hischâm Scharâbi und hatte alles von ihm gelesen. Einmal hatte er gemeint, Scharâbi habe es verdient, dass eine wichtige Strasse nach ihm benannt werde.» Straßen tragen zwei Namen: einen, der auf den Straßenschildern steht, und den anderen, der sich mühsam im alternativen kollektiven Gedächtnis zu behaupten versucht.
Es sind solche unaufdringlichen Momente, die das Schreiben – Alaas Schreiben und das der Autorin – zum unsettling act machen, in dem das Ende von Dominanz, Überwachung, Apartheid und Besatzung imaginiert werden kann. Palästinensisch schreiben heißt, durch Abwesenheiten hindurchzudenken. Der Tod seiner Großmutter veranlasst Alaa dazu, seine rotes Notizbuch zu schreiben. Sein eigenes Verschwinden bringt die Notizen zum Vorschein, und mit ihnen die Unfähigkeit liberal vermittelnder Strategien, anders als verzerrend und aneignend mit dem Material umzugehen.
Das plötzliche, unerklärliche Verschwinden aller Palästinenser:innen löst nicht die Palästina-Frage. Es untermauert ihre Permanenz.
Keine Metaphern
Bleibt die Frage: Lesen wir über Alaas Erinnerungen an seine Großmutter, also einen Akt der Selbstermächtigung? Oder lesen wir Ariels Lektüre dieser Erinnerungen, also einen Akt der Enteignung?
Azems Buch wirft die Frage nach der Verantwortung der Lesenden auf. Auch wenn das Erzählte Fiktion und das Szenario surreal ist: Der Akt des Lesens – innerhalb wie außerhalb des Romans – hat eine existenziell dokumentarische Komponente. Er wird mit dem Bezeugen ethnischer Säuberungen enggeführt. So sehen wir uns gefangen zwischen dem distanzierten Miterleben und der lesenden Mittäterschaft – ein obszöner Vorgang, der unerträglich obszön wird zu Zeiten, in denen wir gleichzeitig Zuschauende eines live übertragenen Genozids sind.
Keine der palästinensischen Großmütter, die ich in dieser Artikelserie erwähnt habe, darf zur abgeschmackten Allegorie auf Heimat oder Nation erhoben werden, um einer libidinösen Ökonomie des Lesens zu dienen. Was für uns pure Fantastik ist, ist für sie grausame Realität; ihre nüchternsten Darstellungen lesen sich in unserer Welt wie Hyperbeln. Aus meiner Sicht gehört es zu einer Ethik des Lesens, Beschreibungen palästinensischer und insbesondere aus Gaza stammender Schriftsteller:innen nicht als Metaphern zu entschärfen. Wenn zwei Geschwister ein Herz beschreiben, das außerhalb des menschlichen Körpers noch schlägt, wenn Menschen die Überreste ihrer Angehörigen in Plastiktüten tragen, wenn Kinder Beerdigungen für ihre toten Spielzeuge abhalten, weil sonst keine Familienmitglieder überlebt haben, wenn ein Junge Briefe schreibt und sie an das Bild seines getöteten Vaters schickt, das in seinem Zelt hängt, dann wird es zu einer moralischen Verantwortung, sich nicht der Versuchung hinzugeben, Texte als bloße Metaphern zu verharmlosen. Zeug:innen eines Völkermords zu sein, bedeutet auch aus der Ferne, das Abscheuliche, das Abjekte des Literalen anzuerkennen. Gaza ist das Ende der Metapher.