Lars Müller Publishers يونيو 2026 65 CHF 796 pp.
Ein Turm, rot, irden irgendwie. Balustraden, Arkaden, Gänge. Ein Mädchen und der Reifen, den es treibt, oder trieb, irgendwann. Vor dem Einschlag? Ihr Schatten, in den Stein gebrannt. Oder ist es umgekehrt, kommt sie erst gleich um die Ecke?
Etwa in der Mitte des gut 800 Seiten dicken Buches The Albanian Files – Freedom and Architecture wird auf Giorgio de Chiricos Pittura metafisica verwiesen. Bekannt für seine entrückten Tableaus menschenleerer, von Silhouetten, Statuen und Schneiderpuppen bevölkerter Straßen, sind de Chiricos Gemälde Renderings avant la lettre. Was bei ihm Ahnung bleibt, wird hier, in der Visualisierung des Architekturbüros Luca Dini, als bezugsfertiger Skyscraper präsentiert.
Maschinelle Imagination, Menschen ohne Gesichter. Espresso Tonic auf Terrassen, unter feinem Sprühregen. Piazza d’Italia heißen 45 Gemälde von de Chirico und eine öffentliche Plaza in New Orleans, wo der amerikanische Architekt Charles Moore diese Bilder wirklich werden ließ. Brunnen, in denen das Wasser steht. Chinin gegen Malaria. Orte, die schon aufgelassen sind, bevor wir sie wirklich verlassen; Orte, die ausgelassen werden, ganz langsam, bei niedriger Hitze, wie man Schmalz in der Pfanne auslässt. Could you render an image like you render lard?
Im Jahr 2001 hatte Albanien über drei Millionen Einwohner. 2026 sind es nur noch 2,3 Millionen. Dem Nationalen Statistikinstitut zufolge leben noch einmal so viele im Ausland. Die, die bleiben, konzentrieren sich auf die rasant wachsende Ballungszone Tiranë-Durrës zwischen Hafen und Flughafen. Hier passiert dasselbe wie überall jenseits von China: Um ein von halbleeren, unbezahlbaren Hochhäusern gespicktes Zentrum legen sich immer größere Ringstraßen mit immer weiter entfernten Vorstädten für immer später Zugezogene. Konzentrische Wiederholung in moralisch codierter Landschaft: Inferno. Abseits von Baustellen, privaten Krankenhäusern und dem Tourismus gibt es kaum Arbeit. Trinkgeldlose Tätigkeiten als Küchenhilfe oder Fabrikarbeiter bringen so wenig ein, dass sie von in Mehrbettzimmern hausenden Bangladeschern ausgeführt werden. Sobald die begännen Albanisch zu lernen, empfahl Ministerpräsident Edi Rama einem Fabrikbesitzer schon 2021, solle er sie austauschen, da dann ihre Politisierung drohe.
Meme-Politik
Edi Rama ist ein Prototyp des Politikers als Meme. Bevor er 2013 Ministerpräsident wird, ist er Bürgermeister von Tirana. In der Diktatur als Basketballspieler und Maler tätig, lebt er später einige Jahre in Paris, bis er 1998 spontan zum Kulturminister berufen wird. Sein Leben in der Politik beginnt.
Tirana im Jahr 2000, am «Ende der Geschichte»: Geldwechsler statt ATMs auf den Straßen, Schnaps und Honig in alten, vage nach Erdöl riechenden Fanta-Flaschen. Man kann ein lebendiges Huhn auf dem Neuen Markt kaufen und gleich schlachten lassen. Das ist die Stadt, die Rama regieren soll. Er lässt ohne Genehmigung Gebautes abreißen und die verbleibenden grauen Wohnblocks bunt streichen, was durch die Videoarbeit Dammi i colori seines Freundes und Schülers Anri Sala international bekannt wird.
Rama als Regierungschef: Erst erklärt er die Einfuhr von Müll für illegal, dann vereinfacht er sie. Die Idee eines italienischen Flüchtlingslagers auf albanischem Boden verbittet er sich, dann fällt er doch, wortwörtlich, vor Giorgia Meloni aufs Knie. Bauboom, gute Geschäftsjahre. Er initiiert die Gründung der Antikorruptionsbehörde SPAK – Vorbedingung eines möglichen EU-Beitritts –, nur um die Beteiligten öffentlich zu maßregeln, wenn sie wirklich mal jemanden festnehmen lassen.
Rama, zwei Meter groß, dunkle Stimme, weite Hose, violette Weste, wie er 2007 die Bridge rappt im Chart-Hit Tirona. Rama, ganz in Schwarz, cool, staatsmännisch, wie er 2024 den Streamer IShowSpeed in seinem Büro empfängt, und mit ihm seine 36,4 Millionen Follower. IShowSpeed findet ein anderes Albanien vor. Auf dem Neuen Neuen Markt gibt es nun in Glas gefülltes, mutmaßlich heimisches Öl neben importiertem schwarzen Knoblauch und Mutter-Teresa-Kühlschrankmagneten. Diese Twenties sind ein Oberflächenphänomen: Tomahawk-Steaks und Nasen-OPs und krabbenpulende Youtuber vor Wasser so blau, dass es fake wirkt. Und so muss man Christopher Nolans fahle, nordseemäßige Interpretation der weindunklen Fluten Homers als Notwehr verstehen; lassen doch Beauty-Filter und manipulierte Kontraste die tatsächlichen Farben ums Mittelmeer herum wie ihre eigenen billigen Influencer-Kopien wirken. Die Landschaft wird zum Abziehbild, und die Erinnerung, die wir von ihr haben, wird von diesen Abziehbildern kolonisiert: Wie sah jener Sommer wirklich aus? Und was unterscheidet die automatische HDR-Optik meiner Handybilder vom Magentastich der Y2K-Farbfilme?
VIP-Dinner bei der Art Basel. Der Künstler macht den Politiker interessant, der Politiker verleiht dem Künstler Gravitas. Regieren findet er einerseits lächerlich, betreibt es andererseits ernsthaft. Seine vermeintliche Widersprüchlichkeit ist der Propeller, der den Zeichensatz Rama in die Welt schleudert. Dessen Werke: organisch-glänzende Keramiken, satte Ölkreidestriche auf Terminkalenderblättern; Blüten oder Pilze, die wuchern, sich von Politik ernähren. Natalie Portman in Auslöschung, wie sie verloren geht im feuchten Wuchs. Im Film ist der Schimmer eine räumlich umgrenzte Zone, aber auch ein Prisma: Hier bricht sich nicht nur Licht, sondern alles, aus dem die Dinge sind. Gene werden rekombiniert, Monster entstehen, verschlingen einander. Reglose, menschenförmige Bäume ragen in den Himmel und verlieren ihr Laub, das deformierte Mikroorganismen nährt. Der Preis dieser gemeinsamen Existenz ist bloß der Tod von allem, das ihr vorausging.
Fassaden ohne Menschen, oder doch, aber es sind dekorative Greise. Nonnamaxxing, die niedliche Kehrseite der Jugendarbeitslosigkeit. Pappfiguren, oder eher Sims, die nicht ahnen, wo sie hier fallen gelassen wurden. Wohlfrisierte Büsche im Schatten eines gläsernen Turms. Solche und andere Bewohner einer glorreich gerenderten Zukunft lassen sich in The Albanian Files nachschlagen. Herausgegeben von der Architekturkuratorin Anneke Abhelakh, versammelt der Band geplante und umgesetzte Neubauprojekte ausschließlich ausländischer Architekturbüros im ganzen Land. Die Fragebögen und Materialsammlungen der Büros sind die titelgebenden Files, die mit einem Augenzwinkern die Akten des Geheimdienstes Sigurimi anklingen lassen, die den Verrat der Bürger aneinander, den Verrat des Staates an jedem Einzelnen dokumentierten. Das Werkzeug der Zersetzung wird ihr Wahrzeichen. Lustig ist das nicht, programmatisch schon: Ironie als Selbstzweck, totale Entkoppelung – Piazza d’Italia am Golf von Amerika.
Wie Tintenkiller den Fleck tilgt
Am Anfang steht das Denkmal, das eine Architektin ihrem Vater setzt. Bloß war Daddy Diktator und das Ding eine Pyramide, deren wie Stanniolpapier aufgefächerte, marmorne Seiten in roten Stahl gefasst sind. Glanz und Glitzer, ehedem, als sie noch rar waren.
1985 stirbt Enver Hoxha, 1987 öffnet sein Museum, 1990 fallen die Grenzen, und ein Jahr später schließt die Pyramide wieder ihre Pforten. Das einmal hochmodern gewesene, interaktive Computerarchiv fährt für immer herunter, und die überlebensgroße Hoxha-Skulptur von Edis Vater, dem verdienten Staatskünstler Kristaq Rama, wird sang- und klanglos demontiert.
Jahre vergehen, in denen Kinder die Pyramide auf Plastiktüten herunterrodeln. Zwischennutzungen: ein Fernsehsender, ein NATO-Büro, eine Disko und schließlich: ein von Touristen aufgesuchter Lost Place, zerbrochenes Glas, Graffiti – das Gedicht ist die Zeichnung und umgekehrt. Chromglänzend schmelzen, tropfen die Lettern ungesehen, während auf zunehmend nach US-europäischem Vorbild videoüberwachten Straßen, in Treppenhäusern, an Fassaden mit schwarzem Filzer geschmiert steht: «Rama burg, Berisha burg», heißt: «Rama Knast, Berisha Knast».
Regierung und Opposition, gegen beide wird in Albanien seit Anfang Juni – als The Albanian Files erscheint – demonstriert. Es ist das größte zivilgesellschaftliche Aufbegehren seit 1990. Die Bürger:innen protestieren gegen ihre Enteignung und Vertreibung. Sie fordern die Einstellung der Bauarbeiten im Gebiet Pishë Poro-Nartë. Sie fordern die Rücknahme des Gesetzes 21/2024, das Investitionen in Naturschutzgebieten dereguliert. Sie fordern ordentliche Verfahren, Haftung, Gerechtigkeit. «Die Dichter schrieben Verse, ich Visaanträge», heißt es auf einem Plakat. Der unter der Diktatur inhaftierte Dichter Fatos Lubonja sagt, die Planung der nämlichen Immobilienprojekte lange vor der Gesetzesänderung, die sie überhaupt erst ermöglichte, beweise die Verstricktheit von Regierung und Investoren. Kurzum: state capture.
Mittlerweile steht ein vom niederländischen Büro MVRDV entworfenes, freies Zitat der Pyramide an Stelle von Klement Kolanecis und Pranvera Hoxhas Original. Transparenzoffensive: Der ursprünglich unsichtbare, stählerne Kern des ehemaligen Monuments ist nun freigelegt. Das Gebäude enthält ein Jugendzentrum und ein Café, außerdem Vereinsräume, wo Kinder coden lernen, und reichlich Sitzgelegenheiten draußen. Es ist eine der wenigen von Privatisierung verschont gebliebenen Flächen des neuen Tirana.
Ein erster Versuch der damals regierenden PD, die Pyramide abreißen und durch ein neues Parlamentsgebäude ersetzen zu lassen, scheiterte 2011 nicht zuletzt an Ramas Widerstand als Bürgermeister und an einer Unterschriftenaktion des Publizisten Ardian Klosi. Die rebellischen Nomenklatura-Söhne Rama und Klosi hatten mit Refleksione schon 1991 ein gemeinsames Buch herausgebracht. Darin schreibt Rama: «Wer nur an die Zukunft denkt, bewahrt die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit kontrolliert, bereitet die Zukunft vor.»
Und das stimmt ja auch: Das neu aufgebaute Berliner Stadtschloss löscht den Palast der Republik aus. Übrig bleiben nur die Replikas der DDR-Leuchten, für 1000 Euro das Stück im Gift Shop des Humboldtforums. Der Rückbau der Hoxha-Pyramide tilgt die Mitschuld der Väter, so wie Tintenkiller den Fleck tilgt: Er ist immer noch da, nur unsichtbar. Das Papier spannt. Einen zweiten Fehler übersteht die Stelle nicht.
Das Papier spannt: auf Bali, wo Yogastudios auf Massengräbern stehen. Auf Mallorca, wo ehemalige Wehrmachtssoldaten am Strand dösten. In all den Olympiastadien, wo einmal Favelas waren oder Sozialbaublocks. Mit stalinistischem Eifer wird Geschichte gelöscht, retuschiert, umgedeutet, bis das Geschehene nicht länger vom Potentiellen zu unterscheiden ist, von dem, wie es auch hätte sein können.
Ob Gezi Park oder Potsdamer Platz – der Raubbau an der öffentlichen Hand wurde nicht auf dem Balkan erfunden. Einen zweiten Fehler übersteht die Stelle nicht: Der Wiederaufbau der Istanbuler Topçu-Kaserne mit integriertem Einkaufszentrum wurde abgewendet, der Gezi Park ist noch da; in Berlin aber steht heute dort, wo einmal der Todesstreifen war, tatsächlich die Mall of Berlin. Und das passt ja auch, bezeichnet mall im Albanischen doch nicht nur die Sehnsucht, sondern auch die Ware.
Geschmack und Gewalt
In seinem Vorwort zu The Albanian Files schreibt Rama, Architekten fänden in Albanien «Something alive. Something unrepeatable. Something still free from the suffocating comfort of overregulation and prepackaged certainty. Or, as one of the members of the mighty ArchArmy put it, a freedom from ‹no› in all its forms.»
Ja heißt ja und nein heißt auch ja, so sieht es auch der Niederländer Reinier de Graaf vom Büro OMA (bekannt für der Stürze ihrer Staatsoberhäupter wegen nicht umgesetzte Projekte in Syrien und Libyen): «Lieber Edi», schreibt er in seinem File, «unter deiner Führung hat Albanien einen gewissen Modellstatus erreicht», und: «Es sieht so aus, als wären wir Zeugen des Endes der Geschichte. Das bringt mich dazu, eine ganz einfache Bitte zu äußern: Können wir in einer Welt voller Autokraten wenigstens einen haben, der es gut mit uns meint? Ich weiß, das, was ich hier von dir verlange, würde dich manches Opfer kosten. Ich hoffe sehr, du denkst trotzdem darüber nach.»
Regieren als Auswählen, der Regierungschef als Kurator, klar: Geschmack ist immer diktatorisch, Friedrich der Große, Qabus bin Said. Mehr noch, Geschmack ist der letzte Rest, den der Mensch der Maschine voraus hat. Guter Geschmack ist der Rückzug aufs periodisch Aktualisierte, algorithmisch Gestützte; die Schuhe, die zum Gürtel passen, buttergelber Minimalismus und all das. Wirklich guter Geschmack dagegen bejaht das Verschobene, Unverabredete. Wie «Territorium» ist auch «Geschmack» im Herzen ein Verb. Noch ist er nicht quantifizierbar, und das stört die Entrepreneure in ihren puderblauen Palantir Chore Coats. Taste is the new disruption – das kennen wir schon.
Dieses gewisse Etwas also – die Architekten sind sicher, dass Rama es hat. Das Studio Stefano Boeri druckt in seiner «Akte» das mittelalterliche Fresko Die Allegorie des guten und schlechten Regierens ab. «Consultations», heißt es indes bei den Deutschen von Bolles+Wilson, seien zwar «politically correct, but every ship needs a captain». Und so tendieren die Entwürfe in The Albanian Files überhaupt zum megalomanen Humor. Alles, nur keine «normalen Häuser»: organische Formen, mal inspiriert von Schmetterlingsflügeln, mal vom bärtigen Kopf des Nationalhelden Skënderbeu. Fantasien von synthetic natures und sponge cities. Barozzi Veiga wollen gleich ganze artificial landscapes bauen.
Neben der neuen Pyramide haben die Architekten von MVRDV eines der derzeit hässlichsten Hochhäuser Albaniens zu verantworten, dessen Balkone wie Pixel einer unscharfen, topografischen Landeskarte aus der Fassade ragen: Das Terrain wird zum Ornament. Das spiegelt ironischerweise die erste, von Rama beendete, ungehemmte Phase postsozialistischer Stadtentwicklung, als die Betonblocks, Stück für Stück umgebaut, regelrecht metastasierten: Balkone und Gewächshäuser, Hütten und Anbauten. Aus Gärten wurden Parkplätze, und der Asphalt, der sie versiegelte, wurde wieder aufgerissen, um den Fundamenten der ersten, bescheidenen Wolkenkratzer zu weichen, bezogen von jenen, die das Hinterland endlich verlassen konnten.
### Böse Häuser
Das Wort Rendering hat eine Fülle von Bedeutungen. To render someone speechless, someplace unusable: jemanden sprachlos, einen Ort unbenutzbar machen. To render a service: einen Dienst erweisen. A rendering of a song: die Interpretation eines Liedes. In der Informatik bezeichnet das Rendering die Umrechnung von Rohdaten in ein Ergebnis, das Menschen wahrnehmen, hören, sehen können. Webseiten, PDFs, Digitalfotos: Wir sind von Renderings umstellt. Manche werden manifest, wie bei de Chirico und Moore: europäische Gemälde, die ein Amerikaner nachbaut. Andere sind nicht verwirklicht, sondern latent. Das, was noch nicht errichtet wurde, aber so gezeigt, als stünde es schon. Das ist die Geometrie des Baus, da fällt Licht ein, bewegen sich Menschen, grünen die Schwämmchen winziger Baumkronen.
Das Modell ist der Vorläufer des Renderings. Erinnert das Modell an ein Bühnenbild, so gleicht die vom Rendering projizierte Welt einem Filmstill. Aus verschiedenen Dateiformaten synthetisiert, hat es eine äußerst hohe Auflösung – bei geringer Reichweite. Nur Architekten, Auftraggeber und Entscheidungsträger sehen es in dieser offiziellen Form. Erst wenn der Bau des Gebäudes beschlossen wird, vergrößert sich die Reichweite, und das Bild – um mit Hito Steyerl zu sprechen – verarmt. Screenshots gehen an Architekturzeitschriften, werden auf Vorträgen gezeigt oder auf Instagram hochgeladen, wo Konkurrentinnen und Interessenten die Bilder wiederum kopieren, zuschneiden, weiterleiten. Sie werden auf Papier oder LKW-Plane gedruckt, in Zeitungen und an Bauzäunen publiziert.
Und so verwundert es, dass bei all der Rede von Jared Kushners Projekt auf der Insel Sazan, von den saudischen und katarischen Geldern, die er dort investiert, gleichzeitig kaum davon gesprochen wird, wie diese Häuser aussehen sollen. Dabei zirkulieren ihre Renderings seit mehr als zwei Jahren: Karikaturen nachhaltiger Bautrends, keine Türme, ganz im Gegenteil: von unmöglichem Fels eingefasste, mit ihrer Umgebung verschmelzende, böse Hobbithäuser. Fenster wie Glasaugen – glänzende Prothesen, die deinen Blick nicht erwidern.
Und früher? Flankiert von seinen 26 engsten Freunden lebte Enver Hoxha im abgeriegelten, der Parteiführung vorbehaltenen Viertel Blloku. An einer Fassade der Nachbarschaft stellt das namenlose Relief Thoma Thomais und Kristaq Ramas noch heute die ideale sozialistische Familie dar. Vater, Mutter, Kind, tatkräftig und gesund, wie Adam und Eva im Paradies oder die Boys bei Breker. Normale Staatsbürger bekamen den schal gewordenen Versuch elitärer Selbstvergewisserung erst 1990 zu Gesicht.
Hoxha bewohnte eine zweistöckige Villa aus der italienischen Besatzungszeit, die in den Siebzigern um einen wesentlich größeren, schnörkellos-zeitgenössischen Anbau erweitert wurde. Der Schweizer Fotograf Philipp Funke hat die plüschigen Sitzpolster, gedämmten Türen und erstaunlich normalen Badezimmer des Gebäudes noch einmal dokumentiert, bevor die (nicht in The Albanian Files erwähnte) Firma Niney et Marca zur Renovierung anrückte. Die Regierung übergab das Haus an die französische Stiftung artexplora, die dort Künstlerresidenzen abhält, um die Stätte zu «reappropriieren»: Aus einem Ort, an dem einmal Isolation geplant wurde, werde so ein Zentrum internationaler Begegnung. Das wirft die Frage auf, ob es überhaupt in der Hand der Beteiligten liegen sollte, diesen Ort neu aufzusetzen. Wurde Ceaușescus Villa durch ihre totale Konservierung zum Ort des Gedenkens gemacht? Entmythologisierte die BRD die Wandlitzer Villen, indem sie sie an einen privaten Klinikbetreiber verscherbelte? Abgestimmt hat man auch über diese Verfahren nicht.
Schöne Zweite Welt
Das englische «model», von dem de Graaf in seinem Brief spricht, meint «Vorbild». Ist Albanien das vorbildliche Land aus Brechts Lösung? Darin heißt es: «Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?» Es scheint so. Die in The Albanian Files präsentierten Projekte und die Enteignungen und Vertreibungen, die ihnen vorausgehen, sie sind ja der Ruf nach eben diesem temporären Volk aus Investoren und Kriminellen, Strand- und Ramadantouristen. Die Frage ist nur: Werden sie wirklich kommen? Und wenn – was dann?
Das Buch heißt The Albanian Files, vom albanischen Staat aber ist, jenseits der Person Rama, nur in Abgrenzung die Rede, etwa von der isolationistischen Diktatur oder von demokratischen Bauregularien. Stattdessen spricht etwa das Büro Andrea Caputo vom «territory». Der Begriff verweist im architektonischen Jargon nicht bloß auf einen Staat oder eine in ihm befindliche Landschaft, sondern auf die Idee, dass die Umwelt das eigentliche Material der Architektur sei. Macht das den Weg frei für eine Architektur ohne Staat?
Eine verwandte, da scheinbar gegenteilige Idee – ein neuer Staat, wo vorher keiner war – brachte Rama schon 2024 ins Spiel, als er einen von Albanien umschlossenen, Vatikan-gleichen Stadtstaat für die religiöse Gruppe der Bektaschi vorschlug. Das elf Hektar große Gelände in Tirana enthielt bereits repräsentative Tempelbauten. Hier ging es nicht um die Architektur oder die Frage nach ihren Materialien, sondern um ihr Substrat: Worauf sitzt sie? Ein Ensemble aus Grundstücken – selbst Gegenstand jahrzehntelanger Restitutionskämpfe – sollte zu seinem eigenen nationalen Territorium erklärt werden. Das roch nicht nur nach Steuertricks und Offshore-Visionen, sondern störte auch verschiedene religiöse und säkulare Akteure, und so wurde die Idee erst relativiert – gemeint gewesen sei lediglich ein «spiritueller», symbolischer Staat – und dann verworfen.
In The Albanian Files aber wird weitergeträumt. So denken Anupama Kundoo Architects gleich an eine völlig neue, 50.000 Einwohner starke Stadt. Zum Vergleich: Mit Vlorë befindet sich aktuell nur ein einziger Ort mit mehr als 50.000 Einwohnern jenseits des Ballungsgebiets Tiranë-Durrës. In die neue Stadt sollen internationale Künstler, Sportler, Wissenschaftlerinnen und Unternehmer ziehen. Architektur, die gleich ihre eigene Gesellschaft mitbringt: Das erinnert an die Charter-City-Visionen des von Peter Thiel kofinanzierten Wagniskapitalfonds Pronomos, mit seinem Seasteading Institute (staatsfreies Leben auf See), seinen Freedom-City-Plänen (in Grönlands ewigem Eis) und dem Projekt Próspera (auf der Karibikinsel Roatán). Nachdem Honduras mit der Legalisierung von Sonderverwaltungszonen die rechtliche Grundlage für Próspera geschaffen hatte, wurde der Vorgang später für verfassungsfeindlich erklärt. Die beteiligten US-amerikanischen Unternehmen drohten Honduras vor einem Schiedsgericht der Weltbankgruppe auf zehn Milliarden Dollar zu verklagen, was einem Drittel seines Bruttoinlandsproduktes entspricht. Mittlerweile ist nur noch von einer Milliarde die Rede. Von den historischen Bananenrepubliken bis zu den heutigen Privatstädten mit ihren Paw Patrol-mäßigen Milizen – solange die US-Hegemonie über supranationale Organisationen wie die Weltbank und privatwirtschaftliche Kontrollinstrumente wie Ratingagenturen Bestand hat, werden solche antistaatlichen Unternehmungen durch Staatsmacht gedeckt.
Den USA ist eine Reihe kleiner Länder gegenübergestellt, die den Rahmen für diese Träume liefern: Sie gestatten Investoren und politischen Verbündeten, was ihnen kein anderer erlaubt. Aber die Grenzen zwischen Erster Welt und dem Rest verschwimmen. Wenn Trump die Tageslimits der Nationalparks kippt und die Amerikaner ihre mythischen, den als Vorgängern apostrophierten Anderen entrissenen Landschaften (vgl. Negev, Tunceli, Mark Brandenburg) nun also zerstören, indem sie sie besuchen (Parken auf der Wiese, Müll und Exkremente, Stau auf dem Half Dome) – befinden wir uns dann nicht in genau jener Zweiten Welt, in der Schönes erst zerstört und dann privatisiert wird? Die Rede von der Tragik der Allmende ist die erste Eskalationsstufe jeder Enteignungspolitik.
Das fettigste Stück
Das New Yorker Büro Archi-Tectonics zeigt sich inspiriert von der traditionellen kulla, einer mehrstöckigen Struktur: Auf Ställe im Erdgeschoss folgt eine Wohnung im ersten Stock und darüber die Männerräume und eine Wehranlage mit Ausguck. So wurden in den nordalbanischen Hochebenen jahrhundertelang Selbstverteidigung, Selbstversorgung und soziale Reproduktion räumlich verschränkt. Unklar, was das zu tun haben soll mit dem gigantischen Mixed-Use-Komplex, den das Büro am Stadtrand Tiranas in Laprakë entwirft. Auch sein Ali Visha Tower mit den spektakulären Terrassen steht noch nicht. Wird überhaupt jemand dort einziehen? Wer kann sich das leisten? Nur 5,4 % der albanischen Familien leben in nach 2016 errichteten Gebäuden. Von welcher Zukunft erzählen Archi-Tectonics’ vor Morgentau funkelnden urban forests?
Stand eine kulla leer, konnte sie in der von Staatlichkeit relativ unberührten Gesellschaft des Nordens von jungen Männern auf der Flucht vor Blutrache bezogen werden. In der kulla versteckt, war man sicher, verließ man sie aber, etwa volljährig geworden, begab man sich in Lebensgefahr. Die leere, provisorische, von einem Einzelnen bewohnte kulla: Sie ist das Zeichen einer kranken, unabwendbaren Zukunft, des Todes selbst.
Barozzi Veiga indes präsentieren das offenkundig KI-generierte Bild eines traditionellen Empfangszimmers (oda), dessen venezianisch-falsche, ungut opulent verzierte Fensterfront in ein grelles, weißes Nichts blickt. «The memory of the oda (…) inspires us», heißt es darunter. Bloß: Wer erinnert sich, dreißig Jahre nach dem Fall der Diktatur und siebzig nach ihrem Beginn, nach Jahrzehnten von Zwangsmodernisierungen und Zwangsumsiedelungen denn wirklich noch an so eine oda? Wie viele Menschen im heutigen Albanien haben eine traditionelle oda außerhalb eines Museums gesehen? Und wie viele haben das mit einem Klappsofa, Vitrinen und Stickdeckchen ausgestattete Wohnzimmer im Betonblock oda genannt? Haben das Kinderzimmer, kam Besuch, zur oda umfunktioniert? Oder in ihren mit Hochglanzfliesen und schwarzer Ledergarnitur ausgestatteten Feldrandpalast geladen, wo in der blau glühenden Glotze erst Dallas lief und später dann die in einem Turiner Einkaufszentrum spielende Soap CentroVetrine?
Barozzi Veigas KI-«Erinnerung» ist digitaler Ethnokitsch, der das Gewesene entwertet und die stete, asynchrone Veränderung der Begriffe unterschlägt. Immer wieder beziehen sich die Büros in The Albanian Files auf Wörter wie oda oder besa (das gegebene Wort), Konzepte wie Ehre (zum bloßen Stolz neutralisiert) oder das zur Gastfreundschaft verkürzte Gastrecht, das wie die Xenia, die Odysseus so oft den Arsch rettet, eigentlich auf Gegenseitigkeit beruht. Der Fremde kriegt das fettigste Stück. Und auch wir werden, einmal fremd, das beste, das fettigste Stück angeboten bekommen.
Landschaft, ausgelassen wie ein Batzen Schmalz. Licht, Stimmung, Brise – das, wonach wir uns sehnen, was wir verkaufen können: mall, konzentriert. Eine ausgelassene Gesellschaft ist eine vergessene. Eine, die fehlt. Dass traditionelle Erzählungen und Rituale vereinfacht werden, damit man sie besser verkaufen kann – das begegnet einem in Südtirol oder Phuket genauso. Der albanische Fall unterscheidet sich nur in einem Punkt: Die hier zum Mythos stilisierten sozialen Zwänge dienten bis weit ins zwanzigste Jahrhundert dazu, Verbindlichkeit zu schaffen – an Staates statt. Auf das anschließende kurze Jahrhundert enthemmter Staatlichkeit folgen nun andere Formen sozial vermittelter Gewalt. Ist ein Leben ohne Staat aber auch eines ohne Ort?
Man begegnet in The Albanian Files Schwachsinn à la «a region traditionally noted for its culture, traditions and folkore» (Lina Ghotmeh) oder «water seems to be an important element» (Toyo Ito). Einen zubetonierten, baumfreien Stadionvorplatz beschreiben Archea Associati eiskalt als «ancient Greek marketplace». Und Luca Dini schreiben über ihr Projekt in Dhërmi «it recreates Mediterrenean coastal villages with an exclusive vibe, immersing visitors in Mediterrenean culture while honouring Albanian tradition». Diese Vorstellung von Mediterranität ist nicht geografisch, sondern memetisch. Die Verbreitung ist der Punkt. Kopien des Bewährten, lukrativer Tasteslop: Ricardo Bofill mag tot sein, sein Style spawnt ewig weiter, verarmt, deformiert, auf sich selbst zurückgeworfen. Mittelwert Mittelmeer: Mal sieht’s nach Sizilien aus, mal nach Marokko, eigentlich aber nach den glossy, stochastischen Kompromissen zwischen diesen beiden Orten, wie auch KI sie ausspuckt. Was diese Riads und Piazze, Türmchen und Kuppeln etwa von den historisch gewordenen, aber ja auch einmal Mashup gewesenen neomaurischen Villen in Kalifornien unterscheidet: Sie sind nicht für die Lebenden. Sondern für die Schatten und Puppen aus den geisterhaften de-Chirico-Welten.
Natürlich werden die hier gerenderten Gebäude einen neuen Stil prägen. Sie werden sich einschreiben in Landschaft und Geschichte. Nur ist es eben nicht die Geschichte der Gegend, in der sie stehen. Oder derer, die sie bauen. Dabei kommen viele der Büros mit Portugal, Spanien, Italien selbst aus Gegenden, die von Emigration und Tourismus zerfleischt wurden. Das verleiht ihren Architekten die Souveränität des ethischen Freiers: Wenn ich diese Nutte nicht ficke, wird es ein anderer tun, wer weiß, wie grausam der ist. Derweil kommentieren die Bürger auf Instagram unter den pastelligen Fassaden eines neuen Urlaubsorts: «wenn Positano in Dubai läge», oder: «Positano auf Temu bestellt». Diese Vergleiche verkennen allerdings, dass China und die Emirate (anders als Albanien oder Italien) massiv in öffentliche Infrastruktur und die Interessen ihrer Bürger respektive Untertanen investieren.
Zukunft in Ruinen
In Charles Moores Piazza d’Italia gab es nach ihrer Fertigstellung 1978 keine weiteren privaten oder öffentlichen Investitionen, sodass die Struktur bald als eine der ersten postmodernen Ruinen galt. 2004, als Edi Rama zum World Mayor gewählt wird, gibt die Kommune dem Ort eine neue Chance. Durch die bei der Renovierung umgesetzten Flutschutzmaßnahmen (und etwas Glück) überlebt der leere, ungenutzte, niemals selbstverständlich gewordene Platz mit dem irisierenden Springbrunnen den Hurricane Katrina, der eine ganze Stadt zur Ruine macht.
Die Fassaden der kommunistischen Blocks, vor allem die, die sich Ramas Farbaktionen entziehen konnten, scheinen indes nicht zu altern. Sie sehen genauso scheiße aus wie immer. Kein Erdbeben kann ihnen etwas anhaben. Ihre Treppen winden sich um eine Leere, die heutzutage einen Fahrstuhl enthielte. Damals, als diese Blocks errichtet wurden, lag auf dem Betonkarree ein Hackklotz fürs Feuerholz.
Die schönen Gebäude in The Albanian Files gleichen solchen Behelfsstrukturen, Eingriffen, die sind, um zu: die Bushaltestelle, das Besucherzentrum, die Brücke, die Tankstelle. Aber auch das Elitäre kann schön sein, Davide Macullos Gated Community Farkë Hills zum Beispiel. Man kann sich vorstellen, dass diese Häuser einmal bewohnt werden, man sieht sie schon lustwandeln, die in Leggings gewandeten Mütter mit ihren Balayage-Locken, am Ufer des in echt noch abnormaler als in den Renderings glitzernden Stausees, der sein Leben im letzten Jahrhundert als Bleistiftzeichnung auf Millimeterpapier begann.
Was passiert eigentlich, wenn Territorium neu erschaffen wird? Muss es andernorts verschwinden? Versinkt es in den Untiefen des Pazifischen Feuerrings, nur um woanders als neue Kruste hervorzukommen? Und wenn ich sie voreilig abziehe, wer blutet dann?
Die Territorialisierungsakte aus The Albanian Files werden von Akten der Deterritorialisierung begleitet. So befindet sich das Flüchtlingsgefängnis in Gjadër im Land Albanien, im italienischen Rechtssystem und an der Außengrenze Europas zugleich. Der Regler wird permanent verschoben. Klar: Dort, wo es einen Staat gibt, kann es kein Gastrecht geben. Italien ist dort, wo seine Gesetze gelten, seine Knäste liegen. So entkleidet sich das neue Albanien in jenen ikonischen Gebäuden, die in diesem Buch gerade nicht abgebildet werden: die unmusealisierte, verfallene Ruine des Gefängnisses für politische Häftlinge in Spaç, wo die Väter der einen die Väter der anderen einsperren und umbringen ließen. Der Compound der iranischen Volksmudschahedin, einer maoistisch-schiitischen Sekte, die auf Wunsch der USA kollektives Asyl in Albanien genießt. Das temporäre Eagle Stadium, in dem Kanye West spielte, auf- und wieder abgebaut für einen einzigen Abend: 25.000 Gäste auf 60.000 Plätzen.
Scales of Failure: das ausgetrocknete Betonbecken der heißen Quelle in Bënjë, dessen Austrittsöffnung künstlich vergrößert wurde, um noch mehr Touristen unterzubringen. Spatzen, Steine, Missernten. Der Blick streift immer weiter südwärts, wo die Waldbrände hinter Dhërmi – Inferno – die leerstehenden Rohbauten anderswo längst Großväter gewordener Auswanderer mit ihren nach oben ragenden Stahlstützen für zukünftige, nie gebaute zweite Stockwerke in Flammen aufgehen lassen. Wo an wackligen Stegen jene Jachten andocken, deren von der Gischt angespülte, kleine Benzintröpfchen den Strand verpesten, weswegen ihre Besitzer ja erst immer weiter rausfahren müssen. Vom offenen Meer aus haben sie dann freie Sicht auf all die Häfen und Buchten und Landzungen, und sehen trotzdem nichts: An einer unscheinbaren Stelle nördlich des Vjosadeltas verschwindet die Transadriatische Pipeline auf ihrem Weg von Aserbaidschan nach Europa unterm Meer. Und weiter südlich baut man sie noch, die Terminals für katarisches Flüssiggas bei Zvërnec, gleich an der Lagune. Infrastruktur, die über Kriegsverläufe entscheidet, unterirdisch, menschenlos, anders als die wie Mücken die Erdkruste auszuzelnden, primitiven Erdölpumpen aus sozialistischer Vorzeit.
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Die Busse ins Landesinnere fahren im Morgengrauen. Dorthin, wo aus unsanierten Leitungen Erdöl und Bitumen ungehindert zwischen Hügel sickern, auf denen niemand mehr lebt. Ruinierte Gegend, deren Abkömmlinge sich anderswo ruinieren. Und weiter, zu den Minen, die die Investoren mitunter erst reich gemacht haben. Hier würden albanische Arbeitsschutzgesetze gelten, wenn sie denn gälten. Fatos Lubonjas Denkmal für die in Spaç Inhaftierten sind schlicht die Stützen jener Stollen, in denen die nach Kupfer und Katzengold graben mussten – Materialien, ohne die nichts gerendert werden kann. Die Streben weiß, von den Grubenlampen wie von einer schwachen Sonne ausgeblichen, elfenbeinerne Stoßzähne oder der Brustkorb jenes Wals, in den sich der ungehorsame Jona, der erste Gewissenshäftling, zurückzieht.
Die Bergwerke befinden sich in einem Staat. Oder ist es andersherum, schmiegt sich der Staat um die Bergwerke? Ex- oder Enklaven? Begleitstoffe der Edelstahlproduktion: Chrom und Nickel, Kokain. Geförderte Rohstoffe, wegbeförderter Menschenmüll: Das ist die Freiheit, von der im Untertitel der Albanian Files die Rede ist. Diese Freiheit ist nur eine Form, und die Demokratie, die Abhelakhs Architekten und Auftraggeber meinen, ist, was diese Form an ihrer Entfaltung hindert.
The Albanian Files ist Operationsmittel jener Politik, deren Ergebnisse es vorgeblich nur dokumentiert. Es ist Teil der Territorialisierung, die es abbildet. Nur angemessen für eine zukünftige Gegend ohne Bürger. Hier trifft sich dann der Überschuss der Waffenhändlergesellschaften: abgeschobene Flüchtlinge hier, Emigranten auf Heimaturlaub da. Und eine rasant wachsende Zahl erschöpfter Eurosummer-Babes zwischen ihnen, ausgelassen in der Meeresbrise. Renderings außer Kontrolle: grobe Pixel, falsches Kraut, seltsam glattes Gestein. Scheiß drauf. Wir bestellen noch einen Espresso im gläsernen Schatten der Wachtürme – für Datenzentren ist es einfach zu heiß hier.
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