Konstanz University Press Jan 2025 €26 162 pp.
In Frankreich ist Jean Paulhan auf eigentümliche Weise berühmt; hierzulande ist er – auch unter romanistischen, linguistischen oder sprachphilosophischen Fachleuten – weitgehend unbekannt. Fast fünfzig Jahre lang, von 1920 bis zu seinem Tod im Jahr 1968, war er Herausgeber der 1908 gegründeten Nouvelle Revue Française, deren Bedeutung über die Jahre vielleicht etwas abnahm, die aber immer eine der renommiertesten Literaturzeitschriften des Landes blieb. Beinahe ebenso lang war Paulhan Cheflektor von Gallimard, einem der wichtigsten französischen Verlage. In Fragen von Literatur war er eine nachgerade absolute Autorität. Seine Briefwechsel mit den damals wichtigsten Autoren geben Aufschluss über den literarischen Betrieb, aber auch über Fragen literarischer Urteilskraft. Ein Detail aus Houellebecqs Roman Die Unterwerfung von 2015 zeigt seine epochale Bedeutung. Der Kultur- und Wissenschaftsminister der revolutionären islamischen Regierung ist besonders stolz darauf, in dem Haus zu leben, das einst Paulhan bewohnt hatte.
Zudem und vor allem hat Paulhan literarische Erzählungen und Essays publiziert. Seine auf sieben Bände angelegten Gesammelten Werke erscheinen seit 2006 bei Gallimard, dazu umfassende Ausgaben seiner Korrespondenz. Wie schon zu Lebzeiten wird Paulhan außerhalb literarischer Zirkel jedoch kaum gelesen; seine Texte erschließen sich auch nicht leicht. Und nur wenig wurde bislang ins Deutsche übersetzt. Seine Essays behandeln Probleme der Sprache, der literarischen Kritik und der Sprachphilosophie. Titel wie Über einen Mangel des kritischen Denkens, Kleines Vorwort zu jeder Kritik, Der Schlüssel der Poesie zeigen, dass seine Reflexionen ins Grundsätzliche zielen.
Die Summe von Paulhans sprachphilosophischen Gedanken bietet der 1941 veröffentlichte Essay Die Blumen von Tarbes; eine deutsche Übersetzung von Hans J. Frey wurde 2009 im Engeler Verlag publiziert. Unmittelbar nach seinem Erscheinen hat Maurice Blanchot in einem längeren Rezensions-Essay unter dem Titel «Wie ist die Literatur möglich?» die weitreichenden Implikationen des Essays erkennbar gemacht. Beide Texte sind grundlegend für die Diskussionen über Fragen der Literatur allgemein und hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der literarischen Kritik der Nachkriegszeit.
Kulturelle Differenz und Korrespondenz
Bei Konstanz University Press ist soeben ein Band mit ausgewählten Essays von Paulhan in deutscher Übersetzung erschienen: Die Erfahrung des Sprichworts. Ethnographische Texte. Sie stehen im Zusammenhang mit seinem Aufenthalt als Französisch- und Lateinlehrer von 1908 bis 1910 in der damals französischen Kolonie Madagaskar. Der titelgebende Essay über die Kultur der Sprichwörter auf der Insel stammt von 1925; er zeigt allerdings auch, dass die Klassifizierung der Texte als «ethnographisch» die Aufmerksamkeit etwas unglücklich lenkt. Der Herausgeber und Übersetzer Bernhard Stricker verweist in seinem Nachwort selbst auf die in ethnologischer Hinsicht methodischen Mängel und merkt an, die Texte seien «Ursprung und Quelle» von Paulhans «sprach- und literaturtheoretischen» Studien; sie sind sogar großenteils parallel zu ihnen entstanden.
Einleitend überlegt Paulhan, dass die Schwierigkeiten, die er darstellt, nicht nur für die madagassische Sprache gelten, sondern «allen Sprachen gemeinsam» sind. Die Erfahrung, die er mit der besonderen Sprache machte, bildet den Ausgangspunkt für seine allgemeinen Reflexionen über Sprache und Literatur, Rhetorik und Sprachphilosophie. In einem 1939 gehaltenen Vortrag vor dem Collège de Sociologie vermerkt er, die Erfahrung mit den madagassischen Sprichwörtern zeige «nichts, das nicht seit Jahrhunderten bekannt gewesen wäre». Er führt europäische Sprichwörtersammlungen des 16. Jahrhunderts an, die das Sprichwort als Mittel charakterisieren, «in jedem Streit den Sieg davonzutragen» oder «auf jede Frage eine Antwort» geben zu können. Es handelt sich bei der madagassischen Sprichwörterkultur um «dieselben Erscheinungsformen wie sie sich in Europa finden». Von den alttestamentlichen Weisheitsbüchern über Plutarch bis zu Erasmus von Rotterdam waren Sprichwörter Gestalten «erhabener Philosophie» in einer alltagssprachlichen Form. Es geht Paulhan um «die älteste und zugleich naivste menschliche Frage: Wie spricht man überhaupt? Wie bedient man sich der Sprache?»