Während meiner Reise in die Ukraine Ende Juli 2023 bewege ich mich im Strom Reisender und Geflüchteter. Letztere kehren für ein paar Wochen oder vielleicht Tage in ihre Häuser zurück und schauen auf das zurückgelassene Leben, fast so, als prüften sie, ob man schon heimkehren kann. Oft scheint es, dass es keinen Weg zurück mehr gibt. Dann, plötzlich, vergeht dieses Gefühl.

Eine junge Frau aus meinem Waggon, aus dem Nachbarabteil, will über Kyjiw nach Charkiw weiterfahren. Diese Stadt lebt gerade in einem unaufhörlichen Luftalarm. Der Alarm wird derart häufig ausgerufen, dass es üblich ist, ihm keine Aufmerksamkeit zu schenken. In Wellen kommen die Tage und Wochen, an denen die Alarmsignale in Charkiw alle zwei Stunden erklingen. Sich zu verstecken hat keinen Sinn. Die Läden haben weiterhin geöffnet und es bleibt einem nichts anderes übrig, als über jegliche Bedrohung aus der Luft auf fatalistische Weise nachzudenken.

Kyjiw hingegen erscheint mir gerade wie ein weniger gefährlicher Ort, obwohl auch dort die Splitter von Raketen oder Drohnen ganze Etagen von Büro- und Wohngebäuden zerstören. Seit dem Frühjahr ist Kyjiw andauernden, erschöpfenden Attacken ausgesetzt. Ich weiß, dass meine älteren Verwandten über Wochen und Monate an Schlaflosigkeit leiden. Nachts, während des Luftalarms, setzen sie sich in ihrem kleinen Korridor auf den Boden, um den Beschuss am sichersten Ort der Wohnung zu überstehen. Um in den Schutzbunker zu gehen, fehlt ihnen die Kraft.

Trukhaniw Insel, Kyjiw, Augugst 2023, Foto: Yevgenia Belorusets

Es wird oft darüber gesprochen, dass der Krieg die ukrainische Gesellschaft zusammenbringt. Aber mir scheint, dass die Erfahrung, in einer etwas geschützteren Stadt zu leben, nicht vergleichbar ist mit dem, was die Städte mit nahezu ungeschütztem Himmel erleben. In den halb zerstörten Häusern des Stadtteils Saltiwka in Charkiw, wo es vielerorts keine ununterbrochene Strom- und Gasversorgung mehr gibt, leben schon wieder Menschen. Die Stadtbewohner kehren aus den europäischen Städten wie auch aus dem sicheren Westen der Ukraine nach Charkiw zurück. Für so eine Rückkehr kann es verschiedenste Gründe geben. Sie alle aufzuzählen, hätte keinen Sinn; es sind genauso viele wie die, die zum Wegfahren bewegen.

Die ukrainische Künstlerin Alina Kleytman ist jetzt in Charkiw. Gestern erzählte sie mir davon, wie sie mit einer Kamera Orte ihrer Kindheit besuchte, irgendwo in den Tiefen von Saltiwka. Sie sah fast bis auf die Grundmauern zerstörte Häuser, wo hinter einer einzigen heil gebliebenen Fensterscheibe abends noch Licht brannte.

Eine wie durch ein Wunder verlegte Stromleitung oder eine Lampe, die im Akkubetrieb läuft: Das Feuer des «häuslichen Herdes» inmitten der Ruine beschwört wohl ein Bild herauf, das an die Kulissen eines Filmes über die letzten Tage der Menschheit erinnert. Die Ruine erhält ihren Sinn ausgerechnet durch das Leben, das ihr diejenigen einhauchen, die hartnäckig an dem Ort bleiben, dem sie verbunden sind. Ohne dieses Feuer wäre so ein Ort nur ein toter Steinhaufen. Es ist, als ob das brennende Fenster eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen würde. Es bezeugt mehr als nur die pure Zerstörung.

Als Alina und der sie begleitende Fotograf versuchten, ein paar Fotos zu machen, kamen aus dem Keller des Hauses, gewissermaßen aus dem Nirgendwo, Menschen und begannen, wortlos Schotter und kleine Steine aufzuheben und in ihre Richtung zu werfen. Niemand versuchte, die ungebetenen Gäste zu verletzen. Man forderte sie nur dazu auf, sofort wegzugehen.

Ich vermute, der Gedanke, dass diese Katastrophe für jemanden zum Spektakel oder zum «Erinnerungsfoto» werden könnte, und sei es in Form einer Reportage über die Kriegszeit, erschien den Bewohnern dieses Hauses unerträglich. Die Kluft zwischen jenen, die herkommen, um das Geschehene zu dokumentieren und denjenigen, die es ununterbrochen erleben, ist zu groß geworden. Meine Freundin versuchte niemanden zu überreden oder ihre Absichten zu erklären. Sie ging unverzüglich weg.

Ist es möglich, eine Realität zu dokumentieren, die weder der Fotograf noch die Menschen, die auf dem Bild erscheinen, akzeptieren wollen? Sie gleicht allzu oft einem wiederkehrenden Albtraum, besonders wenn die Medien eindringen, um diese Realität darzustellen und zu reproduzieren. Ohne solche Darstellungen kann man in dieser Realität leben, indem man sich auf die Kleinigkeiten und alltäglichen Sorgen konzentriert. Man muss sich dann nicht auch noch den gleichgültigen, interessierten oder mitleidigen Blick des Betrachters vorstellen. Ohne Darstellung kann man sich etwas Zeit nehmen, um nur mit dem eigenen Blick umgehen zu lernen.

Ich stelle mir diese Fragen. Dieses Fragment eines Kriegstagebuches scheint mir von vornherein sinnlos zu sein, weil es zu einem Zeitpunkt geschaffen wird, an dem ein Ende des Krieges nicht sichtbar ist. Während ich schreibe, entwickle ich gegen meine eigenen Gedanken den Verdacht, dass sie den Krieg normalisieren könnten. Ich spüre die Gefahr, dass der Krieg zu einem rechtmäßigen Zustand wird, mit dem man rechnen musste wie mit einem ordinären Geschehen. So hielt ich früher Kriegsgesetze für verbrecherisch, da sie Mord und Vernichtung auf eine bestimmte Weise legitimieren. Aber in diesen Kriegsmonaten beginne ich, meine Ansichten auf diese Gesetze zu gründen. Sie enthalten die Überreste von Vorkriegsvorstellungen über die Menschenrechte.

Trukhaniw Insel, Kyjiw, Augugst 2023, Foto: Yevgenia Belorusets

Meine junge Waggon-Nachbarin fuhr nach Charkiw, ohne jeden Zweifel daran, dass sie dort in Sicherheit sein und dass schon «alles gut» werden würde. Sicherheit verlieh ihr der Gedanke, dass ihre Verwandten im Laufe des gesamten Krieges genau in Saltiwka gelebt haben und leben, in der am stärksten betroffenen Wohnsiedlung der Stadt.

Wir standen nebeneinander im Korridor, gegenüber von unseren geschlossenen Abteilen, in denen unsere Nachbarn schliefen. Vor meinen Augen entfaltete sie ihr sorgfältig verpacktes Reisefrühstück und teilte mir mit, dass sie im Haus ihrer Schwester übernachten werde, einem mehrstöckigen Gebäude, dessen Nachbarhaus vollständig zerstört ist. Sie sprach langsam und brach dabei kleine Brotstücke ab. Sie lächelte überhaupt nicht und wirkte auf ruhige und sachliche Art freundlich. An uns fuhren lange Wagenzüge vorbei, sie blinzelte unter dem stoßweise einfallenden weißen Licht. Wir befanden uns an der Grenze zur Ukraine und mir schien, dass ich dieses sommerliche direkte Licht wiedererkannte, als etwas Vertrautes und Nahes, das ich vermisst hatte, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Ich erinnere mich, meine Weggefährtin benutzte im Zusammenhang mit dem Haus ihrer Schwester die Wörter «schwarz» und «ausgebrannt» auf eine Weise, als hätte sie diese tausendmal zu sich selbst gesagt, um sich an sie zu gewöhnen – um die Wörter zu «entminen», die stärker auf die Fantasie einwirken als jedes Foto. Ich jedoch spürte, dass diese Wörter für mich überhaupt nicht entmint waren und fing wieder an, eine viel zu große Sorge um sie zu empfinden. Nur noch ein bisschen, und ich hätte angefangen, sie zu überreden, in Kyjiw zu bleiben und nicht nach Charkiw zu fahren. Und wieder schien mir, dass in Kyjiw jedem ein Leben in Sicherheit garantiert ist. Schließlich lebten meine Familie, meine Freunde und Verwandten während des gesamten Krieges dort. Ich selbst bin seit Kriegsbeginn für Wochen oder auch Monate nach Kyjiw zurückgekommen, in der Erwartung, hier leben und arbeiten zu können.

Für einige Kyjiwer, die da die gesamte Kriegszeit verbracht haben ohne wegzugehen, mögen schon kleinste Bedenken über die Sicherheit der Stadt wie eine Farce klingen. Sie begleiten ihre Familie und Freunde «zum Null», an die vorderste Frontlinie, die entlang von Feldern, Wäldern, verlassenen Dörfern verläuft. Selbst unter den Bedingungen anhaltender Angriffe scheint mir meine Heimatstadt, ein bekannter Raum, der sicherste Zufluchtsort zu sein. Bei mir zu Hause kann ich mich auf die Erinnerung von Sicherheit stützen, wenn es keine reale Sicherheit mehr gibt. Nicht auf eine vorübergehende, zerbrechliche, nur für Minuten anhaltende Sicherheit, die eine Atempause während des Schlagabtauschs bietet, sondern auf die echte, die irgendwo außerhalb der Idee des Krieges ist, dort, wo der Krieg als etwas Fremdes, Entferntes erscheint, das lediglich in Büchern, Erzählungen oder Nachrichten existiert. Für Kyjiw liegt diese Zeit in der Vergangenheit oder in einem phantastischen Paralleluniversum, in dem der Krieg nie begonnen hat.

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In diese Realität kann man auf dem Weg nach Kyjiw gelangen, wenn man die Unterstützung spürt, die die Menschen einander erweisen, ohne auch nur ein Wort über den Krieg zu verlieren. Mit mir im Abteil fahren eine russischsprachige junge Frau aus Kyjiw und zwei ukrainischsprachige Kyjiwerinnen. Jede versucht, Respekt gegenüber der Sprache der anderen zu zeigen, dabei zu helfen, die Koffer, die nicht unter die Sitze passen, im kleinen Abteil zu verstauen. Mir scheint, so war es vor dem Krieg. Oder ist eine solch betonte Fürsorglichkeit nur möglich, wenn man weiß, wie unzuverlässig die Ruhe eines gewöhnlichen Sommertages am Ankunftsort sein wird?

Während der letzten, von unaufhörlichen Raketen- und Drohnen-Attacken geprägten Monate hat sich Kyjiw, und womöglich die ganze Ukraine, in eine Insel verwandelt, die vom Rest der Welt wie abgeschnitten ist. Während ich dem Klopfen der Räder lausche, stelle ich mir vor, dass der Zug einen Ozean oder ein Meer durchquert, und es ist ungewiss, ob er zurückfahren wird. Der Raum um die Insel herum ist von tiefem Krieg erfüllt, die Kompassnadel findet ihn in allen Richtungen, in der Vergangenheit, und in der Zukunft. In den Momenten, in denen ich mir dieses Meer vorstelle, das Berlin von Kyjiw trennt, kommt es mir wieder so vor, als ob es nichts mehr zu besprechen gäbe. Es ist sinnlos, sich Sätze auszudenken, die Städte mit solch unterschiedlichen Lebensläufen verbinden könnten.

Der Krieg erweitert die Grenzen des Möglichen, dessen, woran man sich gewöhnen muss, wie an die «Nachrichten von der ukrainischen Front». In der Nähe von zerstörten Containerterminals oder brennenden Getreidesilos gibt es immer auch Menschen, die von den Angriffen betroffen sind. Russland, das die Sowjetnostalgie als Flagge dieses Krieges hisst, beschießt fast täglich mehrstöckige sowjetische Wohnblöcke aus der Chruschtschow-Ära.

Diese Schläge bleiben bisher zu sehr unbeantwortet. Die meisten internationalen Erklärungen basieren auf den kumulativen Effekten des Traumas: Diskutiert werden die Tausenden ukrainischen Kinder, die illegal nach Russland gebracht wurden, die Tausenden vermissten Zivilisten, die Tausenden illegalen Gefangenen, die gefoltert und aller Rechte beraubt wurden, die 170.000 zerstörten und beschädigten Häuser.

Auf meinem Handy und dem Handy meiner Zug-Nachbarin erscheint das Luftalarm-Symbol für Kyjiw. Der Zug nimmt Fahrt auf, wir verlassen den Grenzübergang nach langen Stopps, nach der Passkontrolle und der Zollabfertigung. Die Häuser und Felder im Fenster werden immer kleiner, dünne, doppelt erscheinende Bäume verkörpern die Schönheit der durch Bewegung verschwommenen Landschaft. Wir schauen beide aus dem Fenster.

Trukhaniw Insel, Kyjiw, Augugst 2023, Foto: Yevgenia Belorusets

Es gibt auch Menschen, die sich entschieden haben, weiterhin in einer von Russland besetzten ukrainischen Stadt zu leben. Meist sind das Ältere, die aus aller Kraft versuchen, so zu leben, als existierte der Krieg nicht, als sei er unmöglich, virtuell. Darüber sprach meine andere Mitreisende im Zug, die aus Donezk stammte. Sie hat ihre Eltern schon mehrere Jahre nicht gesehen: Sie kann nicht zu ihnen fahren, und sie können wegen ihres Alters und ihrer Erkrankungen Donezk nicht verlassen. Sie leben in der sich ständig verändernden besetzten Stadt, reden mit kaum jemandem außer ein paar wenigen sehr vertrauten Menschen. Zugleich versuchen sie, so zu leben, wie sie es früher vor der Besatzung getan haben. Um zu überleben, konzentrieren sie sich auf jeden einzelnen Tag, als ob sie ihn abgetrennt von der gemeinsamen Geschichte oder der Nachrichtenflut behandeln würden.

Der Direktzug von der polnischen Grenzstadt Chełm nach Kyjiw kommt um sieben Uhr morgens an. Ich fahre erst mit einem Minibus und gehe dann zu Fuß weiter. In meiner Jackentasche sind die Schlüssel zu meiner leeren Wohnung. Nachts gab es Luftalarm, aber jetzt sieht die Stadt so aus, als ob gleich der gewöhnlichste friedliche Arbeitstag beginnen würde. Auf der Wegstrecke, die ich zu Fuß zurücklege, durchlebe ich eine «Verzerrung des Erwachsenwerdens». Die Häuser kommen mir kleiner vor als früher. So schaut ein erwachsen gewordenes Kind auf die Heimatstadt, das nach langer Abwesenheit zurückgekehrt ist. Aber ich war nur zwei Monate nicht in Kyjiw gewesen. Es waren zwei Monate von fast täglichen Angriffen auf die Stadt, von täglichem Beschuss von Mehrfamilienhäusern in der Ukraine.

Während meiner Zeit in Kyjiw habe ich mich wieder an den Luftalarm gewöhnt. Wenn es einen Tag lang keinen gibt, scheint mir, dass etwas Seltsames und Verdächtiges geschieht. Außerdem ist mir eine kindliche Analogie zu ihm aufgefallen – die Ruhezeiten im Kindergarten, wenn man nichts tun darf, oder in diesem Fall eher, wenn es vorgeschrieben ist, an die Sicherheit und Gefahr zu denken und vielleicht deswegen das zu unterbrechen, was man vorher getan hat. Natürlich vernachlässigen die meisten Menschen, die ich treffe, all dies. Im Gegenteil, während des Alarms scheint es, als verließen sie ihre Büros, um draußen einen Kaffee zu trinken oder irgendwelche anderen dringenden Aufgaben zu erledigen. Es ist, als ob der Luftalarm zusätzliche Zeitfenster im üblichen Tagesablauf eröffnete.

Trukhaniw Insel, Kyjiw, Augugst 2023, Foto: Yevgenia Belorusets

Es ist bereits Anfang Juli. Das frühmorgendliche Sonnenlicht durchflutet die Straßen. Überall Blumenbeete, gemähtes Gras, gepflegte Bäume, wenige Passanten sind zu dieser frühen Stunde auf dem Weg zur Arbeit. Ich halte meine Kamera in der Hand und beschließe, ein paar Aufnahmen zur Erinnerung an diesen ersten Morgen in Kyjiw zu machen. Ich fotografiere die leere Straße, dann die Parkallee. Eine Frau, die ich in der Ferne durch den Sucher meiner Kamera sah, kommt auf mich zu und bittet mich, das letzte Foto zu löschen. Sie erzählt mir, dass sie jeden Tag eine Stunde früher aufsteht, um den langen sommerlichen Weg zur Arbeit zu Fuß zurückzulegen. Bei jedem solchen Spaziergang fürchte sie in letzter Zeit am meisten, in ein zufälliges Foto zu geraten. Ich lösche die letzten Aufnahmen, auf denen ihre kleine Gestalt zufällig auf der Horizontlinie zu sehen ist.

Am ersten Wochenende in Kyjiw fuhr ich gleich zur Metrostation Pochajna, die man nach wie vor Petrowka nennt. Das ist der alte Name, mit dem die meisten Kyjiwer nichts weiter verbinden als eine vertrautere Reihe von Lauten. Hier befindet sich der Büchermarkt, ein großes Gelände mit mehreren kleinen Kiosken, wo die antiquarischen Ausgaben verkauft werden, Bücher, die man nicht in Buchläden bekommt, private Bibliotheken, die Familien vor ihrer Abreise verkaufen. Heute fällt es mir nicht leicht, mit der Metro hierher zu gelangen. Am Morgen gab es mehrmals Luftalarm, die Metro fuhr nicht mehr. Ich konnte in einem Café warten, bis die Weiterfahrt wieder möglich war.

Endlich bin ich da. Es ist sehr heiß, einige Stände haben geschlossen, es gibt wenige Käufer. Ich gehe von einer offenen Ladentheke zur nächsten, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suche. Um mich herum höre ich Fragmente der Gespräche, die Bücherverkäufer miteinander führen. Irgendwann merke ich, dass hier viele die Mobilisierung ihrer erwachsenen Kinder besprechen. Manche dieser Kinder sind an der Front, manche gar an der vordersten, manche haben eine Vorladung erhalten.

Die Verkäufer gehören einer Generation an, die in der Sowjetunion geboren wurde. Beschreibungen der Front, der Ausrüstung, der ängstlichen Töne in den Stimmen verflechten sich miteinander. Ich versuche, wie ich es hier oft getan habe, mich nach alten und seltenen Büchern umzuschauen, aber meine ganze Aufmerksamkeit wird von den Gesprächen der Buchhändler angezogen. Als wäre es ein einziges Gespräch, das so viele sich ausgemacht haben, gemeinsam zu führen.

Für eine Minute vergesse ich, wie das Krankenhaus jetzt heißt. Ich weiß noch nicht, wie ich meine nächste Woche in Kyjiw gestalten werde, ich fühle mich in der Zeit verloren und entscheide, während meiner ersten Tage hier möglichst viel von dem zu tun, was ich als das Wichtigste erachte. Ich möchte meinen Bekannten, den Performancekünstler und Soldaten Bohdan Bunchak im Krankenhaus besuchen, wo er nach einer Verletzung an der Wirbelsäule liegt.

Ich beabsichtige, früh am Morgen hinzufahren, aber alle meine kleinen täglichen Aufgaben nehmen doppelt so viel Zeit in Anspruch und sind so aufwändig, dass ich mich immer wieder erholen muss. Während unseres Telefonats behauptete Bohdan zuerst, er brauche überhaupt nichts, ich solle nichts mitbringen. Dann, nach meinem beharrlichen Nachfragen, nahm er für mich eine Nachricht auf, in der er mit tiefer Stimme langsam, wie in einer Matheaufgabe für Kinder, die Lebensmittel aufzählte: Nüsse plus Rosinen plus Mineralwasser plus Ayran plus …

Bohdan hat auch Pfirsiche bestellt, aber ich finde sie nicht in den Läden neben meinem Haus, gehe weiter, die Sitschowych-Strilziw-Straße entlang. Ich gehe stolpernd, schaue in die Schaufenster der Läden und bemerke, dass ich alles tue, um mich zu verspäten. Die Straße ist voll, die Luft ist lauwarm und es gibt keine Gefahr. Der Luftalarm war heute noch nicht zu hören. Außerdem wohne ich immer noch im besonders «sicheren» Teil des Stadtzentrums. Hier werden nur sehr selten Häuser getroffen.

Auf dem Weg, noch im Treppenhaus neben meiner Wohnung, traf ich eine Nachbarin, die zusammen mit ihrem Mann aus Deutschland in die Ukraine zurückgekehrt ist. Wir standen etwas verloren nebeneinander und versuchten uns auszutauschen, was wir früher fast nie getan haben. Sie freute sich, wieder in Kyjiw, wieder zu Hause zu sein und ihrer früheren Arbeit nachgehen zu können. Ihr Unternehmen führt kleine Aufträge für die Kyjiwer Stadtverwaltung aus. Sie meinte, das Leben in Kyjiw sei wieder «normal» geworden, oder «fast normal», wie sie sich korrigierte.

Dann schlug sie mir vor, gar keine Nachrichten mehr zu lesen, um sich hier noch besser zu fühlen. Sie versuche, möglichst selten auf die Nachrichten zu achten und sich auf die Arbeit zu konzentrieren, fest zu glauben, dass das Zentrum von Kyjiw gut geschützt sei. Außerdem, teilt sie mir mit, habe sie endlich begonnen zu träumen! Ihr ganzes Leben lang hatte sie keine Träume gehabt und hörte immer nur die Träume ihres Mannes, die er ihr nacherzählte. Jetzt habe sich etwas verändert, sie träume fast jede Nacht. Wir verabschiedeten uns. Und dann wollte sie noch etwas sagen. «Leider», meinte sie, «träumte ich heute früh, wie eine Rakete in das Nachbarhaus einschlug. Und das ist ja keine angenehme Nachricht. Mit dieser Nachricht muss ich jetzt den Tag verbringen!», beklagte sie sich beim Abschied.

Es ist beinahe Abend, als ich endlich im Krankenhaus ankomme. Ich fahre mit dem Taxi, um mich nicht zu verspäten und genügend Zeit mit Bohdan verbringen zu können. Auf dem Weg erklingt der Luftalarm, und der Fahrer kommentiert enttäuscht und nervös: «Jetzt werden sie uns einfach nicht reinlassen. Sie werden Ihren Freund nicht besuchen können! Ich weiß schon Bescheid!» Ich widerspreche ihm und behaupte, dass wir auch während des Alarms ins Krankenhaus kommen. Der Fahrer wird wegen meiner Sturheit noch trübseliger.

Aber als wir am Tor des Krankenhauses sind, ist der Luftalarm schon zu Ende. Wir haben Glück, und jeder von uns bleibt bei seiner Meinung.

Die Neurologische Abteilung, wo Bohdan stationiert ist, scheint großzügig geplant zu sein. Alle Gänge sind groß und im Zimmer, in dem sechs Krankenbetten stehen, sind heute nur zwei besetzt. Bohdan ist nicht allein, er hat schon Besuch, lacht und redet – so, als ob er an seinem Geburtstag bei sich zu Hause die Gäste zum Lachen bringen wollte.

Er beginnt seine Kriegsgeschichte von Anfang an zu erzählen, obwohl ich ihn nur fragte, wie es ihm geht.

Als Künstler hat er immer wieder etwas ironisch mit den Praktiken der orthodoxen Kirche gearbeitet. Sein Vater ist ein Priester der ukrainischen orthodoxen Kirche in Kyjiw. Vor einigen Jahren initiierte Bohdan eine Performance in Mariupol. Er ließ sich an einen Laternenpfahl binden, sein Mund wurde mit Klebeband verklebt und auf einem Kartonschild, das wie die Beschreibung eines Verbrechens auf seiner Brust hing, stand großgeschrieben «ORTHODOX». Auf dem Video, das diese Performance dokumentierte, sah er mit seinem jungen fragenden Gesicht wie ein Säulenheiliger aus. Stunden vergingen, niemand von den Passanten versuchte, ihn aus dieser Haft zu befreien. Später, als er nach der Großinvasion ein Soldat wurde, lautete sein Rufname «Stowp», Säule.

Er erzählte mehr und mehr, zeigte zahlreiche Videos, die er als Soldat an der Front gedreht hatte und die vor Augen führen, wie man in einem Schützengraben einschläft und aufwacht, wie man am besten andauernde laute Explosionen erträgt, wie man sich aufwärmt, wenn man nichts Warmes zum Trinken hat. Diese kurzen Videos hat er nie veröffentlicht, weil niemand eine Chance haben sollte, zu erkennen, wo seine Einheit kämpfte. Auf allen Videos sah er übertrieben optimistisch, fast schon glücklich aus, und seine brennenden Augen schauten ermunternd in eine Zukunft, in der diese Videos einmal öffentlich gezeigt werden könnten.

Im Winter 2022, einige Tage vor der Großinvasion, entschied Bohdan nach langen Zweifeln und Überlegungen, die Kunst aufzugeben und in ein orthodoxes Kloster zu übersiedeln. Er wollte prüfen, ob er ein Mönch werden konnte. Er fuhr nach Transkarpatien, in die eingeschneite Berglandschaft und wurde vier Tage vor Kriegsausbruch in ein Kloster aufgenommen.

Im Kloster gab es weder Internet noch Handyempfang. Um seine Familie anzurufen, musste man den Segen des Abtes im Kloster einholen und einen Abhang zum Dorf hinuntergehen, wo man Netzempfang hatte.

Bohdan hielt die ersten zwei Wochen des Krieges im Kloster aus. Der brennende Wunsch, die neuesten Nachrichten zu erfahren und Kontakt mit seinem Vater in Kyjiw zu halten, wie auch mit seiner Mutter und Schwester, die aus der belagerten Stadt in die Westukraine geflohen waren, überforderte ihn und er verließ das Kloster.

Er besuchte seine Mutter, verbrachte einige Tage mit ihr, fand jedoch noch immer keine Ruhe und kehrte nach Kyjiw zurück, wo er seinem Vater in der fast leeren Kirche beim Gottesdienst half. Einige Monate lang fühlte er sich hier nützlich. Doch eine Unruhe ließ ihn nicht bei seinem Vater bleiben. Er betete und überlegte, was er tun könnte, um inneren Frieden zu finden, und dann wurde es ihm klar: Er musste sich der Armee anschließen, um an der Front ein orthodoxer Seelsorger zu werden. Der Gedanke, dass er dafür noch keine ausreichende theologische Ausbildung besaß und sein ganzes erwachsenes Leben als Konzept-Künstler gearbeitet hatte, hielt ihn nicht auf.

Er ist freiwillig zur Armee gegangen. Er wurde in der Oblast Kyjiw militärisch ausgebildet und sollte zunächst dort bleiben. In den Einheiten, die in der Nähe von Kyjiw stationiert waren, war jedoch kein Seelsorger vorgesehen. Dann bat Bohdan um eine Versetzung an einen anderen Dienstort, wo es eine Stelle für einen Kaplan gab. Seinen Bitten, die von Unruhe und wiederholenden Nachfragen begleitet waren, wurde teils mit einem ironischen Lächeln, teils enthusiastisch nachgegeben.

Er wurde versetzt. Er sollte eine Infanterie-Einheit leiten, die neben Lyman im Oblast Donezk stationiert war. Dort traf er auf einen orthodoxen Militärpfarrer, der bereits einige Monate an dieser sehr schwierigen Stelle an der Frontlinie tätig war.

Dann erzählte Bohdan, wie er verletzt wurde. Früh am Morgen wollte er die Schützengräben besuchen, in denen die anderen Soldaten seiner Einheit übernachteten. Er war für die Einheit verantwortlich und wollte seine Kameraden aufmuntern, indem er nach ihnen sah, sich nach ihrem Tagesbeginn erkundigte. Und während er aus einem Schützengraben in den anderen stieg, verspürte er etwas Merkwürdiges. Nicht den gewöhnlichen Schmerz, den wir normalerweise kennen, sondern etwas anderes. Ein Gefühl, als würde er seinen Körper auf schmerzhafte Weise verlieren. Eine ziemlich schwere Verletzung der Wirbelsäule. Doch er wurde gerettet.

Es vergingen Wochen im Krankenhaus. Als ich ihn besuchte, lief Bohdan schon auf Krücken und bewegte sich immer besser. Er meinte, dass er bald wieder wie früher gehen können werde.

Sein Freund, der orthodoxe Militärpfarrer, der immer noch in der Nähe von Lyman tätig war, rief ihn vor einigen Tagen im Krankenhaus an und versprach: Wenn Bohdan wieder gesund sei, bekäme er eine Kaplanstelle an der Front. Es sollte bereits alles dafür vorbereitet werden.

«Und dann, nach dem Krieg, werde ich wirklich in ein Kloster gehen und endlich Mönch werden!», verriet er mir und anderen Freunden, die auf einem leeren Bett neben ihm saßen und ihm zuhörten.

«Ein Mönch! Das entspricht nicht unseren Vereinbarungen!», kommentierte eine Freundin, eine Künstlerin, diese Zukunftsversion, und lachte.

Trukhaniw Insel, Kyjiw, Augugst 2023, Foto: Yevgenia Belorusets

Ich wollte während der Zeit in Kyjiw einige Fotos machen, etwas hat aber immer wieder nicht funktioniert. Das erste Wochenende in der Stadt nach meiner Ankunft war fiebrig und feierlich. Wie ich bereits schrieb, seit Anfang des Sommers stand Kyjiw manchmal täglich unter Beschuss, aber ausgerechnet an diesem Wochenende war es ruhig. Einer meiner Lieblingsparks im Zentrum der Stadt war voller Besucher, die es scheinbar eilig hatten, den Sommerabend zu genießen. Ich bemerkte irgendwo im unteren Bereich des Parks tanzende Paare. Die Musik spielte leise, aber ihr Echo war noch in den überfüllten Parkalleen zu hören.

Eine kleine Fotokamera hing mir um den Hals, und mir schien, dass sie den Passanten auffiel. Die Kamera selbst fing plötzlich an, mich zu stören, wie manchmal aufdringliche Fotografen stören. Ich wollte nicht fotografieren, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie man eine Feier dokumentieren kann, die keine Grundlage hat, die eigentlich zu gehetzt ist, um eine Feier zu sein. Und dennoch ergoss sich in der Luft ein Gefühl von Freude. Dann ertönte der Luftalarm.

Niemand schien ihn zu beachten, trotzdem hatte die Atmosphäre sich gewandelt. Viele hielten das Getränk, das sie am Kiosk erworben hatten, in der linken Hand und in der rechten ihr Telefon, um zu verstehen, ob eine Gefahr bestand. Die Raketen hätten nach Kyjiw fliegen können, aber sie flogen nach Dnipro und schlugen in ein mehrstöckiges Haus ein. Die Musik verstummte, die Paare hörten auf zu tanzen. Am nächsten Tag kam ich zur selben Zeit in den Park, er war halb leer und still.

Wenn es im Spätsommer in Kyjiw regnet, ist die Luft von einem besonderen Duft von erhitztem feuchtem Asphalt und welken Blättern erfüllt. Meine Freundin sagte mir, dass sie seit Februar 2022 die Zeit in Jahreszeiten misst, es kommt ihr so vor, als ob sie nicht mehr in nacheinander folgenden Daten, in historischer Zeit denken könne. Und mich verfolgt immer noch der aufdringliche Gedanke, dass der Sommer 2023 eine Fälschung war, dass der Winter 22 noch immer andauert, auch jetzt noch, da ich diesen Text beende.

Am Tag vor meiner Abreise stand ich sehr früh auf, kurz nach dem Ende der Ausgangssperre, als es noch kühl war, und ging zur Truchaniw-Insel mitten in der Stadt, zum zentralen Strand, an dem ich oft als Kind mit meinen Eltern gewesen bin. Auf den Straßen war niemand zu sehen und ich beschloss, dass die Fotos, die ich zu dieser Zeit machte, am wenigstens uneingeladen in das Leben der Stadt eindringen würden. Ich wollte ein Porträt anfertigen, das die Emotionen der anderen nicht zur Schau stellt. Selbst meine eigenen Gefühle wollte ich eher verborgen wissen.

Kyjiw/Berlin, August–Dezember 2023

Redaktionelle Mitarbeit von Yelizaveta Landenberger

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Yevgenia Belorusets ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Kyjiw. [Mehr lesen]
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