Berlin Review erscheint seit Februar 2024 als Zeitschrift für Bücher und Ideen. Seit November 2023 veranstalten wir die Gesprächsreihe Berlin Review Audio, in der Autor:innen vom Schreiben zwischen Journalismus und Literatur erzählen. Hören Sie unsere bisherigen Gespräche auf unser Audio-Seite.
 
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4. November 2023
18—21 Uhr
daadgalerie Oranienstraße 161 Berlin-Kreuzberg
Yevgenia Belorusets, Alan Pauls, Cristina Rivera Garza, Samir Sellami, Tobias Haberkorn

Wir leben in einer Zeit der Katastrophen. Doch unser Umgang mit ihnen bleibt niemals gleich: Was uns eben noch schockierte, wird nach und nach zu einem Trauma, das den Alltag strukturiert. Für unseren ersten Gesprächsabend haben Yevgenia Belorusets und Alan Pauls Essays über zersetzende Phänomene geschrieben, die ihre Herkunftsländer prägen und ihr eigenes Schreiben, Denken und Fühlen herausfordern.

Im Sommer 2023 reiste Yevgenia Belorusets von Berlin nach Kyjiw mit der Frage, wie es der ukrainischen Gesellschaft gelingt, auch im zweiten und bald dritten Kriegsjahr zusammenzuhalten und dem ruinösen Angriff Russlands zu widerstehen. Ihre Fotografien und Mitschriften von Zugreisen und alltäglichen Orten, ihre Gespräche mit engen Freunden und flüchtigen Bekanntschaften, die den Krieg in Charkiw, im besetzten Donezk, an der Front bei Lyman oder im Asyl in Berlin durchlebt haben, zeugen von einem Land, in dem Leiden, Stolz und Scham nicht gleichmäßig verteilt sind. Eine literarische Synthese kann es nicht geben. Und doch muss der Krieg erzählt werden.

Alan Pauls zog im Herbst 2019 nach Berlin. Er kam in eine Stadt, die von einem jahrzehntelangen Sommer der Sorglosigkeit in Lockdowns und Krisen schlitterte. Bald konnte sich die westliche, wohlhabende Welt einem Phänomen nicht mehr entziehen, das sie vierzig Jahre lang in ärmere Länder ausgelagert hatte: der Inflation. Mit Blick auf die jüngere Wirtschaftsgeschichte des Westens und seines Geburtslandes Argentinien, das seit fünf Jahrzehnten zu Staatsbankrotten und Hyperinflation verdammt ist, erzählt Alan von der Inflation als rauschhafter Lebensform, als Zeit- und Gefühlsstruktur einer Gesellschaft, der jede Vorstellungen von Kontinuität und Fortschritt abhanden kommt.

Gemeinsam mit Cristina Rivera Garza, die in unnachahmlichen Prosatexten und investigativen Autofiktionen die Gewaltgeschichten Nordamerikas erforscht, lesen und diskutieren wir Auszüge aus den Essays von Yevgenia Belorusets und Alan Pauls. Es moderieren Samir Sellami und Tobias Haberkorn.


Yevgenia Belorusets wurde in Kyjiw geboren. Ihr Tagebuch Anfang des Krieges verzeichnet präzise und intim, wie sich ihre Heimatstadt im Frühjahr 2022 unter dem russischen Angriff verändert. Für ihren dokumentarischen Erzählband Glückliche Fälle erhielt sie 2020 den Internationalen Literaturpreis des HKW. Yevgenia ist Stipendiatin des Berliner Förderprogramms Künstlerische Forschung 2023.

Alan Pauls ist Schriftsteller, Kritiker, Drehbuchautor und Schauspieler. Seine Geschichte des Geldes fügt sich mit Geschichte der Tränen und Geschichte der Haut zur herausragenden literarischen Chronik der von Widerstand und Exil geprägten 1970er Jahre in Argentinien. Alan war Fellow des Berliner Künstler*programms des DAAD und, wie Javier Marías und Roberto Bolaño, Laureat des Premio Herralde.

Cristina Rivera Garza, geboren im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA, findet für jedes ihrer Bücher ein neues Genre. El invencible verano di Liliana, ihr Investigativroman über die Ermordung ihrer Schwester 1990 in Mexico City, führte zur Verhaftung eines Tatverdächtigen und ist in seiner englischen Fassung für den National Book Award nominiert. Cristina lebt derzeit als Stipendiatin des DAAD-Künstler*programms in Berlin.

Samir Sellami und Tobias Haberkorn sind Gründungsredakteure der Berlin Review.


Lesungen und Gespräche auf Deutsch und Englisch. Freier Eintritt, keine Reservierungen. Begrenztes Sitzplatzkontingent.

Audioversionen der Essays und ein Mitschnitt unserer Gespräche werden nach dem Event auf unserer Website und in unserem Podcast-Kanal bereitgestellt.

Der Abend wird gestaltet in Kooperation mit dem Berliner Künstler*programm des DAAD.

30. November 2023
19—21 Uhr
CCA Kurfürstenstraße 145 Berlin-Tiergarten
Ryan Ruby, Lauren Oyler und Tobias Haberkorn

«A boring, foreign city, and expensive to live in, too…»

Berlin is over: Den Abgesang auf die Stadt der Freiheit und des Experiments gibt es seit zwanzig Jahren, doch jetzt scheint er sich zu bewahrheiten. Wenn Clubs und öffentliche Räume schließen, machen keine neuen mehr auf, selbst Fans der sanften Anarchie wünschen sich eine energischere Stadtverwaltung, und der Sommer der politischen Sorglosigkeit, in dem man sich in Berlin länger sonnen konnte als anderswo, ist endgültig vorbei. Viele, die im vergangenen Jahrzehnt hierhergezogen sind, fragen sich: Was genau war nochmal erstrebenswert daran, in der deutschen Hauptstadt zu leben?

Für Vladimir Nabokov—oder einen Freund, den er zitiert—war schon 1925 klar: Berlin ist eine «langweilige, fremde, noch dazu teure Stadt». Weniger klar ist, was die Alternativen wären. Städte sind zu «brands» geworden, Verdrängung und «Startupisierung» ist nicht nur ein Berliner Phänomen, und das Zusammenleben von Reichen und Armen, Zugewanderten und Alteingesessenen, Normalisierten und Marginalisierten sorgt in den meisten Städten für Spannungen.

Die Frage, wo und wie man leben soll, ist durchdrungen von Kontingenz und Nostalgie: Warum bin ich weggegangen? Wäre ich woanders nicht besser aufgehoben als hier? Warum entspricht die Realität nicht meinen Vorstellungen und Projektionen?

Während Migrant:innen aus der Notwendigkeit handeln, Sicherheit und ein besseres Leben zu finden, scheinen Expats aus einer Laune heraus umgesiedelt zu sein, weil ihnen ein bestimmter Lifestyle gefiel oder die Mieten billig waren. Expats gelten als Gentrifizierer und Ahnungslose, als Privilegierte und «entwurzelte Kosmopoliten», die Kieze ausbeuten und weiterziehen. Aus einer romantischen Figur ist ein Bösewicht geworden. Wen interessiert, was Expats selber denken und warum sie tun, was sie tun?

In einem Essay für Berlin Review setzt Ryan Ruby sich mit den Fragen von Auswanderung und Exil auseinander und liest seine eigenen Erfahrungen als in Los Angeles geborener Wahlberliner durch das Prisma der russisch-amerikanischen Philosophin Svetlana Boym und ihrer Theorie der Nostalgie und des «Off-Modernen». Verstärkt wird unser Gesprächsabend durch Lauren Oyler, die die Beziehung zwischen Nostalgie, Expats und Globalisierung in ihrem demnächst erscheinenden Essayband No Judgment untersucht. Wir lesen und diskutieren Auszüge aus ihren Texten, moderiert von Tobias Haberkorn.


Ryan Ruby ist Autor und Literaturkritiker. Er wurde in Los Angeles geboren und lebt seit 2014 in Berlin. Seine Essays und Kritiken erscheinen unter anderem in New Left Review, The New York Review of Books und im New Yorker. Sein Roman The Zero and the One wurde 2017 veröffentlich, sein siebenteiliges Langgedicht Context Collapse erscheint kontinuierlich. Er schreibt an einem Buch über die Berliner Ringbahn.

Lauren Oyler kommt aus West Virginia. Nach Jahren zwischen New York und Berlin verschiffte sie 2021 «all mein Zeug hierher», wie sie in ihrem Essayband No Judgment schreibt, der im März 2024 erscheint. Zu ihren jüngeren journalistischen Texten gehört ein Essay über Gwyneth Paltrows «Goop»-Kreuzfahrt und eine Reisereportage über W. G. Sebalds Heimatort Wertach im Allgäu, erschienen in Harper’s Magazine.

Tobias Haberkorn ist Gründungsredakteur von Berlin Review.


Lesungen und Gespräche auf Englisch. Freier Eintritt, keine Reservierungen. Begrenztes Sitzplatzkontingent.

Eine Audioversionen von Ryan Rubys Essay und ein Mitschnitt unserer Gespräche werden nach dem Event auf unserer Website und in unserem Podcast-Kanal bereitgestellt.

Berlin Review Audio wird gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt.