«On ne peut pas dire si ses yeux sont entrouverts ou fermés. On dirait qu’elle se repose. Le soleil est déjà très fort.»

Marguerite Duras, L’homme assis dans le couloir, 1980

«Parfois, la sieste me sauve», ein Satz, der denen, die abends ins Bett gehen, um es am nächsten Morgen zu verlassen, rätselhaft, vielleicht sogar skandalös vorkommen mag; anderen wiederum wahr auf eine Art, die nur Eingeweihte kennen. Gesagt hat ihn die baskische Schriftstellerin Marie Darrieussecq im Radiogespräch über Pas dormir («Nicht schlafen», 2021), den womöglich besten, in jedem Fall aber belesensten Gegenwartstext zu Insomnia, und da gab es in letzter Zeit einige. «Manchmal rettet der Mittagsschlaf», aber wen, wovor und wofür? Bestimmt versteht auch der fleißige Boomer, wenn er vor Sonnenaufgang in Budapestern über Parkettböden klackert, was an so einem Schlaf in der Mitte des Tages erholsam, verlockend und vielleicht sogar ein bisschen gefährlich sein kann, aber darum gleich «Rettung»?

Es könnte nur so dahingesagt sein, doch seit ihrem sehr erfolgreichen Debüt im Jahr 1996 – «je suis [soudainement] riche plus que jamais personne dans ma famille», schreibt sie in Pas dormir –, demonstriert Darrieussecq, dass sie ganz genau weiß, wovon sie redet und wie sie es tut. Truismes hieß dieser erste Roman, was in Frank Heiberts Übersetzung zu Schweinerei wird und außerdem Binsenweisheit bedeutet, und genau darum geht es: dass grunzende Menschen sich jeden Moment in grunzende Schweine verwandeln können, Gemeinplätze in Lebewesen, abstrakter Schweinkram in handfesten und Mehrdeutigkeiten niemals in Transparenz.

Valentine au bord du lac de Serre Ponçon, 2024

Seitdem kommt Darrieussecqs Literatur nicht immer so drastisch daher, oft eher leichtsinnig und alltagsverfangen, fast grunzend, wie eine Binse, die sich maximal noch zu einer kleineren Schweinerei auswachsen kann, aber am Ende geht es ihr noch immer ums Existenzielle, und das heißt in der Literatur: um jedes einzelne Wort. Wenn Darrieussecq also von «Rettung» spricht, darf man vermuten, dass sie ans klassische Epos und seine geschundenen Helden ebenso denkt wie an Notfallmedizin und Eschatologie.

«Le monde se divise entre ceux qui peuvent dormir, et ceux qui ne peuvent pas.» Wer nachts wach liegt, hat Zeit zum Denken, mitunter an Definitionen. In Pas dormir gibt es Hunderte solcher Sätze, die mal wie Beschwörungen, mal wie Verurteilungen klingen; dieser hier ist der elementarste und steht darum auch – Darrieussecq being true to her truisms – am Anfang. Die ganze Welt, wie wir sie kennen: manichäisch unterteilt in diejenigen, die nachts gut schlafen, und die, die es nicht tun – mir fällt, auch mitten am Tag, kaum ein Binarismus ein, der schwieriger von der Hand zu weisen wäre als dieser.

Zoé dort pendant la fête, 2017

Doch Schlaflosigkeit ist nicht einfach die Kehrseite des Schlafs, sie folgt ihrer eigenen Geometrie. Mathematik und Metaphysik geben sich die Hand, und die kleine Kammer derer, «die ohne Schatten wandeln», wird zu einem leeren Raum von der Sorte, die einst Pascal unruhige Nächte bereitete. Ein Raum, der Widersprüche in Polytope verwandelt, sich ins Unendliche weitet und dabei auf einen einzigen Punkt zusammenschrumpft – eine Beschreibung, die mich zurück in den Aufwachraum nach einer OP transportiert, als sich mein ganzer Schmerz knapp über dem Steißbein zusammenbraute und ich mich fühlte wie ein winziger Butt-Plug, zurückgelassen in einer Wüste aus Steinen und Sand.

Bei Proust, der früh damit aufhörte, schlafen zu gehen, ist die Figur, die ihm den Schlaf nimmt, dann tatsächlich geometrisch: ein heimtückisches, spitzwinkliges Dreieck, dessen Seiten mit Asthma, Anorexie und narrativer Neurose beschriftet sind. Die Atemkrankheit ist das Alibi, das Bett nicht zu verlassen, der Mangel an Aktivität alimentiert die Anorexie, und weil die Fülle der Zeit nur im Erzählen ist, wäre es ohnehin töricht, sie mit Erlebnissen zu vergeuden. Am Schluss, schreibt Darrieussecq, ist Proust zu schwach, um noch einschlafen zu können.

Peter et Haroun lisent chez eux, 2020

Das Bett derart zum Mittelpunkt der Erde zu machen, wie Proust es tat, kann nicht die Rettung sein. Aber immerhin: «Mein Bett war ein Fest», schreibt Darrieussecq, die irgendwann aufgab und in ein King Size Modell investierte, um dort ihre Bücher zu schreiben und noch mehr zu lesen, während ihre Kinder zur ständigen Audienz kamen, Hausaufgaben machten, Playstation spielten, aßen, vielleicht sogar träumten.

Das Bett als Fest – kein Ort der Rettung, höchstens des Ausharrens und Überwinterns, der aber auch das Fenster weit aufstößt für Depressionen, Schicksal und Alkoholismus. «Rauchen im Bett ist gefährlich», sagt Darrieussecq, «trinken tödlich», und Lady Macbeth mit dem Dolch ihrer Wörter: What’s done cannot be undone. To bed, to bed, to bed.

Valentine après la free party, 2019
Valentine après la free party, 2019

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Der Leichte Schlaf in Rebekka Deubners fortlaufender Serie, von der wir hier eine Auswahl der Auswahl präsentieren, braucht kein Bett. Die hier Fotografierten wissen, wie man die Augen schließt, auch im Offenen, haben die richtigen Instinkte für gute Lagen, auch unter erschwerten Bedingungen, und sehen dabei auch noch, ohne zu posen, gut aus. Sie sind im Reinen mit sich selbst und ihrer Umgebung, sind gerne beim Licht und suchen sich ihre Schatten. Sie nehmen sich den Moment in der Mitte des Tages, als hätten sie wenig Ehrfurcht vor den Göttern der Arbeit, die uns reich und den Planeten unbewohnbar gemacht haben. Ab und zu wird ein Reisebus-Vorhang zum klassischen Faltenwurf, manchmal ein Mensch zur Skulptur, aber nichts wird gezwungen, etwas anderes zu sein, als es selbst.

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