Suhrkamp Jan. 2026 12 € 63 S.
Zu den wesentlichen Erfahrungen des 21. Jahrhunderts zählt, dass das, was viele Menschen in Westeuropa für Normalität gehalten haben, eigentlich eine Ausnahme war: Liberale Demokratie mit stabilen Volksparteien. Demokratischer Kapitalismus. Frieden in Europa. Offenbar waren das keine stabilen und unumkehrbaren Gleichgewichte, sondern Aspekte einer politischen Sondersituation, die um das Jahr 1950 begann und kaum zwei Generationen andauerte.
In einer historischen Ausnahmesituation befanden sich in diesen Jahren auch die westlichen Volkswirtschaften, und zwar nicht nur, weil die Wirtschaftsleistung so schnell wuchs. Vielmehr bedeutete die Kombination aus hohen Wachstumsraten und vorherigen Kriegs- und Krisenschäden, dass der Jahr für Jahr neu geschaffene Wohlstand im Verhältnis zum schon vorhandenen ungewöhnlich hoch war. Auf eine einfache Formel gebracht: Die Einkommen waren hoch, die Vermögen niedrig. Nachdem sie zuvor jahrhundertelang Vermögensgesellschaften gewesen waren, wurden die westlichen Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Einkommensgesellschaften.
Diese Verschiebung im Bedeutungsverhältnis von Stromgrößen (Einkommen und Konsum) und Bestandsgrößen (Vermögen) beschrieb der französische Ökonom Thomas Piketty 2013/14 in seinem Weltbestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert. Während die vorhandenen Privatvermögen am Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa das Sechs- bis Siebenfache des jährlichen Nationaleinkommens ausmachten, ging dieser Wert bis 1960 auf weniger als das Dreifache zurück. Heute macht das Vermögen in den westlichen Demokratien wieder das Sechsfache des jährlichen Einkommens aus. Eine eindrucksvolle Illustration für diese Trendumkehr bietet Pikettys Schüler Gabriel Zucman in seinem gerade ins Deutsche übersetzten Buch Reichensteuer. Aber richtig!. Besaßen die 500 reichsten französischen Familien im Jahr 1996 zusammen 80 Milliarden Euro, was damals sechs Prozent der französischen Wirtschaftsleistung entsprach, so stieg dieser Wert bis 2024 auf 1.228 Milliarden Euro respektive 42 Prozent des BIP.
Das Problem mit der Vermögensgesellschaft
Dieser Aufwuchs der Bestandsgröße Vermögen trifft auf europäische Steuersysteme, die beinahe vollständig auf die Stromgrößen Einkommen und Konsum abstellen. Ihre Eckpfeiler sind die Einkommensteuer, die im 19. Jahrhundert eingeführt, aber erst durch die beiden Weltkriege wirklich bedeutsam wurde, und die Mehrwertsteuer, die sich überhaupt erst in den 1960er Jahren durchsetzte und rasch zur Cash Cow expandierender Wohlfahrtsstaaten wurde. Mit Einkommen und Konsum setzen beide Steuern bei jährlichen Durchlaufposten an. Vermögenswerte, die über Jahrhunderte (etwa in Form von Land) eine zentrale Steuerbasis gewesen waren, verloren in diesem Steuersystem an Bedeutung.
Das war so lange kein Problem, wie die Vermögen relativ klein waren und primär aus ersparten Einkommen gebildet wurden. Sofern diese Einkommen umfassend besteuert wurden, schlug das zumindest indirekt auch auf die Vermögen durch. Heute ist es aber zunehmend problematisch, das Steuersystem fast vollständig auf Einkommen und Konsum aufzubauen. Wir besteuern Vermögenszuwächse aus gespartem Einkommen sehr viel stärker als solche aus Vermögen, das sich selbst ernährt. Je wichtiger solche Vermögenszuwächse werden, desto weniger passt das Steuersystem zu der Gesellschaft, die es besteuert. An dieser Stelle setzt Gabriel Zucman mit seinem neuen Büchlein an. Die Einkommensteuer, so seine Ausgangsthese, scheitere daran, die immer größer werdenden Vermögen weniger Superreicher angemessen einzubeziehen. Eine Gesellschaft, in der Vermögen an Bedeutung gewinne, brauche deshalb ein Update ihres Steuersystems.