Toni at Random. The Iconic Writer’s Legendary Editorship.Dana A. Williams
Amistad/HarperCollinsJuni 2025 29.99 $ 368 S.

Wer weiß schon im Einzelnen, was Toni Morrison als Lektorin beim Verlag Random House eigentlich gemacht hat und könnte einen Titel oder gar mehrere nennen – abgesehen vielleicht von The Black Book, von dem viele glauben, sie habe es selbst geschrieben oder mindestens herausgegeben? Wer weiß, für welche Bücher, welche Autor:innen sie kämpfte, wie ihre Stellung innerhalb des sehr männlichen, sehr weißen New Yorker Literaturbetriebs war, was ihr dort an Veränderung gelang (und was nicht), wer ihre Verbündeten waren, wer ihre Gegner? Eine scheint es zu wissen und hat es aufgeschrieben: Dana A. Williams. Ihr Buch Toni at Random verspricht Einblick. Immerhin führt es nicht nur Toni Morrison, sondern auch ihre «legendäre» Verlagsarbeit im Titel.

Bevor es hier weitergeht, eine Anmerkung: Race und Blackness, zwei zentrale Begriffe, wenn von Toni Morrison, ihren eigenen Büchern und denen, die sie lektoriert hat, die Rede ist, bleiben unübersetzt. Die Gründe liegen auf der Hand. Blackness zu feiern, zu erkunden, in seiner Vielfalt und Geschichte, seinen Legenden, Überhöhungen und Erniedrigungen zu dokumentieren, darauf kam es ihr in allem an, was sie tat. Blackness nicht zu einer Funktion des Rassismus zu machen, auch das war ihr Anliegen. Über Rassismus zu sprechen, und sich dabei nicht eine weiße Leserschaft vorzustellen, sondern eine Schwarze, darum ging es ihr. Toni Morrison suchte als Lektorin bei Random House Autor:innen und Werke, bei denen sie diese Haltung wiederfand. Sie machte Bücher dezidiert für eine Schwarze Leserschaft.

Was sie brauchte, waren Schwarze Vermittler und ein Marketing, das sich ausdrücklich und in erster Linie an Schwarze Leser:innen richtete. Es galt also, eine Schwarze literarische Szene aufzubauen, mit allen Mitteln. Mit Empfehlungen etwa von James Baldwin oder einem Vorwort von Ralph Ellison, einem Nachwort von Alice Walker oder Vorabdrucken in Magazinen wie Ebony oder Anzeigen in der Black World. Toni Morrison war erfindungsreich. Und sie achtete auf jedes Detail, wenn sie ein Buch herausbrachte. Die Klappentexte, natürlich. Die Autor:innenfotos. Die blurbs, die eher kleine Rezensionen waren. Also immer wieder Marketing: Es gab riesige Probleme, Bücher in Schwarze Haushalte zu bringen, weil die Werbeabteilungen zunächst nicht wussten, wie sie zu adressieren seien, die Buchhandlungen Weißen gehörten und auch die Buchclubs gemeinhin nicht von Schwarzen geführt wurden. Also brauchte es Überzeugungsarbeit, Partys, die privat von prominenten Gefährt:innen organisiert wurden oder Testimonials.

Dana Williams ist im Aufzählen dieser Aktivitäten sehr detailverliebt. Deshalb fällt umso mehr auf, was sie nicht erzählt. Es war tatsächlich eine geniale Idee, Bill Cosby, Mitte der 1970er Jahre bereits auf einem frühen Höhepunkt seines Ruhms, eine Reihe von Radio-Werbespots für The Black Book aufnehmen zu lassen. Erst Jahrzehnte später kamen im Laufe von #Metoo massive Missbrauchsvorwürfe gegen ihn ans Licht, die sich unter anderem auf diese Zeit bezogen, es folgten Prozesse, die Verurteilung, die Haftentlassung wegen Verfahrensfehler. Warum erwähnt Dana A. Williams das alles nicht? Ähnlich ist es mit der Geschichte des immens einflussreichen New York Times-Literaturkritikers Anatole Broyard, dessen Schwarze Abstammung erst nach seinem Tod bekannt wurde. Über sein passing wurde in den späten 1990er Jahren heftig diskutiert, Henry Louis Gates schrieb eine Geschichte darüber im New Yorker, und so weiter – eigentlich unmöglich, über ihn und seine Reaktion auf die Schwarzen Autor:innen, vor allem Leon Forrest und seine Bücher, zu erzählen, ohne das zu erwähnen. «Leon Forrest is one of the few authors I’ve read who have made an art form out of being Black» – wenn das keine Vorlage zur Reflexion ist, wenn man die Geschichte des Kritikers kennt! Aber Dana Williams zitiert nur noch ein bisschen weiter und kommt zum nächsten Kritiker. Was außerdem fehlt: ein Register. Und: Die Titel der von Toni Morrison lektorierten Bücher werden aufgelistet, aber nicht die Autor:innen! Das hätte Morrison bei Random House nicht durchgehen lassen.

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Eine wegweisende Lektorin

Dana Williams hat mit offenbar unbegrenztem Zugang zum Archiv und Nachlass einschließlich der Briefwechsel, zu Gesprächspartnern und zu Morrison selbst alles aufgesammelt, gebündelt und in sechzehn Kapiteln verteilt, was in Morrisons Zeit bei Random House wichtig war (und einiges, was für die Leserin entbehrlich gewesen wäre). Unterstützt von zahlreichen Helfer:innen, denen sie dankt, erlegte sie sich eine immense Fleißarbeit auf. Sie begann im Jahr 2005 mit einem persönlichen Treffen mit Toni Morrison bei einer Konferenz und dauerte fast zwanzig Jahre und über deren Tod 2019 hinaus an. Den Titel schließlich hatte Toni Morrison selbst vorgeschlagen.

Was also lernen wir? Einiges Folgenlose über das amerikanische Verlagsgeschehen der Jahre 1964 (dem Beginn von Toni Morrisons Lektoratsarbeit bei der Schulbuchabteilung von Random House) bis 1984 (dem Zeitpunkt, zu dem sie endgültig das eigene Schreiben zum Mittelpunkt ihrer Arbeit machte und den Verlag verließ). Fast alles über Entstehungsprozesse einzelner Bücher, die Überlegungen zur Vermarktung, Vertragsdetails, manchmal Vorschüsse, manchmal über Konflikte und Erfolge oder auch, selten, Enttäuschungen.