Die Prophezeiung
Im Jahr 1945 kehrte der ehemalige Gestapo-Offizier Erich Hohn nach Bamberg zurück und gab sich dort als KZ-Überlebender Julius Israel Holm aus. Er trat der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes bei und stieg sogar zum Vizepräsidenten eines Ortsverbands auf, bevor er von einem seiner früheren Opfer erkannt und enttarnt wurde. Von diesem Betrugsfall – von denen es in der unmittelbaren Nachkriegszeit offenbar mehrere gab – hätten wir womöglich nie erfahren, hätte Hohn nicht eine derart exponierte Position angestrebt.
Wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt, wurde Hohn 1948 zu drei Jahren Haft verurteilt. Ein Zeitungsbericht über den Fall erregte die Aufmerksamkeit des 1926 geborenen deutsch-jüdischen Autors Edgar Hilsenrath, der den Ausschnitt in seinen Unterlagen aufbewahrte. Dass sich hier ein Täter als Opfer ausgegeben hatte, war für Hilsenrath mehr als eine bloße sensationalistische Anekdote. Für ihn verdichtete sich in dieser grotesken Rollenumkehr ein verstörendes Paradox europäischer Nachkriegsmoral.
Aus diesem Rollentausch entwickelte Hilsenrath die Prämisse seines heute kanonischen Romans Der Nazi & der Friseur. In den 1960er Jahren verfasst und nach seiner Veröffentlichung in den USA in den 1970ern rasch international erfolgreich, fand das Buch zunächst keinen deutschen Verleger, obwohl Hilsenrath es ursprünglich auf Deutsch geschrieben hatte. Als es 1977 schließlich in einem kleinen Kölner Verlag erschien, erreichte Der Nazi & der Friseur nicht das breite Publikum, das der ausländische Erfolg hätte erwarten lassen. Bei genauerem Hinsehen kann die zögerliche Rezeption kaum überraschen: Hilsenraths Romanplot folgt einem ehemaligen SS-Offizier, der die Identität seines ermordeten jüdischen Jugendfreundes annimmt und sich in einer anderen ethnonationalistischen Bewegung als Militärheld neu erfindet, indem er den Nazi-Fanatismus auf die zionistische Sache überträgt. Einem Land, dessen moralische Rehabilitation auf einer eifrig demonstrierten Liebe zu Juden beruhte, musste eine derart subversive Satire als ein Sakrileg erscheinen.
Hilsenrath, der 1938 aus Deutschland geflohen war, kehrte Jahre später zurück und lebte bis zu seinem Tod in Berlin. Die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft kritisierte er scharf für ihren oberflächlichen Philosemitismus, der den alten Hass, den man abzustreifen oder wiedergutzumachen versuchte, seiner Ansicht nach lediglich umkehrte. Mit dieser Diagnose stand Hilsenrath nicht allein. Die deutsch-jüdische Historikerin und Politikwissenschaftlerin Eleonore Sterling veröffentlichte 1965 in der Zeit eine vielbeachtete Abrechnung, die prägend war für eine Tradition von (überwiegend jüdischen) Versuchen, die deutsche Nachkriegs-Scheinheiligkeit zu entlarven.
Sterling, die im Alter von dreizehn Jahren in die USA geschickt worden war und beide Eltern im Holocaust verlor, war als Erwachsene nach Frankfurt zurückgekehrt, um bei Max Horkheimer zu promovieren. In ihrem Artikel beschrieb sie den deutschen Philosemitismus als eine seichte und selbstbezogene Angelegenheit: «Tote Juden» wie Einstein oder Heine würden verehrt, während man lebende jüdische Kritiker routinemäßig als «Deutschenhasser» diffamiere. Durch eine solche moralische Fetischisierung würden jüdische Menschen nicht etwa als Individuen und gleichberechtige Bürger anerkannt, führte Sterling aus, sondern ihr Judentum werde zur bloßen symbolischen Projektion reduziert. Der verdrängte Antagonismus gegen die Juden werde indessen einfach auf neue Zielgruppen – Gastarbeiter, Osteuropäer, linke Intellektuelle – verschoben. «Die philosemitische Methode der Kritikabwehr ist nicht mehr die Vernichtung des Jüdischen als ‹Artfremdes›, sondern die Konservation des Jüdischen durch Versteinerung», schrieb sie. «Den Juden wird ein Denkmal gesetzt, wobei gerade der Götzenkult, den man damit betreibt, das tatsächlich ‹Jüdische› unterschlägt.»
Als sich um die Zeit des Mauerfalls der Philosemitismus zu einem eigenständigen historischen Forschungsgegenstand entwickelte, griffen andere Historiker Sterlings Diagnose auf. Frank Stern zeigte 1991 in seinem Buch Im Anfang war Auschwitz, wie der Philosemitismus dazu eingespannt wurde, nicht aufgearbeitete Schuld psychologisch zu bewältigen, die Auseinandersetzung mit politischen Kontinuitäten zugleich aber abzuwehren. Jüdischkeit wurde kulturell betont und symbolisch überhöht, reales jüdisches Leben blieb aber weiterhin marginalisiert – und nicht selten gefährdet.
Der Nazi & der Friseur ist heute in Deutschland weithin bekannt und anerkannt; 2004 wurde der Roman unter großem Beifall neu aufgelegt. Ein anderes kanonisches Experiment dieses Genres ist aber bis heute nicht auf Deutsch erschienen: der 1979 veröffentlichte Roman The Portage to San Cristobal of A.H. von George Steiner. Das erstaunt insofern, als der in Wien geborene und in Paris aufgewachsene Gelehrte, der von sich sagte, er sei mit «drei Muttersprachen» aufgewachsen, als Schöpfer des Begriffs der «Suhrkamp Kultur» bei seinem Verlag hohes Ansehen genoss.
Mit diesem spezifischen literarischen Experiment zielte Steiner allerdings auf den Kern philosemitischer Selbstgewissheit. Im Roman wird Hitler im südamerikanischen Dschungel aufgespürt und in einem improvisierten Verfahren vor Gericht gestellt. Der dramatische Höhepunkt ist Hitlers Verteidigungsrede, in der er sich als moderner Messias stilisiert:
«Hat Herzl Israel geschaffen oder ich? Prüfen Sie die Frage unvoreingenommen. Wäre Palästina zu Israel geworden … ohne den Holocaust? Der Holocaust war es, der euch den Mut zur Ungerechtigkeit gab, der euch dazu brachte, den Araber aus seinem Haus zu vertreiben … weil er euch im göttlich bestimmten Weg stand … Vielleicht bin ich der Messias, der wahre Messias, der neue Sabbatai, dessen berüchtigte Taten von Gott zugelassen wurden, um sein Volk heimzuführen.»
«Das Reich zeugte Israel», lässt Steiner seine Romanfigur sagen, «das sind meine letzten Worte.» In Sorge um den Ruf seines Verlags – Suhrkamp hatte zahlreiche bedeutende deutsch-jüdische Denker des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts verlegt – konsultierte der Verleger Siegfried Unseld mehrere seiner prominentesten Autoren zu Steiners Manuskript. Max Frisch reagierte entsetzt; einen «Antisemitismus …», zu dem «nur Juden [fähig seien]» soll der Schweizer Autor laut einer späteren Notiz Unselds in dem Buch gesehen haben. Gemeinsam mit Uwe Johnson und Martin Walser sprach Frisch sich gegen die Veröffentlichung aus. Einzig Hans Magnus Enzensberger verteidigte das Projekt und wies die Vorstellung zurück, ein satirisches Werk, das in anderen Ländern erfolgreich publiziert wurde, müsse wegen einer spezifisch deutschen Empfindlichkeit in Deutschland verhindert werden. Unseld hielt seinen Unmut über Steiner in seiner privaten Chronik fest: «[Steiner] ist enttäuscht, dass ich aus diesem Buch keinen Bestseller machen möchte. Sie wollen kein Geld, sagt er. Immer wieder Geld.»
Möglicherweise war Steiners Portage seiner Zeit voraus. Ein jüngerer, nicht minder explosiver Roman des niederländisch-jüdischen Autors Arnon Grunberg mit dem Titel De Joodse Messias, der zuerst 2004 auf Niederländisch erschien, benötigte neun Jahre, bis er in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde – aus Sorge, er könne «deutsche Gefühle verletzen», wie ein Rezensent bemerkte. Grunberg verhandelt ähnliche Motive wie Hilsenrath, Sterling und Steiner, allerdings im Kontext der zweiten Generation: Im Zentrum seines Romans steht ein nichtjüdischer Deutscher, der eine pathologische Obsession für jüdisches Leiden entwickelt und sich als potenzieller Erlöser des jüdischen Volkes inszeniert. Seine anfangs empathische Identifikation steigert sich zu erotischem Fanatismus und schlägt schließlich in Gewalt um; philosemitische Hingabe verwandelt sich in eine monströse, destruktive Kraft.
Als ich Der Jüdische Messias vor fünfzehn Jahren zufällig in einer Buchhandlung in Manhattan entdeckte, war mir die Tradition, in der der Roman steht, noch nicht bewusst. Ich verschlang ihn in einem Zustand anregenden Unbehagens, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für Grunbergs literarischen Wagemut und unverhohlener Abscheu. Der Roman wagt sich an ein Thema, das ich damals noch nicht zu benennen vermochte: Die Gefahren, die ich als Nachkommin von Holocaust-Überlebenden zu fürchten hatte, lauerten nicht allein hinter der Maske von Leugnung und Vertuschung. Auch hinter dem entwaffnenden Gesicht der aufrichtigen Anteilnahme waren sie zu finden. Wenn Schuldgefühle in performative Sympathie umschlagen, wurde mir später klar, dann kann dies eine neue und andere Gewaltsamkeit gegen Juden hervorbringen – eine Gewalt, der man sich zu unterwerfen hat, ja an der man sogar mitwirken sollte, wenn man nicht Gefahr laufen möchte, ganz aus der Rechnung zu verschwinden.
Die Kirche
Nachdem ich 2014 nach Deutschland gezogen war, wurde ich rasch mit der intensiven Obsession dieses Landes für alles Jüdische konfrontiert. Besonders spektakulär zeigte sie sich in einer Reihe öffentlich dokumentierter Fälle von jüdischer Identitätsaneignung, die mich über die deutsche Gesellschaft insgesamt stutzig werden ließen. Ich erfuhr von der Dichterin Irena Wachendorff, die sich als Tochter von Holocaust-Überlebenden ausgab und damit prahlte, 1982 im Libanonkrieg für die IDF gekämpft zu haben; von der Künstlerin Rosemarie Koczy, deren Werke im Guggenheim und in Yad Vashem vertreten waren; und natürlich von Bruno Dössekker, dem betrügerischen Memoirenschreiber, dessen Pseudonym Binjamin Wilkomirski zum Schlagwort für jenes Syndrom wurde, das zur Erklärung solcher Fälle häufig herangezogen wird.
2018 folgte Wolfgang Seibert, ein jüdischer Gemeindevorsitzender, der ähnliche Falschangaben gemacht und diese als Deckmantel für frühere Verurteilungen wegen Veruntreuung genutzt hatte. Ein Jahr später wurde Marie Sophie Hingst enttarnt: Sie hatte eine Abstammung von Holocaust-Opfern erfunden und jahrelang öffentlich um diese imaginären Angehörigen getrauert. Anfangs teilte ich die öffentliche Empörung über Hingst, war über ihren anschließenden Suizid dann aber tief erschüttert. Als der Schriftsteller Fabian Wolff 2023 einräumte, dass er – obwohl seine Mutter ihm als Jugendlichem von jüdischen Vorfahren erzählt hatte – tatsächlich nicht jüdisch war, verlagerte sich mein Interesse weg von den individuellen Motiven hinter dem deutschen «Judenfetisch» und hin zu den Institutionen und Diskursen, die aus diesem fruchtbaren psychologischen Nährboden hervorgehen.
Unmittelbar nach meiner Ankunft in Berlin wurde ich zu einer Veranstaltung im Jüdischen Museum eingeladen, deren Hauptredner der prominente Rabbiner Walter Homolka war. Zu diesem Zeitpunkt hatte Homolka, wie Laura Moser 2023 in ihrem Porträt für Air Mail bemerkte, «nahezu jede liberale jüdische Organisation von Bedeutung in Deutschland schon einmal besessen, beaufsichtigt oder geleitet». Dazu zählten das 1999 gegründete Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam – das erste Rabbinerseminar in Mitteleuropa nach dem Holocaust – sowie das mit dem Kolleg verbundene Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, dessen fünfjähriges Bestehen an jenem Abend gefeiert wurde.
In seiner grandios anmutenden Rede entwarf Homolka, der christlich geboren und erzogen worden war und Berichten zufolge als junger Mann zum Judentum konvertierte, das Jüdischsein als eine Art übernatürliche Berufung, die dazu bestimmt sei, «die Welt zu führen» und «das Weltgeschehen zu gestalten». Für mich, die ich in einer entschieden anderen jüdischen Tradition sozialisiert worden war, klang das nach einer eigentümlichen Aneignung klassischer antisemitischer Verschwörungsnarrative, wenn auch rhetorisch gut verpackt.
Ein knappes Jahrzehnt nach dieser ersten Begegnung wurden wiederholt Vorwürfe sexueller Belästigung und systematischen Machtmissbrauchs an Homolkas Rabbinerseminar öffentlich. Auch Homolkas persönlicher Werdegang wurde hinterfragt, was schließlich dazu führte, dass er die meisten seiner Führungspositionen niederlegte. Medienberichte bestätigten, dass viele der Anschuldigungen gegen Homolka und sein Umfeld lange bekannt gewesen waren: «Wer es wissen wollte, wusste es», schrieb der Journalist Karsten Krampitz im Februar 2023 in der Zeitung nd. In seinem Artikel zeichnete Krampitz anhand zahlreicher Quellen Homolkas unorthodoxe Karriere nach und porträtierte den einflussreichen Rabbiner, mit den Worten einer führenden Persönlichkeit der deutsch-jüdischen Gemeinschaft, als einen «Scharlatan der allergrößten Güte, der nur sein Ziel der immerwährenden Selbstdarstellung vor Augen hat, verbunden mit einem Machtstreben, das nicht normal scheint.»
Im Laufe der Jahre, so führte Krampitz aus, hatten wechselnde und mitunter widersprüchliche Darstellungen von Homolkas jüdischer Identität kursiert: In manchen Berichten war von einer jüdischen Mutter die Rede, in anderen von einer jüdischen Großmutter, die christlich getauft worden sei. Homolkas Korrespondenz mit der Wissenschaftlerin Barbara Steiner (nicht verwandt mit George Steiner) legt nahe, dass er bereits als Kleinkind durch ein Feststellungsverfahren in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen worden sei, Genaueres zu seiner familiären Herkunft blieb aber unklar. Heute heißt es in öffentlichen Darstellungen, seine Mutter sei Protestantin gewesen und er habe im Alter von siebzehn Jahren eine private Konversion vollzogen. Besonders irritierend war für mich, dass Homolka später eine Doktorarbeit in christlicher Dogmatik verfasste und im Laufe seiner rabbinischen Tätigkeit wiederholt ausdrücklich christliche Predigten in Kirchen hielt. Sein Rabbinertitel – erworben durch eine seltene und unkonventionelle private Ordination – wurde weder von der Deutschen Rabbinerkonferenz noch von der Central Conference of American Rabbis anerkannt.
Einige der Konflikte, die Homolkas institutionelle Laufbahn prägten, hätten in ähnlicher Form zwischen jüdischen Denominationen auf der ganzen Welt auftreten können. Aber es gab in seiner Geschichte zu viele Details, die mir besonders ungut vorkamen. Ich gehörte zu jenen, die «es hatten wissen wollen». Als ich begann, Homolkas intransparentes Verhältnis zum Judentum genauer zu beleuchten, wurde mir klar, dass es nur die Spitze eines wackeligen Jenga-Turms darstellte. An seinen weniger sichtbaren, tragenden Elementen zu rütteln, bedeutete, die gesamte deutsch-jüdische Gemeinschaft ins Wanken zu bringen.
Im Laufe der Jahre begegnete ich immer wieder Menschen, die ihr Jüdischsein wie ein bequemes oder gar profitables Kostüm zu benutzen schienen, das man je nach Bedarf an- und wieder ablegen konnte. Von meiner eigenen jüdischen Identität fühlte ich mich zunehmend entfremdet. Je demonstrativer Jüdischkeit von Deutschen aufgeführt wurde, desto ferner rückte sie von mir. Figuren wie Marcel Goldhammer – ein Konvertit und ehemaliger IDF-Sprecher, der seine Entscheidung, für die AfD zu kandidieren, mit seiner Zeit in Israel begründete – werden meist als Ausnahmeerscheinungen dargestellt. Doch das System scheint von Akteuren durchzogen, deren Beweggründe von solchem Opportunismus nur schwer zu unterscheiden sind.
Viele der Synagogen, die ich in Deutschland besuchte, wurden von konvertierten Rabbinern geleitet, die ihren Übertritt zum Judentum innerhalb von Homolkas Netzwerk vollzogen hatten. Nach den ersten Enthüllungen über Homolka hatte Avital Gerstetter, Deutschlands erste weibliche Kantorin und damals an der Berliner Zentralsynagoge tätig, einen Artikel veröffentlicht, in dem sie die Motive zahlreicher Konversionen in Deutschland und die auffällige Präsenz von Konvertiten in jüdischen Führungspositionen infragestellte. Ihre Vorgesetzte in der jüdischen Gemeinde Berlins – eine deutsche Konvertitin – entließ sie umgehend mit der Begründung, eine Gemeinde, die zu großen Teilen aus Konvertiten bestehe, könne einer Kantorin, die sich diskriminierend über Konversionen äußere, nicht länger vertrauen.
Kritik an Konvertiten ist im traditionellen Judentum tatsächlich verpönt. Allerdings wird dieses Tabu auch als ein Schutzschild gegen öffentliche Kritik genutzt, wie Gerstetters Artikel äußerte. Es waren auch nicht Konversionen an sich, die Gerstetter dazu veranlassten, ihre eigene Position aufs Spiel zu setzen, sondern die Tatsache, dass viele Konvertiten führende Rollen als Rabbiner und Gemeindeleiter übernahmen. Nach Gerstetters Auffassung führte dies zu einer Religionspraxis, die nicht mehr aus gelebter Erfahrung und Tradition erwuchs, sondern «zu einem neuen, nämlich einem theoretischen Judentum, fast zu einer ganz neuen Religion» wurde. Nach Darstellung des Leipziger Rabbiners Zsolt Balla, der Gerstetters Argumente verteidigte, verstoßen deutsche konvertierte Rabbiner, die lax vollzogene Konversionen anderer absegnen, zumindest gegen die Tradition, wonach «Konvertiten, die selbst Rabbiner oder Richter werden, nicht an giur-Verfahren (Konversion) teilnehmen dürfen». In traditionellen orthodoxen Kreisen sind derartige Top-down-Arrangements in der Tat undenkbar, und ein vergleichbares System dürfte in keiner jüdischen Glaubensrichtung sonst irgendwo auf der Welt existieren.
Der Historiker Julius Schoeps, prominentes Mitglied der deutsch-jüdischen Gemeinschaft und ausgewiesener Experte der Haskalah (der deutsch-jüdischen Aufklärung), betont in Interviews und Schriften immer wieder, dass das eigentliche Problem im Verschwinden einer eigenständig deutschen jüdischen Gemeinschaft liege, der es gelinge, ihr spezifisches Erbe zu bewahren. «Das Judentum, das heute in Deutschland lebt, stammt zum Großteil aus Osteuropa, aus der früheren Sowjetunion… Sie stehen in ganz anderen Kulturtraditionen als das deutsche Judentum von vor 1933», sagte Schoeps 2021 in einem Interview. Er vertrete deshalb die These, es sei «die Aufgabe der Nichtjuden, sich dieses Erbes anzunehmen». (Schoeps war 2006 nach Jahren öffentlich ausgetragener Vorwürfe von seiner leitenden Position in der offiziellen Jüdischen Gemeinde Berlins zurückgetreten.)
Bemerkenswert ist, dass Julius Schoeps der Sohn von Hans-Joachim Schoeps ist, einem deutsch-jüdischen Historiker, der vor allem für die Gründung von Der deutsche Vortrupp – Gefolgschaft deutscher Juden 1933 bekannt ist, einem nationalkonservativen Verein, der das Ziel verfolgte, ein deutsch-jüdisches Nationalbewusstsein zu fördern, welches deutsche Juden von sogenannten «Ostjuden» unterscheiden sollte. Schoeps Seniors Träume eines deutsch-jüdischen Exzeptionalismus, und mit ihnen die Pläne der Assimilationisten im Verband Nationaldeutscher Juden, kamen an ein jähes Ende, als das NS-Regime beide Vereine 1935 auflöste.
Wo Schoeps Senior einst versuchte, «arische» Juden zu repräsentieren, ruft Schoeps Junior nun ironischerweise nichtjüdische Deutsche dazu auf, sie mögen das deutsch-jüdische Erbe übernehmen. Der deutsch-jüdische Rollentausch, in Sonntagsreden gerne als «Symbiose» umschrieben, ist keine bloße Metapher – die Realitäten, die er hervorbringt, sind oft so absurd, dass man sie kaum glaubwürdig darstellen kann.
Der Klerus
Ein langjähriger deutscher Freund beschrieb meine Beschäftigung mit dem deutsch-jüdischen Rollentausch kürzlich als ein «seltsames Hobby». «Am Anfang habe ich es noch verstanden», sagte er, «aber langsam komme ich nicht mehr mit.» Ihn trifft keine Schuld; ich habe ja selbst oft Mühe, diesen Dingen weiter nachzugehen. Vielen Menschen dürften meine Faszination für alles, was mit dem neuen deutschen Begriff des «Kostümjudens» zu tun hat, befremdlich vorkommen. Das gilt umso mehr, als man religiöse Konversionen nicht mit der unlauteren Aneignung einer Identität verwechseln darf. Ich bin in einer jüdischen Gemeinschaft aufgewachsen, die «Späteinsteiger» verachtete. Gerade deshalb fühlte ich mich von dem großen und vielfältigen Kreis von Konvertit:innen, den ich in Berlin kennenlernte, besonders angezogen. Diese Menschen schienen mir der Beweis für die Existenz eines Judentums zu sein, das tolerant und liberal genug war, um auch mich mit einer erst kürzlich durchlebten Entfundamentalisierung in sich aufzunehmen.
Bis heute zähle ich einige aufrichtige Konvertit:innen zu meinen engen Freunden, und oft sind gerade sie es, die mir bei diesem schwierigen Thema, das sie selbst aufwühlt, seelischen Halt geben. Wenig überraschend kommen die gewissenhaftesten Kritiken an Konversionspraktiken in Deutschland oft von Konvertit:innen selbst. 2015 veröffentlichte die konvertierte deutsch-jüdische Kunsthistorikerin Barbara Steiner, deren Korrespondenz mit Walter Homolka ich oben erwähnte, das Buch Die Inszenierung des Jüdischen. Es ist eine beinahe biblische Abhandlung über die komplexe Geschichte der Nachkriegskonversionen und ihren spezifisch deutschen Motivlagen. Laut Steiner sollte man diese Übertritte zum Judentum nicht allein als private religiöse Angelegenheiten betrachten. Sie waren immer auch ein Mittel dafür, dass jüdische Gemeinschaften nach ihrer Zerstörung durch den Holocaust überhaupt überleben konnten. Die Geschichte deutsch-jüdischer Konversionen ist untrennbar mit der deutschen Erinnerungskultur verwoben, und ebenso mit einem fortbestehenden Gefühl von Schuld, das viele Deutsche mit sich tragen.
In einem Interview behauptete Steiner vor kurzem, keine einzige jüdische Familie in Deutschland zu kennen, die nicht irgendwann vor einem Beit Din – einem rabbinischen Gericht, das unter anderem über Konversionen und Abstammungsfragen entscheidet – erschienen sei. In einem Gespräch mit dem Historiker Michael Brenner bemerkte der Berliner Rabbiner Nathan Peter Levinson einmal, die jüdische Gemeinde Berlins habe Ende der 1940er Jahre mehr Anwärter auf Konversionen als Überlebende gezählt (Levinson war mit seiner Familie aus Deutschland geflohen und nach dem Holocaust zurückkehrt). Die meisten Konvertiten seien allerdings eher an amerikanischen Hilfsgütern oder allgemeinen Vorteilen interessiert gewesen, die ein Wechsel von der Täter- zur Opferidentität mit sich brachte. Eine jüdische Zeitung sprach von einem «Schwarzmarkt für jüdische Großmütter», und schließlich wurde eine Sonderkommission eingerichtet, um sicherzustellen, dass ehemalige Nazis keine Konversion zugestanden wurde. Viele Anträge wurden zurückgewiesen, und doch entstand damals eine Gemeinschaft, die einen ungewöhnlich hohen Anteil an Konvertiten aufweist.
2023 deckte der NDR ein Netzwerk von mindestens zehn jüdischen Vereinen mit offiziell gemeinnützigem Status auf, die in Wahrheit von Reichsbürgern geleitet wurden – Rechtsextremen, die die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik infrage stellen und eine Vielzahl klassischer und moderner antisemitischer Verschwörungstheorien vertreten. Unter diesen führenden Figuren befand sich der selbsternannte Oberrabbiner Iwan (Wanja) Götz, der von deutschen Gerichten wegen Holocaust-Leugnung und zahlreicher verwandter Delikte verurteilt worden war. Götz gibt an, vor Jahrzehnten in Russland konvertiert zu sein, bevor er nach Deutschland kam, und erklärte gegenüber Journalisten, er glaube zwar, die Juden hätten Adolf Hitler finanziert, er selbst sei jedoch ein Vertreter des «wahren Judentums».
Diese Reichsbürger-Vereinigungen hatten über Jahre Walter Homolkas Union progressiver Juden (UpJ) angehört, bis Streitigkeiten über Mitgliederzahlen und damit verbundene Subventionen um 2008 eskalierten. 2011 kam es zur Androhung eines Ausschlussverfahrens; verärgert kamen Götz und seine Mitstreiter diesem mit einem Austritt zuvor und brachten eine Klage bis vor das Bundesverfassungsgericht, das sie 2022 schließlich abwies. Ein Sprecher des Zentralrats der Juden – des staatlich finanzierten Dachverbands des offiziellen deutschen Judentums – bestätigte gegenüber der Deutschen Welle, dass «die Problematik dieser Gruppierungen und Personen» dem Zentralrat bekannt und dass man sich der «gesamtgesellschaftlichen Gefährdung» bewusst sei, die von der «Verschleierung ihrer wahren Absichten» ausgehe. Eine Erklärung dafür, wie verurteilte Holocaust-Leugner überhaupt in eine institutionalisierte jüdische Gemeinschaft aufgenommen werden konnten, blieb der Zentralrat schuldig.
Solche Fälle mögen wie die Volten eines satirischen Romans klingen – sie geben aber Aufschluss darüber, wie auch im bürgerlichen Philosemitismus klassisch antisemitische Motive überformt und in ein eigentümliches «Verlangen» nach Jüdischsein transformiert werden, oder genauer: in ein Verlangen, Eigenschaften wie Macht, Reichtum und Einfluss zu besitzen, die auf Juden projiziert werden. Wenn dieses Verlangen sich aus tief verwurzelten Vorurteilen speist, wird es zu einer gelebten Praxis dieser Vorurteile, die die zugrunde liegende Feindseligkeit eigentlich noch verstärkt. Bis zu dem Punkt, an dem dann – wie Stern und andere argumentiert haben – Philosemitismus nicht mehr das Gegenteil von Antisemitismus ist, sondern dessen Brutstätte: ein Gefäß, in dem ein neuer, unterschwelliger und doch virulenter Antisemitismus gedeiht.
Barbara Steiners Arbeit beschreibt die deutsche Haltung gegenüber Juden als zutiefst ambivalent: als ein Schwanken zwischen Bewunderung und Abgrenzung. Da die Öffentlichkeit von konkurrierenden Bildern von Juden durchzogen ist – viele davon geprägt von traditionellen antisemitischen Stereotypen – haben Konvertiten oft sehr disparate Vorstellungen von einer jüdischen Identität, die sie selbst zu verkörpern versuchen. Auf die Kritik der Kantorin Gerstetter angesprochen, pflichtete Steiner dieser bei, dass die Zahl der Konversionen «außer Verhältnis geraten» sei. «Es ist ein Symptom des Traumas auf beiden Seiten», sagte sie.
In ähnlicher Stoßrichtung veröffentlichte die deutsch-jüdische Wissenschaftlerin Hannah Tzuberi, die eine streng orthodoxe Konversion durchlaufen hatte, 2020 in der Jewish Studies Quarterly einen Aufsatz, der analysiert, wie Deutschland nach der Wiedervereinigung Juden und jüdische Institutionen als symbolische Ressourcen in sein Projekt der Selbstdefinition als liberale, demokratische und «zivilisierte» Nation einspannte. Die Wiederbelebung sei eindeutig staatlich gesteuert gewesen, erklärt Tzuberi, um ein «neues deutsches Judentum» zu schaffen, das mit den kulturellen Erwartungen Deutschlands übereinstimmt. Das vom Staat geförderte Modell jüdischer Gemeinschaften orientiere sich an dem Bild eines «wesentlich deutschen, akkulturierten» Judentums, das häufig eher den deutsch-jüdischen Normen von vor 1933 entspreche als der Vielfalt global gelebter jüdischer Wirklichkeiten von heute.
Dies könnte erklären, warum Personen wie Julius Schoeps in ihrem Bestreben, eine «authentische» deutsch-jüdische Tradition wiederzubeleben, bereit waren, diese Arbeit an Figuren wie Homolka und seine Rekruten auszulagern. Wie Professor Christoph Schulte vom Lehrstuhl für Jüdische Studien der Universität Potsdam gegenüber Laura Moser sagte, war Homolka «im rabbinischen Kostüm die bequeme Projektion für Nichtjuden auf jene assimilierten, bürgerlich-liberalen deutschen Juden, die wir in der Shoah verloren haben. Ein Biergartenjude.»
Das Dogma
Im Jahr 2025 veröffentlichte der Historiker Gerard Daniel Cohen Good Jews, die erste umfassende Geschichte des Philosemitismus in Europa. Cohen geht über die deutschzentrierte, moralpsychologische Perspektive seiner Vorgänger:innen hinaus und verfolgt das Phänomen über mehrere Länder und Generationen hinweg. Er zeigt auf, wie Philosemitismus als transnationaler Diskurs europäische Politik und Kultur prägt, und wie er soziale Hierarchien beeinflusst. Nach Cohen bildet der Philosemitismus heute einen strukturellen und systemischen Rahmen, der in politischen und gesellschaftlichen Institutionen, in den Medien, und im Bildungswesen verankert ist, Europas Nachkriegs-Selbstverständnis stützt und es vor wahrgenommenen Bedrohungen abschirmt.
Cohens Analyse folgt auf zwei Jahrzehnte, in denen in der Folge des 11. Septembers Fragen von innerer und äußerer Sicherheit immer auch als Fragen von Loyalität und gesellschaftlicher Radikalisierung behandelt wurden. Schon nach der Banlieue-Krise in Frankreich Mitte der 2000er hatten französische Intellektuelle wie Alain Badiou, Éric Hazan und Ivan Segré gezeigt, dass die kulturelle Hervorhebung des Jüdischen und der Kampf gegen den Antisemitismus oft als moralisches Alibi benutzt wurden, um ein breites Spektrum politischer Kritik zu unterdrücken. Diese Analyse wird heute von zahlreichen Wissenschaftlern geteilt.
Als es nach dem 7. Oktober zu Campusbesetzungen und Konflikten zwischen studentischen Protestierenden und Polizeikräften kam, die sowohl nichtjüdische als auch jüdische Studierende gefährdeten, beschrieben die Soziolog:innen Éric Fassin und Donatella della Porta, wie Antisemitismus-Vorwürfe zur diskursiven Waffe umfunktioniert wurden und eine regelrechte «Moral Panic» entstand. Forschende und Autor:innen aus den USA, Großbritannien und Israel, eigentlich aus der ganzen Welt, stimmen ihnen zu. Die philosemitische Logik der symbolischen Substitution reicht weit über Deutschland hinaus: Inzwischen untermauert sie die gesamte reaktionäre Bewegung innerhalb der westlichen Politik.
Trotzdem bleibt Deutschland die Bühne, auf der sich diese Logik am dramatischsten zeigt. In einem Essay vom März 2024 zeichnete der Germanist Hans Kundnani den Aufstieg dessen nach, was er «Hyper-Zionismus» nennt – eine intensive, partikularistische Form der zionistischen Bindung zu Israel, die einen Bruch mit Deutschlands früherem, stärker universalistisch geprägten Holocaustgedenken markiert. Sein Artikel schließt mit einem Zitat aus geleakten E-Mails, die im Rahmen einer Recherche über den Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner publik wurden. «Zionism über Alles», schreibt Döpfner da, nachdem er seine reaktionären politischen Ansichten dargelegt hat. Natürlich evoziert dieser Ausdruck die nach dem Holocaust verworfene erste Strophe der deutschen Nationalhymne, «Deutschland über alles». Döpfner scheint zu glauben, dass die beteuerte Identifikation mit jüdischer Macht einen chauvinistischen Nationalismus rehabilitiert, den die bürgerliche deutsche Gesellschaft lange abgelehnt hat.
Im November 2024 veröffentlichte der «hyper-zionistische» Springer-CEO schließlich einen Artikel mit dem Titel «Deutschland muss jüdischer werden», in dem er die komplexen Ursachen des Antisemitismus auf Neid reduzierte und Juden sowohl Reichtum als auch überlegene Intelligenz zuschrieb – Eigenschaften, die seiner Ansicht nach Ressentiments hervorrufen. Das Argument ist zirkulär und verwertet ein bekanntes philosemitisches Motiv, das angebliche jüdische «Besonderheit» als Produkt von Verfolgung darstellt. «Ausgrenzung begünstigt Exzellenz», schreibt Döpfner, «Wer überleben will, muss besser sein. Auf möglichst allen Feldern, aber vor allem auf intellektuellem Gebiet.» Es ist nicht ganz klar, ob man daraus nun schließen soll, dass Juden ihre Verfolgung durch Überlegenheit provoziert oder eine Überlegenheit aufgrund von Verfolgung entwickelt hätten. Döpfners Fokus liegt letztlich darauf, dass Deutschland von dieser angenommenen Exzellenz profitieren sollte. Dies ist kein plausibel abstreitbarer und als Humor getarnter Ersatz-Nationalismus mehr. Es ist die Bestätigung von Kundnanis Analyse bis ins letzte Detail.
An diesem Punkt war die Verstörung, die während eines Jahrzehnts in Deutschland in mir angewachsen war, in Wut und Verzweiflung umgeschlagen. Nach Abstand suchend, nahm ich jede Einladung an, die mir andere Perspektiven verschaffen konnten. So kam ich in jenem Herbst 2024 zur halbjährlichen Konferenz für Nordic Memory Studies an der Universität Malmö. Dort konstatierte der Wissenschaftler Sai Englert die Neukonzeption der Figur des Juden als «Schild des Westens». Englert legte dar, wie «der Jude» nach dem Holocaust im westlichen Diskurs politisch und ideologisch rekonstruiert wurde; nicht als marginalisierter Außenseiter im Inneren, sondern als symbolischer und geopolitischer Verteidiger des Westens selbst: als Bollwerk gegen die Ansprüche und Ressentiments eines kolonisierten und ausgeplünderten Südens und gegen Bevölkerungsgruppen, die aus der moralischen Gemeinschaft Europas weiterhin ausgesondert wurden.
Sofort kam mir ein Meme in den Sinn, das seit dem 7. Oktober unter deutschen Akademikern und Publizisten kursiert: Israel wird darin als Damm unter enormem Druck eines Gewässers gezeigt, das schlicht mit «Islam» beschriftet ist, während der Westen hinter ihm kauert und hofft, dieser Damm möge halten. Nicht anders ist Kanzler Merz’ Interview zu verstehen, in dem er Israel bescheinigt, die «Drecksarbeit» des Westens zu machen.
Diese dabei aufgerufenen Bilder weisen eine unheimliche Ähnlichkeit mit einer viel älteren Figur bedingter jüdischer Integration auf: dem Hofjuden. In der frühneuzeitlichen europäischen Gesellschaft luden europäische Fürsten jüdische Finanziers ein, um ihre lokale Wirtschaft anzukurbeln und Kreditnetzwerke zu schaffen. Drehten sich die politischen Winde, dann konnten diese nützlichen jüdischen Dienstleister ebenso schnell wieder fallengelassen und zu antisemitischen Sündenböcken gestempelt werden. Ein Kommentar im American Chronicle of Higher Education forderte jüdische Professoren kürzlich dazu auf, sich gegen eine Instrumentalisierung als Trumps «Hofjuden» zu wehren, und Rachel Fish schrieb im Jewish Journal über Trumps zweite Amtszeit, dass «amerikanische Juden en masse als Hofjuden positioniert werden.» Was zunächst wie eine Aufwertung erscheint, ist oft nur eine bedingte Instrumentalisierung, die die Möglichkeit der Umkehr in sich trägt.
In The End of Jewish Modernity schlägt Enzo Traverso vor, dass Juden nicht einfach Teilnehmer der europäischen Moderne waren, sondern zu ihrem symbolischen Abbild gemacht wurden: zu einer Figur, auf die die nichtjüdische Gesellschaft ihre Ängste vor Kapitalismus, Säkularisierung, Abstraktion und sozialen Umwälzungen projizierte. Moderner Antisemitismus entstand in dieser Sichtweise als verschobene Kritik an der Moderne selbst, indem unpersönliche Kräfte im Bild des «Juden» personifiziert wurden. Maßgebliche Teile der amerikanischen Rechten machen aus ihrem wiedererstarkenden Antisemitismus kaum noch einen Hehl. Diese plötzliche und neue, gewaltsame Sichtbarkeit folgte unmittelbar auf den Aufstieg genau dieser Rechten zur Macht. Inmitten dieser Faschisierung gelten Juden wieder als ein Sinnbild für heimtückische Kräfte und moralische Verderbnis, meist, aber nicht nur, indem sie durch das Prisma Israels gelesen werden. Wenn jüdische Identität auf Symbol, Funktion oder Kapital reduziert wird, werden Juden zugleich hyper-sichtbar und fungibel gemacht.
Wie Eleonore Sterling glaube auch ich, dass «der Mut zum Anderssein und die zur Kritik zwingende Liebe zur Gerechtigkeit» der eigentliche Kern des «Jüdischen» ist. Was ich fürchte, ist nicht der Verlust jüdischer Sichtbarkeit, sondern die Verdrängung dieses kritischen Erbes durch selbsternannte «Erlöser» – Figuren, die in jüdischen Fiktionen lange vorhergesehen wurden und nun in der realen Welt auftauchen. Wenn das «Verlangen, jüdisch zu sein», zur Obsession wird, ehrt es jüdisches Leben nicht mehr, sondern beginnt, es zu verbrauchen.
Ich kehre oft zu meiner abgenutzten Ausgabe von Grunbergs Der Jüdische Messias zurück – so wie man zu einer kaum beachteten, aber visionären Prophezeiung zurückkehrt. Das katastrophale Ende des Buches wirkt kaum noch fantastisch auf mich. Doch selbst wenn die Ära der jüdischen Moderne, wie Traverso schreibt, an ihr Ende kommt, und auch wenn der fragile Raum für jüdische Selbstbestimmung von den Wünschen, Ängsten oder Ambitionen anderer gefüllt wird, gilt doch weiterhin, dass die jüdische Geschichte sich immer wieder von Brüchen erholt und Erneuerungen durchlaufen hat. So wie das Judentum sich früher erneuert hat, kann und muss es dies wieder tun – nicht als Spektakel oder Stellvertretung, sondern als etwas Gelebtes, Umstrittenes und unbestreitbar Plurales. Für mich wie für so viele, die vor mir kamen, kann die Erneuerung nur mit einer Abrechnung beginnen. Dies ist meine.