Claassen März 2026 24 € 176 S.
Claassen Mai 2026 24 € 160 S.
Es läuft nicht mehr ganz so rund in den sozialdemokratischen Idyllen des Nordens. Von außen mag die Fassade von hygge, fika und Fjordromantik noch ganz beschaulich wirken, doch auch die skandinavischen Länder, die (besonders in Deutschland) stets als «Erfolgsgeschichten» verkauft werden, ringen um den Erhalt liebgewonnener Selbstverständlichkeiten. Die Skandale der letzten Monate nagen am Selbstbild: Die norwegische Kronprinzessin Mette Marit taucht prominent in den Epstein-Files auf, während ihr Sohn Marius als Sexualstraftäter verurteilt wird; der dänische Starkoch und Vorreiter der sogenannten «Nordic Cuisine», René Redzepi, drangsalierte in seinem Kopenhagener Sterne-Restaurant Noma über Jahre hinweg seine Angestellten; und in Schweden, da herrschen, wie man in Norwegen sagt, eh längst «schwedische Zustände».
Auch in Skandinavien dominieren Verfallssymptome den Diskurs, nimmt der Rechtspopulismus deutlich zu, gehen die Geburtenzahlen rapide zurück – was auch damit zu tun hat, dass die Versprechen des Wohlfahrtsstaats (Kitas, Krankenversicherung, Kunst und Kultur für alle) nicht mehr so einfach zu halten sind. Der drohende Verlust des guten skandinavischen Lebens verstärkt zugleich einen ohnehin schon ausgeprägten lebensweltlichen Konformismus, in dessen Zentrum die Trinität von Arbeit, Kindern und Wohnungskauf steht. Dass sich trotz bemühtem Streben dieses Ideal für die meisten jüngeren Menschen nicht mehr einstellen will, hat eine Form von «welfare rage» hervorgebracht, die sich gegen den Staat und seine Institutionen richtet, der seinen Bürger:innen viel abverlangt, wenig Abweichung toleriert und zugleich immer weniger zu geben scheint.
Vor allem in Dänemark finden sich vermehrt Versuche, dieser Wut literarisch auf die Spur zu kommen. Im Werk von Autor:innen wie Olga Ravn (geb. 1986), Jonas Eika (geb. 1991), Malte Tellerup (geb. 1989) und Luka Holmegaard (geb. 1990) formiert sich eine Form der «Post-Wohlfahrtsstaat-Literatur», wie sie der Kopenhagener Literaturwissenschaftler Tue Anders Nexø kürzlich bezeichnet hat, die ein ambivalentes Bild der nordischen Modellgesellschaften zeichnet und von Neuem die Frage aufwirft: Wie zusammen leben, arbeiten, lieben? Auch wenn diese Literatur von schablonenhafter Kritik an spätkapitalistischer Hyperproduktivität, von thoreauhaften Rückzugsphantasien und Utopien des sorgenfreien Landlebens nicht frei ist, findet sich in ihr doch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Fragen des Gemeinsinns, des Kollektiven, der politischen Gestaltungsmöglichkeiten erschöpfter Millennials. Olga Ravn hat diese bereits 2014 in einem Essay beschrieben: