Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat.

Goethe, Faust II

Am Anfang war die Inflation. Ich spreche vom echten, wortwörtlichen Anfang, etwa 13,8 Milliarden Jahre vor unserer Zeit. Dem Physiker Alan Guth zufolge schuf der Urknall das orgastische Moment einer ultraschnellen, exponentiellen Expansion, die in einer Nanosekunde alle Materie und Energie des Universums entstehen ließ. Kosmische Inflation nannte Guth diesen unerhörten Vorgang. Später griffen ein paar seiner Jünger diese Hypothese auf und identifizierten – als gute Nordamerikaner brauchten sie wohl einen Helden – ein neuartiges Elementarteilchen im Mittelpunkt dieses Entstehungsdramas: das Inflaton. Die siebziger Jahre gingen zu Ende, und vielleicht erklärt der Zeitgeist, warum die Kosmologen, die sonst so leichtfertig mit extravaganten Begriffen hantieren, sich ausgerechnet bei der eher nüchternen Sprache der Ökonomen bedienten, um die Geburtswehen des Weltalls mit den damaligen Währungsturbulenzen zu assoziieren. Auch 1979, wie bereits im gesamten Jahrzehnt, hatten die amerikanischen Preise um bis zu zwölf Prozent zugelegt; eine Freiheit, die sie sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr genommen hatten. Alle Mühen der Regierung zur Preiskontrolle liefen ins Leere.

Fünf Jahre vor Guths Verkündung des Großen Knalls hatte Präsident Gerald Ford, der nach einem Bonmot Lyndon B. Johnsons schon damit überfordert war, «einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei einen Kaugummi zu kauen», die Inflation zum «Staatsfeind Nummer eins» erklärt und dazu aufgerufen, sie «unter Mobilmachung sämtlicher Reserven der Nation» zu bekämpfen. Es war eine Zeit des hochtourigen Metapherngebrauchs: Die Wissenschaftler nutzten zur Darstellung kosmischer Umwälzungen monetäre Schauerbegriffe, die Präsidenten den Jargon von Polizei und Militär, um wirtschaftliche Unregelmäßigkeiten zu beschreiben. In den 1970er Jahren war die Inflation in aller Munde: jene dort oben, weit in Raum und Zeit entfernt, und diese hier unten, auf Erden, im Hier und Jetzt. Als man die irdische Variante Anfang der 1980er Jahre für besiegt erklärte, versicherten uns Paul Volcker und seine Gang: «Es wird die letzte gewesen sein.» Und so war es auch, bis vor zwei Jahren. Nach langem Schlummer sprangen die Preise der sogenannten entwickelten Welt plötzlich aus ihren Betten, entsannen sich eines Lasters, von dem sie wohl nie ganz genesen, und machten da weiter, wo sie vor mehr als vier Jahrzehnten aufgehört hatten: Sie begannen zu steigen.

Leere Regale

Wer wie ich aus Argentinien kommt – aus einem Land, das in fünfzig Jahren drei Hyperinflationen überlebt hat und heute mit einer Teuerungsrate von 120 Prozent auf eine vierte zusteuert –, der kann über Preisschwankungen, wie sie die entwickelte Welt seit dem Frühjahr 2021 erlebt, nur müde lächeln. Die zehn Prozent Inflation, die Deutschland und vergleichbare Länder im Laufe eines Jahres zivilisiert verwalten, verschlingen gefräßigere Nationen wie Argentinien, Venezuela oder Simbabwe in einem Monat. Und doch erinnere ich mich noch genau an den Tag, als kurz nach der Ausrufung der Pandemie die Regale für Klopapier, Nudeln und Speiseöl beinahe leergefegt waren. 

Bei dem Wenigen, was man über die neue Seuche wusste, kam mir das übertrieben vor, eine Art Übersprunghandlung oder Abwehrreflex, ferngesteuert von einem jener heimlichen Fortbildungsseminare, die die Deutschen absolvieren, um das Gespenst der Kontingenz in Schach zu halten. Dasselbe Gefühl überkam mich zwei Jahre später, als Putin die Ukraine überfiel. Schon wieder waren Klopapier, Nudeln und Speiseöl knapp, doch jetzt kam ein weiteres lebenswichtiges Gut hinzu, dessen Preis, das war klar, schon bald durch die Decke schießen würde: das Gas. Zwei, drei deutsche Familien luden mich Ende Februar in ihre Wohnungen ein. Seit einer Woche herrschte Krieg, und über den neuen Gaspreis Ungewissheit. Bei meinen Bekannten stieß ich auf dieselbe nüchterne Liebenswürdigkeit wie immer, nur hatte sich die etwas wärmer angezogen als sonst, da man allerorten zur Übereinkunft gekommen war, die Heizung abzustellen.

Natürlich nur eine Vorsichtsmaßnahme. Aber genau das war es, was mich verwirrte, komme ich doch aus einer Gesellschaft, die zum Voraussehen der eigenen Zukunft unfähig ist. Das deutsche Spezialwissen führte ich zurück auf Überlebenskenntnisse, die man im Krieg erworben hatte und zu deren Kernprogramm gehörte, erfahrenes Leid in Vorsorge umzumünzen. Streng chronologisch genommen kamen die deutschen Präventivmaßnahmen zwar noch immer zu spät, denn die befürchtete Pandemie und der Krieg mitsamt ihren Inflationsfolgen waren bereits unaufhaltsam im Gange. Aber immerhin kamen sie überhaupt, und die Bereitschaft, ohne Verzug zu handeln, um die Summe der unwiderruflich verlorenen Zeit so gering wie möglich zu halten, konnte ich nur bewundern.

Schließlich ist es in Argentinien immer zu spät. Seinesgleichen geschieht, und uns bleibt nichts, als zu Zeitgenossen der Katastrophen zu werden, in die wir ständig aufs Neue hineinschlittern. Vorhersehen und Vorbeugen sind für uns eigenartige, geheimnisvolle, ja (sarkastisch gesprochen) traumhafte Vorgänge, charakteristisch für jene Gesellschaften, die der Illusion nachhängen, man könne die Zeit kontrollieren. Wer hingegen auf die Rolle des Zeitgenossen seiner Katastrophe festgelegt ist, gibt jeglichen Anspruch auf ihre Kontrolle ab. Dieser eigentümliche Zustand, eine Mischung aus Karma, Ignoranz und fleischgewordener Unverwüstlichkeit, zählt vielleicht zu den häufigsten Langzeiteffekten eines Lebens mit der Inflation. 

In Argentinien hält jeder seine Privatvorlesungen über Preise und Preisentwicklungen, vom Taxifahrer und Zeitungsverkäufer zum Ökonomen mit Doktortitel aus Harvard oder Chicago. Ein jeder ist Experte für aus dem Ruder laufende Geldpolitik, doch wann es eigentlich angefangen hat mit der Inflation, daran kann sich keiner erinnern. Anders als im Universum, wie Guth es beschreibt, gibt es hier keine spektakulären Ouvertüren, keine Startschüsse, nichts, womit sich sagen ließe: An jenem Tag begann unser Geld einzuschmelzen (das Verb stammt aus Stefan Zweigs Autobiografie, in der er die deutsche Hyperinflation von 1923 beschreibt).

Leichter fällt die Erinnerung an das letzte Mal, als wir frei von Inflation lebten: in den jetzt wieder heraufbeschworenen Neunzigern, dem Jahrzehnt der berühmt-berüchtigten Konvertibilität, jener neoliberalen Fiktion, der zufolge ein argentinischer Peso genau einem US-Dollar entspricht, ein Gedanke, der 2001–2002 einen beinahe tödlichen Urknall auslöste, eine beispiellose soziale Erschütterung mit Blutvergießen, dem Defilee fünf ratloser Präsidenten innerhalb eines Monats und einer Abwertung des Peso, die den Dollarpreis um das Vierfache verteuerte.

In einer solchen Phase der Partie erscheint einem Argentinier die Inflation weniger als Zusammenbruch der Verhältnisse denn als Normalzustand, sie wird ihm zu einer zweiten Natur. Oder zu einer Kultur. Denn selbstverständlich gibt es eine Kultur der Inflation, etwa so wie es eine seismische Kultur gibt, eine zyklonale oder eine im Zeichen der Schwindsucht. Der Begriff der Kultur verweist hier auf das Schema, in das eine Katastrophe aufsteigt, wenn sie ihren Unheilscharakter abstreift und zur Gewohnheit wird, wenn sie sich breitmacht und nicht mehr bloß Schock oder Ausnahmeereignis ist, sondern chronischer Zustand, Stimmung, Klimazone und Habitat.

Ein Knick in der Zeit

Dass mich an den Reaktionen der Deutschen besonders ihr Tempo beeindruckte, liegt, glaube ich, daran, dass die Inflation nicht nur den Wechselkurs in Frage stellt, sondern im Kern das Verhältnis einer Gesellschaft zur Zeit. Die Kultur der Inflation in der Dritten Welt – vielleicht schließe ich hier aus zwei emblematischen Fällen, Venezuela und Argentinien, leicht missbräuchlich auf die Allgemeinheit – ist im Grunde eine Kultur des vorübergehenden Glaubensverlusts an die Zeit. Wenn es stimmt, dass Wirtschaft auf Krediten und Kredite auf Zeit basieren, auf Zeit als Währung wechselseitigen Vertrauens, dann liegt auf der Hand, dass, wenn die Preise jeden Tag steigen, kein Mensch sich veranlasst sieht, Abmachungen zu unterzeichnen, Fristen einzuhalten oder auf irgendetwas zu setzen, das nach Geduld oder Aufschub verlangt.

Im Kontrast zu einer solchen Vernunftleistung meinen übrigens viele Argentinier, die steigenden Preise austricksen zu können, indem sie ihre Kreditkartenlimits bis zum Äußersten ausschöpfen, im Vertrauen darauf, dass die voranschreitende Inflation die letzten zwei oder drei Raten ihrer Rückzahlung derart amortisiert, dass sie nahezu kostenlos werden. Als vermeintliche Realisten setzen sie auf das Unmögliche – darauf, die Inflation mit ihren eigenen Waffen zu schlagen –, vergessen dabei aber, dass der in einem Ratenzahlungsvertrag fixierte Betrag natürlich viel höher ist als der Barzahlungspreis, dass er den zu erwartenden Inflationsüberschuss einkalkuliert und bisweilen sogar übersteigt.

Inflation erzeugt, selbst in gemäßigter Form, einen rauschhaften Notstand. Abwarten macht alles noch schlimmer, den Schaden noch größer. «Wir müssen handeln, und zwar sofort!» lautet die Parole der Inflationskultur, der Inflation als Lebensform, die jegliche Dauer, zeitliche Komplexität oder Nuance auf das geballte Moment epiphanischer Gegenwart reduziert. Wie Descartes, der seinen systematischen Zweifel bis zur Erschöpfung trieb, damit nur noch die unverwüstliche Gewissheit des Denkens übrigbleibe, verleugnen diejenigen, die in Inflation leben, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft. Und sogar die Gegenwart würden sie verleugnen, wäre nicht sie der Mahlstrom, der ihnen zu Leibe rückt, der sie verschlingt und in den täglichen Überlebenskampf stürzt.

Das Bangen ist nachvollziehbar, so nachvollziehbar wie das Gefühl von Ohnmacht und Fragilität. Der Schalter, mit dem wir den Inflationsprozess aufhalten könnten, ist so unerreichbar wie der für Epidemien, Kriege und Erdbeben. Was aber genau ist dieser inflationäre Notstand? Er ist der stete Tropfen, der alle Werte aushöhlt, und erst eine derart auf Dauer gestellte Gegenwart lässt begreifen, warum die Zeitgenossenschaft mit der eigenen Katastrophe so schmerzhaft ist: Unheil geschieht, während wir uns um anderes kümmern, um Atmen, Essen, Lieben, ohne in den Lauf des Schicksals eingreifen zu können. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass mit jeder Sekunde der Geldschein in unserer Tasche etwas weiter zerknüllt, dass er genau in diesem Moment aufhört zu sein, was er ist, wert zu sein, was er wert ist, und stattdessen – schon wieder – etwas weniger wert wird. Die Gewissheit, auch und gerade im Hier und Jetzt, dass es so etwas gibt wie eine Sterblichkeit aller Werte, eine Frist, die die verbleibende Lebenszeit mit der Unerbittlichkeit eines Countdowns herunterzählt: weniger, noch weniger, immer noch weniger…

Im Jahr 1990 stiegen die Preise in Argentinien um 2.313 Prozent, und im zweiten Jahr in Folge standen wir an der Spitze der hyperinflationären Länder. Schlechte Zeiten, um mit Geld zu experimentieren, zumindest für einen wie mich, den die kopflose Logik der Wirtschaft wahlweise verwirrt oder erschreckt. Doch wie es der Zufall wollte, hatte ich gerade meine erste eigene, unverschämt günstige Wohnung erstanden, und so konnte ich dem vielzitierten Gemeinplatz nachspüren, dass in jeder Krise eine Chance und es außerdem an mir läge, genau diese jetzt zu nutzen. Wollte ich meine Wohnung bewohnen, galt es, ihrer Baufälligkeit etwas entgegenzusetzen, schließlich war die der wichtigste Grund für den wundersam günstigen Preis gewesen, abgesehen von der zwielichtigen Nachbarschaft, die aus Textilfabriken am Rande der Insolvenz, Bars ohne Kundschaft, bemitleidenswerten Videotheken und vereinzelten halbstarken Schlägertrupps bestand. Also gab ich Renovierungsarbeiten in Auftrag, die nicht mehr als zwei, höchstens drei Monate andauern sollten, und zwar mitten im Sturzflug der Währung, wo die Wenigen, die überhaupt Geld zur Verfügung hatten, es ohne zu zögern sofort wieder ausgaben, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihnen, sobald sie den Fernseher, die Metrotickets, die Thunfischdosen und Shampooflaschen in die Finger bekämen, kaum etwas übrig bliebe, um für all die anderen Überlebensnotwendigkeiten aufzukommen, deren Preise auch jetzt nicht daran dachten, vom Ansteigen abzulassen.

Ein Architekt, der mit Zahlen hantiert, ist oft nicht vertrauenswürdiger als der Schatzmeister eines gescheiterten Staates, und so wurden aus den vereinbarten zwei, drei Monaten Arbeit fünf oder sechs, als hätten sie sich mit den Preisen abgesprochen. Schon bald geriet das von mir als vielversprechend konzipierte Renovierungsprojekt ins Schleudern. Die galoppierende Inflation ließ die Baustoffe knapp werden, entweder weil sie von denjenigen abgegriffen wurden, die spät dran waren mit ihren Investitionen ins Notwendigste, oder weil die Hersteller zögerten, Material zum Verkauf freizugeben, überzeugt davon, dass der Verkaufspreis, den sie nach Lage der Wirtschaft verlangen müssten, nicht der richtige war oder schlechter als der, den sie in fünf, in zwei, in einer Minute oder in dreißig Sekunden ansetzen könnten. Wegen des Materialmangels hatten die Handwerker immer weniger zu tun; ein aufgeschobener Auftrag führte zum Aufschub des nächsten, die Arbeit zog sich zäh in die Länge, und trotzdem erschien ich immer freitags pünktlich zum Zahltag in meinem 65 Quadratmeter kleinen Schmuckstück, das sich noch immer kaum unterschied von der Ruine, die ich in der etwas unheimlichen Gegenwart von sechs Arbeitern gekauft hatte, welche nun mit den Händen in den Hosentaschen dastanden und vielleicht ihrer Heimat in Paraguay, Peru oder Bolivien nachtrauerten, die sie in der Hoffnung auf ein besseres Leben in meinem in Flammen stehenden Land verlassen hatten. Und so erschien ich jeden Freitag pünktlich um drei Uhr nachmittags mit dem Wochenlohn, einem Rucksack aus Segeltuch, der bis zum Bersten mit Münzen und Geldscheinen gefüllt war, so hart und kompakt wie an dem Tag, als ich ihn gekauft und man ihn zur Betonung von Form und Design mit Zeitungspapier ausgestopft hatte.

«Alles stinkt nach Geld»

Im Gegensatz zu anderen, ähnlich verheerenden, aber subtileren wirtschaftlichen Plagen wirkt die Inflation offenkundig und unmittelbar. Ihre Auswirkungen sind überall sichtbar: als Kalküle, Verhaltensweisen, Strategien, Rituale, Abwehrmechanismen, Ticks. In Zeiten der Inflation neigen wir dazu, unser Geld so schnell wie möglich loszuwerden, fast so, als würde es brennen. Wir schaffen es uns vom Hals, weil es zu behalten bedeutet, es zu verlieren, aber auch, weil sich die Geldbündel, die wir mit uns herumschleppen, grotesk nach außen wölben, wie eine Art parfümiertes und deformiertes Exoskelett.

Unser Konsum wird zwanghaft und wir kaufen vorzugsweise nicht-verderbliche Waren. Wenn es uns gelingt, etwas zurückzulegen, dann nur in ausländischer Währung. Auf dem Parkett der Devisen bewegen wir uns mit der Geschmeidigkeit von Schmugglern und Grenzgängern, wir switchen vom offiziellen zum Schwarzmarkt wie ein Weltbürger zwischen den Sprachen. Wir verfeinern unser Konsumscouting, wissen, wo die Preise am langsamsten angehoben werden, welche Läden die besten Rabatte bieten und welche Stadtviertel sich bei der nächsten Hiobsbotschaft taub stellen.

Im Februar 2002, als Argentinien brannte, zog ein alter Freund kreuz und quer durch Buenos Aires auf der Jagd nach Schnapsflaschen der Marke José Cuervo Especial Reposado, einem mexikanischen Tequila, der in den neunziger Jahren, dem Jahrzehnt der Konvertibilität, wie Wasser ins Land strömte und dessen Preis nun Tag für Tag mit dem halsbrecherischen Tempo des Dollars anstieg. Völlig außer Atem rief er mich eines Morgens aus irgendeinem abgelegenen Stadtteil an, um mich zum gemeinsamen Kauf zweier Kisten zu überreden, die er zu einem lächerlichen Preis in einer Art Lager gefunden hatte; die Besitzer, zwei spanische Achtzigjährige am Rand der Erschöpfung, hatten seit Monaten versäumt, ihre Preise zu aktualisieren.

In der Inflation verwenden wir unser Geld – das Wort «investieren» wäre eine Übertreibung – auf diejenigen Grundnahrungsmittel, deren Preise am stärksten zu steigen drohen. In den Supermärkten verwandeln sich einige von ihnen – Speiseöl, Thunfischkonserven – von Alltagswaren in seltene Schmuckstücke. Mit Alarmmeldern ausgestattet stehen sie nun in der Nähe der Kassen, wo es schwieriger ist, sie zu klauen.

Geld wird anzüglich, obszön: explizit auf eine Art, wie pornografischer Sex explizit ist. Das Leben mit Inflation wird zum absoluten Regime des cash. Alle anderen Zahlungsmodalitäten – Kreditkarten, Schecks, Überweisungen – setzen Zeit und Vertrauen voraus, doch Zeit und Vertrauen ist das erste, was die Inflation liquidiert. Geldscheine wuchern. Da sie jede Sekunde an Wert verlieren, bezeichnet man sie nicht mehr mit ihrem bedeutungslosen Nennwert, sondern nach ihrer Farbe, dem Porträt, das sie ziert, oder einem mehr oder weniger ironischen Spitznamen, den die Straße für sie gefunden hat. Man bezahlt nun nicht mehr soundsoviel Pesos, sondern «zwei Rote und einen Grünen», «drei Rote», «zwei Braune, einen Grünen und einen Blauen». So lebt etwas von der verlorenen Stabilität im diskreten Farbschema der Geldscheine fort. Hosen, Mäntel, Brieftaschen, Geldbörsen, sogar die Gürteltaschen mit Reißverschluss, die, nachdem sie der Tourismus populär gemacht hat, jetzt wieder in Mode sind – alles, was Taschen hat, verformt sich, aufgeplustert von Banknotenbündeln. Kleidung, Hände, Finger und Fingerspitzen: Alles stinkt nach Geld.  

Die Währung, Fundament der Wirtschaft und Ideal ihres Gleichgewichts, wird zum entfesselten Antrieb eines Deliriums, das alles parodiert. In Goethes Faust II geht das so weit, dass nur ein Narr den «Papiergespenstern» misstraut, die Mephisto, um das Reich vor seinem Ruin zu bewahren, mit des Kaisers Bildnis und Unterschrift drucken lässt. Stefan Zweig erzählt, dass man (bei einer Inflationsrate von 35.874,9 Prozent allein im Monat November 1923) das Geld in Schubkarren transportierte und kleinere Scheine zum Heizen oder als Wärmepolster in Wintermänteln verwendete. Mit herablassender Geste warfen Bettler Hunderttausendmarkscheine, die noch zwei Wochen zuvor auf Lastwägen von der Reichs- zu den Privatbanken gekarrt worden waren, in die Gosse. Ein zerbrochenes Fenster zu reparieren, kostete mehr als einen Monat zuvor das gesamte Haus; ein Buch mehr als die Druckerei, in der es gedruckt wurde, mitsamt ihrer hundert Druckmaschinen. Während der Hyperinflation 2007–2008 gingen der Zentralbank Simbabwes buchstäblich das Papier und die Tinte aus: So groß war der Bedarf an Bargeld, dass die Zeit nicht reichte, die noch feucht bei den Banken ankommenden Scheine zu trocknen. In Argentinien schreibt man die Preise, wenn man sie überhaupt anschreibt, mit Kreide, um sie nachher leichter korrigieren zu können. Lebensmittel kauft man nicht mehr pro Gewicht oder Einheit. Man sagt nicht: «Geben Sie mir bitte ein halbes Kilo Fleisch», sondern: « Fleisch für 500, bitte», zum einen, weil das der Betrag ist, den man ausgeben kann, aber auch, weil es unmöglich geworden ist, den Fleischpreis im Voraus zu erahnen. Die Antwort auf die Frage, wie viel etwas kostet, ist einfach: «100 – für heute». 

Das bislang entfaltete Panorama pittoresker bis komischer Verhaltensweisen zeigt jedoch nur die Frontseite des Lebens mit der Inflation. Die wahrhaft inflationäre Geisteshaltung ist introspektiv, verschwiegen und folgt der teuflischen Logik einer ungehemmten Spekulation, die rund um die Uhr auf Hochtouren läuft und nur auf eine einzige Gewissheit vertraut: Was man auch denkt und wie sehr man sich beeilt, die Inflation triumphiert. Antizipieren, planen, entwerfen: Jeder Versuch der Vorwegnahme wird in diesem despotischen Reich der ständigen Gegenwart seinem grausamen Surrogat geopfert: dem Kalkül. Oder besser gesagt der Neukalkulation, denn die ständige Preisanpassung zwingt uns, alles bereits Errechnete immer wieder zu prüfen, zu revidieren, zu korrigieren, das Schon-Gezählte noch einmal zu zählen, als wären wir in eine zwanghafte, nutzlose Korrekturschleife geraten, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Man schlittert in eine unersättliche Schlaflosigkeit hinein: Annahmen müssen aktualisiert, Prioritäten neu verteilt und Budgets so angepasst werden, dass die Einkommen mit den Preisen Schritt halten, was sich natürlich als unmöglich erweist, denn Preise und Einkommen driften nie weiter auseinander als in der inflationären Trance.

Die schädlichste und verstörendste Kluft tut sich aber streng genommen nicht zwischen dem Geld auf, das wir haben, und dem Preis, den die Dinge kosten, sondern zwischen zwei Strömen oder Kräften, die im Idealfall und unter halbwegs vernünftigen (wenn auch nicht unbedingt «gerechten») Bedingungen in ein gewisses Gleichgewicht zueinander geraten sollten. Es handelt sich nicht um eine äußere Kluft, sondern um eine innere, um einen Abgrund, der sich im Innenraum der Währung auftut. Es ist das Geld selbst, oder zumindest sein «Bild», das sich aufspaltet und von sich selbst entfremdet, das sein Wesen aufteilt in zwei parallel, aber nicht zeitgleich verlaufende Linien. Der Begriff des «Millionärs», ein Wort wie ein Zaubertrank, in dem sich die klassisch von Geld ausgelösten Fantasien vermengen, dient nun als ein Codewort für den radikalen Kurzschluss, den die Inflation in der sozialen Einbildungskraft erzeugt: Reichsein und Geldhaben sind nicht mehr dasselbe. 

Ein erfahrener deutscher Verleger gesteht mir, er habe die Preissteigerungen im Jahr 2022 nicht gespürt. Mein Gelegenheitsinformant ist nicht unbedingt reich, aber die vier Wände, in denen er wohnt, sind sein Eigentum, und die Lebensmittel, die er konsumiert – allesamt Bio-Produkte – waren schon vor der Verteuerung teuer. Der Verleger glaubt nicht, dass Menschen unter siebzig das Gespenst von Weimar in den Sinn kommt, nicht einmal ihm selbst geht es so, obwohl er diese Altersschwelle schon vor einiger Zeit überschritten hat. Natürlich hat er keine persönlichen Erinnerungen an die 1920er-Jahre, auch wenn er sehr wohl den Tag nicht vergisst, an dem er beim Stöbern im Familienarchiv einen jener 50-Milliarden-Mark-Scheine von 1923 entdeckte, die es heute für neun Euro im Internet gibt und mit dem sein Großvater, hätte er nicht beschlossen, ihn zu horten, zu seiner Zeit 750 Gramm Fleisch hätte erwerben können. Stefan Zweig hatte Recht, es sind wahrlich «fantastische Zahlen des Wahnsinns»: 1923 kostete ein Pfund Brot drei, ein Glas Bier vier Milliarden Reichsmark. Lag der US-Dollar 1914 bei vier Mark, so kostete er nun zwischen 4,5 und sechs Milliarden. Für Hundert Dollar ließen sich mehrere sechsstöckige Häuserreihen am Ku’damm erstehen, eine ganze Fabrik kostete heute so viel wie eine Schubkarre gestern. Zweig war gerade mit einem Buch fertig geworden, an dem er ein Jahr lang gearbeitet hatte, und um sich vor der Inflation zu schützen, bat er seinen Verleger um einen Vorschuss auf die Tantiemen für zehntausend Exemplare. Als er den Scheck eingelöst hatte, reichte das Geld kaum noch fürs Porto.

Eine ästhetische Existenz

Der Inflation in ihrem doppelten, ökonomisch wie kosmischen Sinn, verdanken wir die triumphale Rückkehr einer beunruhigenden Zahl: der Null. Wie soll man sich heute, wo die Kassiererin den 100-Euro-Schein, den wir ihr zitternd reichen, mit Misstrauen beäugt, die Ströme von Nullen vorstellen, die einst den Alltag der Weimarer Republik bestimmten und die heute das Leben von Argentiniern und Venezolanern fluten? Denken wir jenseits von Hyperinflation und kosmischer Materie nur an die magischen Vermehrungskräfte der Null, an Auslandsschulden, Umsatzbilanzen von Großkonzernen, an Milliardenvermögen oder an die Tausende von Followern der Influencer:innen, die bezeichnenderweise in der Einheit «k» zusammenfasst sind und so ihren Massenwahn verbergen.

Auch an den gegenwärtigen Kunstmarkt könnte man denken. Denn nur dort konnte sich beinahe widerstandslos die Gewissheit durchsetzen, dass man all die Legionen von Nullen zu einer einzigen Einheit zusammenziehen kann, Gemälde oder Skulptur, Ware und Werk. Das für das Leben mit der Inflation so charakteristische Verhältnis von eins zu einer Million, eins zu hundert Millionen, eins zu einer Milliarde kommt jedes Mal wieder zum Vorschein, wenn Sotheby’s oder Christie’s mit einer ihrer schwindelerregenden Superauktionen in den Schlagzeilen sind. Noch mehr als über die Höhe der Beträge staunt man dabei über ihr relativ willkürliches Zustandekommen. 2017 wurden für da Vincis «Salvator Mundi» 450 Millionen Dollar gezahlt, was aktuell 537 Millionen entspricht. Es hätten auch sechs Milliarden, sechzig Milliarden oder nur sechs Millionen sein können, keiner dieser Beträge hätte die Marktlogik, der sie unterliegen, vernünftiger oder transparenter gemacht.

Unter Inflationseinfluss – bajo la inflación kann man auf Spanisch sagen, so wie man auf English under the influence sagt – wird die Beziehung zu diesen gigantischen Größen selbst unmittelbar quantitativ. So rasend exponentiell, wie sie sich ausbreitet, widerstrebt die Inflation jeglicher Buchführung, doch darin, dass sie sich zumindest theoretisch beziffern lässt, liegt ihr vielleicht ausgefallenster Reiz: eine Art abzählbare Unsagbarkeit, so als ließe sich mystischer Taumel schlagartig in die Ordnung der Zahlen eingemeinden. Vielleicht ist das auch der dunkelste, dem gesunden Menschenverstand am meisten widerstrebende Grund dafür, dass unsere unmittelbarste oder sagen wir am stärksten triebgesteuerte Reaktion auf eine Inflationssituation das Geldausgeben ist. Gewiss geben wir Geld aus, um für einen kurzen Moment das Ausbluten der Währung zu stoppen. Aber wir geben es auch aus, um Teil jenes Strudels aus Flucht und Entgrenzung zu werden, der alles verschlingt. Vielleicht rührt daher die seltsam festliche Stimmung eines wild gewordenen Potlatch in hyperinflationären Trancezuständen: Geld ausgeben als Mimikry einer unersättlichen Gier, mit der die Inflation an der Währung nagt.

So kommen wir im Verschwenden unseres Geldes seinem ausgemachten Abhandenkommen zuvor und erreichen eine zumindest imaginäre Aufhebung der Verdammnis, die uns von außen droht. Verlieren ist jetzt nicht mehr Schicksal oder Bestrafung, sondern eine freie (wenn auch illusorische) Entscheidung. Das Geldausgeben ist unser erster und letzter Notbehelf vor dem Totalverlust, hinter dem nur der Nullpunkt wartet. Oder vielleicht noch das Glücksspiel, im Sinne Batailles eine weitere anthropologische Spielart, mit der sich das Geldverschwenden verklären lässt. Ihres Wertes beraubt, ist die Währung bedeutungslos, «ungebunden», frivol, so als hätte sie die Seiten gewechselt: Sie wird frei, verlässt die Sphäre der Ökonomie zugunsten einer radikal anderen Ordnung, der des reinen Spiels oder – wer weiß? – der Kunst.

Eine bekannte Fotografie aus dem Jahr 1923 zeigt eine Gruppe von Kindern beim Bau einer Pyramide mit Bündeln von Banknoten, denen die Hyperinflation jede Kaufkraft genommen hat. Die frühreifen Architekten scheinen sich köstlich zu amüsieren, jedenfalls weit mehr als der Herr, vermutlich ihr Zeitgenosse, der auf einer anderen Abbildung aus dieser Zeit damit beschäftigt ist, die Wände seiner Wohnung mit Zehn-Mark-Scheinen zu tapezieren. Die Aufnahmen strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, fast könnte man sagen, sie wirken gestellt: nicht wie hastige Schnappschüsse eines dramatischen Kipppunkts der Weltwirtschaft, eher wie tableaux vivants, wohltemperierte Porträts von performances. Beide zeigen das Nachleben einer Währung, nachdem die Inflation sie zerfressen hat, nachdem ihr Tauschwert durch ungeahnte Gebrauchswerte ersetzt worden ist. Ein ästhetisches Leben. 

«Yes, You Should Worry About Inflation»

Etwas dehnt sich aus, eine Milliarde Mal innerhalb einer Milliardstel Sekunde, und das Weltall faltet sich auf. Der Vorgang ist kaum darstellbar. Auch in den psychedelisch angehauchten Figurationen, den Strudeln und Spiralen, bunten Flecken und Sternenhaufen, die das James-Webb-Teleskop und andere Wundertechniken der Kosmologie uns von Zeit zu Zeit aus den observierten Himmelsregionen nach Hause bringen, bleibt er uns fremd. Die verheerenden Folgen der irdischen Inflation, die sich als prosaische Schwester der kosmischen ausgibt, sind uns gut bekannt. Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer zu glauben, dass die Verschwörung zweier milliardenschwerer Zahlenreihen – maximale Beschleunigung, maximale Ausdehnung – etwas schaffen soll, dass diese Gluthitze der Extreme tatsächlich etwas gebiert

Noch dazu ein ganzes Universum. Oder große Vertreter der Macht: starke Führungsfiguren zum Beispiel, betraut mit dem heiligen Amt, den Kapitalismus von den Sünden und Lastern des Wohlfahrtsstaates zu befreien. Ronald Reagan zog 1981 ins Weiße Haus, nach zehn Jahren der Inflation; Margaret Thatchers Blüte begann 1983 nach dem langen «Winter der Unzufriedenheit», also drei Jahre, nachdem die britischen Preise in einem Jahr um 25 Prozent zugelegt hatten. Während ich an diesen Seiten arbeite, hat Argentinien, das Land, aus dem ich komme, die fünfthöchste Inflationsrate der Welt und wählt einen rechtsextremen, ultralibertären Pro-Life-Kandidaten zum Präsidenten, der den Staat auf die Rolle eines Repressionsapparats reduzieren will. Er wird ihn brauchen, um sein «freiheitsliebendes» Programm möglichst ungehemmt durchzuziehen.

Ein Novum in der argentinischen Politik: Vor fünfzig Jahren trugen Hooligans dieser Couleur Militäruniformen, orchestrierten Staatsstreiche, ließen massenhaft Menschen verschwinden und führten das Land in Rekordzeit in Krieg und Ruin. Die Versuchung liegt nahe, irgendeinen Zusammenhang herzustellen zwischen chronischer Inflation und gewissen reaktionären Tendenzen in Wirtschaft und Politik. Und hier ist Deutschland einmal mehr ein lehrreiches Beispiel. Wird nicht allzu häufig das hyperinflationäre Weimar der 1920er für den Aufstieg des Nationalsozialismus verantwortlich gemacht? In Die Welt von Gestern schreibt Stefan Zweig:

«Nichts hat das deutsche Volk […] so erbittert, so haßwütig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation. Denn der Krieg, so mörderisch er gewesen, er hatte immerhin Stunden des Jubels geschenkt mit Glockenläuten und Siegesfanfaren. Und als unheilbar militärische Nation fühlte sich Deutschland durch die zeitweiligen Siege in seinem Stolze gesteigert, während es durch die Inflation sich einzig als beschmutzt, betrogen und erniedrigt empfand; eine ganze Generation hat der deutschen Republik diese Jahre nicht vergessen und nicht verziehen und lieber seine Schlächter zurückgerufen.»

Nach gegenwärtigem Stand der Erkenntnis führt die Inflation, hier auf Erden, zu Instabilität und Armut, schränkt die Zukunft aufs Schärfste ein, trübt die Koordinaten des Alltags, zerreißt den sozialen Zusammenhalt, zermürbt und erhöht das Stresslevel, vervielfacht das Zaudern und die Schwarzseherei. Ein buntes Füllhorn an Schädigungen, das aber, anders als man denken könnte, nicht auszureichen scheint, damit die Inflation von allen und überall verurteilt wird. So hat die Linke zum Beispiel lieber «ein bisschen Inflation» als Arbeitslosigkeit, ihrer Meinung nach der eigentliche Todfeind der Wirtschaft. (Für diese Vorliebe spricht übrigens auch, dass Inflation die realen Schuldenbeträge verringert, was wiederum erklärt, warum sie von den Kreditgebern, die ihre Bekämpfung um jeden Preis fordern, gehasst wird.) Der rechte Flügel wiederum denunziert die progressive Nonchalance, indem er ihre verschleierte Ursünde outet: manisches Gelddrucken mit dem Ziel, die Staatsausgaben zu sichern. Der Fiskalismus neoliberaler Prägung besteht auf seiner Überzeugung, dass das Haushaltsdefizit der alleinige Ursprung der Inflation ist und das einzige Heilmittel in Strukturreformen und drastischen Sparmaßnahmen liegt. 

Andere halten dagegen und geben zu bedenken, dass Inflation viele Ursachen hat, dass Monopolstellung und Unternehmensgier ebenso wichtig sind und die panische Angst vor Inflation oft schädlicher ist als diese selbst. Sicher ist jedenfalls, dass heute selbst eingefleischte Linke beim Anblick der steigenden Preise die Stirn runzeln. Symptomatisch für diesen Sinneswandel sind die fünfundzwanzig Artikel, die die Zeitschrift Jacobin, das Leitmedium der neuen Linken in den USA, in den letzten zwei Jahren, also seit der beginnenden Erholung der Wirtschaft im Frühjahr 2021, einem Problem widmete, das man bislang auf Seiten der Linken eher mit elitärem Alarmismus assoziierte. Einer dieser Artikel mit dem Titel «Yes, You Should Worry About Inflation» liest sich fast wie ein Manifest und scheint der traditionsreichen, sarkastischen Vernachlässigung des Inflationsproblems durch den progressiven Flügel ein Ende bereiten zu wollen.

Inflation als Lebensform

Gibt es einen Ausweg aus der Inflation? Alan Guth sagt, den gibt es, und geht sogar so weit, von einem graceful exit, einem «eleganten Ausweg», zu sprechen. Die Inflation (die kosmische Ausdehnung) wird gebremst, zwar expandiert das Weltall weiterhin und kühlt sich dabei ab, doch es tut dies mit einem Bruchteil der Geschwindigkeit, die es bei ihrem spektakulären Anfang hatte. Auch hier also alles eine Frage der Zeit. Wie das von mir aufgeführte makabre Vorstrafenregister der irdischen Inflation bereits andeutet, sieht es in der Sphäre des Geldes, der Bedürfnisse, Waren und Preise, an die wir durch unsere Körper bis auf Weiteres gefesselt sind, etwas weniger vielversprechend und zweifellos weniger elegant aus. Es mag traurig klingen, aber vielleicht hat die kosmische Variante der Inflation wenig mehr zum Verständnis der ökonomischen beizusteuern als den müden Glanz einer falschen Verwandtschaft. So bleibt uns der schwache Trost, dass die Gerte, die uns in den Ruin peitscht, wenigstens etwas – den Namen, die Vorliebe für Hybris und extreme Ausschläge, eine maßlose Leidenschaft für Nullstellen – mit dem unerhörten Vorgang teilt, der alles Leben hervorbrachte.

Womöglich fließt das falsche Blut, das die explosionsartige Ausdehnung des Weltalls mit dem unerbittlichen Anstieg des Brotpreises verbinden will, auch durch die Adern von Phänomenen wie Migration, Viralität und Metastasierung, vielleicht pulsiert es in wuchernden Likes und Followerzahlen und in der exponentiellen Zunahme der schieren Zeit, die wir an unseren Handys kleben. Und vielleicht finden sich diese Ereignisse, die man mit Canetti allesamt als «Massenphänomene» bezeichnen kann, nicht nur zu einer apokryphen Familie, sondern zu einem echten Paradigma zusammen. Zum Paradigma der Inflation.

Wer heute in Inflation lebt, in Venezuela, in Argentinien oder im Sudan, lebt unter den Bedingungen eines solchen Paradigmas. Inflation ist dort kein bloßer Begleitumstand mehr, sondern ein lebensbestimmendes Element; eine Umwelt, die in den Stapeln lebloser Scheine, der Kreide, die alle zwei Stunden die Preise korrigiert, dem anzüglichen Genuschel, mit dem die Dealer den Kurs des Schwarzmarktdollars in Umlauf bringen, in den Warteschlangen vor den Tankstellen und den leergekauften Ladenregalen ihre Ikonen und Darsteller, ihre Kulissen, Requisiten und Drehbücher findet. Mag sein, dass das Weimarer Schreckgespenst, entgegen der Meinung meines Informanten, des erfahrenen Verlegers, nicht restlos mit der Generation verschwunden ist, die es noch hautnah erlebte, und dass der noch nicht ganz vernarbte Rand seiner Wunde wieder zu nässen beginnt, wenn die Preise steigen. Mag sein, dass in so manchem amerikanischen Ideengespinst rund um die Fiskal- oder Geldpolitik die Inflationsturbulenzen der Siebziger ihr Unwesen treiben.

Traumatisch wird die Inflation aber, so schädlich sie auch sein mag, erst in Ausnahmezuständen, die von spezifischen Konjunkturen ausgelöst werden (die deutschen Reparationszahlungen der 1920er, die Kosten des Vietnamkriegs in den 1970ern, die massiven Geldspritzen, mit denen seit 2021 die Pandemie und der russisch-ukrainische Krieg bewältigt werden sollen), das heißt in isolierten Situationen, die gewissermaßen das Außen der betroffenen Volkswirtschaften bilden. Vielleicht erklärt sich daraus die organisierte Unmittelbarkeit und klinische Sauberkeit, mit der man zu Gegenmaßnahmen greift, die sich allesamt auf die vermeintlich klaren Konturen eines Störenfrieds richten. Man kennt diese Handlungsmuster aus dem Krieg, dessen in Wahrheit komplexe und vielfältige Ursachen in den offiziellen Erzählungen auf einen einzigen, äußerst bequemen Verursacher reduziert werden: den äußeren Feind, den Aggressor.

Wo die Inflation erst einmal chronisch geworden ist, wird eine andere militärische «Lösung» zum Modell: die Besatzung. Gewalt wird zum Normalzustand, Feindseligkeit mischt sich mit Toleranz, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Wie die Besatzungsarmee ist auch die chronische Inflation kein bloßer Eindringling, der sich wieder vertreiben lässt, sondern ein ungebetener Gast, mit dem man wohl oder übel zurechtkommen muss, auch wenn er (wie der Komtur im Don Giovanni) ein steinerner Gast ist mit unflätigen Manieren und alles andere als guten Absichten. Niemand (fast niemand) will ihn empfangen; und wären wir wirklich frei, wir würden ihn, ohne zu zögern, aus dem Haus werfen. Aber ganz wie bei jenen parasitären Beziehungen, die wir aus den genialen Konstrukten der Vampirromantik kennen, sind wir bald nicht mehr ganz sicher, wo unsere Grenzen verlaufen, wo der Bezirk desjenigen, der uns verschlingt, beginnt, und wo der unsrige, die wir von ihm verschlungen werden, aufhört. 

Auf der Flucht vor der Bestie Nationalsozialismus – eine Schlange, die Zweig zufolge direkt der Weimarer Hyperinflation entwuchs – irrte der Schriftsteller eine Zeit lang in den letzten Resten des freien Europas umher, bis er für eine Vortragsreise durch Südamerika nach Brasilien übersetzte, «dem Land der Zukunft», wie er es in einem seiner letzten Bücher nannte und wo er 1941, geplagt von der Sorge, die Nazis würden den gesamten Planeten erobern, Selbstmord beging. «Wenn irgendwo auf Erden das irdische Paradies existiert», schrieb Zweig, ausgerechnet Amerigo Vespucci zitierend, «so kann es nicht weit von hier gelegen sein!» Mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1996, wurde dieses Paradies zu einem der drei Fallbeispiele in Robert J. Shillers Studie Why Do People Dislike Inflation?, die unterschiedliche gesellschaftliche Reaktionen auf Inflation untersuchte. Die beiden anderen Fallbeispiele lieferten Deutschland und die USA. Die Gründe für diese Wahl: Deutschland und die Vereinigten Staaten waren bekannt für ihre Abneigung gegen Inflation, die sie ungeachtet der spezifischen Umstände standardmäßig für die schwindende Kaufkraft verantwortlich machten, für die Aushöhlung des Lebensstandards und den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

1996 hatte Brasilien endlich seine Preise stabilisiert, nachdem das Land über zwanzig Jahre (von 1974 bis 1994) eine konstante Inflation mit einem hyperinflationären Peak im Jahr 1993 von 2.500 Prozent verzeichnet hatte. Die erste Erkenntnis der Studie war, dass Brasilien, das schwarze Schaf des Trios, auf das Thema Inflation weit weniger alarmistisch reagierte als die beiden anderen Befragten, dass Brasilianer:innen weniger geneigt waren zu glauben, Inflation führe in politisches und wirtschaftliches Chaos, dass sie weniger Angst davor hatten, durch Inflation Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, und dass sie eher dazu bereit waren, Inflation anstelle von Arbeitslosigkeit zu akzeptieren, zu deren Bekämpfung sie im Übrigen ja beitragen sollte. Die zweite Erkenntnis war, dass sich die «brasilianische Position», die sich in das orthodoxe System der Geldtheorie bestenfalls als ein Symptom der klassischen «lateinamerikanischen Verantwortungslosigkeit» eingliedern ließ, gar nicht so stark von den Mehrheitsmeinungen der jüngeren Befragten in Deutschland und den USA unterschied, was darauf hinzudeuten schien, dass die generationellen Unterschiede in den Haltungen zur Inflation bedeutsamer sind als jene zwischen den Nationen im internationalen Vergleich. Meinem Verleger-Informanten gibt die Studie im Übrigen Recht und bestätigt, dass sich sowohl in Deutschland als auch in den USA nur die vor 1940 Geborenen wirklich dauerhaft um die Inflation sorgten.

Welt von gestern, Welt von morgen

Fast dreißig Jahre sind seit Shillers Studie verstrichen, dreißig Jahre einer Zeit, die mehr denn je aus den Fugen ist, und nichts lässt vermuten, dass eine Wiederholung der Studie heute vergleichbare Resultate erzeugen würde, schon deshalb, weil die Post-Pandemie-Jugend, die psychopharmakologisierte Jugend, die Klimakrisen-Jugend, die digitalisierte Jugend, die Umweltkatastrophen-Jugend, die prekäre Jugend, die No-Future-Jugend, deren Zukunftsskepsis allerdings mehr mit Depression als mit Wut und Revolte zu tun hat, kurzum: weil die Jugend von heute sehr viel traumatisierter und anfälliger erscheint als die Jugend der Neunziger. Zudem stehen einige der Fragen, die von der Studie aufgeworfen wurden, noch unbeantwortet im Raum. Wie soll man etwa die brasilianische Leichtfertigkeit einschätzen? Als Ursache der Inflation, also im Sinne von Schuld und Verschulden, wie es die Studie impliziert? Oder doch eher als Taktik der Anpassung oder gar Überanpassung, als eine Art empirischer Modus Operandi, der weniger auf orthodoxen Überzeugungen beruht als auf einer von komplexen Umständen hervorgerufenen Dynamik, in der die ökonomische Variable nur eine von vielen und nicht einmal die wichtigste ist. 

Und wenn in Inflation zu leben genau das wäre: eine hochintensive Erfahrung, flüchtig, schwindelerregend und zu hundert Prozent immersiv, die uns zur aufregenden Übung zwingt, rund um die Uhr störrisch und jung zu bleiben? Was, wenn das Inflaton im Kern den rauschhaften, überwältigend blinden élan vital der Jugend verkörpert? Zwar finde ich kaum etwas abstoßender als den Biologismus und die Selbstgefälligkeit, mit der die Evolution als organisches Modell benutzt wird, um soziale, kulturelle, ökonomische und politische Phänomene, auf moralische Miniaturmärchen von Wachstum, Blüte, Reife und Zerfall zusammenzuschrumpfen: aufblühende Bewegungen, kranke Gesellschaften, sterbende Künste, zerfallende Identitäten. Und dennoch kam ich in Buenos Aires, Argentinien, zur Welt und habe dort sechzig Jahre meines Lebens verbracht. Ich durchlebte die extreme Gewalt der siebziger Jahre, den Staatsterrorismus der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, drei Hyperinflationen und den Totalschaden von 2001 und 2002. Zu keiner Zeit wollte ich weg. Bis ich verstand, dass ich nicht mehr jung genug war und über keine ausreichenden Luftpolster mehr verfügte, um auf den Wellen der Inflation zu surfen, ohne unterzugehen. Also packte ich mit sechzig meinen Koffer und verließ das Land der «Zahlen des Wahnsinns» in Richtung Deutschland, Berlin, auf der Suche nach Schutz, nach Ruhe, ja sogar nach dem Ennui einer Existenz, in der die Begriffe Zeit und Vertrauen – Vertrauen in Zeit, das heißt in Kredit, das heißt in die Wirtschaft – noch einen Sinn hatten, und sei es nur, um mindestens dies, also ein gewisses Maß an Langeweile und Ruhe, zu gewährleisten. Streng genommen suchte ich nicht viel mehr, freilich in einem äußerst bescheidenen privaten Rahmen, als jene Mischung aus abkühlender Ausdehnung und Zeitlupenverlangsamung, mit der das Weltall laut Guth und seinen Anhängern einen graceful exit aus der kosmischen Inflation gefunden hat.

Auch ich hatte diesen Ausweg gefunden. Ich hatte ihn gefunden und keine Angst, ihn zu verlieren, als ich an jenem Morgen Ende Februar 2022 meinen Edeka ohne Klopapier, Nudeln und Öl verließ, und auch nicht eine Woche später, als ich mich beim Abendessen mit Freunden mit meiner vor Kälte geröteten Nase dabei ertappte, wie ich mir einen Schal um den Hals wickelte, und auch nicht, als das Wort Inflation, das mir aufgrund seiner neuen Seltenheit beinahe fremd geworden war, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in aller Munde war. Wie alle anderen stört es auch mich, wenn die Preise schwanken, vor allem wenn sie immer in dieselbe Richtung schwanken, nach oben, und selbst hier in Berlin, unterkühlt und aufgewärmt, glaubt ein Teil von mir noch immer an das laut Shiller-Rapport auch den Deutschen geläufige Gesetz, wonach die Inflation, wenn sie einmal angefangen hat, nicht mehr ans Aufhören denkt.

Ich muss lächeln, getröstet womöglich vom Aberglauben an die deutsche Stabilität. Ich rede mir ein, dass sich die Inflation hier über Jahre abspielt, nicht in Tagen und Stunden, und dass dieser Zugewinn an Dauer ihre Folgen genauso verflüssigen wird wie den Wert meines Geldes. Ich habe Zeit. Sie ist alles, was man besitzen kann, die einzige Währung von wirklichem Wert. Allerdings passiert es in letzter Zeit auffällig oft, dass mir das Lächeln vergeht und ich – einem Impuls folgend, der nicht aus den Muskeln kommt – aus dem Stuhl aufspringe, und zwar immer, wenn ich ein Lebenszeichen erhalte aus dem Land, das ich zurückgelassen habe: Zahlen, Prozentsätze, Kursanstiege, Rekordwerte, das dunkle Tamtam einer Kamikaze-Jugend, die mich wieder und wieder ruft. Ich widerstehe ihrem Sirenenruf, für den Moment jedenfalls, setze mich wieder hin und nehme den Faden einer Beschäftigung auf, den ich in der Hand hielt, als ich vom dumpfen Getrommel der Heimat unterbrochen wurde. Erst vor Kurzem kam ich eher zufällig zu dieser Beschäftigung, als ich dem Sohn eines der befreundeten Paare, die sich zum Heizungsverzicht entschlossen hatten, einem deutschen Jungen, erzählte, welche Motive auf argentinisches Geld gedruckt werden. Ich erzählte ihm auch, wie wir Argentinier – in einem Schub gesundheitsfördernden Revisionismus – einen Motivwechsel vollzogen haben, weg von den ewig mürrischen Helden unserer Geschichte und hin zu einigen exemplarischen Botschafterinnen unserer heimischen Flora und Fauna, mit denen sich sorgloser sympathisieren lässt.

An jenem Abend begann ich, vielleicht aus Trotz oder Bosheit, im Internet argentinischen Geldscheinen nachzuspüren. Mich verlangte nach den vertrauten Bildern, mit denen schlecht bezahlte Lehrerinnen und Lehrer unter bröckelnden Dächern schläfrigen Kindern die Geschichte, Botanik und Zoologie unserer Heimat beibringen. Ich musste die Bilder wiedersehen, wenn ich auch nicht wusste, warum, ein wenig so, wie wenn einen etwas nur teilweise Erkanntes, ein Traumfetzen zum Beispiel, dazu drängt, ein Familienalbum zu entstauben. Die Gesichter waren da, wenn auch nicht genau dort, wo ich sie suchte. Im Netz verkaufte ein Unbekannter – ein Zyniker, ein geistesgestörter Philanthrop, ein neuer Typus des Spekulanten – argentinisches Geld. Zwei 1.000-Peso-Scheine von 2020, zwei «Orangene» mit dem Porträt eines Hornero, unseres Nationalvogels, auf der Vorderseite und auf der Rückseite, vor dem Horizont der Pampa, sein kunstvoll gewölbtes Nest in der Astgabel eines Baums. Zwei 1.000-Peso-Scheine für 23 Euro. Nicht schlecht, dachte ich, wenn man bedenkt, dass der Euro zumindest noch im September auf dem Schwarzmarkt bei 814 Pesos für den Verkauf und 824 Pesos für den Einkauf notierte (fast fünf Mal höher als acht Monate zuvor). Ich rechnete nach, und stellte mir für die Dauer eines intensiven, urkomischen Gedankenblitzes vor, wie ganze Lastwagenflotten Säcke um Säcke mit Geld vor der Ebay-Kleinanzeigen-Zentrale abluden, oder wie sich Stapel um Stapel argentinischer Banknoten vorsichtig, heimlich, emsig in die Plattform einschlichen – ein riesiger Haufen Geld, der nur darauf wartet, freigekauft zu werden. Seit dieser Nacht bin ich auf meinem Posten, rechne, bin wachsam und auf der Hut. Das Angebot ist nicht schlecht, könnte aber noch besser werden.

Alan Pauls: Zahl und Wahn
Hanns Zischler liest Alan Pauls’ Essay «Zahl und Wahn» aus Berlin Review Nr. 1, Februar 2024
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