Wenn eine Schauspielerin, die längst im eigenen Land etabliert ist, im Zeitalter von Memes und TikTok ein zweites, internationales Debüt hinlegt, dann ist das keine leichte Sache. Und damit meine ich: Für ihre altgedienten Fans ist es nicht leicht. Für die Schauspielerin selbst bringt es hoffentlich nur Candy und fette Tantiemen. Ihre eingefleischten und ernsthaftesten Bewunderer jedoch müssen damit leben, dass ihr Objekt der Begierde in alle möglichen Simplifizierungen und Stereotype zerfällt. Das Internet hat, wie man weiß, ein kurzes Gedächtnis.

Wer Sandra Hüllers Werdegang seit Jessica Hausners Amour Fou (2014) oder sogar Hans-Christian Schmids Requiem (2006) verfolgt, der wird schmerzempfindlich dabei zusehen, wie ihre Filmografie, die sich über fast zwanzig Jahre erstreckt, auf zwei neuere Titel, und ihre vielfältige Karriere auf ein paar Einzelbilder oder Satzfetzen reduziert wird (der weiße Strickpulli, der unglückliche teutonische Haarschnitt; gerade trendet wieder «Your generosity conceals something dirtier and meaner»). Ich muss wohl keine Quellen nennen, damit die Leser:innen wissen, was ich meine. Vielleicht ist ihnen schon mal der Vergleich «sometimes Sandra Hüller is your German Mom» untergekommen, wobei man dazusagen sollte, dass der Maßstab für diese Art von Humor schon vor Jahren durch Werner Herzog gesetzt wurde («try to look a chicken in the eye with great intensity»).

Deutsche (Kultur)Produkte sind im Ausland notorisch unbeliebt, da verwundert es kaum, wenn Ausnahmen mit Belustigung und unterschwelligen Kommentaren begrüßt werden, zumal, wenn die Krönung des Erfolgs in einem angelsächsischen Kontext stattfindet wie bei der diesjährigen Oscar-Verleihung. Sandra Hüller war mit gleich zwei Hauptrollen in Anatomie eines Falls von Justine Triet und The Zone of Interest von Jonathan Glazer vertreten, zwei Filme, die der Moderator Jimmy Kimmel typisch amerikanisch als «very heavy subjects for American movie-goers … but rom-coms in Sandra’s native Germany» begrüßte.

Wahrscheinlich bin ich voreingenommen, aber mir kommt der Online-Hype um diese phänomenale Schauspielerin so vor, als würde eine neue Fanbase kichernder Teenager die geheimnisvolle Aura einer Außenseiterin erahnen, ohne sie wirklich erklären zu können – weswegen ihre Faszination in Angst umschlägt oder in Belustigung über Hüllers oberflächlichste Eigenschaften. Es ist doch so: Seit ihren Anfängen strahlt Sandra Hüller auf der Leinwand ein unvergessliches Charisma aus, auch wenn ihre «Unvergesslichkeit» ungewöhnlich und schwer zu benennen ist. Sie ist keine im konventionellen Sinn attraktive Frau, und bekannt geworden ist sie durch die Darstellung von manchmal zweitrangigen oder abstoßenden Figuren in nationalen Autorenfilmen. All das lässt sich nicht besonders gut vermarkten. Was ist dann aber der Grund für die aufgeregte Hüller-Manie?

Zuerst sei gesagt, dass wir Sandra Hüller wahrscheinlich schon öfter gesehen haben, als wir glauben. Seit ihrer ersten Hauptrolle in Requiem (wofür sie 2006 den Silbernen Bären für die Beste Darstellerin bekam) hat die Schauspielerin ganz bescheiden eine Reihe von nachgeordneten oder marginalen Rollen gesammelt, die den jeweiligen Filmen aber doch eine gewisse Tiefe und Inspiration verliehen. Solche Auftritte sind vielleicht nicht unvergesslich, unabhängig von der jeweils erzählten Geschichte sind sie aber wesentlich dafür, dass wir eine Verbindung zur filmischen Materie aufbauen.

In Amour Fou, der von Heinrich von Kleists romantischem Suizid erzählt, spielt Hüller Kleists Cousine Maria, an die der Dichter sich zuerst wendet, bevor er auf Henriette Vogel ausweicht und sein Leben gemeinsam mit ihr beendet (Christian Friedel mimt Kleist und heute sehen wir ihn in der Rolle des Rudolf Höss in The Zone of Interest wieder: angeblich hat er Hüller wegen der damaligen Zusammenarbeit für die Rolle der Hedwig vorgeschlagen). Der Stil der Regisseurin Jessica Hausner ist stets kalt und distanziert, buchstäblich «entfremdet» von dem Pathos der Themen, die sie verfilmt. Das gilt auch für Amour Fou. Die Darsteller:innen agieren diesen Stil insbesondere in Dialogen aus, die durchgearbeitet und formell wie literarische Zitate sind.

Kleist drängt Maria, will wirklich, dass sie sich gemeinsam mit ihm umbringt: « … weil auch Sie die Hohlheit und Vergeblichkeit aller diesseitigen Bemühungen empfinden!» Marias Absage ist resolut und genervt, sie betont die Satzenden mit einem Stirnrunzeln, aber nicht ohne Mitgefühl: «Ich bin ja d’accord mit Ihnen, dass das Leben sinnlos ist und dass die Menschen grausam sind, aber davon muss man sich doch nicht so herunterdrücken lassen». Im Folgesatz wird der Tonfall leichter, werden die Gesichtszüge weicher: «Sie müssen sich eben ein wenig anstrengen und (…) die Dinge von ihrer angenehmen Seite her betrachten lernen». Auch wenn ihre Aussagen sich im Register nicht von denen der anderen unterscheiden, ist Maria die einzige Figur, die auch zu unserer Zeit gehören könnte, ohne dass dadurch die Atmosphäre eines Kostümfilms gestört würde: Sie ist zugleich eine filmisch-literarische und eine rationale Figur, die wirklich gar keine Lust hat, sich umzubringen.

In Alle reden übers Wetter, Annika Pinskes Filmdebüt von 2022, taucht Hüller für wenige Sekunden in der Rolle einer Akademikerin auf, die eine ehemalige Dozentin beschimpft. Es ist die klassische Szene, aus der die Sozialen Medien ein Gif in der Reihe «Hire Sandra Hüller to insult someone you hate» machen könnten. Obwohl der Auftritt für die Handlung keine große Rolle spielt, wiegen die Worte gegen die Professorin schwerer als alle anschließenden Szenen, in denen man sich davon überzeugen kann, dass sie tatsächlich eine blöde Kuh ist. Hüllers Beitrag mag ein kleiner sein, aber er ist überzeugender als die ihn umgebende filmische Fiktion. Gleichzeitig ist Hüller darauf bedacht, uns nicht aus unserer «suspension of disbelief», aus unserem willentlichen Glauben an den fiktionalen Gegenstand herauszureißen.

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