GriechischstundenHan Kang übers. v. Ki-Hyang Lee
Aufbau Verlag Feb. 202423 € 204 S.
Deine kalten HändeHan Kang übers. v. Kyong-Hae Flügel
Aufbau Verlag Feb. 201912 € 312 S.
MenschenwerkHan Kang übers. v. Ki-Hyang Lee
Aufbau Verlag Sept. 201712 € 222 S.
Die VegetarierinHan Kang übers. v. Ki-Hyang Lee
Aufbau Verlag Aug. 201612 € 190 S.
Koreanische ErzählungenSylvia Bräsel (Hg.)
dtv Okt. 2005ca. 4 € 256 S.

Griechischstunden machen glücklich. Denn sie machen durchlässig. Sie öffnen kleine Türen im Kopf und an einem Ort «weit weg von Kehlkopf und Zunge», also irgendwo weiter unten und tiefer drin im Körper. Sie lüften aus und lassen durchatmen. So ist das zumindest bei der namenlosen Mittdreißigerin, der Hauptfigur in Han Kangs neuem Roman. Sie atmet nur mit Mühe und spricht seit längerer Zeit nicht mehr. In der Abendschule will sie zunächst nicht einatmen, tut es dann doch, umklammert ihren Stift – «vorsichtig atmet sie aus». Vielleicht hat sie deshalb auch keinen Namen, der ihr als Laut voraneilen könnte, denn sie «wollte sich nie über ihre Grenzen hinweg ausbreiten». Physiologisch funktioniert bei ihr alles – Lunge, Stimmbänder, Zunge –, und doch ist ihr schon zum zweiten Mal in ihrem Leben die Sprache völlig abhandengekommen.

Als Schülerin passierte ihr das zum ersten Mal, und es war eine französische Vokabel, zu der sich nach einer langen Phase der Stille ihre Lippen plötzlich wieder bewegten: «Bibliothèque, murmelte eine Stimme tief in ihr», schreibt Han Kang. Dass es ausgerechnet ein Ort gesammelten Schreibens ist, der die Worte zurückbringt, wirkt erzähltechnisch ein bisschen gewollt, passt aber in diesen Roman, der ein sprachphilosophischer ist und der nach einem freien, und gerne auch leisen Sprechen sucht. Ein atmendes Sprechen, das reiner Ausdruck ist und darüber hinaus nichts intendiert. Ein Sprechen ohne Sprechakt.

Zu den Pflanzen

Han Kang redet selbst sehr leise. Zum ersten Mal traf ich sie im Jahr 2005, als Südkorea Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war und viele südkoreanische Autorinnen und Autoren nach Deutschland kamen. Wir saßen zusammen in der etwas zugigen Lobby ihres Hotels. Damals war sie 34 und zählte zur jungen Autorengeneration. In Korea hatte sie zwar schon Romane veröffentlicht – unter anderem Deine kalten Hände –, war für deutsche Leser:innen bis dahin aber nur die Autorin einer einzigen übersetzten Kurzgeschichte namens Die Früchte meiner Frau. Man findet sie in der dtv-Anthologie Koreanische Erzählungen. Das war eine abenteuerlich schmale Textgrundlage für ein Interview, aber ich wollte unbedingt mit ihr über diese eigenartig radikale Geschichte reden.

Die Früchte meiner Frau erzählt von einem Paar, das im 13. Stock eines Apartmentblocks in Seoul lebt, mit Blick auf eine der großen Ausfallstraßen. Die Frau fühlt sich in ihrer Wohneinheit gefangen und verdorrt zusehends. Bald schon kann sie immer schlechter sehen, hören und riechen. Ihre Haut verfärbt sich zuerst blau, dann grün, bevor der ganze Körper verhärtet und von Rinde überwuchert wird. Ihr ratloser Ehemann topft sie schließlich ein. Eine poetische Metamorphose, in der Han Kang selbst vor allem die Tragödie sah. Die Geschichte, sagte sie damals, erzähle von der «Zähmung einer Frau durch die Zivilisation, was allen Frauen auf dieser Welt bekannt sein dürfte». In Rückblicken erzählt diese Frau, wie sie auf dem Land aufwuchs, später in der Großstadt jobbte und dabei zeitweise in einer Privatbibliothek übernachtete.

Schon in Die Früchte meiner Frau tauchen Motive und Themen auf, die Han Kang in ihren Romanen bis heute weiter ausarbeitet. Leider erscheinen ihre Romane auf Deutsch nicht in chronologischer Folge, so dass es schwierig ist, ihre literarische Entwicklung intuitiv mitzuverfolgen. Ihre frühe Erzählung kann insbesondere als Vorarbeit zum späteren Bestseller Die Vegetarierin gelesen werden, der auf Koreanisch 2007 erschien, in seiner englischen Übersetzung 2016 den Man Booker International Prize erhielt und im selben Jahr auch auf Deutsch herauskam.

Auf der Buchmesse 2005 achtete kaum jemand auf Han Kang, die etwas abseits in der Hotellobby saß, sich neugierig umschaute und auf leise Weise fröhlich mit mir sprach. Währenddessen liefen ältere koreanische Großautoren an uns vorbei. Ich erinnere mich an Schultertaschen und vorbeiwehende Mäntel. Alle strebten zum Ausgang, hatten frische Romanübersetzungen dabei, etliche Auftritte und noch mehr Interviews. Die großen Namen waren Yi Munyol, Ko Un und Hwang Sok-yong. In ihren Büchern erzählten sie vom Korea-Krieg der Jahre 1950 bis 1953 und von der jahrzehntelangen Teilung des Landes. Auch vom rasanten wirtschaftlichen Aufschwung Südkoreas, von den Jahrzehnten der Diktatur und den riskanten Politaktionen der Demokratiebewegung. Alle drei hatten die großen Schlachten des 20. Jahrhunderts geschlagen: Familie in Nordkorea verloren, obdachlos gewesen, im Gefängnis gesessen.

Daneben nahm sich Han Kang mit ihrer so unpolitisch scheinenden Geschichte über eine weibliche Topfpflanze sehr zart aus. In dieser Zartheit aber steckte eine große Furchtlosigkeit. «Mich interessiert, was der Schmerz eines lebendigen Menschen und was der Ursprung seiner Existenz ist», sagte sie mir damals. In ihrem Roman Die Vegetarierin trieb sie die Geschichte der verpflanzlichten Frau dann noch weiter: Darin ist es die junge Ehefrau Yong-Hye, die sich von einem Tag auf den anderen weigert, Fleisch zu essen. Sie fühlt die Schmerzensschreie der Tiere in ihrem eigenen stillen Innern: «Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind dort eingeklemmt, da bin ich sicher.» Ihr Verzicht wird nicht respektiert. Der Vater stopft ihr beim Familienessen gewaltsam Fleisch in den Mund, ihr Schwager schläft bald darauf mit ihr und bemalt ihre Haut mit Blumen, am Ende landet sie in der Psychiatrie, möchte ein Baum sein und macht Kopfstand, damit ihre Beine zu Zweigen werden und ihre Hände in der Erde wurzeln können. «Wenn Sie mich fragen würden, was ich auf dieser Welt am meisten liebe, dann würde ich sagen, es sind die Bäume», sagte Han Kang zu mir. «Ich bin kein optimistischer Mensch. Ich denke viel nach und mache mir oft Sorgen. Aber ich denke, dass die Welt ein sehr schöner Ort ist, weil es dort Bäume gibt.»