Nostalgie ist kein Gefühl, zu dem ich neige, obwohl ich ein guter Kandidat dafür wäre, denn ein Viertel meines Lebens habe ich außerhalb meines Heimatlandes verbracht. Der Begriff hat seinen Ursprung bekanntlich nicht in der griechischen Antike, sondern in der frühneuzeitlichen Schweiz. Johannes Hofer, einem Medizinstudenten an der Universität Basel, prägte ihn 1688. Heimweh oder la Maladie du Pays nannten Hofers Landsleute eine mysteriöse Krankheit, die viele junge Eidgenossen befiel, nachdem sie ihre schweizerischen Heimatdörfer verlassen hatten. Hofer wollte das Phänomen wissenschaftlich erfassen und gab ihm eine medizinische Klassifikation. Er kombinierte das griechische Wort nostos – eine «Rückkehr in die Heimat» oder «Heimkehr», wie Odysseus sie in Homers Epos erlebt – mit algos – «Leiden» oder «Trauer» –, und schöpfte den Begriff Nostalgie.

Als Hofer 1752 starb, konnte er nicht ahnen, dass aus seiner Wortschöpfung, die für eine spezifisch schweizerische Jugendkrankheit gedacht war, eine Art globaler Daseinszustand werden würde: Mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte haben sich seither entschlossen (oder waren gezwungen), in immer fernere Länder auszuwandern, und inmitten der radikalen Transformationen der kapitalistischen Moderne, die Revolutionen, imperiale Eroberungen und eine radikale Umgestaltung der gebauten Umwelt mit sich brachte und dabei vom Brauchtum bis zu den politischen Identitäten alles auf den Kopf stellte, braucht man seine Heimat erst gar nicht zu verlassen, um nostalgisch zu sein.

Wenn «alles Ständische und Stehende» überall «verdampft», dann kann man sich auch überall nach ihm zurücksehnen. Für den Exilanten oder Immigranten hatte Nostalgie schon immer eine räumliche und zeitliche Komponente, denn die verlorene oder verlassene Heimat ist nicht nur ein Ort, sie gehört auch zu einer vergangenen persönlichen Zeit. Als Nostalgie schließlich zu einem Zustand wurde, den der ungarische marxistische Kritiker Georg Lukács mit Blick auf die entwurzelten Helden des bürgerlichen Romans «transzendentale Obdachlosigkeit» nannte, rückte sie in den Bereich der bloßen Zeitlichkeit.

Menschen sehnten sich nicht mehr nur in die Welt ihrer Jugend zurück, die den einen sicherer und einfacher, den anderen erfrischender und hoffnungsvoller erschien. Sie verspürten auch Nostalgie nach Zeiten, die sie selbst nie erlebt hatten oder nie erleben konnten. Plötzlich behaupteten manche, «zur falschen Zeit geboren» zu sein, empfanden sich als «ihrer Zeit voraus» oder als «Spätgeborene». Manch ein gescheiterter Romantiker erbaute sich an solchen Gefühlen, und manch eine Romanheldin führten sie ins Verderben.

In ähnlicher Weise begannen Menschen, Nostalgie für Dinge zu empfinden, die «hätten sein können»: eine Art kontrafaktische Enttäuschung über eine Zukunft, die den Hoffnungen auf eine technologisch fortschrittlichere, kulturell avanciertere oder sozial gerechtere Welt nicht entsprach, die ihnen von Romanen, Filmen, Fernsehprogrammen oder andere Prothesen der massenproduzierten Fantasie vorgespiegelt wurde. Die Zukunft, so konnte man nun berechtigterweise sagen, war nicht mehr das, was sie einmal war.

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