Essay +en A. Dirk Moses Erziehung nach Gaza nach der Erziehung nach Auschwitz Für linke, kritische Theoretiker:innen war Adornos «Erziehung nach Auschwitz» ein Eckpfeiler der postgenozidalen Re-Education der BRD. Während Gaza brennt, wird Adornos ausdrückliche Warnung vor einer neuen «Staatsräson» in ihr Gegenteil verkehrt – auch und gerade von seinen institutionellen Erben. Review Benjamin Loy «Trauer ist das Ende der Einsamkeit» Cristina Rivera Garzas Schwester wurde als junge Studentin in Mexiko-Stadt ermordet. Der Täter, ihr Ex-Freund, war bald bekannt, blieb aber unbestraft. 30 Jahre später kann die Hinterbliebene endlich darüber schreiben – mit einer wuchtigen Präzision, die beim Dauerthema Femizid ihresgleichen sucht. Review Audio Anja Kümmel Halbwegs okay, aber für wen? In seinem – lt. Klappentext – «Coming-of-Middleage»-Roman Let’s Talk About Feelings brilliert Leif Randt im gleitenden, surface-sensiblen Erzählen. Der Eskapismus ist real und anschmiegsam, für ein Mikromilieu sogar realistisch; doch größere Türen der Gegenwart öffnen sich anderswo. Review +en Audio Andrea Binder Kenneth in der Zentralbankkantine Trump schleift den Welthandel, der US-Dollar sinkt auf ein Vier-Jahres-Tief, doch die dollar dominance, sein Status als Weltwährung, scheint intakt. Kenneth Rogoffs Our Dollar, Your Problem hätte aufzeigen können, was daran trügerisch, ja problematisch ist – liefert aber nur Boomer-Plattitüden. Review en Edna Bonhomme Grief’s Unforgiving Schedule To keep us in the loop, the mental health industry, especially online, has hand-sized solutions for loss—even when it is as unbearable as losing a child. Against this tide of griefluencing, Yiyun Li’s memoir on the deaths of her sons insists on the permanence of sorrow—and a language of mutual care. Essay Barbara Vinken Auszug eines verlorenen Sohnes George Eliots letzter Roman Daniel Deronda von 1876 war ein protozionistisches Manifest. Die zu gründende jüdische Nation erscheint als biologistisch-spiritueller Gegenentwurf zum dekadenten, «perversen» Kosmopolitismus der Europäer – und als Muster für einen ethnisch reinen Nationalstaat. Essay +en A.V. Marraccini Kritik ist schwarze Magie «Die Faune leben in Silenus’ Arkadien, zeitlos, friedliebend, betrunken – und sterben nie. Ich lebe in New York, das immer zeitgemäß, nie friedlich und nur manchmal betrunken ist. Ich stecke fest und versuche rauszukriegen, wie ich in dieser zu spät gekommenen Welt mein Metier ausüben kann: Kritik.» Review en Natalia Lomaia Identity Is a Curse Jonas Hassen Khemiri’s latest novel follows three sisters from early adulthood into midlife, untangling the life of second-generation immigrants in Sweden. With six novels and countless awards, Khemiri is a darling of the international lit circuit—and a destabilizing force within his own narrative. Memo en Elad Lapidot Acts of Silence The main argument against a boycott of Israeli universities is that it harms the wrong people, hitting civil society and weakening opposition to Netanyahu. But this rests on false assumptions, philosophically and practically. Protests and acts of “speaking up” can be complicit in criminal politics. Memo Nils Riecken, Schirin Amir-Moazami Ausnahme, Affekt und «freie» Wissenschaft Autoritär sind immer die anderen: im akademischen Bereich derzeit die Trump-Regierung, die die Freiheit von Forschung und Lehre untergräbt. Doch mit dieser Freiheit ist es auch in Deutschland nicht weit her. Was die viel zitierten Staatsräson-Ausladungen eint, ist eine Struktur autoritärer Affekte. Memo Peter Ullrich Bitte keine Polizei – der «Fall ASH» und der autoritäre Anti-Antisemitismus An der Besetzung der Alice-Salomon-Hochschule im Januar 2025 und ihrer Auflösung lässt sich zeigen, wie die deutsche Antisemitismusbekämpfung ins Autoritäre gekippt ist: Man weiß nicht mehr gut genug, was Antisemitismus eigentlich ist, wie man ihn wirksam bekämpfen könnte, und wer das tun soll.