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Das letzte Mal, als das Leben mir sein hilflosestes und fürchterlichstes Gesicht zeigte, konnte ich nicht wissen, wie ich mich einmal in die Ruhe anderer Städte einleben würde. Wie kann man in dieser gepflegten Stille wohnen, wenn das eigene Auge mit Staub, Schutt und dem Skelett der Zerstörung angefüllt war? Die Szenen, die sich dort in meine Sicht drängten – Wände, die inmitten eines Satzes zerbersten, Straßen, wie Wunden aufgerissen – liegen noch immer hinter meinem Blick. Vor mir eröffnet sich nun ein geordneter Horizont, Bäume, Wasser, disziplinierte Stille. Oft frage ich mich, ob die gesammelte Anmut und Höflichkeit aller irdischen Städte ausradieren könnte, was meine Augen gesehen haben. Ob ihre Ruhe jemals den Lärm überdecken wird, der wie ein verborgener Strom durch meinen Kopf grollt. Ich lächle oft. Ich biete vorsichtiges Englisch an, abgerundet und höflich. Ich sehe, wie Gesichtsausdrücke sich verändern, wenn ich sage, dass ich Palästinenserin bin. Dass ich aus Gaza komme.

Auch abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Ich wohne hier in einer eleganten Villa, die sich anfühlt, als sei sie aus einem anderen Jahrhundert geliehen. Manchmal stelle ich mir vor, ich sei im Haus irgendeiner Kindheitserzählung – Judy Abbott und Sally könnten durch diese Flure gerannt sein, vom nachmittäglichen Staub erhellt. Mein Zimmer überblickt den Wannsee. Dieser Ausblick bringt mich zu einem anderen Zimmer zurück, an ein anderes Gewässer. Ich lebte einst neben dem Mittelmeer; mein Zimmer zur unruhigen, salzigen See Gazas gerichtet, auf einen weiten Horizont, den ich nie verstand.

Ich wusste nicht, was hinter dieser blauen Linie lag, an der Meer und Himmel sich aneinanderhefteten. Gaza war, trotz all seine Wärme, ein großes, abgezäuntes Gehege. Kinder wuchsen neben den Wellen auf, ohne zu wissen, was das Meer verbarg. Hinter seiner Linie war nichts zu sehen – nur ein schmaler blauer Saum, der Himmel und Wasser verband. Nun stehe ich weit jenseits dieser Linie. Zwischen mir und diesem Ufer liegen Kontinente, Meere, ganze Ozeane.

Es hat etwas Ironisches an sich, wenn ich zugebe, dass allein Gaza ein Ort war, an dem ich mich ganz sicher fühlte. Dann Dublin, mit seiner sanften Reserviertheit. Und jetzt Wannsee – hier fühle ich mich nicht sicher. Ich fühle mich entkoppelt. In Hab-Acht-Stellung. Anwesend, aber ohne Wurzeln. Die Ruhe setzt sich nicht in mir fest. Sie schwebt um mich herum, wie ausgeliehen.

Wenn ich nachts aufwache, höre ich keine Wellen. Kein Getöse drückt sich gegen die Dunkelheit, kein Salz legt sich in meine Lungen. Der See liegt gefroren da, regungslos, wie versiegelt. Ich sehne mich nach einer Störung – irgendeine Bewegung im Wasser, die auf die Unruhe in meiner Brust antwortet. Die Regungslosigkeit wirkt unnatürlich auf mich, fast wie eine Anklage. Ein Körper, der an der Küste des Mittelmeers geboren ist, lernt nicht leicht, Frost zu atmen.

Früher fragte ich mich oft, warum Autor:innen den Januar beklagen. In Gaza war der Januar zart. Die Menschen begrüßten den Regen wie einen Gast. Sie beteten für ihn, wenn er sich verzögerte. Selbst in der Knappheit gab es Dankbarkeit für die Wolken. Erst hier verstand ich, was Januar im Westen bedeutet: ein langer Korridor der Nacht, eine Kälte bis in die Knochen, eine Dunkelheit, die zur Einsamkeit und zum Schreiben einlädt. In Gaza ist der Juli ein Monat, der sich so in die Länge zieht – nicht unerbittlich wie am Golf, aber schwer, lange, nachhallend. Ich habe hier noch keinen Sommer durchlebt. Ich weiß nicht, was diese Landschaft mir abverlangen wird, wenn sie brennt.

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An meinem zweiten Tag am Wannsee traf ich in der Küche beim Kaffeemachen eine belgische Autorin. Sie schreibt Kinderliteratur. Sie erzählte mir, dass sie einst mit einer palästinensischen Freundin Palästina besuchte, und während sie sprach, sah ich Nablus und Hebron in ihren Augen, die Küste von Akko, die lichtgetränkten Steine Jerusalems. Sie zeigte mir Bilder von Paraden und Flaggen, die in den Straßen ihres Landes wehten, von ihrer Mutter, die arabische Gesänge anstimmte, die sie nicht ganz verstand und doch treu in sich trug. Sie sprach von ihrer syrischen Nachbarin, von ihrer Großmutter, die demonstrieren ging, von Palästina und wie weit davon entfernt davon geflüstert wird.

In gebrochenem Arabisch sang sie mir Fairuz vor – «Nassam ‘alaina el-hawa, Min mafraki elwadi, ya hawa dakhil el-hawa, khidni ala bladi» (Der Wind rauschte auf uns zu, vom Weg im Tal… Oh Wind, um der Liebe willen, bring mich in die Heimat) –, ihre Aussprache holprig, ihre Gefühle intakt. Sie mag nicht jeden Laut verstanden haben, aber sie trug das Salz des Mittelmeers in ihrer Stimme. Zusammen rollten wir Weinblätter, Zitronen und Olivenöl parfümierten die Küche. Wir haben uns einander anvertraut. Ich teilte meine Geschichten, und die meines Volkes. Wir schluchzten durch Hamnet, im dunklen Kino vermutlich komplett allein. Ich bat sie zu erraten, worum sich Fairuz’ Lieder drehten; sie antwortete mit einer Zärtlichkeit, die mich erschrecken ließ. Sie erzählte mir, wie sie während des Kriegs 2008 Berichte von Kindern übersetzt hatte – von einer Version, die uns, die wir mitten in der Zerstörung lebten, fast nie erreichte. Sie erzählte mir, wie Gaza ihre moralische Grundfesten erschüttert und das Verständnis von Distanz und Verantwortung neu arrangiert hatte. Gaza, so klein, dass man es mit einem bescheidenem Bezirk Berlins verwechseln könnte, und doch groß genug, um Generationen des Wartens in sich zu tragen.

Eine ukrainische Schriftstellerin erzählte mir, dass wir so viel gemeinsam haben. Seit vier Jahren halte ihr Land das nicht enden Wollende aus, das mein Land seit zwei Jahren erleide. Ich antwortete ihr – bestimmter, als ich es vorhatte – dass wir seit 1948 im Schoß dieses Leids sind. Sie schaute mich an und antwortete nicht. Später fragte ich mich, ob meine Worte zu hart gewesen waren. Was bringt es, Trauer aufzuschichten, als sei der Kummer ein geteiltes Kleid? Jede Katastrophe schafft ihre eigene Farbe, ihre eigene Grammatik, ihre eigene Geschichte. Die gesamte palästinensische Qual in die letzten beiden Jahre zu pressen heißt aber, Jahrzehnte wegzufalten und so zu tun, als sei der Saum der ganze Stoff. Wenn ich zu direkt sprach, dann nur, weil Vereinfachung schon immer der erste Schritt der Unsichtbarmachung war.

Ich erinnere mich auch an das erste Buch, dass ich in Berlin öffnete. Es war ein Fotobuch. Ich hatte es zufällig in einem kleinen Buchladen gefunden. Auf der ersten Seit stand: Du kannst nicht wieder nach Hause. Ich erinnere mich, wie ich dort stand, den Satz anstarrte. Er war einfach, im Ton fast lässig. Etwas in mir zerbrach, als ich ihn las.

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