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Du, dessen Geist standhält wie eine Zypresse und blüht wie ein Kirschbaum, der du all meine Worte erträgst, selbst wenn ungerechte Gefühle sie herbeitragen, und dessen Zuneigung jede meiner Verfehlungen verzeiht, wirst aus dem, was ich sage, das weiß ich, das Wahre herauslesen.

Folgendes denke ich über die Vornamen von damals, von heute und auch über die Vornamen kommender Tage. Die rechte und treffende Namensgebung ist die wichtigste Aufgabe, die uns zukommt. Der Gang der Gedanken selbst kann nichts anderes sein als ein nie endender Wettbewerb, noch die kleinsten materiellen und immateriellen Dinge zu benennen. Aber begreift man je die ganze Tragweite des Akts, einem der Seele vollen Menschen seinen Namen zu geben? Nun, so wisse, dass ich mich dazu entschließen muss, daran zu zweifeln, denn sonst wären diese Vornamen, die mir im Lärm der Welt zu Ohren kommen, wohl kaum ungestraft vergeben worden.

Auch abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Jeden Tag sehe ich wunderbare Kinder, die in ihrer reinsten Vollkommenheit laufen und spielen, die herumtoben mit allem Schwung und Schalk, den Gott von Anbeginn des Lebens spendet, und muss mitanhören, wie sie einander mit Vornamen von irritierender Seltsamkeit rufen. Diese Seltsamkeit ist nicht von jener Sorte, der auch Gott Vorschub leistet, um dem Geist die Welt der unausgeschöpften und unerschöpflichen Bedeutungen zu eröffnen, vielmehr gründet sie wohl in einem Bedürfnis nach Abgrenzung. Das Kind erhält einen ganz und gar ausgedachten Namen, der zum Zweck hat, mit jeder Abstammung zu brechen oder eine neue zu erfinden, die grob an die neuen Gesetze dieser Welt anknüpft. Der Vorname schwebt über dem Kopf des Kindes wie ein Wölkchen, das weder Regen noch Sonne bringt. So wäre das Kind frei von allen unglücklichen Festschreibungen, die es an eine ihm vorausgehende Genealogie, Region oder Geschichte binden. Man könnte also das Kind für frei und seine Eltern für die klugen Architekten dieser Freiheit halten.

Ein Fehlschluss, wenn man mich fragt, und ich neige sogar zu der Annahme, dass solche Namen Ausdruck eines jämmerlichen Ehrgeizes der Verirrten sind, die damit ihrer Nachkommenschaft nicht nur einen Platz in der Welt zu sichern wünschen, was ja nur vernünftig wäre, sondern einen Platz über der Welt. Ich verhehle dir weder meine Verachtung für diese Namen noch für die Menschen, die meinen, sich über den unermesslichen Verstand der Welt erheben zu können, vor allem aber – und ich weiß, dass du mir glauben wirst, denn du kennst die Milde, die ich allen Verirrten entgegenbringe – treibt mich in Anbetracht von Kindern mit solch unrechten Namen eine große Furcht um.Wärst du so freundlich, mir einige dieser von dir verachteten Vornamen aufzuzählen, damit ich besser nachvollziehen kann, wovon du sprichst?

Das könnte ich wohl, aber ich werde es nicht tun. Denn es kommt mir darauf an, dass du die grundlegenden Prinzipien hinter den Dingen siehst und nicht nur den zufälligen Anschein, den sie sich vor uns geben.

Dann fahr fort. Von welcher Furcht sprichst du?

Ich habe Angst um diese Kinder, denn mir scheint, dass ihre Verletzlichkeit in diesen schrecklichen Zeiten nun offen zutage liegt, während die Eltern sich in Sicherheit wähnen. Man braucht einen völlig ungestörten Seelenfrieden und unendliches Vertrauen in die eigene Lebensführung und die Welt, in der dieses Leben stattfindet, um den Namen für das eigene Kind zu wählen, als ob nicht einer kommen könnte, es zu packen, ihm den Hals zu brechen als wäre er Reisig, seine Organe zu zerfetzen, es zu zermalmen, es ohne Vorwarnung den Armen, die es von Geburt an wiegten, zu entreißen und den Wahnsinnigen vorzuwerfen oder es im schon leichen-vollen Meer ertrinken zu lassen, das das Kind um des Überlebens willen queren muss. Man muss die eigene Insel, die moralische wie die physische, für absolut uneinnehmbar halten. Kann es sein, dass diesen Eltern nicht Bescheid gegeben wurde? Kann es sein, dass die Nachricht sie nicht erreicht hat? Kann es sein, dass sie noch nichts von dem Ende der Welt ahnen, das uns dräut?

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Von welcher Welt sprichst du?

Von der Welt, mein Freund. Wer glaubt, dass es mehr als eine gibt, hat schon verloren.

Wozu rätst du ihnen also?