Der Trauerzug fand seine angemessene Adresse dort, wo deutsche Öffentlichkeit noch immer zu sich kommt: bei den überregionalen Zeitungen, auf deren Seiten Jürgen Habermas vor mehr als siebzig Jahren erstmals aufgefallen war. Ein Beitrag nach dem anderen in einem langen Geleit vermeldete das Ende einer Ära. An jeden noch Vernünftigen wurde appelliert, das «unvollendete Projekt» Moderne wieder aufzugreifen, und an die Gläubigen der Menschheit, ihren «Lernprozess» nicht aufzugeben. Charles Taylor erklärte Habermas zur «unermüdlichen Quelle einschneidender politischer Normen». «Sein Denken», schrieb Rahel Jaeggi, «war bis in die abstraktesten Fragen hinein politisch». Sein Stil, beruhigte Gustav Seibt die Leser der Süddeutschen Zeitung, konnte «brillant» sein, «ja schmissig». Eva Illouz dankte Habermas für die Verteidigung Europas gegen Foucault. Und Bundeskanzler Friedrich Merz fand für «einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit» den Satz: «Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See.»

Ein selten dissonanter Ton in dieser staatstragenden Litanei kam vom chinesischen Philosophen Tsou-Yu Cheng. Zwar sei Habermas im China der 1980er Jahre der letzte Schrei gewesen, schrieb Cheng in der Zeit, inzwischen werde er dort aber kaum noch gelesen. Einen echten Kontrast bildeten derweil die Wortmeldungen englischsprachiger Linker, denen der deutsche Philosoph eine blasse Erinnerung auf Seminarplänen schien – und war er nicht auch in der Hitlerjugend und lag bei Gaza arg daneben?

Jürgen Habermas wurde 1929 im weit westlich gelegenen Rheinpreußen geboren. Er gehörte zu einer Generation von Deutschen, die sich bei der Befreiung ihrer Stadt von der US-Armee gerettet fühlten. Tatsächlich war Habermas im Deutschen Jungvolk gewesen, empfand aber den Nationalsozialismus, wie seine Biografen durchweg betonen, schon immer als abstoßend. Der Vater Ernst allerdings war ein politischer Opportunist. Er trat aus Kalkül in die NSDAP ein und wurde, dank guter Englischkenntnisse, reibungslos entnazifiziert. Zu den Lektüren, die er dem kleinen Jürgen aufnötigte, gehörten die Pioniere des Ordoliberalismus Wilhelm Röpke und Walter Eucken. Bevor sich Habermas der Philosophie zuwandte, wollte er Journalist werden. Mit vierundzwanzig machte er das erste Mal als Autor von sich reden. In einer legendären Attacke auf Martin Heidegger in der FAZ erhellte der junge Habermas nicht nur den täuschenden Mangel an Originalität des dreiundsechzigjährigen Ex-Nazis. Er wies auch nach, wie dessen Denken «geradezu notwendig» in «die Psychose eines von Heidegger nicht gewollten Irrationalismus» mündete. In der Art eines intellektuellen Gesundheitsaufsehers war Habermas sein Leben lang auf der Hut nach Rezidiven der beiden zentralen Denker der deutschen Rechten: Heidegger und Carl Schmitt. Unermüdlich kontrollierte er das Gemeinwesen auf Anzeichen ihres Wiedererstarkens – sei es als rohe Unvernunft, sei es als geopolitischer Realismus.

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Gern wird vergessen, dass Habermas zu Beginn seiner Laufbahn am Frankfurter Institut für Sozialforschung deutlich weiter links stand als seine älteren Kollegen Horkheimer und Adorno. Als Schüler von Wolfgang Abendroth, einem der wenigen praktizierenden Marxisten an einer deutschen Universität der 1950er Jahre, war es Herbert Marcuse, dem Habermas innerhalb der Frankfurter Schule philosophisch am nächsten stand. In seiner Biografie zitiert Stefan Müller-Doohm einen amüsanten Brief aus New York, in dem ein scherzender Habermas auf eine «schrecklich reaktionäre» Hannah Arendt trifft. Im Juni 1967 brach er mit der Studentenbewegung, aber bis dahin trat Habermas mit der Verurteilung des Vietnamkriegs oder zu Richtungsfragen der westdeutschen Gesellschaft lautstärker auf als seine älteren Kollegen. Seine Dauerrede vom drohenden Faschismus empfand Horkheimer als überzogen und befürchtete, einen Radikalen ohne historisches Verantwortungsbewusstsein vor sich zu haben. Wie sonst wäre einer zu nennen, der unter «Revolution» eine Sozialdemokratie bei voller Beteiligung aller Deutschen verstand?

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