Gegenwart machen. Eine Oral History des PopjournalismusErika Thomalla
SchöfflingNov. 2025 36 € 256 S.
Western Dissidenz. Petra und Uwe Nettelbecks Zeitschrift «Die Republik» (1976–2008)Philipp Goll
Spector Nov. 2025 34 € 532 S.

Die Gegenwart – das Konzept wie der aktuelle Fall – wird überschätzt. Zu fragen, ob und wie man sie machen kann oder konnte, ist dennoch legitim. Gegenwart machen von Erika Thomalla war eine Neuerscheinung, auf die von alten Mitstreiter:innen und Kolleg:innen angesprochen zu werden mich nicht sehr überrascht hat, nicht einmal in dieser Häufigkeit: Es waren liebe Grüße – nein, nicht aus der Gegenwart, sondern aus tiefster Vergangenheit. Aber das Interesse an dieser Oral History des Popjournalismus (so der Untertitel) ging weit über die vorhersagbare Befriedigung der darin Befragten und Zitierten hinaus (Transparenzhinweis: darunter auch der Autor dieser Zeilen), die sich freuten, dass ihre womöglich große Zeit noch einmal gewürdigt wurde.

Auch abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Das Versprechen, eine Epoche und einen Öffentlichkeitstypus oder gar eine agonale öffentliche Arena in einer Geschichtsschreibung zusammenzuführen, ist anscheinend auch für Unbeteiligte attraktiv, gerade in einer Zeit, die den Journalismus als Kulturtechnik ins feuchte digitale Grab glitschen oder postmortal als Brausetablette in digitaler Entropie aufgehen lässt. Wenn man keine strategische oder bildhafte Vorstellung von der Öffentlichkeit mehr hat, in der man lebt, kann man sich über die Geschichte ihrer Gespaltenheit nur dumm erstaunt die Augen reiben.

«Popjournalismus» ist Thomallas Buch zufolge eine zwar definitiv vergangene, aber in sich kohärente, wenn auch verästelte Geschichte, deren Vergegenwärtigung heutigem Publikum die Hoffnung oder auch nur die melancholische Erinnerung zuteilwerden lässt, dass man sich seine Öffentlichkeit ein Stück weit selbst machen kann und dass es sich nicht nur lohnt um das zu kämpfen, was man sagen will, sondern auch um Regeln, Kanäle und Systeme, in denen es zirkuliert, seine Wirkungen entfaltet und Leser:innen erreicht. Nicht nur ihre Texte schreiben die Menschen selbst (wenn auch nicht aus freien Stücken), auch ihre Algorithmen.

«Oral Histories» im Sinne dieses Buches (nicht im Sinne der gleichnamigen geschichtswissenschaftlichen Methode) operieren seit ihren Anfängen mit der doppelten Annahme, dass die befragten und somit zu Figuren einer historischen Narration beförderten Personen einerseits zu originell und unbezahlbar einzigartig sind, als dass man ihre Aussagen einfach referieren und als objektiven Wissensbestand behandeln könnte: Sie sind also besser, authentischer, direkter, poetischer als Journalist:innen oder Expert:innen; man muss sie wörtlich zitieren. Zum anderen sind sie aber auch unzuverlässiger, empfindlicher, eitler und zu verwickelt, um das von ihnen Vertretene und Gewusste als Objektivum, als Fakt annehmen zu können, mithin also schlechter als Journalist:innen oder Expert:innen; nur im wörtlichen Zitat, das all diese Beschränktheiten mitkommuniziert, können sie zur Wahrheitsfindung beitragen.

Die besten Texte in Ihrem Postfach
Unser kostenloser Newsletter

Newsletter-Anmeldung

Die so gelagerte Methodik der Oral History hatte ihr Debüt in George Plimptons und Jean Steins Edie-Sedgwick-Biographie (Edie: An American Biography, 1982), wo die Auftretenden Manhattan-Socialites und das Personal von Andy Warhols Factory waren; sie wurde weiterentwickelt in Gillian McCain und Legs McNeils Please Kill Me! (1996), einer Geschichte des New Yorker Punkrock; dann von Jürgen Teipel sehr erfolgreich für eine Chronik von deutschem Punk und Neuer Deutscher Welle adaptiert (Verschwende Deine Jugend, 2001) und zuletzt von Christoph Dallach für ein Buch über Krautrock eingesetzt (Future Sounds, 2021). Rockmusiker:innen, Fanzinemacher:innen, Clubbesitzer:innen also, ja Abhängende aller Art, Groupies und Fans sind in diesem Sinne das eingeführte und geeignete Personal der Oral History. Versteht man diese als die Doku-Schwester der Autofiktion, dann geht es ihr wie jener darum, vom Kuchen der technischen Direktübertragung, der Indexikalität von Foto und Recording, so viel wie möglich in die Schrift zu retten.

Hier erben nun Journalist:innen, Essayist:innen und Kritiker:innen den glamourös-ambivalenten Status von Zuviel oder Zuwenig an Zurechenbarkeit, der offensichtlich auch der Preis ist für die besondere Kohärenz-Stimmung, die in diesen Oral Histories herrscht. Man findet tendenziell alles plausibel, was da gesagt wird, weil man von dem Gefühl einer Agora- oder Schulhof-Stimmung vorangetrieben wird, nicht wirklich von der Analyse einer Öffentlichkeit, deren Ergebnisse etwas auch für unsere Öffentlichkeiten erbringen könnten. Dieses warme Plausibilitätsempfinden gilt auch in eigener Sache: Während man die Verschriftlichung und den Abdruck mündlicher Eigenzitate auch dann noch als große Peinlichkeit empfindet, wenn sie sorgsam und vielfach abgesegnet wurden, ist das hier nicht der Fall. Dass man mit seinen erkennbaren Eigenheiten dennoch so problemlos einsickern kann in ein Ensemble von Sprechenden, mit denen man meist wenig je geteilt hat und dem man nun als historischer Bestandteil zugeordnet wird, ist aber nicht nur angenehm.

0:00 0:00