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«Marg bar Schāh» riefen seit den 1960er Jahren vor allem studentische Kreise im Iran und im Exil, wenn sie gegen die damalige Diktatur protestierten; wörtlich «Tod dem Schah», im Bedeutungsgehalt wohl eher «Nieder mit dem König». Unter Schah Mohammad Reza Pahlavi, dem Vater des jetzt wieder als Führungsfigur gehandelten Reza Pahlavi, waren seit 1953 alle politischen Parteien verboten, und es herrschte strengste Zensur. Auch heute, in den zu Beginn dieses Jahres niedergemetzelten Protesten gegen die islamische Regierung Irans, wurde nach dem Muster von damals «Tod der Islamischen Republik!» oder «Tod Chamenei!» gerufen.

Auch abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Gemeinsam haben diese Sprechchöre, dass sie jeweils das Ende einer brutalen Diktatur fordern. Global und auch auf deutschen Straßen hat sich bei Solidaritätsdemonstrationen für diese Proteste jedoch eine neue, sprachbildlich abweichende Variante etabliert: «Marg bar se fased, Mollãh, Chapi, Mojāhed!» rufen da Menschenmengen in Berlin, London oder New York, «Tod den drei Verkommenen – Mullahs, Linke und Mudschahedin.»

Auch am 28. Februar, als mehr als 1000 Iraner:innen am Potsdamer Platz den Beginn des US-israelischen Angriffskriegs und die Tötung der iranischen Führung einschließlich des «Obersten Führers» Ayatollah Ali Chamenei feierten, war der Slogan von den «drei Verkommenen» wieder zu hören. Er steht im diametralen Gegensatz zur 2022/23 global berühmt gewordenen kurdischen Befreiungsparole «Jin, Jiyan, Azadî», die mit «Frauen, Leben, Freiheit» übersetzt wird und den Kampf für eine lebenswerte, gerechte Zukunft aller Unterdrückten in den Vordergrund stellt.

In einem Text für die persischsprachige Plattform HarassWatch, der kurz nach dem Regierungsmassaker gegen iranische Protestierende im Januar 2026 erschien, spricht die feministische Aktivistin Suzan Karimi von ihrer Hoffnung, ein «kollektiver Körper» möge sich gegen die Islamische Republik und auch gegen reaktionäre externe Mächte erheben und eine fortschrittliche Bewegung einleiten. Karimi wendet die Todesparole, die sich in «Tod Israel»- und «Tod den USA»-Slogans auch die iranische Regierung immer wieder zu eigen gemacht hat, gegen sich selbst: «Tod dem Tod. Es lebe das Leben.»

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Die am 28. Februar begonnenen illegalen Angriffe Israels und der USA auf die Regierung der Islamischen Republik sind nun von einem Ausmaß, das alle vorherigen Tötungsaktionen und Bombardierungen in den Schatten stellt. Regime Change – ein von Netanjahu seit Jahrzehnten ausgegebenes Ziel – ist jetzt auch die Agenda des US-Präsidenten. Bei Drucklegung dieses Artikels hat Iran mit Raketenangriffen auf Israel und US-Militärbasen in der gesamten Golfregion geantwortet; wir befinden uns mitten in einem Regionalkonflikt, von dem mehr Staaten direkt betroffen sind als je zuvor in einem Krieg im Nahen und Mittleren Osten.

Wie man in diesem Kontext die Chancen des von Suzan Karimi herbeigesehnten, das Leben und die Pluralität bejahenden Kollektivkörpers im Iran auch beurteilen möchte: Die iranische Diaspora, von der große Teile nach rechts gerückt sind, Hass auf linke und feministische Menschen verbreiten oder sogar explizit zu Gewalt aufrufen, steht von solchen Idealen weit entfernt. Um zu verstehen, wie der Dreiklang gegen die verhassten «Mullahs, Linken und Modschahedin» zum Slogan der iranischen Diaspora-Nationalisten werden konnte, muss man die Gewaltgeschichte der Islamischen Republik in Gänze betrachten, inklusive ihrer Vorgeschichte im Iran und ihrer Parallelgeschichte im Exil.