Suhrkamp März 2026 24 € 160 S.
Es beginnt damit, dass es «mit einem Traum in einem Zug» beginnt. In Transkription reist der 45-jährige Ich-Erzähler nach Providence im US-Bundesstaat Rhode Island, um seinen akademischen Mentor Thomas zu treffen. Für eine Zeitschrift soll er ein letztes Interview mit dem hochbetagten Mann führen. Da er entgegen der Fahrtrichtung sitzt, fällt es ihm schwer, das jüngst erschienene Buch des «Kulturgiganten» zu lesen, wie der bald 90-jährige Thomas später genannt wird. So im Zug zu sitzen, erinnert er sich, das sei ja auch, wie wenn man «in die Vergangenheit gucke», das hatte seine zehnjährige Tochter Eva ihm gesagt, als die Familie im Sommer zuvor eine Reise nach Lublin unternommen hatte.
Ben Lerner ist dann am besten, wenn er sich wie hier den Anschein gibt, es wäre ihm nicht nur möglich, sondern auch ein Anliegen, legere Literatur zu schreiben. Wie diarische Prosa liest sich der erste Absatz aus seinem neuen Kurzroman, ein wenig Reisenotiz hier, ein wenig Vaterjournal dort. Die Sätze wirken arglos, subjektivistisch so hingeschrieben, und das gelingt Lerner so gut, dass es dauert, bis man die Schatten sieht, die seine Prosa zu werfen vermag.
Irgendwann setzt der Effekt eines verdämmerten Erkennens ein. Mit dem eigenen Kind – dieser Nuance an Zukunft – reiste der Vater in die deutsche Gewaltgeschichte, nach Ostpolen, ins Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek, in einer Sitzposition, die an Walter Benjamins Engel der Geschichte erinnert, «das Antlitz der Vergangenheit zugewendet», wie es bei letzterem heißt, während ein Sturm diesen «unaufhaltsam in die Zukunft» treibt, «der er den Rücken kehrt».
Auch damit also beginnt Transkription, mit einer gravitätischen Anspielung auf Philosophie, Geschichte und Gewalt. Bereits in seinem zweiten Roman 10:04 referierte Lerner 2014 auf die Zeichnung Angelus Novus von Paul Klee sowie auf Benjamins Interpretation derselben, um zu Beginn die private Erinnerungskultur seines autofiktionalen Ich-Erzählers zu versinnbildlichen. Im Vergleich zur auktorialen Inszenierung als Wiedergänger von Benjamins Engelsgestalt ist es quasi geschenkt, dass die symbolträchtige Zugfahrt auch die europäische Technikskepsis aufruft – man denke an Goethes Brief von 1825, in dem dieser «alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation» erwähnt, «worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren», gefolgt von Heines Zusatz von 1843, dass die neuen Reisemittel das «Ungeheuerste, das Unerhörteste» geschehen ließe, «dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind».