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L’Espresso 15/72
Apr. 2026
All they will find is sandEyal Weizman
London Review of Books, Vol. 48 No. 7Apr. 2026
Für eine Philosophie der FotografieVilém Flusser
European PhotographyJan. 1983

0 Halluzination

1983, als die Challenger das erste Mal ins Weltall fliegt, und ihr senkrecht nach oben gerichteter Leib über der sanften Krümmung der Erde das Bild der Raumfahrt auf Jahre zu prägen beginnt, erscheint Vilém Flussers Buch Für eine Philosophie der Fotografie. Für Flusser beginnt damals, wie schon einmal irgendwann «im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr.», eine Zeit der Idolatrie: «Die allgegenwärtigen technischen Bilder um uns herum sind daran, unsere Wirklichkeit magisch umzustrukturieren und in ein globales Bildszenarium umzukehren. Es geht hier im Wesentlichen um ein ‹Vergessen›. Der Mensch vergißt, daß er es war, der die Bilder erzeugte, um sich an ihnen in der Welt zu orientieren. Er kann sie nicht mehr entziffern und lebt von nun an in Funktion seiner eigenen Bilder: Imagination ist in Halluzination umgeschlagen.»

1 Magic Artemis

Am 11. April 2026 veröffentlicht die NASA ein Fotoalbum auf Flickr: Schnappschüsse, Menschen bei der Arbeit, fahle, selig lächelnde Ingenieure vor Monitoren, körnige Weitwinkelaufnahmen der im Pazifik gelandeten Raumkapsel Artemis II, ihres Rettungsschirms, oranger Bojen. Auf Bühnen ungeschickt von unten eingefangene Astronauten, die Herzen mit den Händen formen und dabei von quer gedrehten Telefonen gefilmt werden, deren verschwommene Displays ihrerseits auf Fotos erscheinen.

Bald zirkulieren KI-Fakes der Landung. Sie bilden ab, was hätte passieren können, aber so nie passierte: bombastische, epische Shots in ewiger Dämmerung mit brutal hochgedrehtem Kontrast. Wie Filmhelden sitzen die Astronauten vor der bronzen glänzenden Kapsel in ihrem Gummiboot. Wie Hollywoodprofis fühlen sich die Dilettanten an ihren Tastaturen, allzeit bereit, per ENTER Einlass zu gewähren in eine patriotischere, glamourösere Timeline. Roland Meyer schreibt dazu: «In unserer Welt allgegenwärtiger vernetzter Kameras erwarten wir sofortige und perfekte Bilder von allem, was immer gerade geschieht.»

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2 Cover

Vor blassem Geäst ein junger Mann, hässlich oder hässlich dreinblickend, herausfordernd jedenfalls. Er zeigt die Zähne. An religiöser und militärischer Montur als israelischer Soldat oder Siedler oder beides erkennbar, trägt er ein Maschinengewehr in der rechten Hand. Ist dieser Zusatz albern – «Maschine»? Hatte jemand einen Karabiner erwartet? In der beringten Linken hält er sein Telefon. Seine Körperhaltung ist locker, entspannt. Und so fotografiert oder filmt er eine eher gutaussehende Frau – nicht ganz perfekte Nase, glänzende Lippen, große Augen, Paisley-Kopftuch –, von der wir annehmen müssen, dass sie Palästinenserin ist.

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