Oberhalb und unterhalb der Linie
Ein Foto des kurdischen Fotojournalisten Refik Tekin aus dem Januar dieses Jahres zeigt Zivilist:innen auf der Grenzmauer zwischen Nisêbîn und Qamişlo. Teile des Stacheldrahts sind niedergerissen. Die Menschen stehen auf der Mauer und blicken vom türkischen Staatsgebiet auf das syrische, von Nordkurdistan nach Westkurdistan, von Bakur nach Rojava, von serxet nach binxet – wortwörtlich «oberhalb» und «unterhalb der Linie». Entstanden ist das Bild im Kontext transnationaler Proteste gegen die Angriffe von Regierungsmilizen auf Gebiete kurdischer Selbstverwaltung in Syrien.
Was am 6. Januar 2026 mit Angriffen der syrischen Milizen auf kurdische Viertel in Aleppo begann, weitete sich in den darauffolgenden Wochen auf weite Teile Rojavas aus. Die islamistischen HTS-Milizen unter al-Scharaa griffen gezielt Infrastruktur und humanitäre Versorgung an: In Kobanê wurden Strom- und Wasserversorgung gekappt, rund 150.000 Menschen flohen. In offiziellen syrischen Dekreten wurde die Anfal-Sure des Korans zitiert, die Kurd:innen unweigerlich an die genozidale Al-Anfal Operation des irakischen Diktators Saddam Hussein in den späten 1980er Jahren erinnerte.
Erst mit dem Integrationsabkommen vom 30. Januar 2026, das unter Vermittlung der USA und Frankreichs zwischen der syrischen Übergangsregierung und den kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) geschlossen wurde, konnte eine weitere Gewalteskalation verhindert werden. Das Abkommen sieht die schrittweise Eingliederung kurdischer Streitkräfte und Verwaltungsstrukturen in den syrischen Zentralstaat vor. Es ist unter erheblichem Druck entstanden und lässt die zentrale Frage offen, wie föderale Selbstverwaltung, autonome Frauenstrukturen und die Errungenschaften des letzten Jahrzehnts gesichert werden sollen. Vor allem aber hinterlässt es eine Vertrauenskrise – in staatliche Strukturen, die Kurd:innen historisch nicht schützten, und in Grenzen, die ihr zusammenhängendes Siedlungsgebiet nie abbildeten, sondern aufteilten.
Kurdistan jenseits der Grenzen
Refik Tekins Fotomotiv der Proteste in Solidarität mit Rojava zeigt, dass der Grenzzaun zwischen der Türkei und Syrien für die Menschen keine wirksame Trennlinie ist, sondern die arbiträre Unterbrechung einer fortbestehenden sozialen, historischen und geographischen Verbundenheit. Die heutige syrisch-türkische Staatsgrenze folgt in weiten Teilen der Eisenbahnstrecke Berlin–Bagdad und wurde mit dem Ankara-Abkommen vom 20. Oktober 1921 zur politischen Demarkation zwischen der Türkei und dem französischen Mandatsgebiet Syrien.
Nach dem Ende des osmanischen Reiches wurde das kurdische Siedlungsgebiet im Rahmen des Vertrags von Lausanne von dem entstehenden türkischen Nationalstaat und den kolonialen Mandatsmächten Frankreich und Großbritannien in vier Gebiete unterteilt, die heute in den Nationalstaaten Türkei, Syrien, Irak und Iran liegen. Die Kurd:innen wurden damit nicht nur zu einem staatenlosen Volk umgeben von mehreren Staaten, sondern auch zu Minderheiten innerhalb dieser.
Die vier Teile Kurdistans tragen für seine Bewohner:innen die Eigennamen Bakur, Rojava, Başûr und Rojhilat – Norden, Westen, Süden, Osten – wobei der Bezugspunkt dieser Himmelsrichtungen nicht die jeweiligen Nationalstaaten sind, sondern Kurdistan selbst. Diese Begriffe widersetzen sich staatlicher Zuschreibung und lassen Kurdistan nicht als Peripherie neuer Zentren erscheinen, sondern als eigenen Bezugspunkt. Aus dieser Perspektive erzeugen die bestehenden Staatsgrenzen lediglich eine Lagebeschreibung oberhalb oder unterhalb der Linien.
«Leben» im Rahmen der Politik
Während ich von 2018 bis 2023 meine Feldforschung zur transnationalen Mobilisierung der Kurd:innen machte, führte ich Interviews mit Aktivist:innen aus verschiedenen Teilen Kurdistans und der Diaspora. Ich wollte verstehen, wie die kurdische Freiheitsbewegung über multiple und mehrstaatliche Gewaltepisoden hinweg überlebt und sich in neuen Konfliktkontexten reproduziert. Das Forschungsfeld zu Gewalt und Protest in Kurdistan lässt sich nicht territorial eingrenzen, sondern erstreckt sich über Grenzgebiete, Fluchträume, diasporische Kontexte und türkische Gefängnisse hinweg. Interviews führte ich also auch mit Inhaftierten, etwa mit der feministischen Aktivistin und kurdischen Politikerin Sebahat Tuncel.
Im Oktober 2020, zum Zeitpunkt des Interviews, war Tuncel bereits seit vier Jahren in Haft. Meine Fragen beantwortete sie handschriftlich, unter anderem mit den Worten:
«Jede politische Bewegung organisiert ihren eigenen ideologischen politischen Ansatz, ihr Leben, im Rahmen ihrer Politik. Es spielt keine Rolle, ob drinnen oder draußen. Menschen leben so, handeln so, wie sie denken. Die Praxis eines Menschen ist der Ausdruck seiner intellektuellen gedanklichen Ausrichtung.»