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Antizionismus ist keine Sache wie Antimaterie oder ein Antibiotikum. Er ist auch kein Gefühl wie Antipathie. Es handelt sich um eine Ansammlung von Ideen, deren einziges gemeinsames Element die Ablehnung des Zionismus ist. Antizionismus ist zudem ein relativ neues Konzept. Das Wort «Zionismus» gibt es schon seit den 1890er Jahren, doch bis in die 1960er wurde das Gegenwort «Antizionismus» nur sehr sporadisch verwendet. Erst in den vergangenen etwa fünfzehn Jahren hat sich der Begriff im englischsprachigen Raum etabliert.

Die Neuheit und Mehrdeutigkeit des Begriffs haben Aktivisten und Intellektuelle nicht davon abgehalten, sich auf ein Erbe des Antizionismus zu berufen, das bis in die frühen Jahre der zionistischen Bewegung oder sogar bis in die Antike zurückreichen soll. Dieser Ansatz ist besonders verbreitet unter Juden, die versuchen, ihre Infragestellung der zentralen Rolle Israels im heutigen jüdischen Leben unter Berufung auf die jüdische Schriftentradition zu rechtfertigen. Diese Infragestellung hat sich seit einiger Zeit aufgebaut und ist nach dem 7. Oktober 2023 besonders sichtbar geworden.

Da jüdische Antizionisten von anderen Juden regelmäßig beschuldigt werden, das jüdische Volk zu verraten, besteht ihre beste Verteidigung darin zu behaupten, dass sie selbst – und nicht die Zionisten – die authentischsten und edelsten Aspekte der jüdischen Zivilisation verkörpern. Doch unabhängig von der aktuellen politischen Lage verzerrt das Zusammenwürfeln einer bunten Mischung aus Menschen und Anliegen unter dem gemeinsamen Stichwort «Antizionismus» die Geschichte und verwechselt das, was die Menschen heute fürchten und wünschen, mit dem, was sie in vergangenen Zeiten empfunden haben.

Eine Idee und ihre Gegner

«Zionismus» kann zahlreiche und vielfältige Formen annehmen. Er kann religiös oder säkular geprägt sein, romantisch oder pragmatisch, militaristisch oder pazifistisch. Er kann die Koexistenz mit Palästinensern begrüßen oder darauf aus sein, sie von ihrem Land zu vertreiben. Die Idee und die Geschichte des Zionismus lassen sich keineswegs auf die Form reduzieren, die der israelische Staat geschichtlich angenommen hat, und noch weniger auf die spezifische Politik seiner derzeitigen Regierung.

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Der Antizionismus ist nicht weniger vielschichtig. Vor 1948 lehnten viele Christen und Muslime die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ab – aus einer Mischung aus dogmatischen Gründen, logistischen Erwägungen und Sympathie für die Araber Palästinas (wie sie damals meist bezeichnet wurden). Unter den Juden kam der Widerstand gegen den Zionismus meist aus drei voneinander unabhängigen Richtungen. Viele orthodoxe Juden hielten an traditionellen religiösen Überzeugungen fest, wonach die Rückkehr ins Land Israel erst in den Tagen des Messias stattfinden würde. Jüdische Sozialisten sahen im Zionismus eine Ablenkung vom revolutionären Kampf für eine klassenlose, von Unterdrückung und Hass zwischen Gruppen befreite Welt. Assimilierte bürgerliche Juden in der westlichen Welt lehnten das Konzept einer jüdischen Nationalität gänzlich ab und strebten danach, ihren Platz in den Gesellschaften, in denen sie lebten, zu festigen.

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