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Eine eingebildete Stillosigkeit

In jeder Einführung ins philosophische Schreiben gibt es einen Punkt, an dem der erfahrene Autor an den aufstrebenden Philosophen appelliert, doch bitte nicht zu versuchen, das eigene Schreiben literarisch oder elegant oder kultiviert oder distinktiv oder irgendwie so zu gestalten, dass die Aufmerksamkeit auf den Schreibakt selbst fallen könnte. «Der Zweck des (nicht-fiktionalen) Schreibens ist es, zu kommunizieren», behauptet Michael Huemers A Guide to Writing, «nicht, Kunst zu machen oder den Leser mit der eigenen Raffiniertheit zu beeindrucken.» Das erste Gebot aus Adrian Pipers Ten Commandments of Philosophical Writing lautet «Du sollst deine Ideen nicht mit aufgedunsener Prosa vernebeln. In der angloamerikanischen, analytischen Tradition des philosophischen Schreibens zollen wir unseren eigenen Ideen, unseren Leser:innen und uns selbst als seriöse Intellektuelle dadurch Respekt, dass wir wirklich kommunizieren, und nicht bloß uns selbst ausdrücken wollen.» Und in Jim Pryors Guidelines on Writing a Philosophy Paper – meine eigene Einstiegslektüre in dieses Genre – ist die Botschaft noch klarer formuliert: «Ziele nicht auf literarische Eleganz. Nutze einfache, direkte Prosa. Halte deine Sätze und Absätze kurz. Nutze vertraute Worte. Wir werden uns über dich lustig machen, wenn du große Worte nutzt, wo einfache völlig ausreichen.» Schließlich: «Schreibe nichts, was du so nicht auch in einem Gespräch sagen würdest: Wenn du es so nicht sagen würdest, dann schreibe es nicht auf.»

Wenn ich das Dilemma betrachte, in dem sich die akademische Philosophie angesichts des Aufstiegs von large language models (LLMs) befindet, dann muss ich zuerst an diese Indifferenz, ja fast schon Verachtung gegenüber jedem Schreiben denken, das über die reine Informationsweitergabe hinausgeht. In der akademischen Welt der – wie ich sie nenne – Punkte-Philosophie, gilt es als das einzige Ziel des philosophischen Schreibens und der Philosophie überhaupt, to make points, seine Punkte zu machen. Ein Schreiben, das nicht klar diesem Ziel folgt, gilt als ablenkender Puffer. Schlimmer noch, es lässt etwas Defektives über seine Autorin vermuten: dass sie sich gar nicht an der Philosophie selbst beteiligen, sondern dies nur vortäuschen wolle. Der Doktrin der Punkte-Philosophie zufolge ist jeder Fokus auf das Schreiben als solches ein Ausweis von Eitelkeit: davon, dass man einen «besonders ausgeklügelten» Stil vorführen oder besonders «tiefgründig klingen» wolle. Ein guter philosophischer Autor muss wissen: Er sollte eine «übermäßig einfache und knappe Sprache» verwenden, denn es ist anzunehmen, dass seine Leserschaft «extrem stumpfsinnig» ist.

Diese Einstellung ist natürlich völlig dubios, denn in der Philosophie und in anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen geht es nie nur darum, Ergebnisse zu vermitteln. Der Akt des Schreibens ist immer schon ein konstitutiver Bestandteil des «Ergebnisses» selbst. Philosoph:innen sollten das besser als die meisten anderen wissen, denn die Kernerkenntnisse ihrer Disziplin folgen aus genauster Aufmerksamkeit auf die Feinheiten der Sprache: aus Intuitionen gegenüber bestimmten Ausdrücken und Begriffen, aus der Interpretation von Argumenten und Texten, aus vorsichtig formulierten Unterscheidungen. Die Geschichte der Philosophie ist untrennbar mit den literarischen Formen verknüpft, in denen sie geschrieben wurde: Platons Verständnis der Philosophie als grundlegend mehrstimmig zeigt sich in der Struktur seiner Dialoge; Augustinus Untersuchung des Begehrens ergibt sich aus der Zurschaustellung seines eigenen in den Confessiones; die Aphorismen in Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen enthalten eine Therapie grammatikalischer «Ermahnungen». Dennoch scheint es, als würden Philosoph:innen sich heute nur wenige Gedanken darüber machen, wie genau philosophische Fragen in Worte zu fassen sind.

Das heißt nicht, dass die gegenwärtige analytische Philosophie keinen Stil hat. In seinem Essay How to Write (Not Terrible) Philosophy Papers merkt Manuel Vargas an, dass «der hauseigene Stil der philosophischen Disziplin ein LANGWEILIGES Schreiben ist.» Ich würde den heutigen philosophischen Schreibstil nicht einfach langweilig nennen (auch wenn er das oft ist). Wenn Stil nicht nur eine Frage des Affekts, sondern auch ein Identitätsmarker ist, dann ist der dominante Stil heutzutage die Stillosigkeit: eine Form des Schreibens, die versucht zu vertuschen, dass ein Werk überhaupt eine:n Urheber:in hat. Doch während die Illusion, auf der sich diese Stillosigkeit begründet, vor fünfzig Jahren vielleicht als harmloser Ausdruck des philosophischen Drangs nach Objektivität erschienen wäre, hat sie heute etwas Ominöseres an sich. Es gibt inzwischen eine Technologie, die vorgibt, jederzeit und von jedem beliebigen Standpunkt aus über jedes beliebige Thema sprechen zu können. Wie könnte die Punkte-Philosophin da widerstehen?

Philosophie machen

Wir befinden uns im ersten, vielleicht zweiten Jahr kompetenten «Schreibens» von LLMs, und Philosophie mit «Hilfe» oder «Assistenz» von KI ist nicht nur erlaubt, sondern wird herzlich begrüßt, ja von manchen Philosoph:innen sogar wärmstens empfohlen. Tatsächliche Nutzungsdaten sind schwer zu bekommen, und die meisten Philosoph:innen sind zu sehr um ihren Ruf besorgt, als dass sie ihre eigenen KI-Praktiken öffentlich zugeben würden. Wer aber lang genug unter ihnen verweilt, bekommt ein Bild des breiten Gebrauchs. Erzähle einer Philosophin, dass du derzeit an etwas arbeitest, das mühsam oder langweilig ist – wahrscheinlich wird sie dich fragen, warum du dafür nicht ChatGPT benutzt. Kommt ein Gespräch, philosophisch oder nicht, ins Stocken – hat dazu schon mal jemand etwas geschrieben? was sagte dieser und jener über dies und das? wie lange dauert die Autofahrt bis zum LaGuardia-Flughafen? – dann stehen die Chancen, dass jemand das Gespräch unterbrechen und bei Claude nachfragen wird, ziemlich hoch.

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