Am 11. Januar trug Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vor, dass Israels Vorgehen im Gazastreifen «völkermörderischen Charakter» habe, da «es darauf abzielt, einen wesentlichen Teil der nationalen, rassischen und ethnischen Gruppe der Palästinenser zu zerstören».1 Als Gründe führten die Anwälte die Tötung von 23.000 Palästinenser:innen an (mittlerweile beträgt die Zahl mehr als 33.000), darunter mehrheitlich Frauen und Kinder, die Vernichtung der lebenserhaltenden Infrastruktur, einschließlich Schulen und Krankenhäuser, und die nahezu vollständige Vertreibung der Bevölkerung des Gazastreifens. Israels Verteidigung behauptete am Tag darauf: «Wenn es genozidale Akte gegeben hat, dann wurden sie gegen Israel verübt»2, und forderte das Gericht dazu auf, die Klage abzuweisen und den Antrag Südafrikas auf Einstellung der Militäroperationen gegen Gaza abzulehnen.

Weniger als zwei Stunden, nachdem Israel seine Begründung vorgetragen hatte, kündigte Deutschland an, auf der Seite Israels als «Drittpartei» einzugreifen. Alle Unterzeichnerstaaten der Völkermordkonvention von 1948 können in einem Streit über die Auslegung des Vertrags «materielle Argumente» vorbringen. 2023 intervenierte Deutschland in der Völkermordklage Gambias gegen Myanmar wegen des Umgangs mit den Rohingya, um zu bekräftigen, dass die Handlungen Myanmars einen Genozid darstellten. Bezüglich der Klage Südafrikas erklärte ein deutscher Regierungssprecher: «Angesichts der deutschen Geschichte und des Menschheitsverbrechens der Shoa sieht sich die Bundesregierung der Konvention gegen Völkermord besonders verbunden.» Die Bundesregierung hat also, mit anderen Worten, Expertise in derlei Fragen, und der aktuelle Vorwurf gegen Israel «entbehrt» für sie «jeder Grundlage», er sei lediglich ein Versuch, die Konvention zu politisieren. Das Gedächtnis des Holocaust gilt als die moralische Grundlage Nachkriegsdeutschlands und Israels Sicherheit, wie Angela Merkel 2008 bekräftigte, als seine Staatsräson. Die Vorstellung, dass Israel eines Völkermords beschuldigt werden könnte – oder dass ein Völkermord mit dem Holocaust vergleichbar wäre –, gleicht daher einer Häresie.

Am 13. Januar, einen Tag nach der Verlautbarung Deutschlands, tadelte Namibias Präsident Hage Geingob (der am 4. Februar starb), dass sich Deutschland «nicht moralisch auf die UN-Völkermordkonvention berufen kann (…), wenn es das Äquivalent eines Holocaust und Genozids in Gaza unterstützt».1 Er erklärte weiter, dass «die deutsche Regierung den Völkermord, den sie auf namibischem Boden begangen hat, noch nicht vollständig gesühnt hat.»2

Tlaleng Mofokeng, die südafrikanische UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Gesundheit, gab folgenden Lagebericht: «Der Staat, der in seiner Geschichte mehr als einen Völkermord begangen hat [Deutschland], versucht die Bemühungen eines Landes zu untergraben, das Opfer von Kolonialismus und Apartheid ist [Südafrika], einen weiteren Völkermord [nämlich den Israels] zu verhindern.» Zwei Wochen später, am 26. Januar, stimmte der IGH mit einer Mehrheit von fünfzehn zu zwei Richtern dafür, dass die Behauptung, Israel verstoße gegen die Konvention von 1948, plausibel sei, und ordnete Maßnahmen zur Verhinderung genozidaler Akte an.

Mofokengs Anspielung darauf, dass Deutschland für «mehr als einen Völkermord» verantwortlich sei, fiel bezeichnenderweise mit einem historischen Datum zusammen. Der Tag der deutschen Intervention – der 12. Januar – war der 120. Jahrestag der Ereignisse, die den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts in Gang setzten, verübt von der deutschen Kolonialarmee, der sogenannten Schutztruppe. Opfer dieses Verbrechens waren die OvaHerero (in europäischen Quellen oft als Herero bezeichnet) und die Nama in einem Gebiet, das Deutschland beansprucht und unter der Bezeichnung Südwestafrika kolonisiert hatte – das heutige Namibia. Die Region war von den anderen europäischen Mächten auf der Berliner Konferenz von 1884/85, die die Teilung Afrikas formalisierte, an Deutschland abgetreten worden. Bismarcks Zweites Reich strebte nach einem Kolonialimperium, damit sich seine Macht angemessen auf der Weltbühne widerspiegeln möge, und die Gebiete, die heute Togo, Kamerun, Tansania, Ruanda, Burundi und Namibia umfassen, wurden deutsche «Schutzgebiete».

Am 12. Januar 1904 brachen in der Stadt Okahandja zwischen deutschen Truppen und OvaHerero-Kämpfern, angeführt von Samuel Maharero, Gefechte aus. Mehr als 100 Soldaten und Siedler, meist Landwirte und Missionare, wurden in den folgenden Tagen getötet, die Schutztruppe musste sich zurückziehen. Das gedemütigte Deutschland plante Vergeltung. Die OvaHerero waren Viehhirten, deren Land sich auf dem zentralen Plateau der Region befand. Die erst spät kolonisierten fruchtbaren Hügel waren vor den schlimmsten Auswüchsen des atlantischen Sklavenhandels verschont geblieben, weil die Sanddünen, die sich über Hunderte von Kilometern entlang der Küste erstrecken, sie vor den Blicken der gen Kap vorbeiziehenden europäischen Seeleute verbargen. In der Sprache der Nama/Damara bedeutet namib «Schild». Als das deutsche Protektorat gegründet war, wurde die Region sogleich zu einem idealen Kandidaten für das, was der deutsche Geograf Friedrich Ratzel 1897 Lebensraum nannte – einen Raum, den eine Spezies oder ein Volk im darwinistischen Überlebenskampf für den Selbsterhalt benötigte. Um eine deutsche Besiedlung zu ermöglichen, mussten indigene Völker weichen. Erst wurde das Land durch erzwungene Schutz- und Kaufverträge, Drohungen, Bestechungsgelder und Massaker stückweise in Besitz genommen, doch allmählich entstand Deutschafrika: eine Matrix aus Höfen, missionarischen Außenposten, Erz- und Diamantenminen und militärischen Festungen wie der in Okahandja. Ratzel glaubte, dass Südwestafrika ein Ort sei, an dem die «deutsche Rasse» ihren Charakter stählen könne. Er ließ sich von Frederick Jackson Turner inspirieren, der darlegte, dass die politische und kulturelle Identität Amerikas ein halbes Jahrhundert zuvor weitgehend durch die Erfahrungen des Wilden Westens geprägt worden sei. Die afrikanische Eroberungsgrenze wurde ganz ähnlich von Personen bewohnt, die als Untermenschen, als Teil der Natur angesehen wurden und nach Belieben ausgebeutet, vertrieben oder ausgerottet werden konnten.

Unterstützen Sie Berlin Review
Abonnieren Sie uns schon
ab 6 € / Monat

Abos ansehen

Im Juni 1904 gelangte General Lothar von Trotha, ein preußischer Kolonialoffizier, renommiert durch seine Rolle bei der Zerschlagung des Boxeraufstands in China, nach Südwestafrika, um den Rachefeldzug der Schutztruppe gegen die OvaHerero zu befehligen. Trotha plädierte für «krasse[n] Terrorismus» und gelobte, «die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut» zu vernichten. Im August 1904 suchten schätzungsweise 30.000 OvaHerero Zuflucht auf den Höfen des Kambazembi-Klans am Fuße des Bergplateaus von Waterberg. Die Schutztruppe bildete ein Bollwerk, um die OvaHerero daran zu hindern, nach Westen zu fliehen. Sie trieb Männer, Frauen und Kinder in die Kalahari-Wüste, wo viele gejagt und erschossen wurden. Am 2. Oktober erließ Trotha vor seinen Truppen einen berüchtigten Vernichtungsbefehl:

«Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten (…). Das Volk der Herero muß (…) das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr [einer Kanone] dazu zwingen. Innerhalb der Deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auch auf sie schießen.»

Unweit von Trothas völkermörderischer Erklärung, an einem Ort, der als Ozombu Zo Vindimba («Brunnen der Hautkrankheit» in Otjiherero) in die Geschichte einging, starben viele OvaHerero einen langsamen und qualvollen Tod. Die deutschen Truppen hatten ihre Brunnen vergiftet. Viele andere erlagen in der Wüste Durst und Hunger. Nur wer wusste, wo und wie Grundwasser zu finden war, hatte eine Überlebenschance. Einige konnten sich in relative Sicherheit über die Grenze ins britische Betschuanaland bringen, das heutige Botswana.

Die traditionellen Autoritäten der Nama und OvaHerero datieren den Beginn des Völkermords aber nicht auf den Angriff in Waterberg, sondern auf einen wenig bekannten Überfall elf Jahre zuvor. Am 12. April 1893 griff ein Kontingent der Schutztruppe die Nama-Siedlung ||Nâ‡gâs an – die Deutschen nannten sie Hornkranz. Es war der Sitz von Hendrik Witbooi, Anführer der Witbooi-Nama. Das Territorium zwischen den Nama und den OvaHerero im Norden war umstritten, und oft kam es zu Scharmützeln, aber Witbooi lehnte alle deutschen Schutzangebote ab und insistierte, dass die Völker vor Ort ihre Probleme selbst lösen sollten. Als er 1886 von deutschen Abgesandten des Reichskommissars Heinrich Göring angesprochen wurde, weigerte er sich, mit jemand anderem als dem Kaiser selbst zu verhandeln. «Ich verstehe, dass du über Frieden verhandeln willst, du, der du dich selbst als ‹Stellvertreter› bezeichnest», antwortete er. «Wie soll ich antworten? Du bist Stellvertreter eines anderen, und ich bin ein freier und selbstständiger Mann, der niemandem außer Gott Rechenschaft schuldet.» Witbooi führte ein Tagebuch, das eine wichtige afrikanische Perspektive auf die Erfahrung der deutschen Kolonisation bietet.

Die Nama waren geschickte Kämpfer, und kleine Reitergruppen überfielen regelmäßig die in ihr Land vordringenden deutschen Konvois. Das Gebiet konnte von Kartografen nicht betreten werden, so blieb es auf der Landkarte leer. Die Deutschen kamen zu dem Schluss, dass sie den «aufständischen Eingeborenen» nur Einhalt gebieten könnten, wenn sie sie ausrotteten. Die Schutztruppe näherte sich eines Nachts unbemerkt, griff im Morgengrauen an und zwang so die Witbooi-Kämpfer zum Rückzug. Die deutschen Soldaten zerstörten die Siedlung und ermordeten Frauen, Kinder und Alte. Auf den Ruinen entstanden eine Polizeistation und ein Hof.

In den Folgejahren kämpften die Nama-Stämme unentwegt gegen die Deutschen. Am 22. April 1905 erließ Trotha einen weiteren Vernichtungsbefehl, diesmal gegen die Nama: «[D]en wenigen, welche sich nicht unterwerfen, [wird es] ebenso ergehen (…), wie es dem Volk der Hereros ergangen ist, das in seiner Verblendung auch geglaubt hat, es könne mit dem mächtigen deutschen Kaiser und dem großen deutschen Volk erfolgreich Krieg haben. Ich frage Euch, wo ist heute das Volk der Herero?» Zu diesem Zeitpunkt hatte die deutsche Regierung Trothas Vernichtungsbefehl gegen die OvaHerero aufgehoben, der Deutschlands Ruf in Europa beschädigt hatte. Der Befehl gegen die Nama wurde nie offiziell zurückgenommen.

Überlebende von Nama und OvaHerero wurden in Konzentrationslagern interniert, wo sie Sklavenarbeit verrichten und die Straßen, Eisenbahnen, Höfe und Verwaltungsposten der Kolonie erbauen mussten. Mehr als die Hälfte der Internierten starb im ersten Jahr der Gefangenschaft. Eines der Lager befand sich auf der Haifischinsel, heute Shark Island, einer windigen und exponierten Halbinsel in der Nähe des Südatlantikhafens Lüderitz, wo die kilometerlangen Sanddünen einer kleinen Bucht weichen. An dieser Stelle gingen portugiesische Seeleute im 15. Jahrhundert erstmals vor Anker. Auf der Haifischinsel ließ man Internierte verhungern, schlug sie, vergewaltigte sie und richtete sie hin. Frauen wurden gezwungen, die von den Leichen abgetrennten Köpfe – manchmal ihrer eigenen Verwandten – zu kochen und das Fleisch mit Glasscherben abzukratzen, damit die Schädel an Museen, Universitäten und anthropologische Sammlungen in Deutschland geschickt werden konnten. Die Haifischinsel wird von den Nachkommen der Überlebenden oft als das erste Vernichtungslager bezeichnet. Dort starben bis zu 80 Prozent der Inhaftierten.

Bis zum Ende des deutschen Feldzugs im Jahr 1908 waren mit 65.000 Personen mehr als zwei Drittel der OvaHerero und mit 10.000 Personen etwa die Hälfte der Nama getötet worden. Die Überlebenden erhielten ihr Stammland nicht zurück. Stattdessen wurden ehemalige Offiziere der Schutztruppe, auch diejenigen, die am Völkermord beteiligt gewesen waren, mit Höfen auf dem Land ihrer Opfer belohnt. 1902 befand sich weniger als 1 Prozent Südwestafrikas im Besitz von Europäern; nach dem Genozid waren es mehr als 20 Prozent. Der Landbesitz der deutschen Siedler wurde auch respektiert, als Südafrika, ein Herrschaftsgebiet des britischen Empire, Südwestafrika während des Ersten Weltkriegs besetzte: Affinitäten zwischen europäischen Kolonialnationen standen über Feindseligkeiten in Kriegszeiten. Die Europäer bewirtschafteten die fruchtbaren Gebiete, während die indigenen Völker auf die Dürrezonen der Bantustans beschränkt waren. Diese Besitzverhältnisse blieben nach der Unabhängigkeit Südafrikas und der Gründung Namibias im Jahr 1990 unberührt.

Heute befinden sich 44 Prozent der Landfläche Namibias und 70 Prozent der Agrarfläche im Besitz von 4.500 europäischen Landwirten, die 0,3 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Nachkommen der OvaHerero und Nama haben in ihren «ethnischen Homelands» Städte gegründet, die die Namen ihrer angestammten Höfe tragen, und fordern weiter Reparationen von Deutschland und das Recht auf Rückkehr auf ihr Land.

Die OvaHerero Traditional Authority (OTA) und die Nama Traditional Leaders Association (NTLA) unterstützten die südafrikanische Klage gegen Israel von ganzem Herzen und bekundeten ihre Solidarität mit den Palästinensern. «Wir, die Nama und OvaHerero, sind nur allzu vertraut mit dem Zusammenhang von Siedlerkolonialismus und Völkermord, damit, wie ein gewalttätiger Siedlerkolonialismus auf seinem Höhepunkt direkt in Genozid umschlägt», hieß es in ihrer Erklärung. An anderer Stelle bezichtigten sie den namibischen Präsidenten der «höchstgradigen Heuchelei», weil er weiterhin «das Verlangen der Nama und OvaHerero nach Gerechtigkeit» sabotiere. Lange schon währt ein Streit zwischen den vom Völkermord betroffenen Gruppen und der SWAPO-Regierung, deren Machtbasis das Volk der Ovambo und andere Ethnien im Norden Namibias sind und deren Geschichte nicht mit dem deutschen Kolonialismus, sondern mit dem bewaffneten Befreiungskampf gegen die Apartheid verbunden ist, in dem SWAPO an der Seite des ANC die Führung übernahm. Die Nationalisierung der Geschichte führte dazu, dass die Regierung den «Völkermord an den OvaHerero und Nama» anachronistisch als «namibischen Völkermord» ins Gedächtnis eingehen ließ. Um den Stellenwert des Genozids in der namibischen Geschichte drehte sich ein Streit – Geingob behauptete, dass «die Apartheid schlimmer war als der Völkermord». Gestritten wurde auch darüber, wer das Recht haben sollte, mit der deutschen Regierung über die Anerkennung der deutschen Verantwortung zu verhandeln.

Im Jahr 2015 erkannte die deutsche Regierung nach jahrelangen Kämpfen namibischer und deutscher zivilgesellschaftlicher Gruppen an, dass zwischen 1904 und 1908 ein Genozid begangen worden war. Dies ebnete den Weg für bilaterale Verhandlungen. Deutschland vertrat die Position, dass es nur mit einer anderen Regierung verhandeln könne und Namibia in diesem Sinne ihre eigenen Vertreter bestimmen sollte. Namibias Delegation umfasste zwar auch Nama und OvaHerero, allerdings keine gewählten Vertreter:innen und traditionellen Autoritäten. Im Mai 2021 wurde zwischen den beiden Ländern eine Einigung erzielt. In der gemeinsamen Erklärung erkannte Deutschland seine «moralische Verantwortung für die Kolonisierung Namibias» an und entschuldigte sich «für die historischen Entwicklungen, die zwischen 1904 und 1908 zu genozidalen Bedingungen geführt haben». Die namibische Regierung erklärte in diesem Schriftstück, dass sie und ihr «Volk die Entschuldigung Deutschlands annehmen».1 Die betroffenen Gruppen hatten sie davor nicht gefragt.

Im vergangenen Jahr stützten sich einige UN-Sonderberichterstatter auf die von Deutschland und Namibia 2007 unterzeichnete Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker und verfassten ein Schreiben an beide Regierungen, in dem sie betonten, dass «die indigenen Völker das Recht haben, durch selbstgewählte Vertreter an der Entscheidungsfindung teilzuhaben, wenn ihre Rechte berührt sind».1 Die OTA- und NTLA-Position lässt sich in einem Slogan zusammenfassen: «Alles über uns ohne uns ist gegen uns.» Die Betroffenen hatten sich von Deutschland mehr erhofft als die bloße Anerkennung des Genozids. Deutschland sah sich durch sein Eingeständnis auch nur moralisch, nicht etwa rechtlich gebunden. Die Geschehnisse von 1904 bis 1908 können als Völkermord bezeichnet werden, aber nur aus heutiger Sicht. Damit beruft sich der Staat auf eine rechtliche Formalität, die für Völkermord und Sklaverei schon lange infrage gestellt wird: Das «intertemporale Prinzip» besagt, dass eine Rechtsfrage auf der Grundlage der zum Zeitpunkt der Tat geltenden Gesetze beurteilt werden müsse. Nach Ansicht der Deutschen kann die UN-Völkermordkonvention nicht auf den Genozid in Südwestafrika angewandt werden, weil sie erst 1948 in Kraft trat. Ähnlich hatte Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem argumentiert: Hitlers Befehle hätten im «Dritten Reich» «Gesetzeskraft» besessen, also habe Eichmann gesetzmäßig gehandelt. Die Massentötung von Zivilisten im Krieg war bereits mit der Haager Konvention von 1899 illegal und damit auch zum Zeitpunkt beider Völkermorde. Da sich das Völkerrecht jedoch auf Kriege zwischen «zivilisierten Völkern» bezogen habe, so die deutsche Argumentation, sei koloniale Gewalt gegen indigene Bevölkerungsgruppen davon ausgenommen. Deutschland vertrat die Auffassung, dass in Südwestafrika begangene Verbrechen nicht nach modernen rechtlichen Standards, sondern nach den rassistischen Gesetzen der Kolonialzeit beurteilt werden sollten. Daraufhin erwiderte Sima Luipert von der NTLA, dass Deutschland damit auch heute noch meine, dass die Nama und OvaHerero als «unzivilisierte Wilde» anzusehen seien.

Deutschlands Eingeständnis, im historischen, nicht jedoch im rechtlichen Sinne einen Völkermord begangen zu haben, hieß auch, dass sich der Staat nicht verpflichtet sah, Reparationen zu zahlen oder Land zurückzuerstatten. Rechtliche Verantwortung zu übernehmen, hätte einen Präzedenzfall geschaffen. Andere kolonisierte Völker, die einen Genozid durch europäische Staaten wie Frankreich oder Großbritannien erlitten hatten, hätten sich darauf berufen können. Deutschland kündigte an, über einen Zeitraum von 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro Entwicklungshilfe zu zahlen. Vor der Kolonisation waren die OvaHerero und Nama reich an Land, Vieh und Kultur. Luipert formuliert es so: «Entwicklungshilfe ist die größte Lüge des Nordens, die angebliche Großzügigkeit einer Zivilisation, die auf unserer Unterdrückung gründet.» Die betroffenen Bevölkerungsgruppen forderten, dass Deutschland einen Teil ihres angestammten Landes den Nachkommen deutscher Siedler abkauft und ihnen zurückerstattet. Auch fast drei Jahre nach Veröffentlichung wurde die gemeinsame Erklärung wegen der Einwände namibischer zivilgesellschaftlicher Gruppen und Oppositionsparteien weder vom deutschen noch vom namibischen Parlament ratifiziert.

Die OTA und die NTLA stellen oft historische Verbindungen zwischen dem Völkermord in Namibia und dem Holocaust her. «Als Überlebende eines deutschen Genozids fühlten wir uns stets mit dem jüdischen Volk verbunden und ließen uns von seinem Streben nach Wiedergutmachung inspirieren», heißt es in einem Statement vom 16. Januar 2024. «Das liegt nicht nur daran, dass auch wir einen Völkermord erlebt haben, sondern auch daran, dass der jüdische Holocaust in direktem Zusammenhang mit dem steht, was auf der Haifischinsel und in anderen deutschen Vernichtungslagern auf unserem Boden geschehen ist.»

Es gibt klare Kontinuitäten zwischen den beiden deutschen Völkermorden. Systematische Ausrottung von Völkern, die als «rassisch minderwertig» angesehen werden, Rassengesetze, das Konzept des Lebensraums, der Transport von Menschen in Viehwaggons zur Zwangsarbeit in Konzentrationslagern: Viele der Schlüsselelemente des Nazi-Systems waren ein halbes Jahrhundert zuvor bereits in Südwestafrika vorzufinden. Heinrich Göring, Reichskommissar der Kolonie Südwestafrika, der mit Hendrik Witbooi verhandeln wollte, war der Vater von Hermann Göring.

Die These vom Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus mag in deutschen akademischen, politischen und medialen Kreisen immer noch umstritten sein, sie ist aber nicht neu. In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951, deutsch 1955) erklärte Hannah Arendt, dass der europäische Imperialismus eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des nationalsozialistischen Totalitarismus und der damit verbundenen Völkermorde gespielt habe. Der von Aimé Césaire beschriebene «Bumerang-Effekt» bezeichnete den europäischen Faschismus als die Heimkehr der kolonialen Gewalt. 1947 schrieb W. E. B. Du Bois, dass «es keine Nazi-Gräueltaten gegeben hat – Konzentrationslager, Massenverstümmelung und -mord, Vergewaltigung von Frauen oder grässliche Schmähtaten gegen die Kindheit –, die die christliche Zivilisation Europas nicht lange schon gegen farbige Menschen in allen Teilen der Welt begangen hatte».2 Mit diesen Zusammenhängen haben sich in jüngerer Vergangenheit David Olusoga und Casper W. Erichsen in The Kaiser’s Holocaust (2010) und Jürgen Zimmerer in Von Windhuk nach Auschwitz? (2019) auseinandergesetzt. Die Zusammenhänge zwischen dem Genozid in Südwestafrika und dem Holocaust beruhen, wie Zimmerer betont, auf etwas anderem, nämlich auf der kolonialen Dimension des NS-Vernichtungskriegs in Osteuropa. In Anspielung auf Buchtitel von Timothy Snyder verwandelten koloniale Ambitionen die schwarze Erde (Black Earth) der ukrainischen Steppe in Blutlande (Bloodlands) ethnischer Eroberung, Versklavung und Völkermord. Nachdem das kaiserliche Deutschland im Ersten Weltkrieg sein Kolonialreich verloren hatte, wollten die Nazis Lebensraum erobern, indem sie die fruchtbaren, nahrungsmittelreichen Regionen der Ukraine kolonisierten, in denen die Mehrheit der osteuropäischen Juden lebte. Zwar mag die deutsche Kolonialpolitik in die nahezu totale Vernichtung von Juden und die Versklavung slawischer Völker in Osteuropa hineingespielt haben, aber die imperial-koloniale Dimension kann nicht jeden Aspekt des Holocaust erklären, der weit vor den Kolonialismus zurückreichende ideologische Wurzeln im europäischen Antisemitismus hat.

Die Diskussion um einen Zusammenhang zwischen dem namibischen Völkermord und dem Holocaust ist keine rein akademische. 2017 wurde stellvertretend für die Nama- und OvaHerero-Organisationen in New York City eine Sammelklage gegen Deutschland erhoben. Es hieß, dass in Deutschland ein Teil des Reichtums aus Sklavenarbeit und Enteignung im ehemaligen Südwestafrika investiert worden sei. Gefordert wurden die gleichen Entschädigungen und Reparationen, die jüdische Holocaust-Überlebende erhalten hatten. Zwei Jahre später wies das Gericht die Klage als unzulässig ab.

Ich habe Namibia in den letzten Jahren mehrmals mit Teams von Forensic Architecture und seiner Berliner Partnergruppe Forensis besucht. Wir wurden von der OTA, der NTLA und der Ovaherero/Ovambanderu Genocide Foundation gebeten, mit Personen vor Ort zusammenzuarbeiten, die im Sinne der Oral History von der Geschichte berichteten, um die während des Völkermords zerstörten Dörfer der Vorfahren sowie Konzentrationslager und Massengräber zu lokalisieren und zu kartieren. So sollten wir bei der Zusammenstellung von Beweisen helfen, um durch eine spätere Klage die Stätten erhalten zu können oder auch Reparationen und die Rückerstattung von Landbesitz zu verlangen. Im Dezember 2023 haben wir gemeinsam mit der OTA und der NTLA unsere Ergebnisse in einem Kulturzentrum in Berlin und im Menschenrechtsausschuss des Bundestags vorgestellt.

Einige der von uns identifizierten Orte befinden sich auf Ackerland, das den Nachkommen der Schutztruppe gehört. Die Farms rund um den Waterberg wurden in den letzten Jahrzehnten in Wildreservate umgewandelt, in denen Touristen zahlungspflichtige Jagdtouren unternehmen. Betroffenen Gemeinden wurde an Gedenktagen der Zugang verwehrt, weil sie die Tierwelt stören würden. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Indigene Völker wurden ursprünglich enteignet, weil sie nach dem Rechtsprinzip der terra nullius, das in der Kolonialzeit die Übertragung indigenen Landes an Siedler begünstigte, als «Teil der Natur» galten.

In Namibia stehen unzählige Denkmäler für deutsche Völkermörder. Mangelnde staatliche Finanzierung und strukturelle Vernachlässigung führten auf der anderen Seite dazu, dass wichtige Erinnerungsorte der Opfer verwahrlost sind. In Swakopmund haben die Anwohner es sich zur Aufgabe gemacht, einen Friedhof zu pflegen. Die Opfer des Völkermords liegen dort begraben, wo die primär weißen Bewohner Testfahrten mit ihren Geländewagen machen. Andere historische Stätten sind unbekannt und unmarkiert. Namibias Wirtschaft ist vom europäischen Tourismus abhängig, und das Gedenken an einen europäischen Völkermord ist den Besuchern unangenehm. Im Waterberg-Nationalpark befindet sich in einer Polizeistation aus der Kolonialzeit ein Restaurant mit deutschen Gerichten – als ich dort war, stand «Wildschnitzel» auf der Speisekarte. Ein Foto des Kaisers überragt die Gäste. Der Wein wird aus einem Keller heraufgeschickt, der zur Zeit des Genozids als Gefängnis gedient hatte. Der einzige Friedhof in der Gegend – gut gepflegt und viel besucht – beherbergt die Überreste der deutschen Soldaten, die beim Angriff auf die OvaHerero in Waterberg getötet wurden. Nur wenige, die diese atemberaubende Landschaft genießen, wissen, dass der Friedhof auf den Ruinen der im August 1904 zerstörten Höfe der Kambazembi steht. Diese durch mündliche Tradierung belegten Fakten wurden durch eine einzige alte Fotografie des Dorfes bestätigt, die wir im Frankfurter Kolonialen Bildarchiv gefunden haben. Eine markante Felsformation des Gebirgskamms im Hintergrund klärte alles auf.

Bei einem kürzlichen Besuch auf der Farm, die immer noch Hornkranz heißt – man muss private Vorkehrungen treffen, um Zugang zu erhalten –, sahen wir zwei Schilder aus der Apartheid-Ära, die den Völkermord fälschlicherweise als «Schlacht» darstellten und einen abfälligen Begriff für die Nama verwendeten. Bei einem Ausflug über die Felsen, die den Hof umgeben, fanden wir Patronen aus dem 19. Jahrhundert. Sie bezeugten die Scharmützel, die dem Massaker vorangegangen waren. Die trockene Umgebung hatte noch weitere Spuren konserviert, etwa von Häusern aus Holz und Stroh, so dass wir das Ausmaß der Siedlung kartieren konnten.

Auf dem Gelände des Vernichtungslagers auf der Haifischinsel hat die namibische Regierung Kies aufgeschüttet, damit Autos zwischen den Felsen hin- und herfahren können. Dort stehen Tische und Bänke, damit Touristen zelten und grillen können. Anstelle eines «Orts der Einkehr, der Erinnerung und der Mahnung, dass solche Genozide nie wieder geschehen sollten», sagte Johannes Isaack, der Nama-Anführer und Vorsitzende der NTLA, «ist die Haifischinsel nach 33 Jahren Unabhängigkeit noch immer ein Touristenziel, wo Besucher (…) auf den Knochen der Helden und Heldinnen, die am Anfang des Widerstands gegen die koloniale Besatzung standen, Wein trinken und essen können».3

Es ist der 12. April, der Tag, an dem vor 120 Jahren der Völkermord in Hornkranz begann. Ich bin in Namibia und unterstütze die OvaHerero und Nama dabei, die Erweiterung des Hafens Lüderitz auf das Lagergelände rechtlich zu stoppen. Es ist ironisch, dass die geplante Erweiterung Teil eines Großprojekts für «grüne Energie» ist, das von der namibischen und der deutschen Regierung gefördert wird. Die ungewöhnlich starken Winde, die die Kolonisation an diese Küste trieben und einige der Gefangenen auf der Haifischinsel erfrieren ließen, sollen nun Hunderte von Turbinen antreiben, um flüssigen Wasserstoff zu produzieren – der dann von einem Dock auf Shark Island nach Europa verschifft wird.

Unterstützen Sie Berlin Review
Abonnieren Sie uns schon
ab 6 € / Monat

Abos ansehen

Es gebe «besorgniserregende Ähnlichkeiten zwischen dem, was in Südwestafrika geschehen ist, und dem, was sich heute in Gaza abspielt», schrieb Didier Fassin wenige Wochen nach dem 7. Oktober. In beiden Fällen folgten die Massentötungen, Zerstörungen und Vertreibungen auf demütigende militärische Niederlagen durch eine als minderwertig angesehene Bevölkerung. Die traditionellen Autoritäten der Nama und OvaHerero betonen diese historischen Kontinuitäten in ihrem Statement vom 16. Januar: «Unsere gemeinsame Erfahrung mit dem Siedlerkolonialismus und der Apartheid wird zu einer Plattform, die wir nicht als singulär beanspruchen, sondern von der aus wir globale Gerechtigkeit und ein Streben nach Zusammenhalt und universeller Freiheit anstreben.» Es ist wichtig, auf diese Stimmen zu hören. Solche Kontinuitäten könnten die Geschichte des Holocaust mit der des Kolonialismus und der Versklavung zusammenbringen und die historische Solidarität zwischen Schwarzen und Juden sowie zwischen antizionistischen Juden und Palästinensern anerkennen.

Das Beharren Israels und Deutschlands auf der Singularität und Einzigartigkeit des Holocaust machte eine Trennung von Antisemitismus und Rassismus auf, die diese beiden hassgetriebenen Formen politischer Macht gegeneinander ausspielt. In diesem Zusammenhang stimmt zuversichtlich, dass die Nama und OvaHerero beschlossen haben, sich gegen die politische Atmosphäre der Zensur und Einschüchterung zu stellen, die jeglicher Unterstützungsbekundung für die Palästinenser entgegenschlägt – wie sie es bei ihrem Besuch in Berlin im Dezember selbst erlebt haben. «Besorgt beobachten wir Angriffe auf aktivistische Stimmen aus Palästina, dem globalen Süden, der muslimischen Welt und auf dissidentische jüdische Künstler und Wissenschaftler, die sich gegen die [israelische] Politik aussprechen. Wir stehen zusammen, weil wir wissen, was es bedeutet, im Angesicht repressiver Mächte die Wahrheit zu sagen, und weil wir die Folgen solcher Handlungen kennen.»

12. April 2024

Zuerst erschienen in der London Review of Books.

Anm.:
  1. Die Handlungen und Unterlassungen Israels seien «genocidal in character because they are intended to bring about the destruction of a substantial part of the Palestinian national, racial and ethnic group».
  2. «If there were acts of genocide, they have been perpetrated against Israel.»
  3. «Germany cannot morally express commitment to the United Nations Convention against genocide, including atonement for the genocide in Namibia, whilst supporting the equivalent of a holocaust and genocide in Gaza.»
  4. «The German Government is yet to fully atone for the genocide it committed on Namibian soil.»
  5. Joint Declaration by the Federal Republic of Germany and the Republic of Namibia. «United in Remembrance of Our Colonial Past, United in Our Will to Reconcile, United in Our Vision of the Future».
  6. Mandates of the Special Rapporteur on the promotion of truth, justice, reparation and guarantees of non-recurrence et al., Ref.: AL DEU 1/2023, 23. Februar 2023, S. 17.
  7. «There was no Nazi atrocity – concentration camps, wholesale maiming and murder, defilement of women, or ghastly blasphemy of childhood – which the Christian civilisation of Europe had not long been practising against coloured folks in all parts of the world.» – W. E. B. Du Bois, The World and Africa: An Inquiry into the Part which Africa has Played in World History (1947), Oxford University Press, 2007, S. 17.
  8. Forensis & Forensic Architecture, Shark Island. An Architectural Reconstruction of a Death Camp, 12. April 2024, S. 3.
Bio:
Eyal Weizman, geboren in Israel, ist Architekt und Menschenrechtsaktivist. Er ist Gründungsdirektor von Forensic Architecture sowie… [Mehr lesen]