Dieses eine LebenMartin Hägglund übers. v. Stephanie Singh
C.H.Beck März 202432 € 415 S.

Die Erde ist ein seltsamer Planet, einer von 400 Milliarden in der Milchstraße, von denen die meisten tot und kalt sind. Daneben existieren weitere Milliarden Galaxien, eine nicht begreifbare Weite. Soweit wir wissen, hat nur die Erde intelligentes und bewusstes Leben hervorgebracht: Menschen, die ihre eigene Existenz die längste Zeit ihrer Geschichte mit der Existenz eines höheren Wesens erklärt haben. Was aber, wenn diese klirrende Dunkelheit gar keine Schöpferin hat und wir allein in ihr sind? Welchen Sinn sollen wir uns dann noch geben?

«Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes» heißt eine faszinierende Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Ted Chiang. Dem schwedischen Philosophen Martin Hägglund zufolge ist eher das Gegenteil richtig: Erst wenn wir unsere radikale Endlichkeit in einer Welt ohne sinnstiftendes Jenseits akzeptiert haben, wenn Gott also vollständig abwesend ist, können wir ein wirklich freies und gutes Leben führen.

Hägglund, der an der Yale University Geisteswissenschaften und Komparatistik unterrichtet, ist mit Dieses eine Leben – Glaube jenseits der Religion, Freiheit jenseits des Kapitalismus etwas gelungen, das in der Philosophie selten ist. Er hat ein Buch geschrieben, das originell und neuartig ist, philosophisch auf höchstem Niveau argumentiert, zugleich aber auch ein breites Laienpublikum erreicht. In den USA wurde This Life nach seinem Erscheinen 2019 mit dem Lob der Kritikerinnen überschüttet, es wurde mit akademischen Symposien und Preisen geehrt und verkaufte sich obendrein bestens. Irgendetwas Bedeutsames über unsere Gegenwart muss es also enthalten.

Mit Hegelmarxismus gegen die Religion

Hägglund geht in Dieses eine Leben zunächst einmal streng akademisch vor. In sorgfältiger Lektüre philosophischer Klassiker von Augustinus über Kierkegaard und Hegel bis zu Marx und Adorno entwickelt er einen Begriff des säkularen Glaubens, der weitreichende Auswirkungen auf unser Privatleben in Familien, Freundschaften und Liebesbeziehungen hat, aber auch auf unsere öffentliche Existenz als politische Wesen. Seine Sprache ist dabei derart schlicht und zugänglich, dass vielen deutschen Rezensenten scheinbar gar nicht aufgefallen ist, wie tief und gründlich er argumentiert. Hägglund bewegt sich mühelos auf dem neuesten Stand aktueller Hegel- und Marxforschung und liefert eine originelle Erweiterung der Werttheorie des Kapitals.

Sein erster Ansatzpunkt ist eine immanente Kritik des religiösen Denkens. Im Kern sagt Hägglund, dass die Religion die Bedeutung des Todes als absoluten Verlust relativiert. Er erinnert an eine Rede Barack Obamas, der auf einer Trauerfreier für getötete Kinder nach einem Amoklauf in Newton aus dem Lukasevangelium zitierte: «Jesus sagte, ‹Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht (…) Gott hat sie alle nach Hause gerufen.›» Das christlich-religiöse Denken deutet den Tod als ein Nachhausekommen ins Himmelreich, und das Leben mithin als Durchgangsstadium zu einer höheren, leidfreien Existenz. Was stört Hägglund an dieser Vorstellung, die Millionen von Menschen Trost spendet?

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