«Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.» Diese Worte Wittgensteins betreffen genau das Thema, das du anzufassen versuchst. Du wirst das Dilemma mit deinem Text nicht lösen, also schreibe besser gar nicht darüber. Dein Text wird entweder demoralisierend werden oder einfach dumm.

Es ist still und ruhig in Kyjiw, die Straßen sind leer. Mein Freund Andreij, der zwanzig Jahre in der Ukraine lebte, aber einen russischen Pass hat und nicht mehr hierher einreisen kann, versucht mich davon abzubringen, über die Einberufung in die ukrainische Armee zu schreiben.

«Die Solidarität mit der Ukraine muss bei dieser Lage mit aller Kraft aufrechterhalten werden. Und das bedeutet gerade jetzt, von solchen Angelegenheiten so wenig wie möglich anzuerkennen!» (Universitätsdozent aus Deutschland)

«Wenn Sie über die Mobilisierung schreiben, versuchen Sie die Situation von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Am einfachsten ist es, sich auf eine Seite zu stellen, aber dann wird die Wahrheit verschwinden.» (Unternehmer aus der Ukraine)

«Sie werden Ihre Artikel benutzen, um uns noch weniger Hilfe zukommen zu lassen. Und dann müssen noch mehr Menschen sterben.» (Ukrainischer Freiwilliger in Polen)

«Man kann alles sagen. Aber man muss wissen, wie man es tut und was die Konsequenzen sind.» (Journalist aus der Ukraine)

Jedes Telefonat oder persönliche Gespräch, das ich in den vergangenen Wochen geführt habe, führte zu solchen Bemerkungen, die wie Warnungen klangen. Zunächst beschloss ich, sie aufzuschreiben, damit sie mich weniger beunruhigen. Irgendwann fing ich an, zwischen mir und der Realität eine undurchdringliche Mauer zu spüren. In solchen Warnsätzen sah ich nicht mehr die Argumente der Vernunft oder das Mitgefühl, sondern die Angst und die Hoffnungslosigkeit, und auch die Hoffnung, dass etwas, das man sich nicht zu zeigen oder zu sagen traut, von selbst verschwinden würde, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Als im Mai das neue Mobilisierungsgesetz mit neuen Fristen, Meldepflichten und verschärften Strafen für die Verweigerung des Dienstes in Kraft trat, war ich auf dem Weg nach Kyjiw.

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Grigorij

In einem Zug, der durch Polen in Richtung Ukraine fuhr, saß mir ein Soldat gegenüber. Wir kamen schnell ins Gespräch. Er war 58 Jahre alt, kam zurück von der Rekonvaleszenz in Deutschland und sprach begeistert über die deutsche Medizin. Sein Name war Grigorij, er stammte aus der Region Schytomyr und war vor dem Krieg im Agrargeschäft tätig gewesen.

Jetzt versuchte er, sein Unternehmen wieder aufzubauen und sogar zu erweitern, er glaubt, dass sein Militärdienst mit seiner Arbeit vereinbar sein wird. Schnell wurde klar, dass Grigorij Schwierigkeiten beim Gehen hatte. Er bewegte sich langsam durchs Abteil, als ob er jeden Moment stürzen könnte, atmete schwer und rang nach Luft. Auch fiel es ihm schwer, die Arme zu heben, manchmal schien sein linker Arm einzuschlafen und reglos zu bleiben. Alle, die Grigorij sahen, wollten ihm helfen. Aber wenn er zu sprechen begann, entstand die Illusion, er sei voller Kraft. In seiner Stimme klang Freude, immer wieder machte er Witze und war aus irgendeinem Grund davon überzeugt, dass er alle Schwierigkeiten und Herausforderungen schon würde meistern können.

«Viele schmieren, um aus der Armee entlassen zu werden, um ausgemustert zu werden, wie es sich gehört. Ich habe gezahlt, um wieder hineinzukommen. Ich gehe zurück, um wieder zu dienen.»

«Wie? Sie werden wieder dienen?» – Ich fand es schwer zu glauben, dass ein Mann, der nur mit einer kleinen Reisetasche reisen kann, weil ein Koffer zu schwer für ihn ist, zurück zur Armee geht.

«Ja. Mit den Beziehungen, die ich habe, wird alles wie am Schnürchen laufen. In der Einheit wartet man schon auf mich. Keine Sorge, ich werde an einem ruhigen Posten sitzen, ich bekomme den passenden Job! Ich darf an einem einzigartigen Ort dienen!» Er nannte die Nummer seines Bataillons, die ich nirgendwo erwähnen sollte.

«Und wie war Ihre Rekonvaleszenz?»

«Ich wurde komplett, von Grund auf, als Mensch wiederhergestellt. Nehmen Sie dieses Gespräch bitte nicht auf. Schalten Sie die Aufnahme ab. Ich werde sicher zu viel erzählen, dann werde ich nirgendwo wieder dienen können. Und ich habe eine Familie, Kinder! Und doch kann ich Ihnen eine Menge erzählen! Acht Prellungen habe ich gehabt! Ich habe überall gedient, in der Region Kyjiw, in Charkiw, in Saporischschja, bei Cherson, überall! Und überall wurde ich verwundet. An jedem dieser Orte: verwundet. Rehabilitation und zurück an die Front. Acht Quetschungen! Aber jetzt, bevor der Krieg nicht zu Ende ist, kann man mich nicht aus dem Dienst entlassen. Hier sind sie an den Falschen geraten!

Die ganze Reise über erzählte er mir Geschichten von der Front. Einige habe ich mir gemerkt. Er ist übergewichtig. Einmal, nach einem Beschuss, blieb er in einem Schützengraben stecken. Es brauchte einige Soldaten, um ihn herauszuziehen. Seine Schutzweste behinderte ihn. Fünf Männer zogen ihn schließlich heraus. Sie tranken den ganzen Abend auf sein Wohl und erst am nächsten Tag zeigte sich, dass er Prellungen erlitten hatte. Die Szene, in der ihn mehrere Männer aus dem Graben zogen, beschrieb er in schillernden Farben. Mit jedem Wort wurde sein Bericht übertriebener. Schließlich glich das Spektakel einem Kindermärchen, in dem mehrere Figuren sich um die Bäuche fassen, um gemeinsam eine gigantische Steckrübe aus dem Boden zu ziehen.

Seitdem will Grigorij aus Prinzip keine Schutzweste mehr tragen, unter keinen Umständen. Immer wenn seine Gruppe zum Kampfeinsatz ausrückte, glaubte er, vorhersagen zu können, wer sterben würde. Er ist überzeugt, sich nie geirrt zu haben und das Schicksal jedes Einzelnen zu kennen. Einmal wurde er am Bein getroffen, seine Hauptschlagader platzte. Da er kein Verbandszeug zur Hand hatte, nähte er sein Bein mit einem Eisendraht zu. Er durchbohrte seine Haut und sein Fleisch an der empfindlichsten Stelle, an der Innenseite des Oberschenkels. Im Krankenhaus bewunderten ihn die Ärzte. Ohne diesen selbstverabreichten Eingriff hätten sie ihm das Bein amputieren müssen.

Er hat eine große Familie, eine Frau und drei Kinder, ein eigenes Unternehmen. Aber in sein Leben außerhalb der Armee will er unter keinen Umständen zurück. Er tut alles dafür, weiter zu dienen. Über seine Frau sagte er ein paarmal: «Sie ist eine starke Frau, ich habe echte Angst vor ihr. Und an der Front geht es mir gut!»

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Wir sprachen miteinander vier Stunden lang, und er zeigte mir seinen Schwerbehindertenausweis. Nach seiner Verwundung konnte er die Arme nicht mehr voll bewegen und seine Finger wurden ab und zu taub. Nach einer Wirbelsäulenverletzung musste er von Grund auf neu sprechen, lesen und gehen lernen. Die Rekonvaleszenz dauerte fast ein Jahr, aber sein Sehvermögen hat er noch immer nicht vollständig wiedererlangt. Er wurde in die dritte Invaliditätsgruppe eingestuft, seine Rente beträgt 2.500 Griwna, 60 Euro im Monat. Er hat Jura studiert, und ich fragte ihn, warum er nicht versucht hat, Widerspruch gegen diese offenkundige Ungerechtigkeit einzulegen.

Diese Frage empörte ihn, beleidigte ihn sogar. Er schrie mich an: «Wenn Sie weiterhin so etwas fragen, rede ich nicht mehr mit Ihnen. Alle werden in die dritte Gruppe eingeteilt, da konnte ich nichts tun! Ich will nicht mit einem Menschen reden, der solche Fragen stellt und offenbar nichts versteht!» Er sah mich gekränkt an. Erst nach einer Weile sprachen wir wieder.

Er hatte das Gefühl, dass er nichts beweisen und keine höhere Rente bekommen konnte. Aber im Dienst und sogar während der Rehabilitation half er ständig seinen Kollegen, Soldaten, Beschwerden zu schreiben, weil er das Gesetz 8271 für unvereinbar mit dem militärischen Regiment der Ukraine hielt. Dieses Gesetz verschärft die Verantwortung der Soldaten bei Nichtbefolgung von Befehlen. Es wurde im Januar 2023 verabschiedet und gehört zu den am meisten kritisierten neuen Militärvorgaben.

Während der Zugfahrt kümmerte er sich um alle Fahrgäste um uns herum. Er versuchte, einer Frau beim Kauf einer Fahrkarte für den nächsten Zug zu helfen, er wollte sich mit zwei Polen anfreunden, die ein Geschäftstreffen planten, und einer älteren Frau organisierte er Hilfe beim Verstauen ihrer Koffer, für die kaum noch Platz war. Nachdem er all das erledigt hatte, sagte er zu mir: «Und die anderen, die Egoisten, sterben sehr schnell, eine Woche, und der Mensch ist weg. Man verabschiedet sich sofort vom Egoismus, das ist die einzige Möglichkeit zu überleben. Danach erinnert sich fast niemand mehr an sie, man hatte nicht einmal die Zeit, sie kennenzulernen.»

Ich versuchte, mir egoistische, schnell sterbende, namenlose Menschen vorzustellen.

Grigorij erzählte, dass er im Jahr 2000 als Freiwilliger in Tschetschenien für die Unabhängigkeit von Itschkerien kämpfte: «Was wollen Sie wissen? Es gibt dazu nichts zu sagen. Ich erinnere mich nicht mehr, was da war. Ich wollte vergessen, und ich habe vergessen. Es ist wie in unserem Land, du gehst zwischen Leichen, du isst zwischen Leichen, überall sind Tote, und du gewöhnst dich daran. Denn das Wichtigste ist die Liebe und die Familie!»

Mit seiner Familie kann er nicht zusammenleben, solange der Krieg dauert. Seine Frau und seine Kinder werden ihn auch nicht am Bahnhof abholen. «Ich habe nach nichts gefragt. Ich brauche niemanden jetzt. Meine Leute wissen, dass ich komme. Die richtigen Leute wissen Bescheid. Die Hauptsache für mich ist, zur Einheit zu gelangen. Dort werden sie mich unterhaken und durch alle Kommissionen tragen. Und dann wieder an die Front.»

Irgendwann wurde mir klar, dass er seiner Familie noch nicht einmal mitgeteilt hatte, an welchem Tag er zurückkommen würde, obwohl es ihm offensichtlich schwerfiel, allein zu gehen. Das war nur einer seiner Widersprüche. Ich fragte ihn, was er von dem neuen Mobilisierungsgesetz und der Tatsache hielt, dass Männer auf der Straße festgenommen und zu Übungen und Militäreinheiten zwangsverpflichtet werden. Er verfiel wieder in seine plötzliche Wut: «Ich und meine Jungs hassen dieses Gesetz. Es bringt nichts. Es raubt den Leuten die Motivation! Mein Sohn ist dreißig und ich möchte, dass er auf sich Acht gibt. Ich habe vorgesorgt, dass er die Ukraine jederzeit verlassen kann und nicht zurückkommen muss. Sobald er dazu bereit ist. Als ich die Dokumente für seine Ausreise aufgesetzt habe, ist mir ein Stein von Herzen gefallen. Und jetzt werde ich bis zum Ende dieses verdammten Krieges kämpfen.»

Einige Male zeigte er mir ein rechteckiges Metallstück, das er an einer Kette um seinen Hals trug. Er nannte es «Grabplättchen». Es war eine Erkennungsmarke, auf der einige Daten eingraviert sind, anhand derer man ihn identifizieren kann. Er schätzte sie sehr und hatte sich bemüht, sie während seiner Rehabilitation in Deutschland nicht abzulegen.

In einem Lebensmittelladen in Kyjiw

Die Ladenbesitzerin steht an der Ladentheke. Die Verkäufer sind gut gelaunt, freuen sich, dass sie da ist. Sie wirkt glücklich und erzählt mir von den neuen ukrainischen Reinigungsprodukten: «Wir unterstützen unsere Produktion, so gut wir können.» Dann fragt sie mich: Worüber denken Sie nach? Worüber schreiben Sie? Nachdem ich es ihr erklärt habe, sagt sie: «Mein Mann ist in der Armee. Er könnte jetzt nichts anderes tun, und ich könnte auch nicht anders. Ich mache mir Sorgen um ihn, aber es ist gut, dass er jetzt in der Region Kyjiw ist. Werden Sie über solche Männer schreiben? Die seit dem ersten Tag an der Front dienen und bereit sind, nicht demobilisiert zu werden? Das sind Menschen, die alles haben – Familien, aber auch Arbeit.»

«Ich würde gerne über diejenigen schreiben, die nicht an die Front wollen», versuche ich ihr zu erklären. Sie lächelt breit. Sie zeigt auf die beiden Männer hinter dem Tresen: «Da stehen sie! Man dürfte sie auch gar nicht an die Front lassen! Sie haben Angst. Sie könnten dort gar nichts tun. Wir wissen doch, dass nicht alle Frauen Kinder gebären und großziehen können. Also können auch nicht alle Männer in den Krieg ziehen. Diese hier jedenfalls nicht. Ich würde selbst alles dafür tun, dass sie nicht dorthin gehen.»

Die Verkäufer hören das alles, sie stehen neben uns und sagen kein Wort. «Ihr könntet da nicht reingehen, oder?», fragt sie sie laut. Sie schweigen weiter. Ich fange an, etwas gegen den Vergleich mit Frauen, die keine Kinder bekommen können, einzuwenden. Alles in mir protestiert gegen diesen Vergleich, aber ich bin nicht in der Lage, die richtigen Worte zu finden. Sie sagt versöhnlich: «Irgendwie muss man es sich ja erklären, wenn die Leute nicht hingehen können.»

Warum kommt es ihr nicht in den Sinn, dass es auch anders sein könnte? Dass man von Frauen erwarten könnte, an die Front zu gehen, und dass es für Männer auch genug sein könnte, ihren Kindern gute Väter zu sein? In beiden Versionen wird eine undurchdringliche Mauer zwischen «Männern» und «Frauen» errichtet, wenn man sich für einen Moment vorstellt, dass diese beiden Gruppen tatsächlich klar voneinander abgegrenzt existieren.

Semjon

Ich traf Semjon, einen Bekannten aus der Region Saporischschja, der auf Durchreise in Kyjiw war. Er wollte mich sehen, wie er sagte, um sich auszusprechen. Er ist etwa vierzig Jahre alt und sieht müde aus. Er arbeitet als Rehabilitationsarzt mit Zivilisten und ehemaligen Soldaten.

Mehrmals hat er Geld gesammelt, um Geflüchteten zu helfen, von denen es in Saporischschja viele gibt. Dorthin flüchten viele aus den besetzten Gebieten Melitopol und Berdjansk. Wegen der Nähe zur Front, des ständigen Beschusses und der Zerstörung sind die Preise für Mietwohnungen stark gesunken. Auch die Ärmsten unter den Neuankömmlingen können es sich leisten, ein Zimmer in der Stadt zu mieten. Es gibt Tage, an denen ist der Beschuss hier so intensiv, dass der Alarm stündlich ertönt.

Der Bruder meiner Freundin ist ein Künstler, der Berdjansk verlassen hat. Er hat einen Remote-Job gefunden, lebt in Saporischschja und verlässt seit etwa einem Jahr kaum noch seine Wohnung. Er hat Angst, mitten auf der Straße, vorm Geschäft oder an der Bushaltestelle eingezogen zu werden. Seine Handgelenke sind chronisch krank, aber er glaubt, dass darauf niemand achten würde. Um die Stimmung in dieser Stadt zu verstehen, muss man die Menschen kennen, die hier leben. Aus den Nachrichten erfährt man beinahe nichts. Es ist eine dieser ukrainischen Städte, deren Leben vor dem Krieg beinahe unsichtbar war, deren Bild vor dem großen Krieg gerade erst Gestalt annahm.

Ich zitiere fast unverändert die Worte meines Bekannten Semjon:

«Stellen Sie sich vor, bei uns wurden gerade Krankenhäuser geschlossen, staatliche Krankenhäuser. Von einem Tag auf den nächsten hieß es, die Onkologie, das Herzzentrum und das Zentrum für Reproduktionsmedizin werden geschlossen. Dort wurden Menschen aus der ganzen Region behandelt. Viele kamen aus den besetzten Gebieten, um sich hier behandeln zu lassen. Wohin sollen sie gehen?

Ein Freund von mir lag im Herzzentrum, er wurde auf eine Operation vorbereitet. Am Abend kam sein Arzt und sagte: Pack deine Sachen, das Krankenhaus schließt, hier geht nichts mehr. Als mein Freund mich anrief, konnte ich es nicht glauben. Ich begann, auf Nachrichtenseiten nach Bestätigungen zu suchen. Und ich sah, es stimmte, das Krankenhaus wurde geschlossen. Einige der Ärzte sollten im regionalen Krankenhaus weiterbehandeln. Das ist schwer zu glauben, das kann nicht sein! Dabei war es sehr wichtig, dass die Menschen in den drei staatlichen Krankenhäusern kostenlos behandelt und ziemlich gut versorgt wurden.

Im Regionalkrankenhaus dreht sich alles ums Geld. Es mangelt an Medikamenten. Es gibt noch nicht einmal eine Grundversorgung für das Militär. Freiwillige, die schon seit 2014 die Armee unterstützen, kaufen fast alles selbst.

Die drei nun geschlossenen Krankenhäuser konnten Menschen helfen, die kein Geld für Operationen hatten. Wer in unserer Region hat denn so ein Vermögen, sich eine komplizierte Operation leisten zu können? Die wenigsten! Die Ärzte haben protestiert, aber bisher hört ihnen niemand zu.

In den Nachrichten heißt es, dass sie diese Krankenhäuser mit dem regionalen Krankenhaus zusammenlegen werden. Es ist klar, dass die meisten kostenlosen Programme nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Die Ärzte sind schon entlassen, viele wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Sie haben ihre Patienten, einige warteten auf eine Chemotherapie, andere auf eine Operation. Und das alles wird an einem Tag gestrichen. Es ist, als ob die Leute Staub unter den Füßen wären. Ihr Leben bedeutet nichts.

Schreiben Sie darüber, lassen Sie mehr Menschen davon erfahren.»

Mein Stift läuft über das Papier. Ich notiere jedes seiner Worte und versuche, seinen Tonfall zu erfassen. Dabei wird mir klar, dass vor dem Hintergrund der russischen Offensive, der russischen Aggression, jede alltägliche Sorge um das Leben wie ein Luxus erscheint. Aus fast jeder Perspektive sieht der Krieg wie eine radikale existenzielle Entscheidung aus. Er verdrängt die Realität und stellt das Leben im kämpfenden Land als eine große Ausnahme dar, als Ausnahmezustand und höchsten Ausdruck von Pathos: als Heldentum. In diesem Heldentum löst sich jedes Mitgefühl für gewöhnliche Bedürfnisse wie in Schwefelsäure auf.

Die Ärzte der onkologischen Klinik, von der mein Bekannter erzählte, haben eine Protestpetition gegen die Auflösung der Klinik unterzeichnet. Nachdem die Petition in den ukrainischen Medien diskutiert wurde, erhielt jeder der Ärzte eine Einberufung zum Militär. Die Dokumente mit den Unterschriften der Petition und der Einberufungsanweisung wurden in den sozialen Medien wie logisch korrespondierende Elemente nebeneinandergestellt: Ursache und Wirkung.

Wieder zitiere ich Semjon:

«Wir hörten Radio und Fernsehen. Viele Menschen freuten sich über jeden einzelnen Tod des Feindes. Es war, als ob meine Nachbarn auf Drogen wären: Wieder ein toter Moskal im fremden Land! Als sie aufwachten, standen sie ohne die essenziellsten Hilfen da. Wer kümmert sich jetzt um sie? Es ist, als gäbe es sie nicht mehr. Die Krankenhäuser sind geschlossen, die Kranken sollen nach Hause gehen. Ein Mann kann nicht einmal mehr Brot kaufen gehen. Meine Freunde sitzen zu Hause, sie zittern, sie haben ihre menschliche Gestalt verloren.

Männer sieht man in der Stadt kaum noch. Manchmal sind nur die Frauen auf den Straßen. Und die, die sich hundertprozentig sicher sind, dass sie nicht eingezogen werden, dass sie eine Ausnahmeregelung haben.

Ein Mann geht von zu Hause weg und kommt nicht zurück. Die Verwandten rufen bei den Mobilisierungszentren an, aber sie erhalten keine Antwort. Erst nach Tagen erfahren sie, wohin er gebracht wurde. Männer, die so eingezogen werden, sind unerfahren, oft einfach nicht in der Lage zu kämpfen. Die Frauen haben angefangen, ihre Männer zu verstecken.

Mein Verwandter ist schwer krank, er hat eine chronische Krankheit, er ist auf Medikamente angewiesen. Er schlief nicht mehr, begann abzunehmen. Dann beschloss er, zu einem Anwalt zu gehen, um herauszufinden, welche Bürgerrechte er hat, ob er trotz seiner Krankheit mobilisiert werden kann.

Ich bat ihn: ‹Geh nicht hin! Es hat keinen Sinn, hinzugehen und dein Leben zu riskieren. Bevor du zu diesem Anwalt kommst, könntest du schon erwischt werden. Und dann kommst du nicht mehr nach Hause zurück.› Aber er hörte mich nicht. Er ging zum Anwalt und kam wieder. Ich fragte: ‹Hast du etwas Neues gelernt?› Er hatte nichts von dem verstanden, was der Anwalt ihm erklärt hat, welche Rechte und Pflichten er hat, was er sagen soll, wenn er auf der Straße angehalten wird. Er hat sein Geld verschwendet und aus lauter Angst nichts verstanden.

Die Einberufungsämter in unserer Region nehmen jetzt jeden, den sie erwischen können und der keine Ausnahmegenehmigung hat, selbst die Kranken, mit HIV, mit Krebs.

Es ist schwer, es zu akzeptieren, aber von denen, die jetzt in den Krieg ziehen, werden nur wenige nach Hause zurückkehren. So sehe ich das. Diejenigen, die von Anfang an dabei waren, wissen, wie man kämpft, und wollen kämpfen. Diejenigen, die jetzt dazukommen, sind die, die sich nicht verstecken konnten.

Ich habe einen Militärkommissar gefragt: ‹Wie kommt das? Warum werden alle mitgenommen, auch die Kranken, die Schwachen und die, die nicht können, selbst chronisch Kranke?› Er sagte zu mir: ‹Es kam ein Befehl von oben, wir brauchen Leute. Ich kann nichts tun.›

Die Schrauben wurden allmählich fester angezogen. Es schwand das Gefühl, dass wir freie Menschen sind. Jetzt ist die Schraube abgerissen und es fließt Blut. Aber wartet, denke ich. So leicht kommt ihr nicht davon. Es gibt bei uns noch Menschen wie die Frauen. Die Frauen lassen sich nicht zwingen, lassen sich nicht unterwerfen! Und wenn die Frauen etwas für sich entscheiden, kann sie niemand aufhalten. Mit den Männern kann man wohl machen, was man will. Wir sind hilflos geworden. Aber die Frauen – versuch nur, sie anzufassen. Sie werden nicht wehrlos sein.

Wenn Sie einen Artikel schreiben, erzählen Sie von der Bussifizierung. Erklären Sie, dass es ein weißer kleiner Bus ist. Männer, die keine Ausnahmeregelung vorweisen können, werden aus ihren Fahrzeugen gezerrt und manchmal mitten auf der Straße verhaftet. Vor aller Augen werden sie in den Bus gezerrt. Sie schreien, wehren sich, Passanten filmen sie mit ihren Handys. Doch es gibt nichts, was die Zeugen für ihn tun könnten.

Wir sind in einer Situation, die wir uns nie vorstellen konnten. Wir sind dabei, uns selbst zu zerstören. Wir werden von Russland beschossen, wir befinden uns im Krieg mit Russland und gleichzeitig mit denjenigen, die beschlossen haben, dass man uns nicht mehr fragen muss.

Die Menschen hier sind durchtränkt von Propaganda. Sie tauschen Fotos von Leichen aus, Fotos von der Front. Und sie schicken ständig etwas an die Front, alle meine Sorgen und die Sorgen aller, die ich kenne, drehen sich um Verwandte und Freunde an der Frontlinie. Unsere Stadt und die Vororte stehen unter ständigem Beschuss, es gibt Angriffe, ständig heulende Sirenen, der Nachrichtenstrom wirkt dagegen sogar beruhigend. Aber dann wachen die Menschen eines Tages auf, und die Krankenhäuser in ihrer Stadt sind geschlossen, die Ärzte, an die sie gewöhnt waren, sind entlassen. Überall ist die Polizei, jeder Mann kann auf der Straße aufgegriffen werden. Und sie wissen nicht, wohin sie fliehen sollen. An wen sollen sie sich wenden? Wem sollen sie erzählen, was mit ihnen geschieht?»

Ein paar Tage später telefonierten wir wieder, aber ich habe nie wieder etwas Ähnliches von ihm gehört. Ich stelle fest, dass die Empörung über eine weitere soziale Katastrophe bei mir und vielen meiner Bekannten merkwürdigerweise schnell abklingt. Zunächst erscheint die «Schließung von Krankenhäusern» wie eine ungeheure Ungerechtigkeit, die der ganzen Welt mitgeteilt werden muss. Dann, am nächsten Tag, ruft das Ereignis eine ironische Distanz hervor, im Sinne von: «Wir werden alle sterben, warum also über Krankenhäuser reden.» Nach einem weiteren Tag ist es sehr schwierig, sich an den Schmerz zu erinnern, der durch das akute Gefühl der Ungerechtigkeit verursacht wurde. Er vergeht.

Das gilt auch für meine Bekannten, die mir buchstäblich das Telefon belagert haben, um mir von der Zwangsmobilisierung in ihren Städten zu erzählen. Schon wenige Tage nach dem Ausbruch von Wut und Leiden tritt eine emotionale Erschöpfung ein. Es ist klar, dass es keinen Weg oder keinen Sinn gibt, «denen» davon zu erzählen. Mit «denen» ist der hypothetische Westen gemeint, oder es sind diejenigen, die die Entscheidung treffen, der Ukraine zu helfen. Denn «die» werden sowieso nichts verstehen, sondern alles verdrehen. Und wer versucht, etwas zu sagen, wird als Verräter bezeichnet. Und zwar sowohl von «denen» als auch von «unseren».

Mein Bekannter aus Saporischschja ruft an und sagt: «Schreibe bitte vorsichtig, du darfst nicht die ganze Wahrheit sagen. Die Hauptsache ist die Sicherheit.» Ich glaube, was er sagen will, ist: «Die Wahrheit ist nicht mehr wichtig.»

Tatsächlich instrumentalisiert Russland solche «demoralisierenden» Aussagen in seinem Propagandakrieg. Russland beansprucht scheinbar nicht nur Gebiete, sondern auch das Recht auf innere Kritik, auf eine kritische Selbstreflexion der Gesellschaft. Aus allen diesen Aussagen, die nach Hilfe rufen, kann feindliche Propaganda «herausgehört» werden, und so werden sie diskreditiert und nicht wahrgenommen.

Es ist ein dumpfer Schmerz, wenn der Luftalarm mehrmals am Tag ertönt und aus der Ferne gedämpfte Explosionsgeräusche zu hören sind. Durch russischen Beschuss werden Häuser zerstört, sterben ständig Menschen. Das regionale Krankenhaus ist übervoll mit Verwundeten. Und in einem solchen Moment beschließen «sie» – in diesem Fall ist «sie» die ukrainische Regierung –, die Krankenhäuser zu schließen. Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren. Sollen «sie» doch tun, was sie wollen.

Video, Wolken und Regen

Eine Freundin schickt mir ein Video von einer älteren Frau, die vor den Türen eines Rekrutierungszentrums schreit: «Lasst ihn gehen! Mein Sohn hat Krebs!» TikTok ist voll mit Videos von Männern, die auf der Straße angehalten, aus Autos gezerrt und vehement, manchmal auch mit offener Gewalt, in Kleinbusse gezerrt werden. Es gibt ein Wort für diese Operation, das hier bereits erwähnt wurde: Bussifizierung. Man kann es deklinieren und abwandeln: bussifiziert, bussifizierte, wurde bussifiziert. Das Wort klingt kindisch und scheint das Geschehen weniger befremdlich und beängstigend zu machen.

Gemäß dem am 18. Mai in Kraft getretenen neuen Mobilisierungsgesetz kann ein Mann, der einer Vorladung nicht Folge leistet, unter Zwang zum Militärkommissariat, dem territorialen Zentrum für Rekrutierung (TZK), geraten.

Alle Männer müssen jederzeit ihre Militärdokumente bei sich tragen und auf Verlangen der Polizei oder der TZK-Mitarbeiter vorzeigen. Polizeibeamte und Vertreter der Militärkommissionen patrouillieren an U-Bahn-Ausgängen, an Haltestellen und in der Nähe von Einkaufszentren.

Viele Telegram-Kanäle mit Hunderttausenden von Abonnenten geben die Bewegungen dieser Behördenvertreter wieder. Sie melden sie in Form einer Wetterwarnung. Die Polizei in blauen Uniformen und das Militär in grünen sind als Wolken codiert. Kontrollen und die Zustellung von Einberufungen gelten als Regen oder Gewitter. «Neben dem Ausgang der Darnitsa-Metro schweben vier grüne und zwei blaue Wolken, die einen Typen direkt ins Auto regnen lassen. In der Nähe der U-Bahn-Station Liwobereschna beginnt ein Wolkenbruch». Wolkenbruch: mehrere Kontrollen.

Ein weiteres Video: Zwei Militärs fahren ein Auto, sie haben Spaß. Sie rufen im Stil von Reiseleitern, die am Strand für Touristen ihre Routen anpreisen: «Urlaub im Lyman, kommen Sie näher! Zögern Sie nicht, ein wahres Schnäppchen», «Erholung in der Region Charkiw!», «Gebiet Saporischschja, Entspannung in der Natur!».

Als ich dieses Video sah, bekam ich den Wunsch, die Arbeit an diesem Text abzubrechen. In dem scherzhaften, ja spöttischen Ton der Militärs hörte ich die Verzweiflung und den Mut, das akute Gefühl der Verlassenheit, das mich während dieses Krieges begleitet hat. Die ukrainischen Soldaten, von denen viele vor dem Krieg nichts mit dem Militär zu tun hatten, fühlen sich verraten, zum Kämpfen verdammt. Sie hatten auf eine Demobilisierung gehofft, aber die ist ausgeblieben. Sie hofften und warteten auf Verstärkung. Ich möchte diesen Gedanken nicht weiterverfolgen, mich nicht weiter in meine Gewohnheit verstricken, unvereinbaren Positionen nachzugehen. Meine Aufgabe besteht darin, anhand einiger privater Fälle davon zu erzählen, wie man mit der Realität des Krieges umgeht.

Ein Bekannter von mir aus Saporischschja, der sich vor kurzem noch die Seele aus dem Leib schrie darüber, dass von den Menschenrechten nichts mehr übrig ist, sagt jetzt ganz ruhig zu mir: «Das ist Gesetzlosigkeit. Ich empfehle allen meinen Bekannten, sich zu verstecken und diese Zeit einfach auszusitzen.»

Mir ist aufgefallen, dass mit dem Aufkommen eines neuen ukrainischen Vokabulars für die Frontgeschehnisse und für das kollektive Entsetzen darüber, dass buchstäblich jeder sich in einer Kampfzone wiederfinden kann, auch in deutschen Berichten und Stellungnahmen zum Krieg gewisse Wörter aufgetaucht sind. Zwei davon sind «ertragen» und «aushalten». Ich habe sie im Zusammenhang mit «wir werden die Ukraine so lange unterstützen, wie die Ukrainer bereit sind, die Härten des Krieges zu ertragen» gehört. Oder: «Die Ukrainer ertragen den Krieg, sie kämpfen für ihre Freiheit». Und noch einen Schritt weiter gehen die an mich gerichteten Worte: «Ihr sterbt für uns. Danke, dass ihr durchhaltet.»

In diesen Aussagen schwingt die Entschlossenheit mit, keine Entscheidungen zu treffen. Die Strategie besteht darin, abzuwarten, zu schauen, was als nächstes passiert. Denn irgendwo gibt es solche einzigartigen Menschen, die scheinbar freiwillig bereit sind, ein so unglaubliches Maß an Gewalt, äußerer Aggression, Massensterben und Entscheidungslosigkeit zu «ertragen».

Kyjiw, Mai–Juni 2024

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Bio:
Yevgenia Belorusets ist Autorin und Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Kyjiw. [Mehr lesen]