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Im August 1965 kommentierte die Journalistin Ulrike Meinhof in ihrer monatlichen Kolumne in der Zeitschrift konkret den Verlauf eines Skandals, der durch ein im selben Jahr erschienenes Buch ausgelöst worden war. Der Sammelband Plädoyer für eine neue Regierung, oder: keine Alternative erschien im Juni 1965 beim Hamburger Rowohlt Verlag unter Herausgabe von Hans Werner Richter und hatte bereits einen Monat später im 51.–70. Tausend die dritte Auflage erreicht. Das titelgebende «Plädoyer» richtete sich gegen die Regierung des damaligen CDU-Bundeskanzlers Ludwig Erhard. Die insgesamt 25 Autor:innen kommentierten «den Grundton des Autoritären, der in Deutschland noch überall zu spüren ist» (Peter Weiss) oder porträtierten einzelne Politiker:innen, «deren Charakteristika meist hinter dem von der Parteimaschine geschaffenen Image verborgen bleiben» (Rudolf Augstein etwa den SPD-Politiker Herbert Wehner und Hubert Fichte Carl Friedrich von Weizsäcker) und bezogen so Stellung zur noch im selben Jahr bevorstehenden Bundestagswahl. Das Buch traf einen Nerv der postfaschistischen und wirtschaftlich prosperierenden Nation; so sehr, dass Bundeskanzler Ludwig Erhard sich veranlasst sah, den Dramatiker und Autor Rolf Hochhuth, der mit dem Beitrag «Klassenkampf» in dem Band vertreten war, als «ganz kleine Pinscher» zu bezeichnen, «der in dümmster Weise kläfft».

Hochhuths Text, den der Spiegel eine Woche vor Erscheinen des Buchs vorabgedruckt hatte, brach mit einem Tabu in Westdeutschland, indem er auf die ungleiche und antidemokratische Machtkonzentration durch Kapital hinwies, die aus der Ausbeutung von Arbeiter:innen und Angestellten folgt. In ihrer konkret-Kolumne fragte Meinhof: «Warum reagierte der Kanzler so gereizt? (…) Warum hat man Angst vor Hochhuth?», und zitierte wenige Zeilen später eine Studie, die besagte, dass trotz vergleichsweise hohem Lebensstandard tatsächlich 70 Prozent der westdeutschen Bevölkerung nicht im Gefühl sozialer Sicherheit lebten. «Die Nervosität des Kanzlers hat also durchaus wissenschaftlich harte, statistisch gesicherte Gründe», folgerte Meinhof: «Hochhuths Kritik hatte getroffen. Des Kanzlers Entgegnung war keine Entgleisung. Sie war ein Politikum, ein Gegenschlag.»

Sammelband Plädoyer für eine neue Regierung, oder Keine Alternative, Rowohlt Verlag, 1965

Genau welche Gefahr ging von «Der Klassenkampf ist noch nicht vorbei» aus? Folgen wir Meinhof, dann liegt sie im Potential des Textes, bei der Leser:innenschaft ein Bewusstsein für den Klassenwiderspruch zu schaffen, über den sonst durch Konsumteilnahme – symbolisiert durch die sich damals in westdeutschen Wohnzimmern ausbreitende «Fernsehtruhe» – und Zugeständnisse in den Sozialleistungen hinweggetäuscht wurde. Die bevorstehende Bundestagswahl machte diese Gefahr konkret, denn eine erfolgreiche Mobilisierung, zu der auch Meinhofs Parteinahme beitragen konnte, gefährdete den Machterhalt des Kanzlers.

Hochhuths Aufsatz gehört zu einer Textgattung, die ich «gefährliche Texte» nennen möchte. Gemeint sind Publikationen, die als Interventionen eine solche Mobilisierungskraft entfalten, dass sie eine Gefahr für die herrschende Ordnung darstellen und deshalb mit diskursiven oder rechtlichen Mitteln bekämpft werden. Um ihre potenziell mobilisierbaren Leser:innen jedoch erreichen zu können, müssen solche Texte und ihr Publikum erst einmal produziert werden: Die Gefährlichkeit eines Textes entsteht erst im Verhältnis zu seiner Öffentlichkeit. Dieses Verhältnis soll hier beleuchtet werden in der Hoffnung, daraus ein strategisches Wissen für unsere zunehmend autoritäre Gegenwart zu generieren. Blicken wir also zunächst auf die materielle Bedingtheit der ineinander verzahnten Öffentlichkeiten, die sich im Sommer 1965 zwischen dem Buch Plädoyer für eine neue Regierung, Ulrike Meinhofs Kolumne in der konkret und schließlich dem «Gegenschlag» des Bundeskanzlers entfalteten.

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Eine selbstbewusst werdende Linke

Plädoyer für eine neue Regierung erschien als Nummer 782 in der Taschenbuchreihe «rororo» (Rowohlts Rotations-Romane) des Hamburger Rowohlt Verlags. 1950 als erste deutschsprachige Taschenbuchreihe gegründet, brachte rororo die Paperback-Revolution, die kurz zuvor in den USA eingesetzt hatte, nach Deutschland. Die seit 1961 erscheinende Unterreihe «rororo aktuell», in der 1965 das Plädoyer erschien, war mit kurzen Produktionsabläufen und hohen Druckauflagen auf schnelle Debattenbeiträge zu aktuellen innen- und außenpolitischen Ereignissen angelegt.

Der Spiegel kündigte den Vorabdruck Rolf Hochhuths als «temperamentvolle[n] Beitrag» an, der «gegen die bisherige deutsche Sozialpolitik» polemisiere. Auch infolge der sogenannten Spiegel-Affäre 1962, als nach einem kritischen Bericht über die Bundeswehr die Redaktionsräume durchsucht und mehrere Journalisten verhaftet worden waren, hatte das wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazin seinen Status als Leitmedium und Garant für Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik gefestigt. 1969 lag die Auflage des Spiegel bei 953.000 Exemplaren, 1965 vermutlich etwas darunter. Bis 2014 – bemerkenswert spät – wurde der Spiegel im Rollentiefdruck hergestellt und mit Klammerheftung gebunden (seither, wie nahezu alle Zeitschriften und Magazine, im Rollenoffset).

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