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PANIKATTACKE

Es gibt eine Grundsituation, die beispielhaft ist für den Aufschwung der Rechtsextremen: das Sprachversagen als Mittel der Rede. Wenige Tage vor der Stichwahl zum argentinischen Präsidenten, die Javier Milei für sich entscheiden sollte, verließ ein 18-jähriger Libertärer eine Radiosendung, weil er es mit der Angst zu tun bekam. Warum er nicht Sergio Massa, den anderen Kandidaten, wähle, lautete die einfache Frage, die man ihm stellte. Im Studio neben ihm saß eine junge Frau, ebenfalls 18 Jahre alt. Sie musste im Gegenzug die Frage beantworten, warum sie nicht für Milei stimmte. Ohne jegliche Aggressivität gegen ihren Gesprächspartner, redete sie sachlich und klar über ihre Überzeugungen und ihr Geschichtsverständnis. Sie wirkte wie die Verkörperung jener diskursiven Vernunft, die unsere Vorstellung demokratischen Zusammenlebens über die letzte Jahrzehnte entscheidend geprägt hat. Ganz anders der junge Mann, der während der Pandemie erfolgreich auf Krypto gesetzt und sich dabei einen Namen gemacht hatte. Er stammelte ein paar Worte, stand auf und erklärte, er habe eine Panikattacke. Ende der Rede, und die Bühne betritt (sie verlassend) der stumme Körper eines Kindes der Pandemie. Auf Bildschirmen daheim, umspült von den Wellen und Vibrationen des digitalen Kapitals, wird die Körperlosigkeit sein ureigener, unwillkürlicher Beitrag zu einer porösen Gesellschaft.

Dieser Sprachabbruch und der stummgeschaltete Körper sind ganz auf das Wort des Präsidenten abgestimmt. Es ist ein Versagen, das bedeutet und doch nichts bedeutet, das sich die Sprachverfälschung einer politischen Bewegung auf die Fahnen schreibt. Was auch immer so ein Sprechen sagt, lässt sich jederzeit in sein Gegenteil wenden, denn seine Glaubwürdigkeit, Bestätigung und Legitimität stammen von ganz woanders her. Das Fundament seines politischen Projekts findet der stumme Körper in der Unfähigkeit, seinen Sinn zu artikulieren.

Es kommt zum Bruch zwischen Körper und Sprache: Der Bruch wird Spektakel, und schließlich politisches Kapital.

LEERE BALKONE

Sieben Tage vor seiner Amtseinführung wird der neue Präsident bei den Vereinswahlen von Boca Juniors ausgebuht. «Gauner, Lügner, Verräter», schreit man ihm hinterher, «jetzt machst du dich selbst mit der Kaste gemein». Unter Personenschutz betritt der designierte Präsident das Feld und verlässt es wieder, all das dauert nicht länger als drei Minuten. Ein Regent ohne Volk: Bei seiner Amtseinführung kommen zwar viele Menschen, aber es ist kein Auflauf der Massen. Auch zu Mileis Abschlussveranstaltungen im Wahlkampf waren Tausende erschienen, aber keine Menschenmengen. Einmal warb das Wahlkampfteam mit einem Foto von einer Pride-Parade. Sie hatte eine Woche zuvor stattgefunden und war tatsächlich ein Massenereignis gewesen.

Ein Präsident ohne multitude, aber mit Anhängern und Sympathisanten. Es ist noch nicht abzusehen, was das heißt für ein Land wie Argentinien, das so sehr von dem theatralischem Erbe Perons geprägt ist, aber auch von der linken Präsenz auf den Straßen und der enormen Beteiligung an feministischen Demos, queeren Märschen und Massenprotesten gegen Kürzungen an den Hochschulen. Ein Präsident ohne Menschenmengen und körperliche Präsenz. Ein Regent der Klickzahlen und Metriken.

Im Hintergrund der Fußball und die noch lebendige Erinnerung an die Massen, die bei den Festivitäten nach dem WM-Sieg von 2022 die Stadt eroberten (allerdings wie von einem anderen Planeten, einem anderen Erdzeitalter herkommend).

Das ganze 20. Jahrhundert hindurch nahm die politische Kultur Argentiniens in der aufgeheizten Akustik der Plätze, Straßen und Balkone Gestalt an. Perón mit erhobenen Armen vor der jubelnden Menge, die stillen Runden der trauernden Mütter auf der Plaza del Mayo, die «Rückholung» der Falkland-Inseln, das irre Töpfetrommeln der Cacerolazos von 2001 – in der argentinischen Politik, einem Theater aus Stimme und Ohr, wird alles zu Klang. Was bedeutet ein Präsident, der aus dieser Tradition herausfällt? Ihn begleitet das Rauschen des Traffics, der Lärm seiner Anhänger auf den Plattformen. Was geht damit zu Ende? Und was beginnt?

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