«Ich schaffe gerade Ordnung bei den Pflanzen, sie sollen sich nicht in die Quere kommen, nichts Abgestorbenes, keine Ameise soll stören. Sie sind vernünftig und passen sich ihren Behältern an; sind diese klein, bleiben sie kleinwüchsig, wenn sie Platz bekommen, legen sie zu. Anders die Menschen.»
The Brazilian artist’s first retrospective in Germany invites visitors—or participants—to play with her famous 1960s Bichos. Enshrined in the Internationalist glass museum, Clark’s revolutionary gesture risks losing its local specificity to become all aesthetics and no political action.
Mit dem Narko-Musical-Thriller Emilia Pérez wollte Hollywood einen alternden weißen Regisseur und eine mexikanisch inspirierte trans Schauspielerin für ihren vermeintlichen Wagemut feiern. Nun killen rassistische Tweets von Karla Sofía Gascón die Party. Der eigentliche Skandal liegt aber woanders.
Würde Victor Heringer noch leben, wäre er fünf Jahre älter als Enis Maci und fünf Jahre jünger als Leif Randt. Begegnet ein europäisches Publikum dem begnadeten Schriftsteller aus Rio also ähnlich wie dieser Generation? Oder stecken wir auch beim Lesen in geopolitischer Überheblichkeit fest?
Crônicas sind Zeitkapseln, die blitzschnell von Kritik in Karikatur und Erzählung umschalten. Für die Bewusstseinsbildung in Lateinamerika sind sie so wichtig wie Landreform oder testimonio; in Brasilien schrieb Victor Heringer von 2014 bis 2017 ein paar herausragende Exemplare. Eine Auswahl
Der Triumph der evangelikalen Kirchen in Brasilien war auch ein Mediencoup. Während katholische TV-Messen wie Schlossführungen in Pantoffeln wirkten, bekam man bei den Pfingstbewegungen das Heilige Feuer in HD, uferlose Versprechen und abgefahrene Stories, «alles beruhend auf wahrer Begebenheit».
Nach Jahrhunderten der Enttäuschung, scherzte Octavio Paz im Ernst, glaube man in Mexiko nur noch an die Lotería und die Jungfrau von Guadalupe. Anstatt weiterhin Worthülsen anzubeten, sollte die Kulturwissenschaft Phänomene wie ihre Verehrung als historisch-poetische Universalien erforschen.
«Die ‹echte Gefahr› geht von Raketen aus, heißt es, und hier kommt die Zwei-Wände-Regel zum Tragen: Immer zwei Wände müssen es sein, die einen vom Einschlagsort trennen. Das erklärt, warum die Menschen in den Gängen auf Entwarnung warten. Für den Weg bis in den Bunker kommen die Raketen zu schnell.»
Mit Texas Chainsaw Massacre wurde die Kettensäge zum Kultobjekt, heute ist sie Futter für Memes. Argentiniens neuer Präsident Milei nutzte ihr Potenzial zwischen Lächerlichkeit und Effizienz und erklärte sie zum Logo seines blutrünstigen Plans: der staatlich organisierten Abschaffung des Staates.
Kunst ist politisch, aber wie genau? Im Namen ihrer Generation lassen Isabella Hammad und Yara Rodrigues Fowler Hamlet in der Westbank und Marx gegen die Militärjunta antreten. Wie gelingen Erzählungen politischer Mobilisierung? Und wen mobilisiert eine solche Literatur?
Uns ist sie kaum bekannt, in Mexiko eine Ikone: Als dichtende Nonne und fanatische Rationalistin sprengte Sor Juana alle Erwartungen des 17. Jahrhunderts. Eine neue Übersetzung lädt ein, die Hochbegabte bei ihrem Höhenflug zum Scheitelpunkt der Vernunft zu beobachten. Wenigstens aus «der Ferne».
Manche murren: García Márquez’ letzter, posthumer Roman über eine Frau, die Reisen ans Grab ihrer Mutter mit erotischen Abenteuern verbindet, wäre besser gar nicht erschienen. Doch weil Bücher Beziehungen sind und Vorlesen eine Art des Verabschiedens, ist unsere Autorin heilfroh, dass es anders kam.
Carlos Fonseca gilt als Wunderkind der lateinamerikanischen Literatur. Eine Künstlerin nach dem Sprachverlust, ein gewissenhafter Anthropologe, ein Literaturprofessor als Detektiv – in seinem dritten Roman Austral treibt er sein Spiel mit den Metaebenen auf die Spitze. Zu welchem Ende?
In Argentinien ist Inflation keine Erkrankung der Ökonomie, sondern Lebensform und kulturelle Konstante. Wer sie studiert, gelangt vom Urknall zum Volcker-Schock, vom Anarchokapitalismus zur wahnhaft kalkulierenden Einzelseele. Gibt es den graceful exit? Mit einer Hörfassung von Hanns Zischler.