Am 9. Juli 2025 bekam der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Post aus dem Weißen Haus. Nachdem Brasilien beim Liberation Day mit 10 Prozent Zöllen vergleichsweise glimpflich davongekommen war, würden es von nun an 50 Prozent sein. Als Begründung diente der Gerichtsprozess gegen den ultrarechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, den Trump als Hexenjagd gegen einen Highly Respected Leader verurteilte. Nach verlorener Wahl hatte Bolsonaro seine Anhänger zu Vandalismus motiviert und, schlimmer noch, einen Staatsstreich geplant, der die Tötung Lulas, seines Vizepräsidenten Gerardo Alckmin und des Bundesrichters Alexandre de Moraes beinhaltete. Kurioserweise war de Moraes leitender Richter des Prozesses und blieb es auch, als herauskam, dass er selbst auf der Liquidationsliste stand.
Trumps Brief markierte den Beginn eines turbulenten Jahres in den Beziehungen zwischen Brasilien und den Vereinigten Staaten. Am 30. Juli 2025 erließen die USA nach dem Magnitsky Act private Sanktionen gegen Alexandre de Moraes. Ende August verordnete der Richter die Sperrung von X. Im September wiederholte Trump vor der UN-Vollversammlung seine Vorwürfe gegen Brasilien, beschrieb aber zugleich die «tolle Chemie», die er zwischen sich und Lula im Backstage-Bereich der General Assembly Hall verspürt habe. Im November wurde Bolsonaros Verurteilung zu 27 Jahren Haft wegen Putschversuchs rechtskräftig. Im Februar 2026 erklärte der Supreme Court Trumps schlampig begründete Zölle für unzulässig.
Neue Zölle ließen nicht lange auf sich warten, kamen aber nicht mehr mit persönlicher Post, Majuskeln und Ausrufezeichen, sondern in der drögen Prosa der Technokratie. Wie auch 85 weiteren Staaten warf die US-Außenhandelsbehörde USTR Anfang Juni vor, zu schwach gegen Warenimporte aus Zwangsarbeit vorzugehen. In einem Bericht von geradezu homerischer Redundanz fassen die Beamten die Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen. Einige wenige Länder – neben Kanada und den EU-Staaten sind das Pakistan, Ecuador, Indonesien und Mexiko – haben zwar Gesetze, welche die Einfuhr verdächtiger Waren verbieten; für ihren terrible job bei der Durchsetzung drohen ihnen trotzdem zehn Prozent Zölle. Alle anderen, von Norwegen bis Malawi, haben nicht einmal ein solches Gesetz: horrible job, 12,5 Prozent.
In Europa schien die Empörung angesichts der moralischen Anmaßung hinter den Vorwürfen beinahe größer als die Angst vor ökonomischen Einbußen. In Brasilien konnte zunächst das zeitgleich ausgebrochene WM-Fieber die Sorge betäuben, zu der man hier allen Grund hat; schließlich drohen dem mit Abstand größten lateinamerikanischen Land zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent. Die Gründe stehen in einem separaten Dokument, das Brasilien in einem nur von China übertroffenen Ausmaß zur Zielscheibe der Behörde um den Außenhandelsbeauftragten Jamieson Greer macht. Besonders perfide, weil nicht ohne Evidenz, ist der Vorwurf illegaler Rodungen im Amazonas. Die Europäer nannten es «inakzeptabel», dass sich eine Regierung, die Menschenrechte missachtet, auf Menschenrechte beruft. (Der offizielle Wortlaut betonte natürlich die europäischen Qualitätsstandards beim Prüfen der Arbeitsbedingungen.) Wie nennt man es aber, wenn ein Präsident, der sein Kabinett mit Klimaleugnern besetzt, einem anderen Präsidenten, dessen Ministerin die Tochter von Kautschukzapfern ist, unterlassene Umweltpolitik attestiert? Weil «zynisch» die einfache Antwort wäre, vermutete das Newsportal Bloomberg gleich einen «woken Turn» in Trumps Zollpolitik. Ein witziger Gedanke, der sich aber nicht erhärten lässt. Denn wie bei den Themen Zwangsarbeit oder Korruption geht es auch im Amazonas niemals um ethische Fragen, sondern allein um Wettbewerbsvorteile. Auf den gerodeten Flächen, heißt es, werden Soja, Mais oder Rinder gezüchtet, das Holz auf dem Schwarzmarkt vertickt. Das schade den USA.
Im Wortlaut: «As Brazil has failed to enforce—and even at times rolled back—its environmental laws, deforestation has become systemic, reaching a 15-year high in 2021.» Das klingt nur objektiv, denn im Jahr 2021 war Jair Bolsonaro Brasiliens Präsident und der Bericht bezieht sich somit stillschweigend auf die verheerende Bilanz seiner Umweltpolitik. Seit 2023 verzeichnet Lulas Nachfolgeregierung einen stetigen Rückgang der Deforestierung um 50 Prozent und kann dies mit Satellitenbildern des Instituts für Weltraumforschung belegen. Als der Direktor dieses Instituts 2019 den rasanten Zuwachs zerstörter Waldflächen im Amazonas anprangerte, wurde er von Bolsonaro sofort entlassen. Schon zu seinem Amtsantritt ein Jahr zuvor hatte Bolsonaro die Aufsicht indigener Territorien an das Landwirtschaftsministerium übergeben. Ministerin wurde eine Lokalpolitikerin aus dem weißen und reicheren Süden, deren Wahlkampf von der Pestizid-Industrie finanziert war. Ein Rollback hatte es also tatsächlich gegeben, nur eben verantwortet von einem politischen Clan, der engste Kontakte zur MAGA-Bewegung pflegt.
Immerhin: Der krude Legalismus der Außenhandelsbehörde kann sich auf geltendes Recht berufen: Seit 1930 verbietet ein Gesetz in den Staaten Importe aus Zwangsarbeit, und erst kürzlich wurde ein US-Konzern wegen illegaler Holzgeschäfte zu einem Bußgeld in Millionenhöhe verurteilt.