Der Begriff «Frozen Conflict» wurde in den 1990ern prominent. Als das postsowjetische Russland den Einfluss über seine Nachbarschaft verlor, reagierte es mit zwei brutalen Tschetschenienkriegen, führte aber auch kleinere militärische Operationen in Transnistrien, Abchasien, Südossetien und später Bergkarabach durch. Die meisten dieser Kleinkriege wurden weder wirklich beendet, noch wurden sie jemals offiziell erklärt. Die russische Führung hielt es für sinnvoller, sie offenzuhalten, als sie zu gewinnen; «eingefrorener Konflikt» ist ein Euphemismus für diese kalkulierte Aggression. Es ist ein militärischer Zustand, in dem offenes Kämpfen zu kostspielig wäre. Nicht unbedingt, weil beide Seiten gleich stark sind oder eine Eskalation die gegenseitige Zerstörung bedeutete. Oft ist es für die stärkere Partei strategisch schlicht günstiger, einen permanenten Unfrieden aufrechtzuerhalten, während die schwächere Partei noch genügend Kraft aufbringt, um nicht zu kapitulieren.

Abgedruckt im Berlin Review Reader 6

Als unser Reader 6 Anfang März 2026 in Druck ging, hatten die USA und Israel gerade mehrere Tage lang den Iran bombardiert. Bei einem der ersten Schläge war Irans Oberster Führer Ali Chamenei getötet worden, ebenso ein Großteil der Militärelite. Regime Change, ein Ziel, das Benjamin Netanjahu seit Jahrzehnten verfolgt, stand plötzlich auch auf Trumps Agenda, jedenfalls sagte er das. Die Islamische Republik, die zu Jahresbeginn Tausende Protestierende im eigenen Land massakrierte, antwortete mit Attacken auf US-Militärbasen in einem guten Dutzend Ländern des Nahen Ostens sowie Raketen auf Tel Aviv und Jerusalem.

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Es mag ironisch erscheinen, vor dem Hintergrund dieses heißen Regionalkriegs zwischen den beiden stärksten Militärblöcken des Nahen Ostens, der neben seiner Zerstörungswirkung auf Zivilisten und Infrastruktur gerade dabei ist, eine weltweite Energiekrise auszulösen, über eingefrorene Konflikte nachzudenken. Doch selbst wenn er noch Wochen dauern sollte, ist es unwahrscheinlich, dass der illegale Luftkrieg der USA und Israels gegen die Islamische Republik das Regime stürzen oder das iranische Atomprogramm ein für alle Mal beenden wird. Nach zwei Jahren Bodenkrieg in Gaza hat Israel es nicht einmal geschafft, die Hamas zu zerstören. Wie die Drohungen oder scherzhaften Angebote, Grönland zu «kaufen», Venezuela zu «regieren», oder Kuba zu «übernehmen», wird Trumps Krieg im Iran eher zu einer Situation des permanenten Unfriedens führen, der es ihm ermöglicht, einen Sieg zu erklären, ohne eine Neuordnung zu etablieren. In diesem Sinne folgt er tatsächlich dem autoritären Vorbild Vladimir Putins, der die russische Einflusssphäre seit fast dreißig Jahren mit genau derselben Strategie verwaltet.

In seiner psychologischen Dimension ist «eingefrorener Konflikt» eine Fehlbezeichnung. Es handelt sich nicht um einen Zustand der Ruhe und Abkühlung, sondern um einen Zwang zur ständigen Wachsamkeit, um ein Zermürben der materiellen und geistigen Kräfte. Rechtlich gesehen beschreibt er eine Grauzone, die für autoritäre Herrscher wie gemacht ist: Es gibt keine Rechtsgrundlage und kein Abkommen; alles unterliegt ihrem Ermessen und ihrer informellen Macht. Wenn wir uns, wie Elad Lapidot in seinem Essay «Gaza as World War» beschreibt, tatsächlich im Vorhof des Dritten Weltkriegs befinden, dann liegt neben dessen heißen Frontlinien die permanente Realität des eingefrorenen Konflikts.

Dieses Magazin wird in Berlin gemacht, einer Stadt, die sich noch immer viel auf ihr liberales Selbstbild einbildet. Wer aus dem Ausland hierhergezogen ist, wird selbst in Berlin die deutsche Vorliebe für Gesetze, Regeln und Ordnung feststellen. Ein Rechtsstaat ist das, was viele Deutsche mit Demokratie verbinden, viel mehr als die amerikanische Formel einer «Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk». Das hat tiefe historische Gründe. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete die deutschen Länder mehr als jeden anderen Teil Europas. Als er endete, gab es keinen Staat, der Wohlstand begünstigen oder ein nationales Projekt leiten konnte. Stattdessen entstand im 17. Jahrhundert mit den Westfälischen Friedensverträgen eine dezentrale Ordnung souveräner und halb-souveräner Kleinstaaten, die Austausch und Koexistenz in gemeinsamen Regeln festlegte. In vielerlei Hinsicht stützte sich das Völkerrecht, das aus den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts hervorging, noch immer auf diese Prinzipien.

Im März 2026 versucht die Bundesregierung nun nicht einmal mehr, sich als Verteidigerin der «regelbasierten internationalen Ordnung» darzustellen. Diese Haltung war spätestens dann heuchlerisch geworden, als Deutschland sich mit seiner de-facto-Unterstützung der israelischen Zerstörung Gazas gegen die Rechtsauffassungen des IGH (vorläufige Maßnahmen zur Genozid-Prävention), des IStG (Haftbefehl gegen Netanjahu), des UN-Menschenrechtsrats (Israel begeht Genozid) und anderer internationaler Gremien stellte. Doch auch im Inland scheint Regierungsvertretern und Behörden zunehmend weniger an Grundrechten und einst gefassten Prinzipien zu liegen.

Wenn der Trumpismus, wie es oft heißt, eine groteske Ausgeburt der algorithmischen Culture Wars in den USA ist, dann hat dieser Kulturkrieg in der deutschen Hinwendung zum Soft Law der autoritären Staatsräson eine traurige Parallele. Dieser von X-Trollen, rechtsradikalen bis konservativen Leitartiklern und leider auch vielen Amtsträger:innen geführte Kulturkampf hat mehr Ähnlichkeiten mit amerikanischen Konflikten um Migration, Hochschulautonomie oder reproduktive Rechte, als viele liberale Deutsche es wahrhaben wollen. 420 offene Ermittlungsverfahren betrieb die Berliner Staatsanwaltschaft Ende 2025 nach eigenen Angaben gegen Palästina-Protestierende. Nur ein Bruchteil davon wird jemals zur Anklage kommen, was den Chilling Effect auf die Meinungsfreiheit keineswegs vermindert. In den USA wie hier sind es in letzter Instanz die Gerichte, die Grundrechte auf freie Meinungsäußerung und politische Versammlung sowie die Freiheit von Kunst und Wissenschaft verteidigen müssen.

Gleich mehrere Episoden dieses Kulturkampfs haben sich in den vergangenen Wochen um Berliner Kulturinstitutionen abgespielt. Am 23. Februar verkündete das Goethe-Institut im Exil – eine Einrichtung, mit der dieses Magazin, wie viele andere Kulturakteure in der Stadt, schon zusammengearbeitet hat – seine sofortige Schließung. Eine knappe Erklärung verwies auf «aktuelle politische Dynamiken», eine «akute Belastungssituation» und die «enge finanzielle Ausstattung». Regulär hätte das Institut Ende des Sommers schließen sollen; jetzt wurden Dutzende lang angekündigte und finanzierte Lesungen, Konzerte und Lesekreise sowie ein ganzes Festival, das diesen Sommer in Berlin stattfinden sollte, über Nacht gelöscht.

Das Goethe-Institut im Exil war 2022 in Reaktion auf den russischen Großangriff auf die Ukraine erfunden worden und arbeitete insbesondere mit exilierten Künstler:innen und Autor:innen aus Kriegsgebieten wie der Ukraine, dem Sudan oder Syrien zusammen. Die Auflösung erfolgte 48 Stunden vor einer Lesung, bei der erstmals auch drei palästinensische Autor:innen eine Bühne bekommen sollten. Eine der Eingeladenen, die Essayistin Alaa Alqaisi, hatte erst vor wenigen Monaten aus Gaza-Stadt fliehen können (ihr Berlin-Tagebuch lesen Sie gedruckt im Heft oder online in unserer No 18).

Der Hinweis auf «politische Dynamiken» deutet darauf hin, dass das Institut zwei Tage vor einer Gaza-Veranstaltung auf politischen Druck hin abgewickelt werden musste. Was genau geschah, darüber hüllten sich alle Verantwortlichen des Goethe-Instituts und des Auswärtigen Amtes, das das Goethe-Institut zu zwei Dritteln finanziert, in peinlich lautes Schweigen. Gegenüber dieser Geheimnistuerei sind Wolfram Weimers Versuche, die Berlinale nach einem fabrizierten Antisemitismusskandal auf Linie zu bringen oder den Verfassungsschutz als Jury aller Jurys für die öffentliche Kulturförderung zu etablieren, erfrischend transparent.

Es war immer eine Illusion, dass staatlich geförderte Kultur in Deutschland überhaupt nichts mit «Staatskultur» (und somit auch «Staatsräson») zu tun habe. Wenn die letzten Wochen etwas für sich haben, dann wenigstens dies: Die Konfliktlinien zwischen einem liberalen und einem autoritären Verständnis von Kulturpolitik liegen offen zutage. Der Kampf um eine Kunst- und Kulturszene, die sich nach regierungsfernen Kriterien mit selbst gesetzten Themen beschäftigen kann – auch, aber nicht nur, beim Thema Israel/Palästina –, ist zu einem Frozen Conflict geworden, in dem mit verdeckten, aber eben doch fast allen Mitteln gekämpft wird. Wenn man sich bei Kulturmanagern in dieser Stadt umhört, haben viele schlichtweg keine Lust mehr, unter diesen Bedingungen ihre Arbeit zu machen – von den Künstler:innen, um die es eigentlich gehen sollte, ganz zu schweigen. Ist das Korrektiv einer politisch freien Kultur aber erst einmal verschwunden, dann kann der Staat nur noch repressiver werden. Übrigens unter jeder künftig gewählten Regierung.

Unser Reader 6 wird von Ölgemälden illustriert, die die Realität eines Kulturraums abbilden, der vom Iran über die Levante und das gesamte Mittelmeer bis nach Europa reicht – inklusive seiner mythologisch aufgeladenen Geschichte und einer Gegenwart, die von Migration und Hybridisierung, Fast Fashion und Tradition geprägt ist. Gemalt hat diese Bilder, in verblüffender technischer Meisterschaft, der Künstler Rayan Yasmineh.

Yasmineh wurde 1996 in Paris als Sohn einer libanesischen Mutter und eines palästinensischen Vaters geboren. Vielleicht wünschten seine Eltern sich, er möge ein «Kind frei von allen unglücklichen Festschreibungen [sein], die es an eine ihm vorausgehende Genealogie, Region oder Geschichte binden», wie es in Louisa Yousfis die Bilder begleitenden Erzählung «Ein Vorname ist ein Talisman» heißt; vielleicht war ihnen aber auch bewusst, dass eine solche Ortlosigkeit und Unbeschriebenheit in dieser Welt erstens «ein Fehlschluss» und zweitens gar nicht wünschenswert ist, wie Yousfi weiter schreibt. Das Duo Yousfi-Yasmineh zeichnet andernorts für einen Roman verantwortlich – Näheres erklärt auf Seite 75 unseres Readers meine Kollegin Meret Weber. Uns haben die beiden so überzeugt, dass wir ihnen das Centerfold dieser Druckausgabe anvertraut haben.

Um diese bildliche Mitte reihen sich Essays und Reviews, die sich mehr oder weniger direkt an den Konflikten der Gegenwart abarbeiten. Wie verstiegen die Projektionen zwischen Orient und Okzident noch immer sind, zeigt Damon Taleghani in seinem Essay über den reaktionären Kern der iranischen Diaspora. Deborah Feldman schreibt über deutsch-jüdische Konversionen und ihre politische Instrumentalisation; Roman Widder hievt den sowjetischen «Meliorator» und überzeugten Antifaschisten Andrej Platonov zurück ins Gegenwartsbewusstsein. Verena Lueken zeigt Toni Morrison als launige, aber bestimmte Strategin für Schwarze Literatur in den USA; Nora Haddada beschreibt, wie viele ihrer Kolleg:innen den Glauben an Paris als Ort eines glücklichen Exils verloren.

Mit Safae el Khannoussis Oroppa bespricht Frank Keizer ein niederländisches Romandebüt, das Europa als jenes durchlässige und wandelbare Konstrukt entlarvt, das es für viele Menschen auf diesem Kontinent noch immer sein soll. Maxi Wallenhorst porträtiert den «Cuckold» als widersprüchlichen Genießer heterosexueller Kultur; Lianna Mark die beiden Protagonist:innen aus Vincenzo Latronicos Perfection als angepassteste Berliner:innen unserer Zeit. Lukas Haffert analysiert die Probleme von Gabriel Zucmans Billionaires’ Tax; Ryan Rubys Gedichte gönnen uns allen eine Runde «Nothing Doing» im Café Pasternak – und Diedrich Diederichsen nimmt uns mit in ein «Schisma» des deutschen Popjournalismus, das bis heute, man ahnt es, ein Frozen Conflict ganz eigener Art geblieben ist. Am Ende des Reader 6 schreiben Elad Lapidot und Alaa Alqaisi, wie bereits erwähnt, vom Weltkrieg um Gaza: der eine als israelischer Philosoph im Exil, die andere als Schriftstellerin, die mit dem Leben davongekommen ist.

— 23. März 2026

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Tobias Haberkorn ist Herausgeber und Gründungsredakteur der Berlin Review. [Mehr lesen]