In der Türkei war Tezer Özlü längst im Kanon. Nun ist sie mit zwei neuen Veröffentlichungen endlich auch in Deutschland zu entdecken. Die Manuskriptsuche liest sich wie das Exposé eines Detektivromans – und verrät viel über einseitig verbaute Chancen einer deutsch-türkischen Literaturgeschichte.
Zwei Tote im Urwald, Ängste, eine Schriftstellerin und ein Theatermacher auf der Jagd nach «hypnotischen» Bildern. In ihrem Roman Die Holländerinnen treibt Dorothee Elmiger ein fiebriges Spiel um die Kunst als Passion. Damit entkommt sie einer Erzählkrise – und löst gleich die nächste aus.
George Eliots letzter Roman Daniel Deronda von 1876 war ein protozionistisches Manifest. Die zu gründende jüdische Nation erscheint als biologistisch-spiritueller Gegenentwurf zum dekadenten, «perversen» Kosmopolitismus der Europäer – und als Muster für einen ethnisch reinen Nationalstaat.
«Die Freundschaft ist weder ein objektiver noch ein intersubjektiver Bereich, ja sie bildet überhaupt keinen Bereich, sondern ist die Entfaltung einer Vertrautheit ohne ein Außen. Freundschaft – wir werden darauf zurückkommen – existiert nicht für andere, dritte Parteien.»
Der eine ging von Osten über die Grenze, den anderen zog es noch weiter westwärts: Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann. Ihre wieder oder erstmals herausgegebenen Texte zeugen von Krämpfen und zudringlicher Verletzlichkeit. Und einer Vergangenheit, die zur Abwechslung mal wirklich vergangen ist.
Miljenko Jergovićs Sarajevo Marlboro-Erzählungen erschienen noch während der 1452-tägigen Belagerung der Stadt und halfen dabei, sie zum literarischen Erinnerungsort Europas zu machen. 30 Jahre später vermittelt ein Doppelgänger-Fortsetzungs-Band den Eindruck, es hätte sich kaum was geändert.
Vier Stunden dauere die Lektüre eines Buchs von Fleur Jaeggy, sagte Joseph Brodsky, aber um das Gelesene zu verarbeiten, brauche man ein Leben lang. Mit über achtzig erfährt die schweizerisch-italienische Autorin, deren Romane und Erzählungen von herber Strenge sind, eine verdiente Neuentdeckung.
Autobiografisches war ihm fast so zuwider wie Klerus und Bürgertum. Umso wertvoller sind Flauberts neben weiteren Skizzen lange verschollene Grabreden auf beste Freunde. Sie zeugen von seinem Hass auf die Ehe und einer Gegenutopie: Familien «im Geiste», die keine Kinder produzieren, sondern Werke.
Eins hat Kafka vielen Klassikern voraus: Er ist ein Meme, oder hat jedenfalls Memes produziert. Die Kafka-Serie von David Schalko und Daniel Kehlmann kann Die Verwandlung entsprechend als Schattenspiel-Gimmick inszenieren. Selbst der gelangweilte Germanist muss anerkennen: Das ist rundum gelungen.
Manche murren: García Márquez’ letzter, posthumer Roman über eine Frau, die Reisen ans Grab ihrer Mutter mit erotischen Abenteuern verbindet, wäre besser gar nicht erschienen. Doch weil Bücher Beziehungen sind und Vorlesen eine Art des Verabschiedens, ist unsere Autorin heilfroh, dass es anders kam.
Jan Assmann erforschte nicht nur Ursprungsmythen, er erzählte sie auch. Seine These vom Antisemitismus als Reaktion auf monotheistische Gewalt wurde selbst als antisemitisch kritisiert. Doch das war sie nicht, vielmehr zeigte sie das Judentum als Kern und Herausforderung der westlichen Zivilisation.