George Eliots letzter Roman Daniel Deronda von 1876 war ein protozionistisches Manifest. Die zu gründende jüdische Nation erscheint als biologistisch-spiritueller Gegenentwurf zum dekadenten, «perversen» Kosmopolitismus der Europäer – und als Muster für einen ethnisch reinen Nationalstaat.
Die Zerstörung Gazas wirft Juden in eine Identitätskrise. Bücher von Peter Beinart, Michael Sfard, Göran Rosenberg und Enzo Traverso legen Rechenschaft ab – und konfrontieren den Extremismus der Netanjahu-Koalition mit einer radikalen Alternative: den Tugend- und Weisheitslehren jüdischer Tradition.
Der Triumph der evangelikalen Kirchen in Brasilien war auch ein Mediencoup. Während katholische TV-Messen wie Schlossführungen in Pantoffeln wirkten, bekam man bei den Pfingstbewegungen das Heilige Feuer in HD, uferlose Versprechen und abgefahrene Stories, «alles beruhend auf wahrer Begebenheit».
Nach Jahrhunderten der Enttäuschung, scherzte Octavio Paz im Ernst, glaube man in Mexiko nur noch an die Lotería und die Jungfrau von Guadalupe. Anstatt weiterhin Worthülsen anzubeten, sollte die Kulturwissenschaft Phänomene wie ihre Verehrung als historisch-poetische Universalien erforschen.
Wenn Kunst kollektive Schmerzpunkte der Gegenwart berührt, aber keinen Aufschrei provoziert: Eine nüchterne Eloge an Yael Bartanas zeitdiagnostisches Meisterwerk Farewell in Venedig, das nach Aussage der Künstlerin «eine Art Endlösung» zeigt, aber nicht die von den Nazis imaginierte.
Umwelt, Klima, Frieden, alles geht dahin. Viele suchen deshalb Halt in neuen esoterischen Praktiken oder alten Erlösungsreligionen. Was sollen aber all jene tun, die das zu eskapistisch finden? Einen «säkularen Glauben» entwickeln, sagt Martin Hägglund in einem großen philosophischen Entwurf.
Das Schicksal der Hamas-Geiseln spaltet Israel. Netanyahu wird gedrängt, einen Befreiungsdeal zu schließen, doch gerade religiöse Zionisten lehnten dies monatelang ab. Die rabbinische Rechtsgeschichte zeigt, wie zentral die Geiselfrage für die jüdische und demokratische Identität des Landes ist.
Uns ist sie kaum bekannt, in Mexiko eine Ikone: Als dichtende Nonne und fanatische Rationalistin sprengte Sor Juana alle Erwartungen des 17. Jahrhunderts. Eine neue Übersetzung lädt ein, die Hochbegabte bei ihrem Höhenflug zum Scheitelpunkt der Vernunft zu beobachten. Wenigstens aus «der Ferne».
Jan Assmann erforschte nicht nur Ursprungsmythen, er erzählte sie auch. Seine These vom Antisemitismus als Reaktion auf monotheistische Gewalt wurde selbst als antisemitisch kritisiert. Doch das war sie nicht, vielmehr zeigte sie das Judentum als Kern und Herausforderung der westlichen Zivilisation.