Laut Propaganda und Staatsräson haben Palästinenser kein Land und keine Nation. Der Blick in Kulturwelt und Germanistik zeigt aber: Wir sind es, die für sie keine Sprache haben – erst recht nicht für jene, die hier leben, schreiben und künstlerisch arbeiten. Wie kann das sein? Und wie anders werden?
“Why shouldn’t we fill our bellies with all sorts of different foods instead of eating the same meal over and over again? We don’t want crumbs. It is our right to refuse. I’d rather go hungry than eat what I’m forced to. If I starve, let it be by choice: I am a survivor, not a victim.”
Vom Westen kaum bemerkt, zerrissen von religiösen, ethnischen und ökonomischen Konflikten, ist der Sudan seit Jahren eine der tödlichsten Regionen der Welt. Die systematische Gewalt gegen Frauen in diesem Krieg hat eine Vorgeschichte im Sklavenhandel – und in der Familienhistorie unserer Autorin.
Enzo Traversos Gaza im Auge der Geschichte beginnt mit dem Feuersturm von Hamburg 1943 und entfaltet von dort eine psychopolitische Analyse, die wie für deutsche Sensibilitäten geschrieben scheint: ein Angebot, noch einmal neu und anders über den 7.10., seine Vorgeschichte und Folgen nachzudenken.
Wenn der Berliner Bürgermeister die UN-Beauftragte Francesca Albanese cancelt und Scholz und Merz sich offen gegen die Verfahren internationaler Gerichte zu Israel stellen, wird klar: Nicht mehr die Sorge vor Antisemitismus motiviert die deutsche Staatsräson, sondern die Angst vor dem Völkerrecht.
Deutsche Außenpolitik will wertegeleitet sein und internationales Recht verteidigen, Geschäfte mit problematischen Regierungen hat man trotzdem oft und gerne gemacht. Sind die Waffenlieferungen an Israel während der Zerstörung Gazas ein besonders eklatanter Doppelstandard, oder business as usual?
Miljenko Jergovićs Sarajevo Marlboro-Erzählungen erschienen noch während der 1452-tägigen Belagerung der Stadt und halfen dabei, sie zum literarischen Erinnerungsort Europas zu machen. 30 Jahre später vermittelt ein Doppelgänger-Fortsetzungs-Band den Eindruck, es hätte sich kaum was geändert.
«Von Anfang an war der jugoslawische Krieg ein Krieg um Erinnerung. Bevor 1991 die ersten Schüsse fielen, gingen Geschichtsbilder und Zahlen aufeinander los, rissen das rote Sternenbanner in Stücke, deuteten neue Gräueltaten an, die aus den alten erwuchsen.»
Kamel Daoud, Gewinner des Prix Goncourt 2024, gilt in Frankreich als maßgebliche Stimme des intellektuellen Algerien und Experte für koloniale Vergangenheit, Islamismus und Einwanderung. Sein Roman Houris behandelt den algerischen Bürgerkrieg der 1990er – und lässt einige historische Lücken.
«Was für eine absolut niederschmetternde Situation: In all den Jahren, in denen ich mir diese Bücher nach und nach angeschafft hatte, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich einmal zwischen ihnen und Brot für meine Kinder würde wählen müssen.»
«Die ‹echte Gefahr› geht von Raketen aus, heißt es, und hier kommt die Zwei-Wände-Regel zum Tragen: Immer zwei Wände müssen es sein, die einen vom Einschlagsort trennen. Das erklärt, warum die Menschen in den Gängen auf Entwarnung warten. Für den Weg bis in den Bunker kommen die Raketen zu schnell.»
Mykolajiw wurde im März 2022 von russischen Truppen belagert und wird seither bombardiert. Die Verteidigung hielt, aber die Trinkwasserversorgung wurde zerstört – es fließt Salzwasser in den Leitungen. Wie es ist, wenn einer 500.000-Einwohnerstadt die Infrastruktur des täglichen Lebens wegbricht.
Wie man den Holocaust und andere Gräuel medial darstellen sollte, wurde in den 80ern und 90ern heftig diskutiert; heute durchzieht ein betäubender Bilderstrom das Internet. Eine kohärente Geschichte zu erzählen, vermag er nicht. Zwei Bücher von Lee Yaron und Amir Tibon über den 7.10. versuchen es.
Er könne sich die Welt ohne Israel nicht vorstellen, schrieb Paul Celan 1972 an Jehuda Amichai – und machte damit ein Phantasma namhaft, das den Nahostkonflikt bis heute bestimmt. Kurz nach der israelischen Beeper-Attacke im September traf sich eine Gruppe in Tel Aviv, um diesen Satz zu diskutieren.
Grosny, «Die Schreckliche», wurde 1818 als russische Garnison im Kaukasus gegründet. Von hier dominierte das Zarenreich, die UdSSR, schließlich Putin die Gebirgsregion. Tschetschenen, Georgier und Armenier haben ein taktisches Verhältnis zur Großmacht. Ein Modellfall von russischem Kolonialismus?
Deutsche Kolonialtruppen begingen im heutigen Namibia den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, doch noch immer fehlt Grundwissen zu diesem Verbrechen, das die Bundesregierung zögerlich anerkennt. Kein Wunder, dass Namibia über die deutsche Haltung zur Genozid-Klage gegen Israel empört ist.
Der Ukraine gehen die Soldaten aus, und die neuen Mobilisierungsgesetze bringen Hunderttausende in schreckliche Dilemmata. An einem höllischen Ort zwischen Nicht-siegen-und-nicht-verlieren-können wird das Land, und werden besonders seine Männer, im Abwehrkampf gegen Russland zerrieben.
Vor dem 7. Oktober veröffentlichten Edward Luttwak und Eitan Shamir ein Buch über die «Innovation» der Israelischen Streitkräfte. Die beiden Militärstrategen verschleiern, wie die IDF wirklich vorgehen, und welche taktischen und doktrinären Vorgaben zur beinahe vollständigen Zerstörung Gazas führen.
Mohamed Kordofani gehört zu einer Kohorte junger, autodidaktischer Filmemacher aus dem Sudan. Sein Goodbye Julia lief als erster sudanesischer Film in Cannes. Gender- und klassensensibel erzählt er von der rassistischen Hierarchie zwischen Nord- und Südsudan, die das Leben von Generationen prägt.
Krieg bedeutet Abnutzung: ungleich verteiltes Leiden und Hoffen; an der Front, in Städten unter Raketenbeschuss, im Exil und auf der Schwelle zur Rückkehr. Und über allem schwebt Angst, der Krieg könnte «zu einem rechtmäßigen Zustand» werden. Mit einer Fotostrecke und Hörfassung der Autorin.
Der Gaza-Krieg wird mit betäubender Gewalt und massiven palästinensischen Opferzahlen geführt. Eine über Jahrzehnte der Unterdrückung aufgebaute, zutiefst ungleiche Bewertung von Leben bildet die Genealogie der extremen Gewalt, die in Israel und Palästina seit dem 7. Oktober 2023 tobt.
Am 29. April 1987, anlässlich des 20. Jahrestags des Sechstagekriegs, veröffentlichte David Grossman, damals ein junger 33-jähriger Autor, eines der bedeutendsten Werke, die in Israel zur palästinensischen Frage erschienen sind: Die gelbe Zeit. Ein halbes Jahr später brach die Erste Intifada aus.
Prophetie mit oder ohne Puschkin. In Sergej Lebedews Erzählungen fault nicht nur das Gebälk der Lubjanka, auch die großen Fortschrittserzählungen Russlands verwesen und geben den Blick frei – auf Totengräber, Giftmischer, Geheimdienstler und noch weit seltsamere Gestalten.