«Ich verfluche das Land in den Krieg das schwöre ich bei den Explosionen ich lasse den Himmel tausendfach zerstückelt auf euch herabfallen» – ein Auszug aus Karosh Tahas neuem Roman Gulistan
George Eliots letzter Roman Daniel Deronda von 1876 war ein protozionistisches Manifest. Die zu gründende jüdische Nation erscheint als biologistisch-spiritueller Gegenentwurf zum dekadenten, «perversen» Kosmopolitismus der Europäer – und als Muster für einen ethnisch reinen Nationalstaat.
Jonas Hassen Khemiri’s latest novel follows three sisters from early adulthood into midlife, untangling the life of second-generation immigrants in Sweden. With six novels and countless awards, Khemiri is a darling of the international lit circuit—and a destabilizing force within his own narrative.
“It’s important to be honest with yourself, my shrink says at the end of one of our sessions—even if you don’t want to tell me everything. I make a weak joke—I’m Asian, I was brought up being judged. She doesn’t laugh, merely offers a tight smile before writing some notes.”
«Ich kannte ihn lange nur als Biografen von Jack Spicer, jenes enigmatischen Poeten, der einst über den Mond schrieb: ‹if it were spelled ‘mune’ it would not cause madness›. Aber Kevin Killian war mehr: ein legendärer Dichter und – der wahrscheinlich bedeutendste Amazonrezensent aller Zeiten.»
Laut Propaganda und Staatsräson haben Palästinenser kein Land und keine Nation. Der Blick in Kulturwelt und Germanistik zeigt aber: Wir sind es, die für sie keine Sprache haben – erst recht nicht für jene, die hier leben, schreiben und künstlerisch arbeiten. Wie kann das sein? Und wie anders werden?
Ali Al-Kurdis Der Schamaya-Palast erzählt fragmentarisch und über Jahrzehnte hinweg vom Leben in einer Flüchtlingsunterkunft im jüdischen Viertel von Damaskus. Die deutsche Übersetzung weist Mängel auf, die das politische Sprengpotenzial des Romans an Schlüsselmomenten entschärfen. — Teil 2 von 4.
Als Antonio Scuratis Roman Mussolini erschien, hatte Trump gerade sein Amt angetreten. Seitdem hat sich die Lage nur noch weiter verschlechtert – die heutigen Nachahmer Scuratis benutzen den Faschismus als eine Kulisse für Liebesgeschichten und Coming-of-Age-Romane.
Maos Kulturrevolution und Dengs Reformkurs, «historische Mission» und Beatles-Manie, Tiananmen und die langen Schatten der Produktion: Wang Xiaobos derb-philosophische Prosa ist ein Dachsbau chinesischer Zustände – und Kult trotz Zensur. Nun gibt es sein Goldenes Zeitalter endlich auf Deutsch.
In China ist Wang Xiaobos «Goldenes Zeitalter» seit 30 Jahren Indie-Kult; auch in der Kurzform exzelliert er mit bübischem Frevel. Von einem besonderen Schwein, das der Produktionskette entkam und zum Arbeitsstreik pfiff, als «schlechtes Element» denunziert wurde – und auch das überlebte.
In Mai Ishizawas The Place of Shells geschieht Paranormales, doch beim Lesen fragt man sich, ob es nicht unser normierter Blick ist, der aus der Zeit gefallen ist. Ein wundersam solitäres Romandebüt der in Deutschland lebenden Japanerin, in dem der sanfte Göttinger Sommer eine Hauptrolle spielt.
Millionenmal verkauft, bepreist und genetflixt: In Spanien gilt Fernando Aramburu als Koryphäe und prägt mit staatstragenden Thesen die Baskenland-Debatte. Sein neuer Roman ist wieder mehr Literatur und weniger Meinungsjournalismus – eine willkommene Abwechslung vom kolumnengetränkten Erfolgsrezept.
Sie ist die wohl größte Quelle von Missbrauch und Erniedrigung, und doch hat die Kernfamilie ihren Me-Too-Moment noch nicht erlebt. Sind Familien überall, auch in Norwegen, zur endlosen Wiederholung verdammt, wie Vigdis Hjorths neuer Roman und alle ihre markerschütternden Erzählungen nahelegen?
Mit siebzig Jahren hat Helene Bracht in Das Lieben danach eine kondensierte Bilanz jenes Lebens vorgelegt, das nach sexueller Gewalterfahrung im Kindesalter natürlich weitergehen muss. Ein Debüt, so reflexionsscharf und auch selbstkritisch, dass es die Literatur zu Missbrauch und Trauma überragt.
Seit Mesopotamia sind der Kitsch und sein Maler Odd Nerdrum zwei stille Trabanten im Werk Christian Krachts, im Schatten von Autofiktion, Zitaten und Pop. In Air sickert Nerdrums Weltmüdigkeit nun vom Cover ins eisige Herz der Erzählung. Ein Meistersang in Äolisch-Moll, und Auftakt zum Spätwerk.
Der Schwerkraft trotzen, alle Lasten abstreifen, floaten über den Trümmern des kaputten Jahrhunderts. Der Wunsch zu schweben rührt ans Existenzielle, im Leben wie im Denken – und auch in den neuen Büchern von Annett Gröschner und Joseph Vogl. Dumm nur, dass Physik und Geschichte anderes vorhaben.
«Die Freundschaft ist weder ein objektiver noch ein intersubjektiver Bereich, ja sie bildet überhaupt keinen Bereich, sondern ist die Entfaltung einer Vertrautheit ohne ein Außen. Freundschaft – wir werden darauf zurückkommen – existiert nicht für andere, dritte Parteien.»
Der eine ging von Osten über die Grenze, den anderen zog es noch weiter westwärts: Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann. Ihre wieder oder erstmals herausgegebenen Texte zeugen von Krämpfen und zudringlicher Verletzlichkeit. Und einer Vergangenheit, die zur Abwechslung mal wirklich vergangen ist.
Würde Victor Heringer noch leben, wäre er fünf Jahre älter als Enis Maci und fünf Jahre jünger als Leif Randt. Begegnet ein europäisches Publikum dem begnadeten Schriftsteller aus Rio also ähnlich wie dieser Generation? Oder stecken wir auch beim Lesen in geopolitischer Überheblichkeit fest?
Crônicas sind Zeitkapseln, die blitzschnell von Kritik in Karikatur und Erzählung umschalten. Für die Bewusstseinsbildung in Lateinamerika sind sie so wichtig wie Landreform oder testimonio; in Brasilien schrieb Victor Heringer von 2014 bis 2017 ein paar herausragende Exemplare. Eine Auswahl
Der Triumph der evangelikalen Kirchen in Brasilien war auch ein Mediencoup. Während katholische TV-Messen wie Schlossführungen in Pantoffeln wirkten, bekam man bei den Pfingstbewegungen das Heilige Feuer in HD, uferlose Versprechen und abgefahrene Stories, «alles beruhend auf wahrer Begebenheit».
Was nützt Maschinenstürmen gegen KI, und was das Erzählen, wenn ChatGPT schon die Ghost Writer ersetzt? Im Stop-and-Go von Reflexion, Ironie und Versenkung rüttelt Jonas Lüschers Roman Verzauberte Vorbestimmung so ehrgeizig wie kaum ein anderer an der Blackbox Gegenwart. Mit den richtigen Mitteln?
«Ich hasse das Telefon», schrieb John le Carré an seinen Verleger, und auch sonst verschickte er wie manisch Briefe: an Philip Roth, Gary Oldman oder Margaret Thatcher. Eine wuchtige Ausgabe zeigt ihn auf 700 Seiten als politisch Wankelmütigen, der am liebsten zwei Dinge tat: umgarnen und absagen.
Miljenko Jergovićs Sarajevo Marlboro-Erzählungen erschienen noch während der 1452-tägigen Belagerung der Stadt und halfen dabei, sie zum literarischen Erinnerungsort Europas zu machen. 30 Jahre später vermittelt ein Doppelgänger-Fortsetzungs-Band den Eindruck, es hätte sich kaum was geändert.
In den Ruinen der Sozialdemokratie klammern sich Berlin Gothic-Romane an die Versprechen aus Sexpositivity und günstigem Wohnraum. Auch Aria Abers Good Girl ist ständig im Berghain, findet jedoch in migrantischen Realitäten ein starkes Gegengewicht. Reicht das, um Berlin-Fantasien auszunüchtern?
Kamel Daoud, Gewinner des Prix Goncourt 2024, gilt in Frankreich als maßgebliche Stimme des intellektuellen Algerien und Experte für koloniale Vergangenheit, Islamismus und Einwanderung. Sein Roman Houris behandelt den algerischen Bürgerkrieg der 1990er – und lässt einige historische Lücken.
Neue Bücher von Enis Maci mit Pascal Richmann, von Philipp Simon und Bettina Balàka durchleuchten das toxische Verhältnis von Mensch und Natur. Die war immer auch menschengemacht, klar – neuere emergente Phänomene lassen aber zweifeln, ob Menschen wirklich die Masterintelligenzen des Planeten sind.
«Erlauben Sie mir noch diese Analogie: Anders als Charon, der die Seelen mit einem Boot über den Fluss Lethe ins Reich der Toten übersetzt, übersetzt oder bringt das Schreiben in umgekehrter Richtung die Seelen der Toten ins Reich der lebenden Lesenden zurück.»
Der Konsens ist gewaltig: Rachel Cusk und Sally Rooney sind nicht irgendwelche Autorinnen, sie haben Maßstäbe definiert, an denen man sie fortan misst. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eifrige Rezensenten am Sockel rütteln, auf den sie die beiden einst setzten.
J.D. Vance’ Stern ging vor acht Jahren als Buchautor auf: Seine Hillbilly-Elegie galt als Schlüsseltext über die Arbeiterklasse in Trumps Amerika. Einige politische Häutungen später ist er selbst Kandidat der hard right: Zeit für einen Besuch in Middletown, Ohio, Schauplatz seines Memoirs.
Over the last 50 years, seeking dead women has become a strangely popular topic of novels, biographies, and autofiction—with authors often as female, white and floundering as their objects of desire. But besides the mix of undiscovered talent and morbid glamor, what are they really looking for?
Vier Stunden dauere die Lektüre eines Buchs von Fleur Jaeggy, sagte Joseph Brodsky, aber um das Gelesene zu verarbeiten, brauche man ein Leben lang. Mit über achtzig erfährt die schweizerisch-italienische Autorin, deren Romane und Erzählungen von herber Strenge sind, eine verdiente Neuentdeckung.
Krieg, Vertreibung, Zwangsarbeit prägten Horst Bieneks frühen Jahre; später lebte er im Stil eines Kulturattachés im Speckmantel der BRD. 1.700 triefende Tagebuchseiten zeigen den oberschlesischen Autor als einen, der künstlerisch wenig zu geben wusste, aber stets davon ausging, man schulde ihm was.
Als in den 60ern in Jugoslawien die Winnetou-Filme gedreht wurden, kamen die Komparsen, die in Cowboy-und-Indianer-Drag aufeinander schossen, vom Balkan und der Vojvodina. Jahrzehnte später bekriegten sie sich in echt. In Die Projektoren macht Clemens Meyer daraus ein melancholisches Wende-Epos.
Kunstfilmer oder Autor, Gigworker oder Denker, Idealist oder Stratege – was war Harun Farocki? Seine Schriften in sieben Bänden und Nora Alters Forms of Intelligence zeigen ihn als autodidaktischen Trickster, für den das Spiel mit den Masken des Selbst formale und biografische Notwendigkeit war.
Romantik ist die Sehnsucht, das Unberührte zu berühren. Dissoziation, wenn alle Organe gleichzeitig zur Flucht ansetzen. Lisa Jeschkes Gedichte, Übersetzungen und Editionen treiben Boyhood und nationale Gefühle über die Grenzen, ohne gleich wieder in einem neuen Volkskörper Heimaturlaub zu nehmen.
Arabisch ist eine Weltsprache, gesprochen von rund 3 Millionen Menschen in Deutschland – doch arabischsprachige Literatur ist hier schwer zu vermitteln. Das liegt an fehlenden Sprachkenntnissen in Verlagen, in der Literaturkritik und -wissenschaft; und leider auch an einem fatalen Generalverdacht.
Recent novels by Jennifer Croft and Kate Briggs amp up the role of the literary translator precisely in a the moment when the machines take over. Is this a last hurrah of a heroic yet notoriously invisible profession – or does it betray an ignorance of what translators are actually doing?
«Greife in jeder unangenehmen Situation zu einem russischen Klassiker, dort ist alles noch schlimmer», lautet ein alter Witz. Inmitten von Repression und Propaganda lesen Russ:innen besonders zwei Arten von Literatur: Junge, weibliche Autofiktion, und alte Männer aus dem sowjetischen Underground.
Die zeitgenössische Art World inszeniert sich als klassenlose Gesellschaft. Von Cool Britannia bis Corona erzählt Hari Kunzru im dritten und letzten Teil seiner Kunstbetriebstrilogie den Ruin dieses Milieus, in dem jede soziale Situation von der Frage ihrer Vermarktbarkeit umklammert wird.
A generation of Europeans has come of age speaking English as a lingua franca or as a professional language. What does this do to national literatures? Three novels by Colin Barrett, Veronica Raimo and Leif Randt wield subtle strategies to subvert the Anglo-American linguistic dominance.
Leiser, als man vermuten konnte, hat Rainald Goetz sich von der Gegenwart entfernt. Die stützenden Männerzirkel, auf denen sein Genietum ruhte und deren Geheimwünsche er erfüllte, es gibt sie nicht mehr. Einige Passagen aus der Textsammlung wrong deuten an, dass darin auch eine Erlösung liegt.
Nach zwei wild experimentierenden lyrischen Werken jetzt ein Roman: Mit Hasenprosa buddelt sich Maren Kames als eine der gelenkigsten Stimmen in die Mitte der deutschen Gegenwartsliteratur. Wer sich von der Lektüre jedoch eine Hatz auf fixe Bedeutung erhofft, wird ohne Beute nach Hause gehen.
Autobiografisches war ihm fast so zuwider wie Klerus und Bürgertum. Umso wertvoller sind Flauberts neben weiteren Skizzen lange verschollene Grabreden auf beste Freunde. Sie zeugen von seinem Hass auf die Ehe und einer Gegenutopie: Familien «im Geiste», die keine Kinder produzieren, sondern Werke.
Kunst ist politisch, aber wie genau? Im Namen ihrer Generation lassen Isabella Hammad und Yara Rodrigues Fowler Hamlet in der Westbank und Marx gegen die Militärjunta antreten. Wie gelingen Erzählungen politischer Mobilisierung? Und wen mobilisiert eine solche Literatur?
Eins hat Kafka vielen Klassikern voraus: Er ist ein Meme, oder hat jedenfalls Memes produziert. Die Kafka-Serie von David Schalko und Daniel Kehlmann kann Die Verwandlung entsprechend als Schattenspiel-Gimmick inszenieren. Selbst der gelangweilte Germanist muss anerkennen: Das ist rundum gelungen.
Manche murren: García Márquez’ letzter, posthumer Roman über eine Frau, die Reisen ans Grab ihrer Mutter mit erotischen Abenteuern verbindet, wäre besser gar nicht erschienen. Doch weil Bücher Beziehungen sind und Vorlesen eine Art des Verabschiedens, ist unsere Autorin heilfroh, dass es anders kam.
The novel has been pillaged for a long while now. After a decade of memoirs and essays, it seemed that literary imagination had died at the hands of autofiction. With recent books by Hernan Diaz, Benjamin Labatut and Catherine Lacey, the novel strikes back – and starts stealing from nonfiction.
Elif Batumans Romane treiben ein virtuoses Spiel mit der Literaturgeschichte, und wie im echten Leben kommt es auf die Frage hinaus: Ist Schreibzeit verlorene Lebenszeit? Eine Zeit, in der das Leben erst zu sich kommt? Man muss sich entscheiden: Entweder lebt man viel, oder man schreibt viel. Oder?
«Da sitzen sie alle, allein zu Hause, und schreiben sich die Seele aus dem Leib, erfahren Mutterschaft als Verlust eines Ichs, das ihnen so lieb geworden ist» – Birthe Mühlhoff seziert die Flut der Neuerscheinungen über Mutterschaft; in harten, ehrlichen, aber doch zärtlichen Worten.
Han Kang spricht leise und schreibt leise Literatur. Aber gerade damit erreicht sie Themen von äußerster Brutalität. Katharina Borchardt ist ihr mehrmals begegnet und rekonstruiert eine einzigartige literarische Werkgenese: immer nah bei den Pflanzen, an den Grenzen der Sprache und doch politisch.
Einer Mutter wird das Sorgerecht aberkannt, weil sie jetzt Sex mit anderen Frauen hat. Constance Debré macht aus diesem Trauma Autofiktion. Die Skandalisierung des Buches durch Medien und Kritik zeugt von der tiefen Verankerung heteronormativer Überzeugungen auch in progressiven Kreisen.
Carlos Fonseca gilt als Wunderkind der lateinamerikanischen Literatur. Eine Künstlerin nach dem Sprachverlust, ein gewissenhafter Anthropologe, ein Literaturprofessor als Detektiv – in seinem dritten Roman Austral treibt er sein Spiel mit den Metaebenen auf die Spitze. Zu welchem Ende?
Die niederländische Literatur hat ein Problem, das auch die deutsche betrifft: Entweder die Leute lesen gar nicht mehr oder sie tun es auf Englisch. Was tun gegen die unerbittliche Amerikanisierung lokaler Kulturen? Eine aufmüpfige Lyrikszene aus den Niederlanden und Flandern legt Fluchtlinien aus.
Bist du Bürgerkind und fällst hin, dann hebt dich deine Familie auf. Bist du Arbeiterkind, dann bleibst du liegen. Fien Veldmans Roman Xerox zeigt, wie sich die Klassenverhältnisse auch in der scheinbar flachen Start-up-Welt reproduzieren, ja verschärfen.
Krieg bedeutet Abnutzung: ungleich verteiltes Leiden und Hoffen; an der Front, in Städten unter Raketenbeschuss, im Exil und auf der Schwelle zur Rückkehr. Und über allem schwebt Angst, der Krieg könnte «zu einem rechtmäßigen Zustand» werden. Mit einer Fotostrecke und Hörfassung der Autorin.
Die einzige Nachricht, die ich bis an ihr Ende schaffe, stammt von einer israelischen Nachrichtenseite. Sie ist auf den 4. Oktober 2023 datiert und berichtet von einer Schlange, die einen Igel in einem Stück verschlingen wollte. Der Igel spreizt seine Nadeln. Die Schlange stirbt und der Igel stirbt.
Die Welt ist längst untergegangen, und wir leben im Epilog. Diese Konsequenz aus dem Anthropozän verbaut New-Weird-Literatur in subtil apokalyptischen Szenarien. Auch Bruno Pellegrino erzählt das Weltende nicht als großen Crash, sondern leise, eindringlich und mit zart schimmernder Hoffnung.
Flauschige Cover, saftige Liebesgeschichten, Wohlgefühl durch Wiedererkennung. Romance-Romane stehen bei jungen Leser:innen, auf BookTok und in Bücherblogs hoch im Kurs. Doch sie sind nicht bloß heimelige Unterhaltung. Sie tragen bei zur schleichenden Verschiebung der Hierarchien des Geschmacks.
In den 70ern schrieb er Heldengeschichten fürs chinesische Militär. Dann wurden die Chimären der Kindheit und Ängste der Kameraden zum Stoff seiner sprachgewaltigen Literatur. In volksnahen, wüsten Bildern beschwört Yan Liankes neuester Roman eine Genealogie der Gewalt in China von Mao bis Xi.
Letters are not quite a thing of the past; as a literary device they’re perfectly alive to open some doors and keep others shut. In current works by Adam Thirlwell, Ridley Scott and Maïwenn, letters trigger different yet eerily similar gendered fantasies about who is entrusted to write them and why.
Jon Fosses Abgeschiedenheit ist Kult. Der Nobelpreisträger von 2023 zeigt sich, wenn er sich zeigt, mit Vorliebe in erhabener, schroffer, auch etwas öder Fjordlandschaft. Doch hinter dem Einsiedleridyll zieht ein betriebsames Fördernetzwerk manch einen Faden.
Prophetie mit oder ohne Puschkin. In Sergej Lebedews Erzählungen fault nicht nur das Gebälk der Lubjanka, auch die großen Fortschrittserzählungen Russlands verwesen und geben den Blick frei – auf Totengräber, Giftmischer, Geheimdienstler und noch weit seltsamere Gestalten.