Wer Antifaschist:innen mehr fürchtet als Faschist:innen, der verwechselt Demokratie mit der grenzenlosen Toleranz für ihre Gegner. Solange es kein Verbotsverfahren gegen die AfD gibt, ist ziviler Ungehorsam gegen sie eins der besten Mittel zur Verteidigung der bundesrepublikanischen Verfassung.
Jonas Hassen Khemiri’s latest novel follows three sisters from early adulthood into midlife, untangling the life of second-generation immigrants in Sweden. With six novels and countless awards, Khemiri is a darling of the international lit circuit—and a destabilizing force within his own narrative.
The main argument against a boycott of Israeli universities is that it harms the wrong people, hitting civil society and weakening opposition to Netanyahu. But this rests on false assumptions, philosophically and practically. Protests and acts of “speaking up” can be complicit in criminal politics.
Autoritär sind immer die anderen: im akademischen Bereich derzeit die Trump-Regierung, die die Freiheit von Forschung und Lehre untergräbt. Doch mit dieser Freiheit ist es auch in Deutschland nicht weit her. Was die viel zitierten Staatsräson-Ausladungen eint, ist eine Struktur autoritärer Affekte.
An der Besetzung der Alice-Salomon-Hochschule im Januar 2025 und ihrer Auflösung lässt sich zeigen, wie die deutsche Antisemitismusbekämpfung ins Autoritäre gekippt ist: Man weiß nicht mehr gut genug, was Antisemitismus eigentlich ist, wie man ihn wirksam bekämpfen könnte, und wer das tun soll.
Neither Trump’s nor Putin’s pet came out as president from the elections, but there is little doubt that one day Romania will follow its neighbors into the lure of mobster governance. Until then, investors, ideologues, and influencers are prepping up for one more round of selling out their country.
The Brazilian artist’s first retrospective in Germany invites visitors—or participants—to play with her famous 1960s Bichos. Enshrined in the Internationalist glass museum, Clark’s revolutionary gesture risks losing its local specificity to become all aesthetics and no political action.
Wie kann es sein, fragt Holocaust- und Genozidforscher Omer Bartov, dass Israel, Land der Opfer, 80 Jahre nach der Shoah nahezu unbehelligt einen Völkermord an den Palästinensern begeht? Seine Erkundung der moralischen Implosion führt zu apathischen Israelis – und in einen gedankenlosen Westen.
Als Antonio Scuratis Roman Mussolini erschien, hatte Trump gerade sein Amt angetreten. Seitdem hat sich die Lage nur noch weiter verschlechtert – die heutigen Nachahmer Scuratis benutzen den Faschismus als eine Kulisse für Liebesgeschichten und Coming-of-Age-Romane.
Burhan Qurbanis Kein Tier. So Wild. ist weder typisch deutsch-arabischer Gangster-Movie noch eine erbauliche Geschichte über weibliches Empowerment. Die Gewalt der Hauptfigur Rashida ist unversöhnlich und radikal – und passt gerade deshalb zum Stand der deutschen Einwanderungsgesellschaft 2025.
Um Restauration und Biedermeier zu stürzen, zettelten Brandstifter wie Heine, Stirner und Gutzkow einen Guerrillakrieg der Ideen an. Wie organisierten sie den Gedankenschmuggel? Und was konnten sie ausrichten gegen die preußische Ober-Censur und ihre Rotstift-Armee aus Pfarrern und Gymnasiallehrern?
In Mai Ishizawas The Place of Shells geschieht Paranormales, doch beim Lesen fragt man sich, ob es nicht unser normierter Blick ist, der aus der Zeit gefallen ist. Ein wundersam solitäres Romandebüt der in Deutschland lebenden Japanerin, in dem der sanfte Göttinger Sommer eine Hauptrolle spielt.
Auch die Deutschen seien am 8. Mai 1945 vom Nationalsozialismus befreit worden, behauptete Bundespräsident Weizsäcker vor vierzig Jahren. Die so eingeleitete Erinnerungskultur scheitert heute an der Realität. Eine Widerrede zu Ehren der «Displaced Persons» und aller, die ihrer Befreiung noch harren.
«Menschen, die Grenzen nicht verachteten, hätten keinen Pioniergeist, sagte Elon Musk. Dieser Satz wird mich nicht verlassen, nicht die Sätze werden mich verlassen.» Eine Erzählung über das Leben in Duldung, das Menschen zum Verharren an Orten zwingt, an denen sie nicht bleiben dürfen.
«Sonny, das Wiesel, hatte jedes Mal etwas anzubieten, einen Toaster in Originalverpackung, einen Satz Sportfelgen, einen schweren Kunstkatalog, der noch eingeschweißt war» — ein Ode an Berliner Glücksritter und Spielsüchtige, illustriert von der Fotoserie «Golden Age» aus unserem dritten Reader.
Nach der Pandemie sollte doch alles besser werden. Wenn die Erkrankten genauso schlimm dran sind wie zuvor und Care die prekärste Arbeit von allen bleibt, wird diese Misere dann jetzt wenigstens präziser dargestellt? Filme von Petra Volpe, Philipp Döring und die Serie KRANK zeigen: teils teils.
Millionenmal verkauft, bepreist und genetflixt: In Spanien gilt Fernando Aramburu als Koryphäe und prägt mit staatstragenden Thesen die Baskenland-Debatte. Sein neuer Roman ist wieder mehr Literatur und weniger Meinungsjournalismus – eine willkommene Abwechslung vom kolumnengetränkten Erfolgsrezept.
Kaum jemand betreibt anti-antisemitische Cancellings so virtuos wie der DIG-Vorsitzende und Twitter-Addict Volker Beck – zum Leidwesen auch vieler Juden. Becks Entschlossenheit und seine Historie als skandalerprobter Politprofi lassen für die Meinungsfreiheit in Deutschland nichts Gutes vermuten.
Kubitschek, Tellkamp, Buchhaus Loschwitz, rinse & repeat. Dass Dresden die Kapitale des deutschen Rechtsintellektualismus sei, ist ein sich selbst nährender Mythos. Der wichtigste Stichwortgeber dieser Szene war und ist der Ex-SDS-Vorsitzende und provokante Zeitschriftenmacher Frank Böckelmann.
Faster than expected, the fertility rate of humankind may have fallen below the so-called replacement rate. The most alarmist responses are raised by pro-natalist white men on the right, but research suggests that their very own technological agenda is driving the decline more than any other factor.
Sie ist die wohl größte Quelle von Missbrauch und Erniedrigung, und doch hat die Kernfamilie ihren Me-Too-Moment noch nicht erlebt. Sind Familien überall, auch in Norwegen, zur endlosen Wiederholung verdammt, wie Vigdis Hjorths neuer Roman und alle ihre markerschütternden Erzählungen nahelegen?
Der Schwerkraft trotzen, alle Lasten abstreifen, floaten über den Trümmern des kaputten Jahrhunderts. Der Wunsch zu schweben rührt ans Existenzielle, im Leben wie im Denken – und auch in den neuen Büchern von Annett Gröschner und Joseph Vogl. Dumm nur, dass Physik und Geschichte anderes vorhaben.
Ihre ersten Berlinaufenthalte führten unserer Autorin typische rassistischen Vorurteile gegen türkischstämmige Menschen vor Augen. Hier erzählt sie, wie sie zu ihrem Buch Stellvertreter der Schuld und zur Außensicht auf deutsche Erinnerungskultur kam, in der Muslimen eine präzise Rolle zukommmt.
Vor 100 Jahren amtierte in Thüringen die erste von völkischen Kräften tolerierte Landesregierung. Sie zwang das Bauhaus zum Umzug von Weimar ins noch SPD-regierte Dessau. Heute sind Kunsthochschulen wieder ein Ziel von Gängelung und Repression – und die gedankenlose politische Mitte macht mit.
Musk und Bannon, FDP und AfD widersprechen sich nur scheinbar – eigentlich brauchen Libertäre und Völkische einander. Die einen haben nur Methoden und keine Inhalte, die anderen nur Idealbilder und keinen Plan: Ihre Koalition ist inkohärent aber schlagkräftig, ihr Ziel Disruption und Gewalt.
Der eine ging von Osten über die Grenze, den anderen zog es noch weiter westwärts: Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann. Ihre wieder oder erstmals herausgegebenen Texte zeugen von Krämpfen und zudringlicher Verletzlichkeit. Und einer Vergangenheit, die zur Abwechslung mal wirklich vergangen ist.
Wenn der Berliner Bürgermeister die UN-Beauftragte Francesca Albanese cancelt und Scholz und Merz sich offen gegen die Verfahren internationaler Gerichte zu Israel stellen, wird klar: Nicht mehr die Sorge vor Antisemitismus motiviert die deutsche Staatsräson, sondern die Angst vor dem Völkerrecht.
Deutsche Außenpolitik will wertegeleitet sein und internationales Recht verteidigen, Geschäfte mit problematischen Regierungen hat man trotzdem oft und gerne gemacht. Sind die Waffenlieferungen an Israel während der Zerstörung Gazas ein besonders eklatanter Doppelstandard, oder business as usual?
Im «Charlottengrad» der 1920er lebten nicht nur Nabokov und Schklowski, sondern eine halbe Million exilierter Sowjetbürger. Roman Utkins gleichnamiges Buch zeigt diese Community in ihrer ganzen existentiellen Ambivalenz – und wirft ein schillerndes Gegenlicht auf Berlins heutige Exilanten.
Miljenko Jergovićs Sarajevo Marlboro-Erzählungen erschienen noch während der 1452-tägigen Belagerung der Stadt und halfen dabei, sie zum literarischen Erinnerungsort Europas zu machen. 30 Jahre später vermittelt ein Doppelgänger-Fortsetzungs-Band den Eindruck, es hätte sich kaum was geändert.
In den Ruinen der Sozialdemokratie klammern sich Berlin Gothic-Romane an die Versprechen aus Sexpositivity und günstigem Wohnraum. Auch Aria Abers Good Girl ist ständig im Berghain, findet jedoch in migrantischen Realitäten ein starkes Gegengewicht. Reicht das, um Berlin-Fantasien auszunüchtern?
«Von Anfang an war der jugoslawische Krieg ein Krieg um Erinnerung. Bevor 1991 die ersten Schüsse fielen, gingen Geschichtsbilder und Zahlen aufeinander los, rissen das rote Sternenbanner in Stücke, deuteten neue Gräueltaten an, die aus den alten erwuchsen.»
Wie mittelmäßig darf, soll, muss ein Universitätspräsident sein? Geht es nach dem Mann, der ausgerechnet einer Universität der Künste die Kunst austreiben will, nicht mittelmäßig genug. Ein Bericht und eine Meditation – über einen, der einschüchtert, weil er sich selber hat einschüchtern lassen.
Schon vor 1900 lieferte Mannesmann Pipelines nach Sibirien. Was für die BRD zu lukrativen Energieimporten führte, hat in Russland kolonialistische Auswirkungen bis heute. Matteo Sciannas Sonderzug nach Moskau erzählt die deutsch-russische Energiesymbiose, übersieht aber ihren kolonialen Aspekt.
«Erlauben Sie mir noch diese Analogie: Anders als Charon, der die Seelen mit einem Boot über den Fluss Lethe ins Reich der Toten übersetzt, übersetzt oder bringt das Schreiben in umgekehrter Richtung die Seelen der Toten ins Reich der lebenden Lesenden zurück.»
«Die ‹echte Gefahr› geht von Raketen aus, heißt es, und hier kommt die Zwei-Wände-Regel zum Tragen: Immer zwei Wände müssen es sein, die einen vom Einschlagsort trennen. Das erklärt, warum die Menschen in den Gängen auf Entwarnung warten. Für den Weg bis in den Bunker kommen die Raketen zu schnell.»
Mykolajiw wurde im März 2022 von russischen Truppen belagert und wird seither bombardiert. Die Verteidigung hielt, aber die Trinkwasserversorgung wurde zerstört – es fließt Salzwasser in den Leitungen. Wie es ist, wenn einer 500.000-Einwohnerstadt die Infrastruktur des täglichen Lebens wegbricht.
Vier Stunden dauere die Lektüre eines Buchs von Fleur Jaeggy, sagte Joseph Brodsky, aber um das Gelesene zu verarbeiten, brauche man ein Leben lang. Mit über achtzig erfährt die schweizerisch-italienische Autorin, deren Romane und Erzählungen von herber Strenge sind, eine verdiente Neuentdeckung.
Zur Berliner Spielzeiteröffnung trifft das Kraftakttheater der älteren Männer auf die Postdramatik einer jüngeren Generation, die sich weigert, das Rad der Gewalt immer weiter zu drehen. Das größere Drama spielt derweil fernab der Bühnen, wo das subventionierte Theater ums Überleben kämpft.
Krieg, Vertreibung, Zwangsarbeit prägten Horst Bieneks frühen Jahre; später lebte er im Stil eines Kulturattachés im Speckmantel der BRD. 1.700 triefende Tagebuchseiten zeigen den oberschlesischen Autor als einen, der künstlerisch wenig zu geben wusste, aber stets davon ausging, man schulde ihm was.
Wenn Kunst kollektive Schmerzpunkte der Gegenwart berührt, aber keinen Aufschrei provoziert: Eine nüchterne Eloge an Yael Bartanas zeitdiagnostisches Meisterwerk Farewell in Venedig, das nach Aussage der Künstlerin «eine Art Endlösung» zeigt, aber nicht die von den Nazis imaginierte.
Der Delors-Report bereitete 1985 das «Maastricht-Europa» mit EU-Binnenmarkt und Währungsunion vor. Mario Draghis Bericht für die EU-Kommission propagiert nun einen Paradigmenwechsel von der Wettbewerbsfähigkeit zur Produktivität. Der EU bleibt gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen.
Neue populistische Parteien wie das BSW lassen sich kaum noch in das Rechts/Links-Schema einordnen. Damit vollenden sie eine Bewegung, die für rechtspopulistische Parteien in Osteuropa in den 1990ern begann: Um sich gegen die liberale Ordnung zu stemmen, ist man je nach Lage mal rechts, mal links.
«Abschieben Abschieben Abschieben war das brutalste AfD-Plakat im Sommer 2024, Abschiebung schafft Wohnraum das perfideste und Corona Unrecht aufarbeiten dasjenige, das mich am meisten nachdenklich gemacht hat.» Unklar, was in Sachsen zuerst da war: die Unfreundlichkeit oder der Fremdenhass.
Als in den 60ern in Jugoslawien die Winnetou-Filme gedreht wurden, kamen die Komparsen, die in Cowboy-und-Indianer-Drag aufeinander schossen, vom Balkan und der Vojvodina. Jahrzehnte später bekriegten sie sich in echt. In Die Projektoren macht Clemens Meyer daraus ein melancholisches Wende-Epos.
Die Erforschung antisemitischer Einstellungen in Deutschland orientiert sich am Begriff des vom Vernichtungswillen angetriebenen «Erlösungsantisemitismus». Mangelhafte Empirie, ein Generalverdacht gegen Muslim:innen und eine Armada orientierungsloser Antisemitismusbeauftragter sind die Folge.
As dining out has turned into an extreme sport—with chefs as idolized celebrities and customers as eager to perform—food lovers with a sense for sustainability keep asking one question: Is there a way ahead for culinary excellence that does not equate good food with bad labour practices?
Wenn Polizisten in Kampfmontur Demonstration auflösen, sind sie der schmerzlich-konkrete Inbegriff von «Staatsgewalt». Wie widersetzt man sich solcher Gewalt, ändert vielleicht sogar ihre Prämissen? Nur wer die eigene Verletzlichkeit als Mittel einsetzt, kann der Gewaltlogik des Staates entkommen.
Grosny, «Die Schreckliche», wurde 1818 als russische Garnison im Kaukasus gegründet. Von hier dominierte das Zarenreich, die UdSSR, schließlich Putin die Gebirgsregion. Tschetschenen, Georgier und Armenier haben ein taktisches Verhältnis zur Großmacht. Ein Modellfall von russischem Kolonialismus?
Kunstfilmer oder Autor, Gigworker oder Denker, Idealist oder Stratege – was war Harun Farocki? Seine Schriften in sieben Bänden und Nora Alters Forms of Intelligence zeigen ihn als autodidaktischen Trickster, für den das Spiel mit den Masken des Selbst formale und biografische Notwendigkeit war.
Romantik ist die Sehnsucht, das Unberührte zu berühren. Dissoziation, wenn alle Organe gleichzeitig zur Flucht ansetzen. Lisa Jeschkes Gedichte, Übersetzungen und Editionen treiben Boyhood und nationale Gefühle über die Grenzen, ohne gleich wieder in einem neuen Volkskörper Heimaturlaub zu nehmen.
Links, antinational und pro Israel war die Formel der Antideutschen, die 1989/90 als linksradikale Subkultur entstanden. Manche von ihnen drifteten weit nach rechts, andere machten Karriere in Medien und Politik. Den deutschen Diskurs über Israel, Palästina und Antisemitismus prägen sie bis heute.
«On Holy Saturday, the sun closes early, leaving a phantom of warmth for tourists and visitors. The gray light, on this doorway of a day, between death and living again, turns us into some species of ghost, wandering in pairs or groups of beloveds through the Sanssouci Park in Potsdam.»
Schweden, einst «moralische Supermacht» und Wohlfahrtshimmel, ist heute Pro-Kopf-Weltmeister im Export von Waffen, Musik und – Krimis. Was hat das mit der so gar nicht fiktiven Erschießung des Premiers Olof Palme zu tun, und was mit der explodierenden Bandenkriminalität? Die Ermittlungen laufen.
Dozierende zeigen kaum Solidarität mit Studierenden, deren Protestcamps von Hochschulleitungen und Polizei brutal geräumt werden. Dabei brauchen wir die zeltlagernden Studierenden, denn sie nutzen ihre Rechte, um auf Völkerrechtsbrüche hinzuweisen und basisdemokratische Lösungsansätze zu entwickeln.
Unter Adenauer und Ben-Gurion nahm die deutsch-israelische Versöhnung an Fahrt auf. Gehandelt wurde dabei aus Kalkül, nicht aus Vergebungseifer und Reue. Somit beruht die Entstehungsgeschichte unserer Staatsräson auf einem einfachen Tauschhandel: Absolution für Deutschland, Aufbauhilfe für Israel.
Deutsche Kolonialtruppen begingen im heutigen Namibia den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, doch noch immer fehlt Grundwissen zu diesem Verbrechen, das die Bundesregierung zögerlich anerkennt. Kein Wunder, dass Namibia über die deutsche Haltung zur Genozid-Klage gegen Israel empört ist.
Der Ukraine gehen die Soldaten aus, und die neuen Mobilisierungsgesetze bringen Hunderttausende in schreckliche Dilemmata. An einem höllischen Ort zwischen Nicht-siegen-und-nicht-verlieren-können wird das Land, und werden besonders seine Männer, im Abwehrkampf gegen Russland zerrieben.
Leiser, als man vermuten konnte, hat Rainald Goetz sich von der Gegenwart entfernt. Die stützenden Männerzirkel, auf denen sein Genietum ruhte und deren Geheimwünsche er erfüllte, es gibt sie nicht mehr. Einige Passagen aus der Textsammlung wrong deuten an, dass darin auch eine Erlösung liegt.
«Der Palast der Republik ist Gegenwart», behauptet eine Ausstellung im Berliner Stadtschloss. Das ist selbstredend Quatsch, denn er wurde vom nationalkonservativen Schlossneubau verdrängt. Das «Forum für Vielstimmigkeit», das das Humboldt-Forum seither sein möchte, ist eines für Geschichtsklitterei.
Autobiografisches war ihm fast so zuwider wie Klerus und Bürgertum. Umso wertvoller sind Flauberts neben weiteren Skizzen lange verschollene Grabreden auf beste Freunde. Sie zeugen von seinem Hass auf die Ehe und einer Gegenutopie: Familien «im Geiste», die keine Kinder produzieren, sondern Werke.
Die Schuldenbremse lässt Investitionen immerzu gegen laufende Ausgaben antreten. In der Regel verliert dabei die Zukunft, denn sie hat keine organisierte Lobby. Transformationspolitik lässt sich so nicht machen. Was aus der Forschung bekannt ist, perlt am deutschen Haushaltsdogmatismus einfach ab.
«Eine Karriere als süchtiges Sex-Symbol nimmt gezwungenermaßen ein Ende. Als Schriftstellerin kann ich so langlebig sein, wie die Wissenschaft es erlaubt» – die Figuren in Almodóvars Erzählungen plaudern aus, warum der Regisseur immer auch schrieb: über Verlust, Einsamkeit, und natürlich die Mutter.
Berlin sagt gerne von sich, eine Stadt der Emigranten, Einwanderer und Expats zu sein. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass gewisse Fremdheitserfahrungen nicht wegzuintegrieren sind. Wer im Exil lebt, folgt anderen Raum- und Zeitordnungen als die Alteingesessenen – und das ist auch gut so.
Mit der polizeilichen Auflösung des Berliner Palästina-Kongresses am 14. April 2024 opfert der Staat die Rechtsstaatlichkeit zugunsten der Repression eines vermeintlichen Antisemitismus. Das kann nicht gut gehen.
Eins hat Kafka vielen Klassikern voraus: Er ist ein Meme, oder hat jedenfalls Memes produziert. Die Kafka-Serie von David Schalko und Daniel Kehlmann kann Die Verwandlung entsprechend als Schattenspiel-Gimmick inszenieren. Selbst der gelangweilte Germanist muss anerkennen: Das ist rundum gelungen.
Ein Deutscher ist jemand, der nicht lügen kann, ohne selbst an seine Lüge zu glauben. Sandra Hüller hat aus diesem Aphorismus eine Kunstform gemacht: In The Zone of Interest und Anatomie eines Falls blenden ihre Figuren die Wirklichkeit derart authentisch aus, dass man ihnen glauben muss – oder?
Die Fiktion einer «Stunde Null» ließ viele Deutsche nach 1945 an ihre Besserung glauben. Frank Trentmanns Gewissensgeschichte zeigt jedoch, wie sehr das moralische Empfinden der Nachkriegsdeutschen dem der Nazideutschen entsprach – mitsamt einer Mitleidslosigkeit, die noch heutige Debatten prägt.
Einer Mutter wird das Sorgerecht aberkannt, weil sie jetzt Sex mit anderen Frauen hat. Constance Debré macht aus diesem Trauma Autofiktion. Die Skandalisierung des Buches durch Medien und Kritik zeugt von der tiefen Verankerung heteronormativer Überzeugungen auch in progressiven Kreisen.
Germany takes pride in its memory culture. But its often self-congratulatory remembrance rituals have many blind spots. One of them is the network of international solidarity that the GDR was part of. Echos of the Brother Countries, an exhibition at HKW Berlin, allows for a closer look.
Die niederländische Literatur hat ein Problem, das auch die deutsche betrifft: Entweder die Leute lesen gar nicht mehr oder sie tun es auf Englisch. Was tun gegen die unerbittliche Amerikanisierung lokaler Kulturen? Eine aufmüpfige Lyrikszene aus den Niederlanden und Flandern legt Fluchtlinien aus.
Wer den TikTok-Algorithmus ein paar Stunden lang auf AfD-Content abrichtet, bekommt prompt nach einem Höcke-Interview ein Rommel-Meme zu sehen. Hat die AfD TikTok entdeckt, oder TikTok die AfD?
Krieg bedeutet Abnutzung: ungleich verteiltes Leiden und Hoffen; an der Front, in Städten unter Raketenbeschuss, im Exil und auf der Schwelle zur Rückkehr. Und über allem schwebt Angst, der Krieg könnte «zu einem rechtmäßigen Zustand» werden. Mit einer Fotostrecke und Hörfassung der Autorin.
Die einzige Nachricht, die ich bis an ihr Ende schaffe, stammt von einer israelischen Nachrichtenseite. Sie ist auf den 4. Oktober 2023 datiert und berichtet von einer Schlange, die einen Igel in einem Stück verschlingen wollte. Der Igel spreizt seine Nadeln. Die Schlange stirbt und der Igel stirbt.
Die Welt ist längst untergegangen, und wir leben im Epilog. Diese Konsequenz aus dem Anthropozän verbaut New-Weird-Literatur in subtil apokalyptischen Szenarien. Auch Bruno Pellegrino erzählt das Weltende nicht als großen Crash, sondern leise, eindringlich und mit zart schimmernder Hoffnung.
Die liberale Nachkriegsordnung fußte auf einer Vermittlung des Singulären und Universellen. Im «Nie wieder», das Israel und die BRD sich je zu eigen machten, wurde sie kontraktualisiert. Nirgends ist ihr Ende nun prägnanter zu spüren als in Deutschland, das seit dem 7.10. mit seiner Identität ringt.
Die größte palästinensische Diaspora Europas lebt in Deutschland. Im politischen Diskurs kommt sie kaum vor, und das hat nicht nur tagespolitische Gründe. Der ganze Widerwille Westdeutschlands, zum Einwanderungsland zu werden, ließe sich anhand der Geistergeschichte seiner Palästinenser erzählen.
Jon Fosses Abgeschiedenheit ist Kult. Der Nobelpreisträger von 2023 zeigt sich, wenn er sich zeigt, mit Vorliebe in erhabener, schroffer, auch etwas öder Fjordlandschaft. Doch hinter dem Einsiedleridyll zieht ein betriebsames Fördernetzwerk manch einen Faden.
Prophetie mit oder ohne Puschkin. In Sergej Lebedews Erzählungen fault nicht nur das Gebälk der Lubjanka, auch die großen Fortschrittserzählungen Russlands verwesen und geben den Blick frei – auf Totengräber, Giftmischer, Geheimdienstler und noch weit seltsamere Gestalten.